Ein Absturz der Superlative
Der Kollaps des Energie-Giganten Enron droht die größte Pleite in der US-Geschichte zu werden. Auch exzellente politische Kontakte retten nichts
Von Christina Mänz
New York - Firmenboss Kenneth L. Lay war bereits um Antworten verlegen, als noch niemand etwas von dem Kollaps des Energie-Giganten Enron ahnte. In einem Interview im August wich er Fragen zu einem Abschnitt des Jahresberichts aus, der darauf hindeutete, dass Enron größere Probleme ins Haus stünden, würden die Kredit-Ratings gesenkt oder der Aktien-Wert unter einen bestimmten Level fallen. "Da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen." Punkt.
Solches Rausreden hilft dem einst Mächtigen und Risikofreudigen jetzt nicht mehr. Lay, der vergangenes Jahr noch 132 Millionen Dollar Bonus kassierte, muss seinen Gläubigern erklären, wie das Energiehandelsunternehmen - eines der größten weltweit - die voraussichtlich größte Unternehmensinsolvenz der amerikanischen Geschichte werden konnte.
Offensichtlich wurde die Schieflage, nachdem die Fusion mit dem Wettbewerber Dynegy Inc. aus Houston gescheitert war. Enron, so deren Begründung, habe die zuvor getroffenen Fusionsvereinbarungen gebrochen, man sei mit veränderten Bedingungen, wie der schwachen finanziellen Situation des Konzerns, konfrontiert worden. Dynegys Präsident Chuck Watson sagte, unter den Bedingungen habe er erst seine Firma schützen müssen, bevor er versucht hätte, eine andere zu retten.
Der Deal platzte, kurze Zeit nachdem drei Kredit-Rating-Agenturen angekündigt hatten, ihre Bewertungen für Enrons Verbindlichkeiten auf "junk"-Status zu senken. Das Unternehmen wird durch die Herunterstufung der Kreditbewertung gezwungen, vier der 13 Milliarden Dollar Schulden unmittelbar zu begleichen. "Keine Frage, das ist das Ende von Enron", prognostiziert Gordon Howald, Analyst von Credit Lyonnais Securities in New York.
Die fehlgeschlagene Fusion löste eine Kettenreaktion aus: An der New Yorker Börse brach der Enron-Aktienkurs dramatisch ein - am Mittwoch um 85 Prozent, am Donnerstag um weitere 41 Prozent. Am Freitag pendelte die Aktie um die 30 Cent; im August 2000 wurde die Aktie noch mit 90 Dollar gehandelt. Investoren warfen allein am Mittwoch panikartig rund 340 Millionen Enron-Aktien auf den Markt - Rekord.
Noch vor wenigen Monaten war das Unternehmen, das weltweit 21.000 Mitarbeiter beschäftigt, im US-Magazin "Fortune" als siebtgrößte US-Firma gelistet worden - mit einem Marktwert von rund 93 Milliarden Dollar. "Enron war schon groß, doch letztlich nicht groß genug, um nicht zu scheitern", sagt Merrill-Lynch-Analyst Steven Fleishman. Heute wird das Unternehmen noch mit 200 Millionen Dollar bewertet.
Doch noch hat das texanische Unternehmen nicht Konkurs angemeldet, was wohl einzig verbliebene Option für den einstigen Giganten ist: Denn Enron braucht dringend Geld, Zeit und eine Restrukturierung.
Es läuft auf eines der größten und komplexesten Konkursverfahren der US-Geschichte hinaus, das Konsequenzen für hunderte anderer Firmen haben könnte - ebenso für das gesamte Energie-Handelsgeschäft weltweit. Allerdings, so sagen Experten der Branche, sei es noch zu früh, das genaue Ausmaß des Schadens für Finanzmärkte und den gesamten Energiemarkt abzusehen.
Im Strudel der Pleite befinden sich auch die Großbanken. Die Banken, bei denen Enron in der Kreide steht, sind auf der ganzen Welt verteilt: J. P. Morgan Chase aus den USA (500 Millionen Dollar), Credit Lyonnais aus Frankreich (250 Millionen Dollar), Canadian Imperial Bank (215 Millionen Dollar), ING aus Holland (195 Millionen Dollar), Abbey National aus Großbritannien (164 Millionen Dollar), Australia & New Zealand Banking (120 Millionen Dollar) und HypoVereinsbank (100 Millionen Dollar) als einer der deutschen Vertreter.
Enron hatte Schulden der vergangenen fünf Jahre nicht bilanziert - die zuvor verkündeten Gewinne ab 1997 mussten um 586 Millionen Dollar reduziert werden, das wirtschaftliche Fundament des Unternehmens war in kurzer Zeit wie ein Kartenhaus eingestürzt. Unorthodox arbeitete nicht nur die Buchhaltung. Dazu kamen undurchsichtige Geschäfts- und mangelnde Informationspolitik sowie Fehlinvestitionen, Insiderdeals.
