Am Beginn eines neuen Boersenjahres ist es stets lehrreich,
Wirtschaftszeitschriften und Boersenpublikationen durchzublaettern,
die exakt ein Jahr alt sind. Es ist schon interessant,
was aus all den durchaus fundierten Prognosen geworden ist.
Ende 2001/Anfang 2002 war zum Beispiel viel davon die Rede,
dass es nun aber endgueltig genug sei mit dieser laestigen Baisse.
Schliesslich hatte man mit deutschen Aktien – mit den meisten
auslaendischen Aktien natuerlich auch – 2000 und 2001
empfindliche Verluste erlitten. Und in der Nachkriegszeit,
so wurden die Anleger vor allem von Chartanalysten belehrt,
hatte es in Deutschland noch nie drei Verlustjahre in Folge
gegeben. Im Gegenteil: Nach den Minusjahren 1961/62, 1965/66
und 1979/80 kam es in den folgenden zwoelf Monaten zu
Indexgewinnen von etwa zehn Prozent.
Es lag nahe, eine aehnliche Entwicklung auch fuer 2002 zu erwarten.
Man rechnete mit weiter sinkenden Zinsen, niedrigen Energiepreisen
und vor allem mit einem gesunden Konjunkturaufschwung in den
wichtigsten Industrielaendern. Die Zinsen sanken zwar tatsaechlich,
aber das war es dann auch schon mit den zutreffenden Prognosen.
Unter dem Strich stand schliesslich ein DAX-Rekordverlust von
etwa 43 Prozent im Jahresvergleich. Wohl dem, der auf
Festverzinsliche gesetzt hatte. Das sinkende Zinsniveau
sorgte vor allem am langen Laufzeitende fuer Kurssteigerungen,
und mit Kurzlaeufern erzielte man zwar Sparbuchrenditen,
erlitt aber zumindest keine Verluste.
PARADIGMENWECHSEL?
Allmaehlich mehren sich Stimmen, die heftige Zweifel an
der noch bis vor kurzem als unerschuetterliche Wahrheit
anerkannten These anmelden, Aktien seien auf lange Sicht
das profitabelste Investment. In den USA geschah das
Unglaubliche im Juni 2002: Trotz der Jahrhunderthausse am
Aktienmarkt von 1982 bis Anfang 2000 ueberholte die
inflationsbereinigte Rendite langfristiger Staatsanleihen
(Treasury Bonds) die Aktienrendite im 20-Jahres-Vergleich.
Auch in Deutschland sieht es inzwischen ganz aehnlich aus.
Haben Aktien als ueberlegene Investments also ausgedient,
und wird man in den naechsten Jahren mit Festverzinslichen
besser fahren? Dieser 20-Jahres-Vergleich ist ein typisches
Beispiel dafuer, dass man statistische Daten gruendlich
hinterfragen sollte, bevor man daraus Rueckschluesse fuer
persoenliche Investments zieht. Zum einen muss man die
steuerliche Komponente beruecksichtigen. Kursgewinne wurden
und werden wohl auch in Zukunft geringer besteuert als
Zinseinkuenfte. Zum anderen ist eine Wiederholung dieser
Entwicklung der Anleihenrenditen schon mathematisch
unmoeglich: 1982 warfen 30jaehrige U.S. Treasury Bonds
14 Prozent ab, Ende 2002 waren es nicht einmal vier Prozent.
Der Spielraum fuer weiter sinkende Kapitalmarktzinsen und
damit fuer steigende Anleihenkurse erscheint auf dem jetzigen
Niveau so ziemlich ausgereizt.
DIE POSITIVEN SEITEN
Es ist wohl nur allzu menschlich, dass juengere Erfahrungen
besser im Gedaechtnis haften und sich staerker auf das Denken
und Verhalten auswirken als laenger zurueck liegende. Noch vor
drei Jahren gab es an der Wall Street und in Frankfurt ganze
Geschwader von Junganalysten, die das Wort Baisse nur aus dem
Lexikon kannten. Viele von ihnen haben inzwischen serioesere
Berufswege einschlagen muessen als das Hochjubeln von
Internet-Aktien mit dreistelligen Kurs-Umsatz-Verhaeltnissen.
So hatte selbst diese grausame Baisse noch ihre positiven Aspekte.
Fatal waere es jedoch, nun den umgekehrten Fehler zu machen und
die Entwicklung dieser drei Jahre einfach fortzuschreiben.
Tatsache ist, dass das Kursmassaker seit Maerz 2000 die extrem
uebertriebenen Bewertungen an den Aktienmaerkten gruendlich
bereinigt hat. Zwar sind in vielen Branchen nicht nur die
Kurse, sondern auch die ausgewiesenen und erwarteten
Unternehmensgewinne massiv eingebrochen, aber die Exzesse
von 1999 sind definitiv vorbei. Es gibt sogar viele Unternehmen
von hohem internationalen Ansehen, deren Aktien heute nach
saemtlichen analytischen Regeln so preiswert sind wie schon
seit zehn Jahren nicht mehr.
