FRANKFURT, 31. Januar. Für die Anleger an den Aktienmärkten gehen eine turbulente Woche und ein enttäuschender Monat zu Ende. Zur Wochenmitte testeten der Deutsche Aktienindex Dax sowie der Euro-Stoxx-50-Index die langjährigen Tiefstände vom vergangenen Oktober. Ein Durchbruch durch diese Marken hätte aus charttechnischer Sicht den Weg freigemacht für weitere Einbußen. Doch hielten die Unterstützungslinien: Plötzlich aufkommendes Kaufinteresse stoppte die Talfahrt, ließ den Dax von seinem Tagestief um rund 5 Prozent nach oben schnellen. Zum Wochenschluß hin gingen die Kurse aber schon wieder auf Talfahrt.
Anleger müssen sich darauf einstellen, daß die Verkaufswelle weiterrollt. Denn das Säbelrasseln in Washington deutet darauf hin, daß ein Irak-Krieg mit seinen ungewissen Folgen für Ölpreis, Wirtschaftswachstum und Unternehmensgewinne näherrückt. Das läßt vor allem professionelle Investoren Aktien verkaufen - zumal sich daran die Hoffnung knüpft, in einigen Wochen zu günstigeren Kursen wieder "einsteigen" zu können.
Doch gibt es Lichtblicke. Einige Unternehmen, so zum Beispiel Schering und Adidas-Salomon, haben 2002 trotz des schwierigen Umfelds ihren Gewinn zu steigern vermocht. Für 2003 sagen beide Konzerne noch einmal höhere Gewinne voraus - ganz schön selbstbewußt. Hingegen türmen sich bei anderen Unternehmen die Probleme. Vor allem Banken und Versicherern gehen andauernde Konjunkturschwäche und Aktienbaisse an die Substanz. Das hat die Aktien von Münchner Rück und Allianz auf vieljährige Tiefstände fallen lassen.
Eine Auswertung der jüngsten Quartalsberichte durch die Frankfurter Investmentbank Equinet legt offen, daß bei den 30 Dax-Unternehmen die stillen Reserven allein in den ersten drei Quartalen 2002 um insgesamt 43 Milliarden Euro abgeschmolzen sind. Nach diesem Aderlaß verfügen nur noch vier Unternehmen über stille Reserven, die übrigen haben stille Lasten in der Bilanz - die eines Tages die Gewinne schmälern und damit Druck auf die Aktienkurse ausüben könnten.
Bei solchen Aussichten kommt wohl nicht von ungefähr, daß Josef Ackermann in diesen Tagen den Takt der Zwischenberichterstattung in Frage gestellt hat. Das ständige Schielen auf den nächsten Quartalsbericht zwänge den Managern kurzfristiges Erfolgsstreben auf, argumentiert der Chef der Deutschen Bank. Denn liege ein Quartalsergebnis auch nur um einen Cent unter der Prognose, strafe die Börse dies bisweilen mit massiven Aktienverkäufen und großen Kursverlusten ab. Das aber bringe Unruhe ins Unternehmen, die die Manager bei ihrer eigentlichen Aufgabe, der langfristigen Wertschöpfung, behindere.
Mit ähnlichen Argumenten sträubt sich auch Porsche-Chef Wendelin Wedeking gegen Quartalsberichte. Die Deutsche Börse hat Porsche deshalb die Aufnahme in ihren "Prime Standard" verweigert. Bravo! Denn das Ansinnen von Ackermann, Wedeking & Co. ist eine Zumutung. Offenbar haben diese Manager vergessen, daß sie die Angestellten der Aktionäre sind. Deshalb ist recht und billig, daß sie den Eigentümern viermal im Jahr Rechenschaft geben. Bei Aktiengesellschaften ist diese Berichtspflicht besonders wichtig. Denn der einzelne Aktionär hat wenig Möglichkeit, auf die Geschäftsführung direkt, also zum Beispiel durch die Verpflichtung zu einem Strategiewechsel oder gar durch einen Rausschmiß, Einfluß zu nehmen. Wenn Aktionäre mit dem Management nicht einverstanden sind, bleibt ihnen deshalb nur, die Aktie zu verkaufen - was übrigens zunächst einmal für sie selbst mit Kosten, wenn nicht Verlusten verbunden ist.
Auch das Argument von der Kurzfristorientierung der Aktionäre sticht nicht. In den vergangenen Jahren haben Investoren zahllose Unternehmen finanziert, die jahrelang reine Hoffnungswerte waren und Verlust machten. Aber auch für etablierte Unternehmen gilt keineswegs, daß ein schlechtes Quartalsergebnis stets gleich einen Ausverkauf der Aktie nach sich zieht. Entscheidend für die Börsenreaktion ist vielmehr, ob die Geschäftsführung ihren Eigentümern das schlechte Ergebnis plausibel erklären kann - und ob sie einen glaubwürdigen Plan hat, die Probleme zu meistern.
Stimmen die Aktionäre in Scharen mit den Füßen ab und verkaufen ihre Aktien, mag dies den Kurs fallen lassen. Doch liegt das dann nicht daran, daß Aktionäre zu dumm sind, ihre langfristigen Interessen im Auge zu behalten, sondern daran, daß sie das Vertrauen in die Menschen verloren haben, die sie mit der Wahrung ihrer langfristigen Interessen beauftragt hatten.