Am Mittwoch wurden die Internet-Transaktionen des Unternehmens zunächst ganz eingestellt - derzeit werden über EnronOnline nur auf limitierter Basis Geschäfte abgewickelt. Bitter: 90 Prozent ihres Gewinns machten die Texaner bislang über ihr Internet-Geschäft.
Enron trat bisher nicht nur weltweit als Energie-Zwischenhändler für Gas und Strom auf: Dem aggressiv operierenden Unternehmen gehören Gas-Pipelines, dazu Kraftwerke in New Jersey, Mississippi, Tennessee und im Ausland, außerdem war Enron auch auf dem Kohle-Markt stark vertreten. Die Firma entstand 1985 infolge einer 2,4-Milliarden-Fusion zweier Gas-Companys. "Es handelte sich um eine verschlafene Pipeline-Firma, die sich durch den Einsatz von Technologie zu einem Handelsgiganten entwickelt hat", so Samuel E. Bodily, Wirtschaftsprofessor an der Universität Virginia. "Die Firma war wirklich innovativ und hat die Industrie verändert."
Kenneth L. Lay hatte Enron zu einem rasanten Aufstieg verholfen, auch dank exzellenter Verbindungen zu einflussreichen Politikern. Er spielt Golf mit Bill Clinton, versteht sich bestens mit US-Vizepräsident Dick Cheney und pflegt vor allem eine tiefe Freundschaft mit der Bush-Familie. Lay war in den 80er-Jahren einer der großen Geldbeschaffer für George Bush und diente als Wirtschaftsberater von George W., noch bevor dieser überhaupt an eine Präsidentschaftskandidatur dachte. Seit 1993 sponsorten Lay und Enron Bushs politische Karriere mit rund zwei Millionen Dollar, seine Beziehungen brachten Lay sogar für einen Posten im Finanzministerium ins Gespräch.
Doch in der Krise scheinen die Kontakte nicht viel zu nützen. Es gibt weder vom Weißen Haus noch vom Kongress irgendwelche Anzeichen, Enron bei den hausgemachten Problemen zu helfen. Bob McNair, ein Energie-Unternehmer aus Houston, sagte, Enron sei wie ein Bolide und der Energie-Markt eine unbarmherzige Rennstrecke: "Es ist viel schwieriger, die Spur zu halten, wenn man mit mehr als 300 Stundenkilometern unterwegs ist. Streift man ein Hindernis", so McNair, "fliegt man aus der Spur."
Quelle: Die Welt
Der Kollaps des Energie-Giganten Enron droht die größte Pleite in der US-Geschichte zu werden. Auch exzellente politische Kontakte retten nichts
Von Christina Mänz
New York - Firmenboss Kenneth L. Lay war bereits um Antworten verlegen, als noch niemand etwas von dem Kollaps des Energie-Giganten Enron ahnte. In einem Interview im August wich er Fragen zu einem Abschnitt des Jahresberichts aus, der darauf hindeutete, dass Enron größere Probleme ins Haus stünden, würden die Kredit-Ratings gesenkt oder der Aktien-Wert unter einen bestimmten Level fallen. "Da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen." Punkt.
Solches Rausreden hilft dem einst Mächtigen und Risikofreudigen jetzt nicht mehr. Lay, der vergangenes Jahr noch 132 Millionen Dollar Bonus kassierte, muss seinen Gläubigern erklären, wie das Energiehandelsunternehmen - eines der größten weltweit - die voraussichtlich größte Unternehmensinsolvenz der amerikanischen Geschichte werden konnte.
Offensichtlich wurde die Schieflage, nachdem die Fusion mit dem Wettbewerber Dynegy Inc. aus Houston gescheitert war. Enron, so deren Begründung, habe die zuvor getroffenen Fusionsvereinbarungen gebrochen, man sei mit veränderten Bedingungen, wie der schwachen finanziellen Situation des Konzerns, konfrontiert worden. Dynegys Präsident Chuck Watson sagte, unter den Bedingungen habe er erst seine Firma schützen müssen, bevor er versucht hätte, eine andere zu retten.
Der Deal platzte, kurze Zeit nachdem drei Kredit-Rating-Agenturen angekündigt hatten, ihre Bewertungen für Enrons Verbindlichkeiten auf "junk"-Status zu senken. Das Unternehmen wird durch die Herunterstufung der Kreditbewertung gezwungen, vier der 13 Milliarden Dollar Schulden unmittelbar zu begleichen. "Keine Frage, das ist das Ende von Enron", prognostiziert Gordon Howald, Analyst von Credit Lyonnais Securities in New York.
