Frühjahrsputz per Aktienrückkauf
Von Frank Stocker
Hamburg - Zehn Milliarden Euro - so viel gaben deutsche Unternehmen in den vergangenen drei Jahren aus, um etwas ganz Besonderes zu erwerben: sich selbst. Sie nutzten freie liquide Mittel und kauften damit an der Börse ihre eigenen Aktien zurück.
In den USA sind Aktienrückkäufe schon seit Jahrzehnten gängige Praxis, in Deutschland dagegen sind sie erst seit Mai 1998 erlaubt. Daher gab es bislang auch noch keine verlässlichen Untersuchungen darüber, wie deutsche Unternehmen von diesem Instrument Gebrauch machen und wie sich das auf den Aktienkurs auswirkt.
Nun steht erstmals eine Studie dazu kurz vor ihrer Veröffentlichung. Der Autor, Ralf Schremper, hat für eine Dissertation an der Universität Bochum das Zahlenmaterial akribisch zusammengeführt und ausgewertet. Im Oktober soll die Arbeit präsentiert werden, schon jetzt stehen einige überraschende Ergebnisse fest.
So sind die real aufgekauften zehn Milliarden Euro weit weniger als man bisher annehmen konnte. Die Hauptversammlungen der deutschen Unternehmen hatten ihre Vorstände dazu ermächtigt, insgesamt bis zu 30 Milliarden Euro an Aktienkapital zurückzukaufen. "Doch offenbar nutzen die Unternehmenschefs diesen Rahmen nur selten aus", kommentiert Schremper die Zahlen.
Zudem geht es bei den meisten Aktienrückkaufprogrammen nur um kleinere Summen. "Oft handelt es sich um fünf bis 15 Millionen Euro, die dafür aufgewandt werden", sagt Schremper. Nur einige wenige Dax-Unternehmen greifen dafür tiefer in die Tasche. So hat Eon in den vergangenen Monaten rund 6,5 Prozent seiner Aktien aufgekauft und dafür fast drei Milliarden Euro ausgegeben.
Die Aktien können - wie bei Eon - eingezogen werden. Sie können aber beispielsweise auch als Akquisitionswährung oder für Mitarbeiterbeteiligungsprogramme eingesetzt werden und damit später wieder an den Kapitalmarkt kommen.
In jedem Fall verringert sich zunächst die Zahl der umlaufenden Aktien. Schremper hat daher auch untersucht, wie sich der Rückkauf eigener Aktien auf den Kurs auswirkt. Interessant ist, dass schon bei der Ankündigung des Schrittes die Kurse nach oben gehen. "Im Schnitt konnten wir hier eine Kursreaktion von drei bis vier Prozent beobachten", sagt er. Diese Zahl wird auch von einer anderen Studie bestätigt. Peter Dombeck von der Berenberg Bank hat darin für die ersten sieben Tage nach der Ankündigung eines Aktienrückkaufs eine Überrendite von 3,3 Prozent errechnet. "Bei marktengen Werten ist die Reaktion aber meist noch weit größer", ergänzt Schremper.
Und genau dies machen sich in den letzten Wochen immer mehr Unternehmen am Neuen Markt zu Nutze. Sie haben Aktienrückkäufe als das neue Heilmittel für ihre geschundenen Kurse entdeckt. MWG Biotech, Net AG, Web.de, SER Systeme, Internolix, Bäurer - fast täglich kündigen Unternehmen an, dass sie Aktien zurückkaufen werden oder sich auf der anstehenden Hauptversammlung dazu ermächtigen lassen wollen. Und regelmäßig springt der Kurs dann in die Höhe.
"Wir halten unsere Aktie für unterbewertet", so heißt es fast unisono in den Vorstandsetagen der betroffenen Unternehmen zur Begründung für den Schritt. Mit dem Rückkauf der Aktien wollen sie ein Signal setzen und den Kurs nach oben treiben.
Doch Robert Suckel von SES Research steht Aktienrückkäufen durch Neue-Markt-Unternehmen grundsätzlich kritisch gegenüber. "Die meisten haben erst vor kurzem durch den Börsengang eine Menge Geld eingenommen", sagt der Neue-Markt-Experte. Dieses Kapital sollte eigentlich für die weitere Expansion eingesetzt werden. Doch nun dient es zum Rückkauf eigener Aktien. "Das bedeutet doch letztlich, dass das Management nicht fähig ist, das zur Verfügung gestellte Kapital sinnvoll einzusetzen", so Suckel.
