ftd.de, Mo, 24.9.2001, 7:00
Geldanlage: Gefährliche Rüstungstitel
Von Horst Fugger
Wer jetzt Öl- oder Rüstungstitel meidet, entgeht nicht nur einem möglichen Gewissenskonflikt, sondern tut sich auf längere Sicht auch finanziell einen Gefallen.
Wer in diesen Tagen über Aktienengagements und Depotmanagement schreibt, wandelt auf einem schmalen Grat. Angesichts der angespannten weltpolitischen Lage hat zum Beispiel der Kauf von Aktien aus der Rüstungsindustrie eine andere moralische Dimension als noch vor zwei Wochen. Daher ist es auch weniger eine finanzielle als eine Gewissensfrage, ob man jetzt Titel kaufen soll oder darf, die von einer Eskalation des Konflikts profitieren würden. Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.
Im Rahmen eines vernünftigen Depotmanagements stellt sich dieses Problem aber ohnehin nicht. Objektiv betrachtet dürfte der Kursrutsch nach den fürchterlichen Ereignissen am 11. September der Höhe- und Endpunkt der seit März 2000 andauernden Baisse gewesen sein. Vernünftigerweise sollte man also jetzt eben nicht solche Titel kaufen, von denen man sich einen kurzfristigen Gewinn verspricht. Gerade in solchen Situationen hat es sich schon immer ausgezahlt, zwei, drei Jahre nach vorn zu blicken. Die Kursverluste waren derart hoch, und die Baisse hat sich auf so viele Branchen ausgewirkt, dass man heute zahlreiche Aktien von allererster Qualität sehr preiswert erwerben kann.
Jetzt das Aktiendepot aufstocken
Am Ende einer langen Baisse kommt es oft zu einer finalen Verkaufspanik, die durch ein externes Ereignis ausgelöst wird. Das kann eine Zinserhöhung sein, ein überraschendes Wahlergebnis oder eine Naturkatastrophe. Diesmal war es ein Terroranschlag von nie dagewesener Brutalität, der die Welt für immer verändert hat. An den Börsen ist das Ergebnis aber unabhängig von der Art des auslösenden Ereignisses: Die Anleger lassen sämtliche Regeln vernünftiger Aktienbewertung außer Acht und werfen selbst ihre besten Aktien um fast jeden Preis auf den Markt.
Diese Panik ist das diametrale Gegenteil der allgemeinen Gier auf dem Höhepunkt der Hausse. An diese Gier können wir uns alle noch gut erinnern. Und ebenso, wie es richtig war, in einer solchen Phase extrem irrationalen Börsengeschehens zu verkaufen, so ist es jetzt richtig, Aktienbestände aufzustocken. Die niedrigsten Preise erzielt man im Schlussverkauf; das ist an der Börse nicht anders als im Kaufhaus.
Es gibt also keinen Grund, in der jetzigen Börsensituation andere Auswahlkriterien anzuwenden als sonst oder von einer bewährten Strategie abzuweichen. Man sollte grundsätzlich nur Aktien kaufen, deren aktuelle Bewertung erheblichen Kursspielraum nach oben eröffnet. In zahlreichen Branchen und in vielen Ländern gibt es nun allerdings Kaufchancen bei Blue Chips, die noch vor ein paar Wochen auch nach den erheblichen Kursverlusten seit März 2000 noch immer recht teuer erschienen.
Der jüngste Ausverkauf hat viele Standardwerte von höchstem internationalem Ansehen in Kursregionen fallen lassen, die auf lange Sicht nicht haltbar sein werden. So billig wird es diese Titel nicht lange geben. Natürlich muss man bei der Auswahl vielversprechender Aktien zwei Dinge beachten: Es kommen nur Titel von bester Qualität in Frage, und man sollte es sich verkneifen, selbst bei solchen Aktien nach ehemaligen Höchstkursen zu schielen. Es wird viele Jahre dauern, bis ein solches Kursniveau wieder erreicht werden kann. Dann aber dürften derart hohe Notierungen weniger auf Fantasie als auf Tatsachen beruhen.
