Geldanlage: Angst vor dem Domino-Effekt
Von Jochen Haegele
Die schwelende Krise an den Emerging Markets droht zu einer ernsten Belastung für die Weltwirtschaft zu werden. Der Kampf gegen den Terror scheint dies jedoch aus den Köpfen der Politiker zu verdrängen.
Nettokapitalzuflüsse in die Emerging Markets
Die Argentinier haben gewählt: Die Stimmenmehrheit ernteten die Linksparteien, die lautstark gegen das "Nulldefizitprogramm" der Regierung Fernando de la Rúas agitierten. Als Sieger dürfen sich die Peronisten gleichwohl kaum fühlen: Solche gibt es nicht in einem Land, das mit fast 150 Mrd. $ im Ausland verschuldet ist und seit Jahren nur durch immer neue Kreditlinien des Internationalen Währungsfonds (IWF) künstlich vor dem Schuldenkollaps bewahrt wird.
Mit ihrem Votum haben die Gauchos womöglich den finanziellen K.o. ihres Landes besiegelt, vermutet David Lubin, Leiter des Emerging-Market-Teams bei HSBC: "Der Wahlausgang zeigt den wachsenden Widerstand, ökonomische Lasten auf sich zu nehmen, um die Auslandsschulden der Regierung zu bezahlen." Tage vor der Wahl schraubte die Ratingagentur Standard & Poor’s ihre Bewertung auf CCC zurück, Moody’s und Fitch folgten. Der langjährige Musterknabe des IWF steht heute isolierter da als je zuvor.
Privatanleger wenden sich ab
Die Argentinien-Wahl fällt in eine Zeit, die durch eine Auseinandersetzung globalen Ausmaßes geprägt ist - dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Wen wundert es da, dass seit dem 11. September die Emerging Markets vom Radarschirm der im IWF den Ton angebenden US-Regierung so gut wie verschwunden sind. Auch die Privatanleger wenden sich ab: Sie transferieren ihr Geld lieber in sichere Staatstitel der USA oder der Euroländer. Der Anstieg des von JP Morgan ermittelten Emerging-Markets-Index gegenüber dem Eurobond-Index für Staatsanleihen signalisiert eine wachsende Risikoaversion der Investoren.
Zur Tabelle
Beimischung fürs Depot: Nur riskobewusste Anleger greifen zu Nirgendwo ist die Lage jedoch so dramatisch wie am Südzipfel des amerikanischen Kontinents. Die Anbindung des argentinischen Peso an den Dollar durch das Currency-Board vor zehn Jahren macht eine Anpassung des Wechselkurses an geänderte wirtschaftliche Bedingungen unmöglich. Auch die Rückkehr des Currency-Board-Begründers Domingo Cavallo als Finanz- Wirtschaftsminister brachte nicht die ersehnte Entspannung. Ob er sich nach der Wahl im Amt hält, ist fraglich. Cavallo hatte den Angestellten im öffentlichen Dienst die Gehälter um 13 Prozent kürzen lassen, um den Budgetsaldo auf null zu reduzieren. Doch in den Provinzen, wo die Gouverneure das Sagen haben, versickert das Eingesparte.
Gläubiger drohen hohe Verluste
Zwei Auswege aus dem Wechselkurskorsett sind denkbar: die vollständige Ersetzung des Peso durch den Dollar, die so genannte Dollarisierung, oder eine deutliche Abwertung. Das Hauptproblem stellt aber die Schuldenlast dar. "Eine Reduzierung der Schulden ist unserer Meinung nach unausweichlich", sagt David Lubin. Entweder könnte die Regierung die ausstehenden Anleihen zum Marktwert zurückkaufen, also zu einem Kurs von rund 50 Prozent des Nennwertes, oder eine Reduzierung der Rückzahlungskurse aushandeln - in beiden Fällen entstünden enorme Verluste für institutionelle und private Gläubiger. In anderen Ländern ist die Lage nur wenig besser.
"Wenn wir die Argentinienartikel in der Zeitung lesen, wissen wir, was uns einen Monat später bevorsteht", beschreibt der Istanbuler Anwalt Erol Arduc die Stimmung in der Türkei. Die türkische Währung ist seither um rund 60 Prozent gefallen, trotz massiver Interventionen der Notenbank und exorbitant hoher Zinsen, die jeglicher Investitionstätigkeit die Finanzierung abschnüren. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird dieses Jahr nach Regierungsschätzung um 5,8 Prozent schrumpfen. Zwar hängt auch die Regierung in Ankara am Tropf des IWF, doch ihre Verhandlungsposition ist deutlich besser. Wegen ihrer strategischen Bedeutung als Vorposten der Nato kann sich kaum ein Analyst ernsthaft vorstellen, dass die Industriestaaten die Türkei fallen lassen.

Vorbeugende Kreditlinie für Brasilien
Prämien für erhöhtes Risiko
Überhaupt scheint ein Zahlungsausfall Argentiniens, der die anderen Schwellenländer in einer Art Dominoeffekt mit sich reißen könnte, wie das in der Asienkrise 1998 der Fall war, wenig wahrscheinlich. So hatte der IWF bereits im August Brasilien eine "vorbeugende" Kreditlinie von 15 Mrd. $ eingeräumt. Auch die Währungsreserven wurden mit dieser Hilfe aufgestockt. "Die Notenbank ist jetzt mit 40 Mrd. $ bestens gerüstet gegen etwaige spekulative Attacken", sagt Länderanalyst Nicolas Schlotthauer von der DGZ Deka-Bank. Doch auch hier sind die Auswirkungen der argentinischen Krise zu spüren: Die Renditedifferenz zehnjähriger brasilianischer Eurobonds gegenüber risikolosen Bundesanleihen stieg auf 9,2 Prozentpunkte. Trotz der Unterstützung durch den IWF gelten brasilianische Eurobonds als hochspekulativ.