Allerdings muss man differenzieren. Wenn Rückkäufe Hand in Hand gehen mit durchgreifenden Veränderungen in einem angeschlagenen Unternehmen, kann die Wirkung nachhaltig sein. So wurde bei MWG Biotech gleichzeitig der Finanzvorstand entlassen und eine strategische Neuausrichtung beschlossen. Ein anderes Beispiel ist SER Systeme. "Das Unternehmen hat einen positiven Cash-Flow, eine hohe Liquidität und ist deutlich unterbewertet", sagt Analyst Suckel. Durch den Aktienrückkauf könne die Volatilität aus der Aktie genommen werden. "Und das ist auch im Sinne der Anleger", so Suckel.
Anders ist es hingegen bei Web.de. Hier hat Suckel überhaupt kein Verständnis für den Schritt. "Ich verstehe nicht, wie man bei negativem Cash-Flow überhaupt auf die Idee kommen kann, eigene Aktien zurückzukaufen", kommentiert er das Vorhaben des Vorstands. Seine Folgerung: Die Bewertung beim Börsengang war viel zu hoch und die hochfliegenden Pläne können nicht verwirklicht werden. Das brachliegende Kapital wird nun eingesetzt, um Kurskosmetik zu betreiben. "Augenwischerei", nennt Suckel das. Denn fundamental ändert sich nichts. Das Unternehmen macht weiter enorme Verluste, und die Aussichten auf eine Wende sind dürftig.
Für den Anleger am Neuen Markt heißt das: genau hinschauen, was ein Vorstand außer dem Rückkauf sonst noch vorhat. Nur wenn sich etwas Grundlegendes im Unternehmen ändert, kann ein Aktienrückkauf auch langfristig die Kurse wieder nach oben bringen. In allen anderen Fällen ist das Vorhaben dagegen nur eine Bankrotterklärung des Managements.
Von Frank Stocker
Hamburg - Zehn Milliarden Euro - so viel gaben deutsche Unternehmen in den vergangenen drei Jahren aus, um etwas ganz Besonderes zu erwerben: sich selbst. Sie nutzten freie liquide Mittel und kauften damit an der Börse ihre eigenen Aktien zurück.
In den USA sind Aktienrückkäufe schon seit Jahrzehnten gängige Praxis, in Deutschland dagegen sind sie erst seit Mai 1998 erlaubt. Daher gab es bislang auch noch keine verlässlichen Untersuchungen darüber, wie deutsche Unternehmen von diesem Instrument Gebrauch machen und wie sich das auf den Aktienkurs auswirkt.
Nun steht erstmals eine Studie dazu kurz vor ihrer Veröffentlichung. Der Autor, Ralf Schremper, hat für eine Dissertation an der Universität Bochum das Zahlenmaterial akribisch zusammengeführt und ausgewertet. Im Oktober soll die Arbeit präsentiert werden, schon jetzt stehen einige überraschende Ergebnisse fest.
So sind die real aufgekauften zehn Milliarden Euro weit weniger als man bisher annehmen konnte. Die Hauptversammlungen der deutschen Unternehmen hatten ihre Vorstände dazu ermächtigt, insgesamt bis zu 30 Milliarden Euro an Aktienkapital zurückzukaufen. "Doch offenbar nutzen die Unternehmenschefs diesen Rahmen nur selten aus", kommentiert Schremper die Zahlen.
Zudem geht es bei den meisten Aktienrückkaufprogrammen nur um kleinere Summen. "Oft handelt es sich um fünf bis 15 Millionen Euro, die dafür aufgewandt werden", sagt Schremper. Nur einige wenige Dax-Unternehmen greifen dafür tiefer in die Tasche. So hat Eon in den vergangenen Monaten rund 6,5 Prozent seiner Aktien aufgekauft und dafür fast drei Milliarden Euro ausgegeben.