Große Auswahl sehr billiger Aktien
Die positive Seite des Kursdesasters: Es gibt jetzt so viele wirklich preiswerte Aktien, dass man kaum weiß, wo man anfangen soll. Und bei allen diesen Titeln werden in den Medien nur noch die Risiken herausgestellt. Es handelt sich dabei natürlich um dieselben Medien, die exakt die gleichen Aktien wesentlich positiver bewertet haben, als sie ein Mehrfaches der aktuellen Kurse kosteten. Das hat Tradition, und ein vorausschauender Anleger soll und darf sich von kurzfristigen Tendenzen und Stimmungen nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Beginnen wir mit dem wohl bezeichnendsten Beispiel des Jahres: Der angekündigte Zusammenschluss zwischen den amerikanischen Computerriesen Hewlett-Packard und Compaq ist bei Analysten und in der Finanzpresse auf ein derart negatives Echo gestoßen, dass es selbst dem Unerfahrensten auffallen musste. Hochzeit zwischen Not und Elend, das war in etwa die Quintessenz der Kommentare. Vor anderthalb Jahren, als beide Aktien beim Vierfachen der heutigen Notierungen standen, wäre dieser Zusammenschluss noch enthusiastisch gefeiert worden.
Als Gegenbeispiel mag die Fusion zwischen Daimler-Benz und der Chrysler Corporation vor einigen Jahren dienen, die unisono als Traumhochzeit galt. Inzwischen ist man klüger. Wenn alle Analysten und Kommentatoren einer Meinung sind, ist immer etwas faul, und man sollte die gegenteilige Position einnehmen. Trotz aller unzweifelhaft vorhandener Probleme beider Unternehmen dürften vorausschauende Anleger daher keinen Fehler machen, wenn sie sich heute Aktien von Hewlett-Packard oder von Compaq zu Ausverkaufskursen ins Depot legen. Schließlich handelt es sich hier nicht um irgendwelche Neuer-Markt-"Buden", sondern um Unternehmen von Weltgeltung.
Banken-Titel zu Schleuderpreisen
Hewlett-Packard gehört zum illustren Kreis der 30 Dow-Jones-Werte. In diesem exklusiven Club gibt es noch einige andere Titel, die man sich genau ansehen sollte. Da ist zum Beispiel Eastman Kodak, Weltmarktführer im Bereich fotografischer Materialien und derzeit so billig wie seit Jahren nicht mehr. Der besondere Kick: Wenn der Dollar gegenüber dem japanischen Yen tatsächlich nachgeben sollte, so bringt dies für Eastman Kodak einen warmen Regen, für den Hauptkonkurrenten Fuji Photo aus Japan dagegen ein nicht zu unterschätzendes Problem.
Man muss aber nicht unbedingt über den Atlantik blicken, um vielversprechende Anlagechancen im Blue-Chip-Bereich zu finden. So ist zum Beispiel die europäische Finanzbranche in den vergangenen Monaten über Gebühr unter Druck geraten. Alle erdenklichen Risiken wurden eingepreist, und an die langfristigen Wachstumsaussichten dachte und denkt auch jetzt offenbar niemand mehr. Die niederländischen Finanzriesen ABN Amro und ING, aber auch Titel wie die Deutsche Bank oder die HypoVereinsbank - allesamt im europäischen Blue-Chip-Index EuroStoxx 50 vertreten - sind derzeit zu Schleuderpreisen zu haben. Ein wenig Mut, gegen den Konsens zu kaufen, wird sich hier auszahlen.
Oder nehmen wir Preussag: Lange Zeit für die gelungene Wandlung vom Repräsentanten der Schwerindustrie zum hochmodernen Touristikunternehmen hoch gelobt, will die Aktie nun niemand mehr haben, weil in den kommenden Wochen Buchungsstornierungen zu erwarten sind. Denkt irgendjemand ernsthaft, dass dieses Problem von Dauer ist und der Tourismus keine Wachstumsbranche mehr darstellt?
Gute Aussichten für Siemens
Ganz zu schweigen von Siemens. Wer ein wenig Zeit hat, nehme die Analystenkommentare vom Sommer 2000 zur Hand, als die Aktie drei- bis viermal so viel kostete wie heute, und denke darüber nach, ob die langfristigen Perspektiven einen solchen Abschlag rechtfertigen.
Man könnte noch zahlreiche Beispiele nennen, aber wichtig ist wohl Folgendes: Für Langfristanleger ist Kaufzeit. Und wer jetzt Öl- oder Rüstungstitel meidet, entgeht nicht nur einem möglichen Gewissenskonflikt, sondern er tut sich auf längere Sicht auch finanziell einen Gefallen.
