Kurz vor dem Treffen der EU-Finanzminister an diesem Dienstag ist eine Verwarnung Deutschlands wegen des hohen Staatsdefizits fraglich geworden. (SZ vom 11.02.02) - Nach Großbritannien sprach sich am Sonntag auch Luxemburg gegen einen Blauen Brief aus Brüssel aus.
Vor der entscheidenden Sitzung der EU-Finanzminister am Dienstag sorgte der drohende „Blaue Brief“ weiterhin für heftigen innenpolitischen Streit. Die Opposition widmete sich vor allem der Kritik des Bundeskanzlers an der EU-Kommission.
Dagegen bekräftigte Gerhard Schröder gegenüber dem Handelsblatt seine ablehnende Haltung, wonach die Mahnung der EU- Kommission „mit dem Stabilitätspakt so nicht zu begründen ist“.
Unerwartete SchützenhilfeUnerwartete Schützenhilfe erhielt Rot-Grün vom Bund der Steuerzahler. Dessen Präsident Heinz Däke legte Finanzminister Hans Eichel (SPD) in einem Brief nahe, eventuell verfassungsrechtlich gegen die Bundesländer vorzugehen, die nicht bereit seien, Haushaltsdisziplin zu üben.
Schröder sagte, jene Staaten hätten Sanktionen zu erwarten, die die Kriterien des Stabilitätspaktes nicht erfüllten. Verwarnt werden sollten zudem jene, die eine falsche Stabilitätspolitik betreiben würden. Beides werfe Brüssel der Bundesrepublik aber nicht vor. Außerdem würde Deutschland die Defizit-Grenze von drei Prozent nicht überschreiten. Es fehle deshalb die „Begründung für eine Maßnahme, deren politische Wirkung ja nicht zu leugnen“ sei, sagte er.
Unterdessen zitierte die Berliner Morgenpost aus einem Schreiben von Däke an Eichel: „Sofern die Länder eine Verweigerungshaltung einnehmen, sollten Sie, sehr geehrter Herr Minister, auch daran denken, dieses Fehlverhalten auf seine Verfassungsmäßigkeit überprüfen zu lassen.“ Schließlich hätten sich die Länder mit ihrer Zustimmung zu den EU-Verträgen verpflichtet, das Defizit zu begrenzen.
Bund der Steuerzahler für Verfassungsänderung
Weiter fordert Däke eine Verfassungsänderung. So wie die Verteilung des Steueraufkommens festgelegt sei, müssten auch Defizitspielräume für den Bund und die Länder im Grundgesetz verankert werden. Es sei wichtig, den Europäischen Stabilitätspakt durch einen nationalen Stabilitätspakt abzusichern.
Nach Großbritannien hat sich auch Luxemburg gegen eine EU-Verwarnung Deutschlands wegen des hohen Staats defizits ausgesprochen. Unter Berufung auf den luxemburgischen Regierungschef Jean-Claude Juncker berichtet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, dieser sehe „keine Notwendigkeit“ für eine solche Abmahnung. „Sollte es kleine Länder geben, die ein Interesse daran haben, Deutschland zu verwarnen, gehört Luxemburg ganz sicher nicht dazu“, zitiert das Blatt Regierungskreise in Luxemburg.
„Die Argumente sind ausgetauscht“
Experten und Regierungskreise gehen davon aus, dass unter den EU- Finanzminister keine notwendige Mehrheit für den „Blauen Brief“ zu Stande kommen wird. Am Montag abend will Eichel mit den Finanzministern der Euro-12-Zone zusammenkommen. Dort soll aber nur am Rande über den möglichen Blauen Brief gesprochen werden, hieß es im Finanzministerium. „Die Argumente sind ausgetauscht“, hieß es. Man halte die Mahnung für ungerechtfertigt.
Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber warf Schröder komplettes Versagen in der Europapolitik vor. Schröders Vermutungen, „dunkle Mächte“ seien bei der Formulierung des Blauen Briefs der EU-Kommission am Werk, seien peinlich. Ursache der Warnung sei vielmehr die hausgemachte Wirtschaftsschwäche Deutschlands. Mit „hemdsärmeligen Angriffen auf die EU- Kommission“ verspiele Schröder ein „beachtliches Stück an Vertrauen“ der EU- Staaten.
Blaues Briefpapier
FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhard warf Schröder eine verfehlte Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Finanzpolitik vor. Zur Kritik Schröders an der EU-Kommission heißt es in einem auf blauem Papier übermittelten Schreiben, es stehe dem größten und wirtschaftsstärksten Land in der EU nicht gut an, wenn es ein von Deutschland seinerzeit selbst angeregtes System in Frage stelle.
Nach Ansicht von CDU/CSU-Fraktionschefs Friedrich Merz kann Eichel einen Blauen Brief nur durch „politische Kungelei im Finanzministerrat“ der EU verhindern. Im Kurier am Sonntag verwies Merz darauf, dass Deutschland die höchste Neuverschuldung aller Euro-Staaten habe. Merz erwartet, dass die Neuverschuldung des Bundes höher ausfallen werde als bisher angenommen. Sie werde 2002 mehr als 2,6 Prozent betragen, „wenn es gut geht, knapp unter drei Prozent, wahrscheinlich aber noch darüber“.
Zurückhaltung üben
Der Jura-Professor Martin Seidel übte in der Welt am Sonntag scharfe Kritik an der Debatte. Der Experte, der zu den Mitverfassern des Maastrichter Vertrages gehöre, sagte, es sei nicht vorgesehen, ein solches Verfahren öffentlich zu führen. Er verwies auf eine Rechtsverordnung, die festlege, dass eine Frühwarnung nicht veröffentlicht wird. Bei der Vorbereitung hätten alle Beteiligten größte Zurückhaltung zu üben. Dies sei im Stabilitätspakt so festgelegt.