Endzeit: Affen auf dem Leierkasten.


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Endzeit: Affen auf dem Leierkasten.

 
28.04.02 16:19
Peter O. Chotjewitz
Das Äffchen auf dem Leierkasten


Wer in Careggi die Zeitungsfrau nach den Medici fragt, wird rasch verdächtigt, er wolle sie auf den Arm nehmen: Ma che medici?! Hier wimmelt es von medici: Kinderärzte, Frauenärzte, Internisten! Welche wollen Sie?
Careggi, am nördlichen Hang von Firenze, ist das Quartier der Krankenanstalten. Hier liegt die Villa, in der Cosimo "der Alte" und Lorenzo "der Prächtige" starben. Ein enttäuschender Ort. Keine Schokoladenseite, keine Bibliothek, kein Schild: Hier tagten die Humanisten der 1459 von Cosimo dei Medici gegründeten platonischen Akademie, von der die Reiseführer und Renaissance-Nostalgiker noch heute schwärmen. Sic transit gloria mundi.

Ghirlandaio, Domenico "der Girlandenmaler", hat sie gemalt, die literarischen Speichellecker am Hof der Medici des 15. Jahrhunderts, al fresco im Chor von Santa Maria Novella. Eine Clique arrivierter, bornierter Wichtigtuer, Trabanten, die keinen Funken eigenes Licht mehr ausstrahlen. Vielleicht ist es wirklich nur ein treffliches Bild im realistischen Stil, aber es wirkt wie eine Verhöhnung.

Machiavelli spricht von diesen Dichtern in Sottisen. Er habe "De principatibus" weder mit rhetorischen Floskeln geschmückt noch mit irgendeinem anderen Blendwerk, mit denen viele ihr Thema aufzuputzen pflegen. Nicht minder deutlich zu Beginn der "Discorsi", wo er schreibt, er sei von dem gewöhnlichen Brauche der Schriftsteller abgewichen, die ihre Werke stets einem Fürsten widmen und alle möglichen Vorzüge an ihm preisen, statt ihn wegen aller möglichen Laster zu tadeln.

Die Klarheit seiner Gedanken und Texte schützten Nicomachia nicht vor den böswilligen Unterstellungen provinzieller Moralisten wie Friedrich II. von Preußen und auch nicht davor, von seinen eigenen Landsleuten im 19. Jahrhundert für ihren läppischen Nationalismus vereinnahmt zu werden. Aber man kann aus ihnen sattsam herauslesen, daß er nicht der Machiavellist war, für den die Höflinge aller Zeiten und Richtungen ihn seither halten wollen.

Wie wirkungsmächtig Ästhetik der Macht sein kann, zeigt die Tatsache, daß ausgerechnet jene Epoche, die als italienische Blütezeit gilt und die Reisenden millionenfach nach Florenz lockt - die Zeit zwischen der triumphalen Rückkehr des alten Cosimo aus dem Exil (1434) und dem Tod seines Enkels (1494) -, die Phase des Untergangs Italiens und des politischen und ökonomischen Bankrotts der Republik Florenz ist.

Das Verhältnis von Geist und Macht hat post festum der Hofmaler Giorgio Vasari in einem riesigen Deckengemälde im Palast der Signoria verewigt: In der Mitte schwebt Cosimo - erster Großherzog der Toskana und Ur-Ur-Enkel eines Bruders des alten Cosimo -, alle anderen sind Beiwerk.

Vasari lehrt uns: Es gibt nur zwei Möglichkeiten für den Kulturschaffenden. Entweder er schleimt sich aufs Bild drauf oder seine Chance, ein wenig berühmt zu werden und Knete zu machen, ist gering, wenn er nicht sogar eingebuchtet, gefoltert, geächtet und in den Tod getrieben wird, wie Machiavelli.

Das neue Bundeskanzleramt, Zentralagentur der Ästhetik der Macht des vierten Reiches, bekommt dieser Tage auch seine literarischen Hofschranzen - mittelmäßig wie ihre Vorgänger am dreihundertjährigen Hof der Medici. Die Namen sind austauschbar, die Warteliste ist endlos. Da die Macht jeder Politikerkaste nur geliehen und ihr Palast gedankenleer ist, muß wenigstens ein schöner Schein her: Architektur, Kunstwerke, Schneisen und Perspektiven, Hofdichter.

