Finanzanalysten blicken in eine trübe Glaskugel


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Dixie:

Finanzanalysten blicken in eine trübe Glaskugel

 
27.09.01 09:09
Die Finanzanalysten blicken in eine trübe Glaskugel

Wall Street auf konjunkturellem Blindflug / "Ertragswende vielleicht nicht sehr inspirierend"


dri. NEW YORK, 26. September. Das Prognosegeschäft mit Aktien war selbst an der Wall Street, wo so viele Wertpapieranalysten wie nirgendwo sonst auf der Welt beschäftigt werden, noch nie eine exakte Wissenschaft. Doch in diesen Tagen scheint die Zunft der professionellen Prognostiker völlig im dunkeln zu tappen. Die Unsicherheit ist so groß wie seit vielen Jahren nicht mehr. Zwar scheint sich als Konsens herauszuschälen, daß Amerikas Wirtschaft in eine Rezession geschlittert ist. Die für den Aktienmarkt entscheidende Frage ist jedoch, ob es sich nur um eine milde und kurze Rezession oder um einen tiefen und nachhaltigen Schrumpfungsprozeß handeln wird.

Die erste Variante spräche dafür, daß die Anleger bald über das Ertragstal hinwegschauen und eine Aufschwungbewegung vorwegnehmen, die wegen der großzügigen Anreize der Geld- und Fiskalpolitik sogar sehr kraftvoll ausfallen könnte. Im Falle einer langwierigen, schweren Rezession hingegen müßten sich die Anleger warm anziehen und mit einem weiteren Abschmelzen der Aktienkurse rechnen. Welche Variante zum Tragen kommt, dürfte in erster Linie davon abhängen, welches Ausmaß der amerikanische Feldzug gegen den Terrorismus annehmen wird. Und beim Einschätzen dieses Prozesses sind in diesen Tagen nicht nur Analysten, sondern auch die Unternehmen selbst überfordert.

Die Analystengemeinde scheint regelrecht gelähmt zu sein. Die Prognosen, die die Brokerhäuser vor den Terrorakten vom 11. September abgegeben hatten, sind Makulatur geworden. Doch die Analysten tun sich schwer, ihre Modelle anzupassen. Dies liegt teilweise auch daran, daß ein Großteil der im Finanzdistrikt Manhattans beheimateten Analysten nach den Terroranschlägen evakuiert werden mußte und seither keinen Zugriff auf die alten Ertragsmodelle und Datenbanken hat. Noch schwerer wiegt jedoch der hohe Grad an Unsicherheit über die weitere Entwicklung vieler Branchen. Die einschlägigen Umfragen signalisieren, daß die Verbraucherstimmung im September dramatisch gesunken ist. Doch wie stark schlägt dies auf Schlüsselbranchen wie das Baugewerbe oder die Automobilindustrie durch?

Die Welle von Warnungen, die sich in den vergangenen zwei Wochen über die Märkte ergoß, umfaßte weit überwiegend solche Unternehmen, bei denen die Terroranschläge unmittelbar auf das Geschäft durchschlagen, also Fluggesellschaften, Flugzeughersteller und ihre Zulieferer, Touristikunternehmen, Versicherer und elektronische Medien. Doch hierbei handelte es sich wohl nur um die erste Welle der Warnungen. Die zweite dürfte spätestens in der ersten Oktoberwoche folgen. Vor allem in den meisten konsumnahen Branchen wollen Unternehmen und Analysten erst einmal Daten für zwei bis drei Wochen vorliegen haben, bevor sie eine erste vernünftige Einschätzung des veränderten Konsumverhaltens abgeben können, sagt Chuck Hill, Research-Direktor bei First Call. Laut Hill ist jedenfalls jetzt.

Fortsetzung auf Seite 33.

schon abzusehen, daß die Ertragseinbuße im laufenden Quartal nochmals stärker als im zweiten Quartal ausfallen wird. Und das zweite Quartal, in dem die operativen Gewinne der im Aktienindex S&P 500 enthaltenen Unternehmen um 17 Prozent gefallen sind, war in der Zeit vor dem 11. September als das Tief der Gewinnrezession der Unternehmen betrachtet worden. Nach Angaben von Hill könne man zudem schon jetzt fast mit Sicherheit sagen, daß auch das Schlußquartal und das erste Quartal 2002 Gewinnrückgänge bescheren werden. Die negative Gewinnserie würde damit fünf aufeinanderfolgende Quartale umfassen. Hill: "Das ist seit dreißig Jahren nicht mehr passiert."

Da die Bandbreite der Gewinnschätzungen für 2002 mit jedem Tag größer zu werden scheint, wird es auch immer schwieriger, Urteile über die Angemessenheit von Aktien- und Marktbewertungen abzugeben. Manche Marktexperten sagen ohnehin, daß es eine Zeitverschwendung sei, an diesen Markt mit Bewertungsmodellen heranzugehen. So wie der Markt in den Jahren 1999 und 2000 drastisch überbewertet gewesen sei, könne er jetzt für einige Zeit unterbewertet bleiben. Auf Bewertungen sei damals nicht geschaut worden; und das gleiche sei jetzt mit umgekehrten Vorzeichen der Fall. Gleichwohl haben in dieser Woche mit Abby Joseph Cohen von Goldman Sachs und Thomas McManus von Banc of America Securities zwei profilierte Investmentstrategen den Aktienanteil in ihren Musterportfolios mit der Begründung erhöht, daß der Markt unterbewertet sei. Cohen sieht den S&P 500 weiterhin binnen zwölf Monaten bei 1250 bis 1400 Punkten, was einem Kurssteigerungspotential von rund 25 bis 35 Prozent entspricht. Douglas Cliggott von J.P. Morgan Chase bekräftigte dagegen, daß der faire Wert des S&P 500 bei 900 Punkten liege, wenn man die derzeitige Rendite von 4,7 Prozent für die Staatsanleihe mit zehn Jahren Laufzeit zugrunde lege. Und Cliggott ist sich nach den jüngsten Ereignissen inzwischen nicht mehr so sicher, daß der Markt über das Tal in der Ertragsentwicklung hinwegschauen und diesem fairen Wert von 900 Punkten entkommen kann. Cliggott: "Das Problem ist, daß der Ertragsanstieg auf der anderen Seite des Tales nicht sehr inspirierend ausfallen dürfte." Die Erholung des Aktienmarktes in der ersten Wochenhälfte wird denn auch an der Wall Street gemeinhin als eine technische Reaktion und noch nicht als Marktwende betrachtet. "Es ist unwahrscheinlich, daß die Unsicherheit schnell verschwinden wird", sagt Edward Kersch- ner, der Investmentstratege von UBS Warburg. In Zeiten wie diesen würden Prämien für solche Aktien gezahlt werden, die die Anleger jetzt und nicht erst in der Zukunft honorieren würden, zum Beispiel über hohe Dividenden oder eine stabile Ertragsentwicklung. Zu diesen Unternehmen zählt Kerschner unter anderem American Home Products, AOL Time Warner, Cinergy, General Mills, IBM, Kimberly-Clark, Northern Trust, Pepsico, Pfizer, Walgreen und Wal-Mart. Kerschner räumt freilich ein, daß diese Aktien nicht zu den großen Gewinnern zählen werden, wenn die Unsicherheit am Markt wieder schwindet.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2001, Nr. 225 / Seite 31
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