Insofern spielt es fuer den vorausschauenden Anleger auch gar
nicht die entscheidende Rolle, ob „der Aktienmarkt“ heute
angemessen oder sogar attraktiv bewertet ist. Niemand kauft
ja den Aktienmarkt als solchen, es sei denn, er wollte mit
Zertifikaten die Entwicklung eines bestimmten Index
nachvollziehen – wogegen auf dem jetzigen Niveau von DAX,
Euro Stoxx 50 oder S&P-500 eigentlich auch nichts spricht.
Die meisten Anleger aber stellen sich ein individuelles
Depot aus bestimmten Einzelaktien zusammen, und an
langfristig attraktiven, weil derzeit preiswerten Titeln
herrscht am Beginn des Boersenjahres 2003 wirklich kein Mangel.
KRIEG = KURSANSTIEG?
Mit Unsicherheiten muss man an der Boerse immer leben.
Seit Monaten aber steht ein ganz bestimmtes Problem im
Vordergrund, naemlich die Frage, ob es zum Krieg im Irak
kommen wird, und welche Folgen eine solche militaerische
Eskalation haben koennte. Eine genaue Antwort auf diese
Frage hat niemand; zu gross sind die Unwaegbarkeiten.
Man darf allerdings feststellen, dass ein grosser Teil
der Risiken bereits in den Kursen eingepreist ist.
Nach den Erfahrungen aus dem Golfkrieg 1991 koennte
der Ausbruch eines militaerischen Konflikts sogar einen
allgemeinen Kursanstieg ausloesen. Vorausgesetzt natuerlich,
dass dieser Konflikt, den sich natuerlich niemand wuenscht,
schnell endet.
NERVENSTAERKE GEFRAGT
Eine grosse Rolle fuer die Aktienmaerkte wird natuerlich auch
die Konjunkturentwicklung spielen. Der verhaltene Optimismus,
der vor einem Jahr spuerbar war, ist inzwischen einer reichlich
pessimistischen Einschaetzung gewichen. Das gilt besonders fuer
Deutschland, aber auch fuer den gesamten Euro-Raum. So rechnet
die EU-Kommission fuer das erste Quartal 2003 mit wirtschaftlicher
Stagnation. Eine allmaehliche Erholung duerfte erst im weiteren
Jahresverlauf einsetzen. Am 5. Dezember hat die EZB mit einer
kraeftigen Leitzinssenkung um 0,5 auf 2,75 Prozent zumindest
schon einmal die Weichen gestellt, in den USA hat das Zinsniveau
nach elf Lockerungsschritten seit Ende 2002 ein historisches Tief
erreicht. Erfahrungsgemaess dauert es aber sechs bis zwoelf Monate,
bis sich solche Massnahmen auf die Realwirtschaft auswirken.
Gut moeglich also, dass es an den wichtigsten Weltboersen
zunaechst zu einer laengeren Seitwaertsbewegung kommen
wird – die allerdings nicht ohne heftige Schwankungen
ablaufen duerfte. Auch 2003 wird gute Nerven brauchen,
wer an den Wertpapiermaerkten Erfolg haben will.
AUSGETRAEUMT?
Auf jeden Fall aber wird es unabdingbar sein, sich an die
Grundprinzipien einer langfristig erfolgreichen Strategie
zu erinnern. Dazu gehoert, dass man eine einigermassen
realistische Renditeerwartung hat und den Traum vom
schnellen Reichtum begraebt. Im langfristigen Vergleich
lagen die jaehrlichen Realrenditen an den wichtigsten
Aktienmaerkten bei etwa sieben Prozent, und zwar mit
erstaunlicher Konstanz in allen 20-Jahres-Zeitraeumen seit
den Anfaengen des organisierten Wertpapierhandels.
Es spricht nichts dafuer, dass sich daran Wesentliches
aendern wird. Schneller Reichtum ist zwar moeglich, aber
unwahrscheinlich. Daher sollte man sich ein gut diversifiziertes
Depot zulegen, in dem neben Aktien auch erstklassige
festverzinsliche Wertpapiere vertreten sind, und dessen
Risikostruktur so beschaffen ist, dass sein Inhaber auch
in turbulenten Boersenzeiten gut schlafen kann.
Boersenprognosen sind zwar mit Vorsicht zu geniessen,
aber eines kann man mit Sicherheit prophezeien:
Die vergangenen drei Jahre, in denen Sparbuchinhaber
um Laengen besser abgeschnitten haben als Aktionaere,
werden sich so schnell nicht wiederholen.