Der Autor, der darauf verzichtet, seinen eigenen Kopf zu gebrauchen und sich zum Parteigänger machtpolitischer Interessen machen läßt, wird bald nur noch mit Worthülsen klappern dürfen, was bekanntlich zum Handwerk gehört. Von einer gewissen Auflagenhöhe und einem gewissen Bekanntheitsgrad ab erfordert professionelles Marketing die tägliche Verkündung einer Blasphemie vor Mikrofonen und TV-Kameras. In vielen Fällen, wenn Grass, Walser, Enzensberger mal wieder dumm daherreden, möchte ich wetten, daß sie einen Roman oder Essay fertig haben, in dem derselbe Blödsinn breitgetreten wird. Die Sucht der Nachrichtenmedien nach immer neuen skandalösen Äußerungen von längst entfremdeten Dichtern hat inzwischen einer neuen (zumeist schon relativ alten) Generation von Dichtern den Wortschauplatz bereitet.

Nicht ihre Werke sind mehr Gegenstand der Debatte, sondern die verbalen Kollateralschäden, die für ihren Verkaufserfolg erforderlich sind, und da die Sendezeiten knapp, die Schlagzeilen kurz und die Geister beschränkt sind, muß auch der Dichter sich auf möglichst drastische Formeln ("Holocaust der Seelen", "Saddam gleich Hitler") und griffige Themen (der Untergang der "Gustloff", der alliierte "Bombenterror") reduzieren.

Die Aufregung, die solche scheinbaren Mißgriffe in Feuilletons und Talkshows und zuweilen sogar in Parlamenten hervorrufen, ist beabsichtigt. Warum sollte Gerhard Schröder einen Dichter zu Tisch bitten und anschließend der Presse vorführen, der es nicht versteht, sich durch Entgleisungen zu profilieren. Peter Schneider avancierte zur Hofschranze, als er den Einsatz der Bundeswehr in Bosnien forderte. Freimut Duve bekam den Job als Medienrechtsfuzzi der KSZE für die "Rampe von Srebrenica". Hans Christoph Buch tingelt seit Jahren als eine Art Karl May mit der These, daß der Genozid den Menschen genetisch eingeboren ist, sofern sie aus Afrika stammen, wobei der Leser nicht weiß, ob unser Buch jemals über die VIP-Lounge des Rhein-Main-Flughafens hinauskommt.

Mit einer analogen Äußerung hat dieser Tage ein Romancier namens José Saramago (Die Stadt der Blinden, Rowohlt, langweilig, schwülstig, von Reich-Ranicki gelobt, Bestseller) den üblichen Wind mit seinem kurzen Hemd verursacht. Während eines Besuches in Ramallah erklärte er, der "Geist von Auschwitz" schwebe über der Stadt. Von etlichen Medien wurde hinzugefügt, daß Saramago den Nobelpreis erhalten habe, während andere darauf verwiesen, er sei Kommunist gewesen. Beide Ergänzungen dienten der Relativierung. Literaturnobelpreisträger reden häufig dummes Zeug (das haben wir Deutschen leidvoll erfahren), und die Kommunisten haben die Palästinenser angeblich immer nur durch Verbalradikalismen unterstützt.

Vergleiche zwischen einem deutschen KZ im besetzten Ostpolen und einer Hühnerfarm in Ostfriesland werden, nicht erst seit Walsers Paulskirchenrede, nach folgendem Schema behandelt. Versuch 1: Der Vergleich ist im wesentlichen richtig, jedoch stark übertrieben. Versuch 2: Er ist eine unzulässige Verniedlichung und zeigt mal wieder, wohin es führt, wenn alle ständig von Auschwitz reden. Versuch 3: Der Vergleich ist einem deutschen Huhn nicht zuzumuten wegen der Juden.

Hätten die Redakteure die Nachricht korrekt gelesen, so wäre ihnen viel Gehirnschmalz erspart geblieben. Saramago war unterwegs mit einem Verein namens "internationales Schriftstellerparlament", das etwa so legitimiert ist wie Cosimos Akademie und das als Papagei der EU Besorgnisse jeder Art absondert - hatte also die Aufgabe, die partiell propalästinensische Linie der Europäer so schrill zu verkünden, daß sogar die "FAZ" aufmuckt.

Er reiste, zweitens, gleichzeitig mit dem Portugiesen Xavier Solana, der quasi als Außenminister der EU die Aufgabe hat, in einigen Nebenfragen eine andere Haltung einzunehmen als die USA, und deshalb auf Bitten derselben von Ariel Sharon daran gehindert wurde, in Ramallah Yassir Arafat zu besuchen. Außerdem zerdeppern die Israelis gerade alles, was die Regierung in Ramallah mit europäischen Milliarden aufgebaut hat. Somit war klar, daß Saramago seinem Landsmann Solana den Gefallen tun mußte, mal einen Geist von Auschwitz ziehen zu lassen.

Der Dichter im Dunstkreis der Macht: Das Äffchen auf dem Leierkasten
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