.....Im größten Bürohaus am George’s Dock, dem IFSC-Haus, sitzt eine Dependance der
WestLB. Hier wurde die Zweckgesellschaft Compass Securisation ins Leben gerufen, die derzeit nach Angaben der Ratingagentur Moody’s Schuldverschreibungen über 6,2 Milliarden Euro in Umlauf hat. Sie hält sich tapfer über Wasser – angeblich dank finanzieller Zuflüsse aus der Düsseldorfer Zentrale.Schräg gegenüber am anderen Ufer des Liffey ist es der SachsenLB Europe weit schlechter ergangen. Nur um ihre größte Dubliner Zweckgesellschaft Ormond Quay weiter zu finanzieren, brauchte sie 17,3 Milliarden Euro – zu viel für die Mutter in Leipzig. Sie musste sich der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in die Arme werfen.Die 50-köpfige Mannschaft der SachsenLB Europe residiert im neunten Stock in Block A des monströsen Büro-Gebirges One George Quay Plaza.
Sie hat noch zwei weitere Zweckgesellschaften mit Milliardenvermögen in Dublin gegründet: Georges Quay und Sachsen Funding. In den vergangenen Jahren hat sie mehrere Auszeichnungen als Emittent von Schuldverschreibungen eingeheimst. Nun findet sie sich im Zentrum des größten deutschen Finanzskandals seit langem wieder, der Ende vergangener Woche auch zum Rücktritt des sächsischen Finanzministers führte...
Zehn der 40 größten Finanzfirmen des Landes sind Ableger deutscher Konzerne, darunter finden sich vier Landesbanken – außer der SachsenLB und WestLB auch die LBBW und die Helaba. Die Depfa-Bank ist sogar mit einem verwalteten Vermögen von 223 Milliarden Euro die Nummer eins in Irland.
„Es ist kein Zufall, dass sich internationale Finanzdienstleister, die an der vordersten Front der Produktinnovation stehen, in Irland niederlassen“, schreibt der Chef der Finanzaufsicht, Patrick Neary, im jüngsten Geschäftsbericht der Behörde. Woran liegt es? Nur an den steuerlichen Vorteilen und den stabilen Rahmenbedingungen, die auch in der Industrie die Grundlage für Irlands wirtschaftlichen Erfolg sind? Oder auch an einer allzu laxen Regulierung, wie Kritiker argwöhnen?
Schon mehrfach haben es Finanzjongleure in Irland mit der Innovationsfreude übertrieben. So soll ein Dubliner Manager der Rückversicherung Cologne Re die Bilanzen des Unternehmens manipuliert haben. Das kostete Hank Greenberg, den einst mächtigen Vorstandschef des Mutterkonzerns American Re, schließlich den Job.
Auch bei der Pleite des italienischen Lebensmittelkonzerns Parmalat spielten unregulierte irische Finanzkonstruktionen eine Rolle. 2005 schrieben daher zwei Reporter der „New York Times“ den bösen Satz, Dublin sei der „Wilde Westen der europäischen Finanzindustrie“.
Das ärgert die irische Zentralbank bis heute. Sollen die Kritiker doch mal sagen, was man an den Zweckgesellschaften wie Ormond Quay regulieren soll, entrüstet man sich in Kreisen der Finanzaufsicht. Das seien doch Investmentvehikel von Profis für Großanleger, die ausschließlich in hoch- und höchstbewertete Wertpapiere investiert hätten.
Die SachsenLB drehe zwar ein großes Rad, gibt man unter der Hand zu, aber alles sei ordnungsgemäß registriert. Es könne keine Rede davon sein, dass Dublin solche Investment-Vehikel mit einer nachsichtigen Regulierung angelockt habe. Nur sieben der 56 europäischen Vehikel dieser Art seien in Dublin registriert. Dass ausgerechnet eines davon das Ende der SachsenLB herbeiführt, sei einfach nur ein unglücklicher Zufall.Ähnlich sieht das auch der Partner einer internationalen Anwaltskanzlei, der bei der Konstruktion mehrerer solcher Zweckgesellschaften mitgewirkt hat. Sie seien „eine sehr gute, robuste Konstruktion“, sagt der Jurist, der seinen Namen dennoch nicht in der Zeitung lesen will.
Steuerlich effizient war sie jedenfalls, diese Konstruktion, wie die Bilanz von Ormond Quay zum 31. März 2006 zeigt. Anlagevermögen: 9,3 Milliarden Euro. Gewinn: Acht Millionen Euro. Steuern: 250 Euro.
Weder hätten die Konstrukteure dieser Vehikel illegal gehandelt noch fahrlässig, findet der Top-Jurist. Die Kombination aus den rapiden Wertverlusten auf dem US-Hypothekenmarkt mit dem Versiegen der Liquidität auf dem Geldmarkt sei ein „unvorhersehbarer Doppelschlag“.
Etwas riskanter sei schon eine besondere Version dieser Zweckgesellschaften, die „SIV-lite“, gibt er zu. Bei ihr beträgt das Verhältnis von Eigen- zu Fremdkapital nicht eins zu zwölf oder eins zu vierzehn wie normalerweise, sondern eins zu 30 oder zu 40. Es ist also 40-mal so viel Fremdkapital im Spiel wie Eigenkapital.Ein solches „SIV-lite“ hat die SachsenLB Europe noch im Mai unter dem Namen Sachsen Funding aufgelegt. Auch die Düsseldorfer IKB, die als erste Bank durch die Finanzkrise in Schieflage geriet, hat ein „SIV-lite“ im Portfolio.
Als Erfinder dieser extrem spekulativen Finanzinstrumente gilt die britische Bankengruppe Barclays. Abnehmer der Konstruktionen waren Hedge-Fonds – und die SachsenLB. Anders als die Hedge-Fonds hat die sächsische Landesbank aber darauf verzichtet, dass Barclays sich an der Finanzierung des Vehikels beteiligt.
Üblich sei eine Liquiditätsgarantie für ein Viertel des Investitionsvolumens, heißt es bei Barclays. Das reduziert das Risiko, bei einem plötzlichen Engpass auf dem Geldmarkt in Not zu geraten. Bei Sachsen Funding fehlt dieses Sicherheitsnetz. Warum? Das wollen weder die SachsenLB noch Barclays sagen.Da andere Kunden auf der Liquiditätsgarantie bestanden, steckt jetzt auch Barclays im Schlamassel. Vergangene Woche kündigte das Institut an, man werde dem Vermögensverwalter Cairn Capital bei der Rettung eines von Barclays entwickelten „SIV-lite“ mit 1,2 Milliarden Euro Volumen helfen.
Der Leiter der zuständigen Abteilung von Barclays Capital, Edward Cahill, nahm vor zwei Wochen überraschend seinen Hut. Das habe aber nichts mit den „SIV-lites“ zu tun, heißt es bei der Bank. Überhaupt könne man Barclays keine Verantwortung dafür geben, was mit den SIVs passiere. Es sei der Kunde, der für die Qualität des Produkts zuständig sei.
Damit wäre der Schwarze Peter wieder in Dublin.