So long,
Calexa
www.investorweb.de
Wirtschaftszeitschriften und Boersenpublikationen durchzublaettern,
die exakt ein Jahr alt sind. Es ist schon interessant,
was aus all den durchaus fundierten Prognosen geworden ist.
Ende 2001/Anfang 2002 war zum Beispiel viel davon die Rede,
dass es nun aber endgueltig genug sei mit dieser laestigen Baisse.
Schliesslich hatte man mit deutschen Aktien – mit den meisten
auslaendischen Aktien natuerlich auch – 2000 und 2001
empfindliche Verluste erlitten. Und in der Nachkriegszeit,
so wurden die Anleger vor allem von Chartanalysten belehrt,
hatte es in Deutschland noch nie drei Verlustjahre in Folge
gegeben. Im Gegenteil: Nach den Minusjahren 1961/62, 1965/66
und 1979/80 kam es in den folgenden zwoelf Monaten zu
Indexgewinnen von etwa zehn Prozent.
Es lag nahe, eine aehnliche Entwicklung auch fuer 2002 zu erwarten.
Man rechnete mit weiter sinkenden Zinsen, niedrigen Energiepreisen
und vor allem mit einem gesunden Konjunkturaufschwung in den
wichtigsten Industrielaendern. Die Zinsen sanken zwar tatsaechlich,
aber das war es dann auch schon mit den zutreffenden Prognosen.
Unter dem Strich stand schliesslich ein DAX-Rekordverlust von
etwa 43 Prozent im Jahresvergleich. Wohl dem, der auf
Festverzinsliche gesetzt hatte. Das sinkende Zinsniveau
sorgte vor allem am langen Laufzeitende fuer Kurssteigerungen,
und mit Kurzlaeufern erzielte man zwar Sparbuchrenditen,
erlitt aber zumindest keine Verluste.
PARADIGMENWECHSEL?
Allmaehlich mehren sich Stimmen, die heftige Zweifel an
der noch bis vor kurzem als unerschuetterliche Wahrheit
anerkannten These anmelden, Aktien seien auf lange Sicht
das profitabelste Investment. In den USA geschah das
Unglaubliche im Juni 2002: Trotz der Jahrhunderthausse am
Aktienmarkt von 1982 bis Anfang 2000 ueberholte die
inflationsbereinigte Rendite langfristiger Staatsanleihen
(Treasury Bonds) die Aktienrendite im 20-Jahres-Vergleich.
Auch in Deutschland sieht es inzwischen ganz aehnlich aus.
Haben Aktien als ueberlegene Investments also ausgedient,
und wird man in den naechsten Jahren mit Festverzinslichen
besser fahren? Dieser 20-Jahres-Vergleich ist ein typisches
Beispiel dafuer, dass man statistische Daten gruendlich
hinterfragen sollte, bevor man daraus Rueckschluesse fuer
persoenliche Investments zieht. Zum einen muss man die
steuerliche Komponente beruecksichtigen. Kursgewinne wurden
und werden wohl auch in Zukunft geringer besteuert als
Zinseinkuenfte. Zum anderen ist eine Wiederholung dieser
Entwicklung der Anleihenrenditen schon mathematisch
unmoeglich: 1982 warfen 30jaehrige U.S. Treasury Bonds
14 Prozent ab, Ende 2002 waren es nicht einmal vier Prozent.
Der Spielraum fuer weiter sinkende Kapitalmarktzinsen und
damit fuer steigende Anleihenkurse erscheint auf dem jetzigen
Niveau so ziemlich ausgereizt.
DIE POSITIVEN SEITEN
Es ist wohl nur allzu menschlich, dass juengere Erfahrungen
besser im Gedaechtnis haften und sich staerker auf das Denken
und Verhalten auswirken als laenger zurueck liegende. Noch vor
drei Jahren gab es an der Wall Street und in Frankfurt ganze
Geschwader von Junganalysten, die das Wort Baisse nur aus dem
Lexikon kannten. Viele von ihnen haben inzwischen serioesere
Berufswege einschlagen muessen als das Hochjubeln von
Internet-Aktien mit dreistelligen Kurs-Umsatz-Verhaeltnissen.
So hatte selbst diese grausame Baisse noch ihre positiven Aspekte.
Fatal waere es jedoch, nun den umgekehrten Fehler zu machen und
die Entwicklung dieser drei Jahre einfach fortzuschreiben.
Tatsache ist, dass das Kursmassaker seit Maerz 2000 die extrem
uebertriebenen Bewertungen an den Aktienmaerkten gruendlich
bereinigt hat. Zwar sind in vielen Branchen nicht nur die
Kurse, sondern auch die ausgewiesenen und erwarteten
Unternehmensgewinne massiv eingebrochen, aber die Exzesse
von 1999 sind definitiv vorbei. Es gibt sogar viele Unternehmen
von hohem internationalen Ansehen, deren Aktien heute nach
saemtlichen analytischen Regeln so preiswert sind wie schon
seit zehn Jahren nicht mehr.