Die Aktien können - wie bei Eon - eingezogen werden. Sie können aber beispielsweise auch als Akquisitionswährung oder für Mitarbeiterbeteiligungsprogramme eingesetzt werden und damit später wieder an den Kapitalmarkt kommen.
In jedem Fall verringert sich zunächst die Zahl der umlaufenden Aktien. Schremper hat daher auch untersucht, wie sich der Rückkauf eigener Aktien auf den Kurs auswirkt. Interessant ist, dass schon bei der Ankündigung des Schrittes die Kurse nach oben gehen. "Im Schnitt konnten wir hier eine Kursreaktion von drei bis vier Prozent beobachten", sagt er. Diese Zahl wird auch von einer anderen Studie bestätigt. Peter Dombeck von der Berenberg Bank hat darin für die ersten sieben Tage nach der Ankündigung eines Aktienrückkaufs eine Überrendite von 3,3 Prozent errechnet. "Bei marktengen Werten ist die Reaktion aber meist noch weit größer", ergänzt Schremper.
Und genau dies machen sich in den letzten Wochen immer mehr Unternehmen am Neuen Markt zu Nutze. Sie haben Aktienrückkäufe als das neue Heilmittel für ihre geschundenen Kurse entdeckt. MWG Biotech, Net AG, Web.de, SER Systeme, Internolix, Bäurer - fast täglich kündigen Unternehmen an, dass sie Aktien zurückkaufen werden oder sich auf der anstehenden Hauptversammlung dazu ermächtigen lassen wollen. Und regelmäßig springt der Kurs dann in die Höhe.
"Wir halten unsere Aktie für unterbewertet", so heißt es fast unisono in den Vorstandsetagen der betroffenen Unternehmen zur Begründung für den Schritt. Mit dem Rückkauf der Aktien wollen sie ein Signal setzen und den Kurs nach oben treiben.
Doch Robert Suckel von SES Research steht Aktienrückkäufen durch Neue-Markt-Unternehmen grundsätzlich kritisch gegenüber. "Die meisten haben erst vor kurzem durch den Börsengang eine Menge Geld eingenommen", sagt der Neue-Markt-Experte. Dieses Kapital sollte eigentlich für die weitere Expansion eingesetzt werden. Doch nun dient es zum Rückkauf eigener Aktien. "Das bedeutet doch letztlich, dass das Management nicht fähig ist, das zur Verfügung gestellte Kapital sinnvoll einzusetzen", so Suckel.
Allerdings muss man differenzieren. Wenn Rückkäufe Hand in Hand gehen mit durchgreifenden Veränderungen in einem angeschlagenen Unternehmen, kann die Wirkung nachhaltig sein. So wurde bei MWG Biotech gleichzeitig der Finanzvorstand entlassen und eine strategische Neuausrichtung beschlossen. Ein anderes Beispiel ist SER Systeme. "Das Unternehmen hat einen positiven Cash-Flow, eine hohe Liquidität und ist deutlich unterbewertet", sagt Analyst Suckel. Durch den Aktienrückkauf könne die Volatilität aus der Aktie genommen werden. "Und das ist auch im Sinne der Anleger", so Suckel.
Anders ist es hingegen bei Web.de. Hier hat Suckel überhaupt kein Verständnis für den Schritt. "Ich verstehe nicht, wie man bei negativem Cash-Flow überhaupt auf die Idee kommen kann, eigene Aktien zurückzukaufen", kommentiert er das Vorhaben des Vorstands. Seine Folgerung: Die Bewertung beim Börsengang war viel zu hoch und die hochfliegenden Pläne können nicht verwirklicht werden. Das brachliegende Kapital wird nun eingesetzt, um Kurskosmetik zu betreiben. "Augenwischerei", nennt Suckel das. Denn fundamental ändert sich nichts. Das Unternehmen macht weiter enorme Verluste, und die Aussichten auf eine Wende sind dürftig.
Für den Anleger am Neuen Markt heißt das: genau hinschauen, was ein Vorstand außer dem Rückkauf sonst noch vorhat. Nur wenn sich etwas Grundlegendes im Unternehmen ändert, kann ein Aktienrückkauf auch langfristig die Kurse wieder nach oben bringen. In allen anderen Fällen ist das Vorhaben dagegen nur eine Bankrotterklärung des Managements.