Zum Top-Favoriten der Emerging-Market-Analysten avanciert derzeit Russland. Hoher Ölpreis und der Reformwille Präsident Putins katapultieren das Wirtschaftswachstum dieses Jahr auf voraussichtlich 5,5 Prozent. Erst kürzlich hat Putin IWF-Chef Horst Köhler und die internationalen Finanzmärkte mit der Ankündigung überrascht, Kredite in Höhe von 2,7 Mrd. $ vorzeitig an den IWF zurückzuzahlen. "Russland ist eines der wenigen Länder, die Schulden abbauen können, ohne neue aufzunehmen", lobt Guintaras Chlijious von der RZB Bankengruppe. Doch das Wachstum hängt am Ölpreis. Sinkt dieser nachhaltig unter 20 $ pro Barrell, geraten die rosigen Hochrechnungen ins Wanken.
Einstiegsmöglichkeiten beim Zloty
Einstiegsmöglichkeiten bieten inzwischen aber auch Währungen, die unter den politischen und ökonomischen Unsicherheiten der zurückliegenden Monate besonders gelitten haben. Allen voran der polnische Zloty, der seit Juli zeitweise bis zu 15 Prozent gegenüber dem Euro eingebüßt hatte. Jetzt steht die neue Regierung; und der von den Märkten befürchtete Einfluss des Koalitionspartners PSL, der Bauernpartei, scheint minimal. Wichtigster Punkt im Koalitionsvertrag ist die Festsetzung einer Obergrenze für die staatliche Neuverschuldung bei 40 Mrd. Zloty (10,8 Mrd. Euro). Das schafft die Voraussetzung für eine Stabilisierung der Währung, auf die es nach wie vor sehr attraktive Zinsanlagen gibt.
Positiv überraschten auch die neuesten Fundamentaldaten aus Ungarn: Nach 8,7 Prozent im August fiel die Inflation im September weiter auf 8,0 Prozent - der niedrigste Wert seit 15 Jahren. RZB-Analyst Zoltán Török erwartet im kommenden Jahr einen weiteren Rückgang auf knapp 5,3 Prozent. Gute Aussichten für die Kursentwicklung des Forint, der seit Anfang Oktober auf einem Mittelwert von 276,1 Forint pro Euro fixiert wurde; die Bandbreite wurde mit plus minus 15 Prozent festgelegt. Trotz weiterhin volatiler Entwicklung dürfte dieser Korridor eingehalten werden; weitere Zinssenkungen sollten bis Jahresende die Anleihenkurse haussieren lassen.
Südafrika heraufgesetzt
Gute Nachrichten kamen vergangene Woche selbst aus Südafrika: Moody’s kündigte eine mögliche Heraufsetzung der Landesbeurteilung an. Der Rand honorierte das mit dem größten Kursgewinn seit sieben Monaten. Seit Jahresanfang war die Währung fast in der Versenkung verschwunden, gegenüber dem Euro wertete sie von 7,3 Rand pro Euro auf bis zu 8,46 Rand ab. Der Grund: Auf der Flucht in die sicheren Häfen Dollar und Euro lösen Anleger ihre Positionen zunächst in den liquidesten Märkten auf - und zu ihnen zählt der Randmarkt. Für seine Wirtschaftspolitik erntet das Land kräftiges Lob. "Südafrika ist eines der Schwellenländer mit der geringsten Verschuldung in Hartwährungen, eine Schuldenkrise ist daher recht unwahrscheinlich", sagt Länderanalyst Hartmut Preiß von der DZ Bank.
Grundsätzlich drohen alle Anlagen in Schwellenländern trotz der derzeitigen Erholung unter Druck zu geraten, wenn es zu einem Zahlungsausfall eines bedeutenden Staates kommt. Mittel- bis langfristig sind die derzeitigen Wechselkurs- und Spreadniveaus aber durchaus eine attraktiv Möglichkeit für Anleger, die sich des Risikos bewusst sind.
--------------------------------------------------
Informationen zu den Grafiken
Nettokapitalzuflüsse in die Emerging Markets
Risiko-Vorsorge
Der Rückgang der Kapitalzuflüsse in die Emerging Markets dürfte sich auch in diesem Jahr fortsetzen. Im Unterschied zu den Direktinvestitionen und Investments in Wertpapiere haben die Banken ihre Nettokreditvergabe bereits seit dem Beginn der Asienkrise 1997 deutlich abgebaut. Das spricht unter anderem für eine Neubewertung der Risiken durch die Kreditinstitute.
Prämien für höheres Risiko
Risiko-Spread
Die Furcht vor einer Krise in den Schwellenländern hat seit Jahresbeginn deutlich zugenommen. Anleihegläubiger verlangen immer höhere Zinssätze, wenn sie den Staaten Kapital zur Verfügung stellen. Das zeigt ein Vergleich der beiden Return-Indizes von JP Morgan. Nirgendwo ist die Lage jedoch so dramatisch wie am Südzipfel des amerikanischen Kontinents. Argentinien-Bonds gelten mittlerweile als hochspekulativ.
© 2001 Financial Times Deutschland , © Illustration: FTD
URL des Artikels:
http://www.ftd.de/bm/ga/FTDY2A41YSC.html