Geldanlage: Gefährliche Rüstungstitel
Von Horst Fugger
Wer jetzt Öl- oder Rüstungstitel meidet, entgeht nicht nur einem möglichen Gewissenskonflikt, sondern tut sich auf längere Sicht auch finanziell einen Gefallen.
Wer in diesen Tagen über Aktienengagements und Depotmanagement schreibt, wandelt auf einem schmalen Grat. Angesichts der angespannten weltpolitischen Lage hat zum Beispiel der Kauf von Aktien aus der Rüstungsindustrie eine andere moralische Dimension als noch vor zwei Wochen. Daher ist es auch weniger eine finanzielle als eine Gewissensfrage, ob man jetzt Titel kaufen soll oder darf, die von einer Eskalation des Konflikts profitieren würden. Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.
Im Rahmen eines vernünftigen Depotmanagements stellt sich dieses Problem aber ohnehin nicht. Objektiv betrachtet dürfte der Kursrutsch nach den fürchterlichen Ereignissen am 11. September der Höhe- und Endpunkt der seit März 2000 andauernden Baisse gewesen sein. Vernünftigerweise sollte man also jetzt eben nicht solche Titel kaufen, von denen man sich einen kurzfristigen Gewinn verspricht. Gerade in solchen Situationen hat es sich schon immer ausgezahlt, zwei, drei Jahre nach vorn zu blicken. Die Kursverluste waren derart hoch, und die Baisse hat sich auf so viele Branchen ausgewirkt, dass man heute zahlreiche Aktien von allererster Qualität sehr preiswert erwerben kann.
Jetzt das Aktiendepot aufstocken
Am Ende einer langen Baisse kommt es oft zu einer finalen Verkaufspanik, die durch ein externes Ereignis ausgelöst wird. Das kann eine Zinserhöhung sein, ein überraschendes Wahlergebnis oder eine Naturkatastrophe. Diesmal war es ein Terroranschlag von nie dagewesener Brutalität, der die Welt für immer verändert hat. An den Börsen ist das Ergebnis aber unabhängig von der Art des auslösenden Ereignisses: Die Anleger lassen sämtliche Regeln vernünftiger Aktienbewertung außer Acht und werfen selbst ihre besten Aktien um fast jeden Preis auf den Markt.
Diese Panik ist das diametrale Gegenteil der allgemeinen Gier auf dem Höhepunkt der Hausse. An diese Gier können wir uns alle noch gut erinnern. Und ebenso, wie es richtig war, in einer solchen Phase extrem irrationalen Börsengeschehens zu verkaufen, so ist es jetzt richtig, Aktienbestände aufzustocken. Die niedrigsten Preise erzielt man im Schlussverkauf; das ist an der Börse nicht anders als im Kaufhaus.
Es gibt also keinen Grund, in der jetzigen Börsensituation andere Auswahlkriterien anzuwenden als sonst oder von einer bewährten Strategie abzuweichen. Man sollte grundsätzlich nur Aktien kaufen, deren aktuelle Bewertung erheblichen Kursspielraum nach oben eröffnet. In zahlreichen Branchen und in vielen Ländern gibt es nun allerdings Kaufchancen bei Blue Chips, die noch vor ein paar Wochen auch nach den erheblichen Kursverlusten seit März 2000 noch immer recht teuer erschienen.
Der jüngste Ausverkauf hat viele Standardwerte von höchstem internationalem Ansehen in Kursregionen fallen lassen, die auf lange Sicht nicht haltbar sein werden. So billig wird es diese Titel nicht lange geben. Natürlich muss man bei der Auswahl vielversprechender Aktien zwei Dinge beachten: Es kommen nur Titel von bester Qualität in Frage, und man sollte es sich verkneifen, selbst bei solchen Aktien nach ehemaligen Höchstkursen zu schielen. Es wird viele Jahre dauern, bis ein solches Kursniveau wieder erreicht werden kann. Dann aber dürften derart hohe Notierungen weniger auf Fantasie als auf Tatsachen beruhen.