Insofern spielt es fuer den vorausschauenden Anleger auch gar
nicht die entscheidende Rolle, ob „der Aktienmarkt“ heute
angemessen oder sogar attraktiv bewertet ist. Niemand kauft
ja den Aktienmarkt als solchen, es sei denn, er wollte mit
Zertifikaten die Entwicklung eines bestimmten Index
nachvollziehen – wogegen auf dem jetzigen Niveau von DAX,
Euro Stoxx 50 oder S&P-500 eigentlich auch nichts spricht.
Die meisten Anleger aber stellen sich ein individuelles
Depot aus bestimmten Einzelaktien zusammen, und an
langfristig attraktiven, weil derzeit preiswerten Titeln
herrscht am Beginn des Boersenjahres 2003 wirklich kein Mangel.
KRIEG = KURSANSTIEG?
Mit Unsicherheiten muss man an der Boerse immer leben.
Seit Monaten aber steht ein ganz bestimmtes Problem im
Vordergrund, naemlich die Frage, ob es zum Krieg im Irak
kommen wird, und welche Folgen eine solche militaerische
Eskalation haben koennte. Eine genaue Antwort auf diese
Frage hat niemand; zu gross sind die Unwaegbarkeiten.
Man darf allerdings feststellen, dass ein grosser Teil
der Risiken bereits in den Kursen eingepreist ist.
Nach den Erfahrungen aus dem Golfkrieg 1991 koennte
der Ausbruch eines militaerischen Konflikts sogar einen
allgemeinen Kursanstieg ausloesen. Vorausgesetzt natuerlich,
dass dieser Konflikt, den sich natuerlich niemand wuenscht,
schnell endet.
NERVENSTAERKE GEFRAGT
Eine grosse Rolle fuer die Aktienmaerkte wird natuerlich auch
die Konjunkturentwicklung spielen. Der verhaltene Optimismus,
der vor einem Jahr spuerbar war, ist inzwischen einer reichlich
pessimistischen Einschaetzung gewichen. Das gilt besonders fuer
Deutschland, aber auch fuer den gesamten Euro-Raum. So rechnet
die EU-Kommission fuer das erste Quartal 2003 mit wirtschaftlicher
Stagnation. Eine allmaehliche Erholung duerfte erst im weiteren
Jahresverlauf einsetzen. Am 5. Dezember hat die EZB mit einer
kraeftigen Leitzinssenkung um 0,5 auf 2,75 Prozent zumindest
schon einmal die Weichen gestellt, in den USA hat das Zinsniveau
nach elf Lockerungsschritten seit Ende 2002 ein historisches Tief
erreicht. Erfahrungsgemaess dauert es aber sechs bis zwoelf Monate,
bis sich solche Massnahmen auf die Realwirtschaft auswirken.
Gut moeglich also, dass es an den wichtigsten Weltboersen
zunaechst zu einer laengeren Seitwaertsbewegung kommen
wird – die allerdings nicht ohne heftige Schwankungen
ablaufen duerfte. Auch 2003 wird gute Nerven brauchen,
wer an den Wertpapiermaerkten Erfolg haben will.
AUSGETRAEUMT?
Auf jeden Fall aber wird es unabdingbar sein, sich an die
Grundprinzipien einer langfristig erfolgreichen Strategie
zu erinnern. Dazu gehoert, dass man eine einigermassen
realistische Renditeerwartung hat und den Traum vom
schnellen Reichtum begraebt. Im langfristigen Vergleich
lagen die jaehrlichen Realrenditen an den wichtigsten
Aktienmaerkten bei etwa sieben Prozent, und zwar mit
erstaunlicher Konstanz in allen 20-Jahres-Zeitraeumen seit
den Anfaengen des organisierten Wertpapierhandels.
Es spricht nichts dafuer, dass sich daran Wesentliches
aendern wird. Schneller Reichtum ist zwar moeglich, aber
unwahrscheinlich. Daher sollte man sich ein gut diversifiziertes
Depot zulegen, in dem neben Aktien auch erstklassige
festverzinsliche Wertpapiere vertreten sind, und dessen
Risikostruktur so beschaffen ist, dass sein Inhaber auch
in turbulenten Boersenzeiten gut schlafen kann.
Boersenprognosen sind zwar mit Vorsicht zu geniessen,
aber eines kann man mit Sicherheit prophezeien:
Die vergangenen drei Jahre, in denen Sparbuchinhaber
um Laengen besser abgeschnitten haben als Aktionaere,
werden sich so schnell nicht wiederholen.
So long,
Calexa
www.investorweb.de