Große Auswahl sehr billiger Aktien
Die positive Seite des Kursdesasters: Es gibt jetzt so viele wirklich preiswerte Aktien, dass man kaum weiß, wo man anfangen soll. Und bei allen diesen Titeln werden in den Medien nur noch die Risiken herausgestellt. Es handelt sich dabei natürlich um dieselben Medien, die exakt die gleichen Aktien wesentlich positiver bewertet haben, als sie ein Mehrfaches der aktuellen Kurse kosteten. Das hat Tradition, und ein vorausschauender Anleger soll und darf sich von kurzfristigen Tendenzen und Stimmungen nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Beginnen wir mit dem wohl bezeichnendsten Beispiel des Jahres: Der angekündigte Zusammenschluss zwischen den amerikanischen Computerriesen Hewlett-Packard und Compaq ist bei Analysten und in der Finanzpresse auf ein derart negatives Echo gestoßen, dass es selbst dem Unerfahrensten auffallen musste. Hochzeit zwischen Not und Elend, das war in etwa die Quintessenz der Kommentare. Vor anderthalb Jahren, als beide Aktien beim Vierfachen der heutigen Notierungen standen, wäre dieser Zusammenschluss noch enthusiastisch gefeiert worden.
Als Gegenbeispiel mag die Fusion zwischen Daimler-Benz und der Chrysler Corporation vor einigen Jahren dienen, die unisono als Traumhochzeit galt. Inzwischen ist man klüger. Wenn alle Analysten und Kommentatoren einer Meinung sind, ist immer etwas faul, und man sollte die gegenteilige Position einnehmen. Trotz aller unzweifelhaft vorhandener Probleme beider Unternehmen dürften vorausschauende Anleger daher keinen Fehler machen, wenn sie sich heute Aktien von Hewlett-Packard oder von Compaq zu Ausverkaufskursen ins Depot legen. Schließlich handelt es sich hier nicht um irgendwelche Neuer-Markt-"Buden", sondern um Unternehmen von Weltgeltung.
Banken-Titel zu Schleuderpreisen
Hewlett-Packard gehört zum illustren Kreis der 30 Dow-Jones-Werte. In diesem exklusiven Club gibt es noch einige andere Titel, die man sich genau ansehen sollte. Da ist zum Beispiel Eastman Kodak, Weltmarktführer im Bereich fotografischer Materialien und derzeit so billig wie seit Jahren nicht mehr. Der besondere Kick: Wenn der Dollar gegenüber dem japanischen Yen tatsächlich nachgeben sollte, so bringt dies für Eastman Kodak einen warmen Regen, für den Hauptkonkurrenten Fuji Photo aus Japan dagegen ein nicht zu unterschätzendes Problem.
Man muss aber nicht unbedingt über den Atlantik blicken, um vielversprechende Anlagechancen im Blue-Chip-Bereich zu finden. So ist zum Beispiel die europäische Finanzbranche in den vergangenen Monaten über Gebühr unter Druck geraten. Alle erdenklichen Risiken wurden eingepreist, und an die langfristigen Wachstumsaussichten dachte und denkt auch jetzt offenbar niemand mehr. Die niederländischen Finanzriesen ABN Amro und ING, aber auch Titel wie die Deutsche Bank oder die HypoVereinsbank - allesamt im europäischen Blue-Chip-Index EuroStoxx 50 vertreten - sind derzeit zu Schleuderpreisen zu haben. Ein wenig Mut, gegen den Konsens zu kaufen, wird sich hier auszahlen.
Oder nehmen wir Preussag: Lange Zeit für die gelungene Wandlung vom Repräsentanten der Schwerindustrie zum hochmodernen Touristikunternehmen hoch gelobt, will die Aktie nun niemand mehr haben, weil in den kommenden Wochen Buchungsstornierungen zu erwarten sind. Denkt irgendjemand ernsthaft, dass dieses Problem von Dauer ist und der Tourismus keine Wachstumsbranche mehr darstellt?
Gute Aussichten für Siemens
Ganz zu schweigen von Siemens. Wer ein wenig Zeit hat, nehme die Analystenkommentare vom Sommer 2000 zur Hand, als die Aktie drei- bis viermal so viel kostete wie heute, und denke darüber nach, ob die langfristigen Perspektiven einen solchen Abschlag rechtfertigen.
Man könnte noch zahlreiche Beispiele nennen, aber wichtig ist wohl Folgendes: Für Langfristanleger ist Kaufzeit. Und wer jetzt Öl- oder Rüstungstitel meidet, entgeht nicht nur einem möglichen Gewissenskonflikt, sondern er tut sich auf längere Sicht auch finanziell einen Gefallen.