Die fehlgeschlagene Fusion löste eine Kettenreaktion aus: An der New Yorker Börse brach der Enron-Aktienkurs dramatisch ein - am Mittwoch um 85 Prozent, am Donnerstag um weitere 41 Prozent. Am Freitag pendelte die Aktie um die 30 Cent; im August 2000 wurde die Aktie noch mit 90 Dollar gehandelt. Investoren warfen allein am Mittwoch panikartig rund 340 Millionen Enron-Aktien auf den Markt - Rekord.
Noch vor wenigen Monaten war das Unternehmen, das weltweit 21.000 Mitarbeiter beschäftigt, im US-Magazin "Fortune" als siebtgrößte US-Firma gelistet worden - mit einem Marktwert von rund 93 Milliarden Dollar. "Enron war schon groß, doch letztlich nicht groß genug, um nicht zu scheitern", sagt Merrill-Lynch-Analyst Steven Fleishman. Heute wird das Unternehmen noch mit 200 Millionen Dollar bewertet.
Doch noch hat das texanische Unternehmen nicht Konkurs angemeldet, was wohl einzig verbliebene Option für den einstigen Giganten ist: Denn Enron braucht dringend Geld, Zeit und eine Restrukturierung.
Es läuft auf eines der größten und komplexesten Konkursverfahren der US-Geschichte hinaus, das Konsequenzen für hunderte anderer Firmen haben könnte - ebenso für das gesamte Energie-Handelsgeschäft weltweit. Allerdings, so sagen Experten der Branche, sei es noch zu früh, das genaue Ausmaß des Schadens für Finanzmärkte und den gesamten Energiemarkt abzusehen.
Im Strudel der Pleite befinden sich auch die Großbanken. Die Banken, bei denen Enron in der Kreide steht, sind auf der ganzen Welt verteilt: J. P. Morgan Chase aus den USA (500 Millionen Dollar), Credit Lyonnais aus Frankreich (250 Millionen Dollar), Canadian Imperial Bank (215 Millionen Dollar), ING aus Holland (195 Millionen Dollar), Abbey National aus Großbritannien (164 Millionen Dollar), Australia & New Zealand Banking (120 Millionen Dollar) und HypoVereinsbank (100 Millionen Dollar) als einer der deutschen Vertreter.
Enron hatte Schulden der vergangenen fünf Jahre nicht bilanziert - die zuvor verkündeten Gewinne ab 1997 mussten um 586 Millionen Dollar reduziert werden, das wirtschaftliche Fundament des Unternehmens war in kurzer Zeit wie ein Kartenhaus eingestürzt. Unorthodox arbeitete nicht nur die Buchhaltung. Dazu kamen undurchsichtige Geschäfts- und mangelnde Informationspolitik sowie Fehlinvestitionen, Insiderdeals.
Am Mittwoch wurden die Internet-Transaktionen des Unternehmens zunächst ganz eingestellt - derzeit werden über EnronOnline nur auf limitierter Basis Geschäfte abgewickelt. Bitter: 90 Prozent ihres Gewinns machten die Texaner bislang über ihr Internet-Geschäft.
Enron trat bisher nicht nur weltweit als Energie-Zwischenhändler für Gas und Strom auf: Dem aggressiv operierenden Unternehmen gehören Gas-Pipelines, dazu Kraftwerke in New Jersey, Mississippi, Tennessee und im Ausland, außerdem war Enron auch auf dem Kohle-Markt stark vertreten. Die Firma entstand 1985 infolge einer 2,4-Milliarden-Fusion zweier Gas-Companys. "Es handelte sich um eine verschlafene Pipeline-Firma, die sich durch den Einsatz von Technologie zu einem Handelsgiganten entwickelt hat", so Samuel E. Bodily, Wirtschaftsprofessor an der Universität Virginia. "Die Firma war wirklich innovativ und hat die Industrie verändert."
Kenneth L. Lay hatte Enron zu einem rasanten Aufstieg verholfen, auch dank exzellenter Verbindungen zu einflussreichen Politikern. Er spielt Golf mit Bill Clinton, versteht sich bestens mit US-Vizepräsident Dick Cheney und pflegt vor allem eine tiefe Freundschaft mit der Bush-Familie. Lay war in den 80er-Jahren einer der großen Geldbeschaffer für George Bush und diente als Wirtschaftsberater von George W., noch bevor dieser überhaupt an eine Präsidentschaftskandidatur dachte. Seit 1993 sponsorten Lay und Enron Bushs politische Karriere mit rund zwei Millionen Dollar, seine Beziehungen brachten Lay sogar für einen Posten im Finanzministerium ins Gespräch.
Doch in der Krise scheinen die Kontakte nicht viel zu nützen. Es gibt weder vom Weißen Haus noch vom Kongress irgendwelche Anzeichen, Enron bei den hausgemachten Problemen zu helfen. Bob McNair, ein Energie-Unternehmer aus Houston, sagte, Enron sei wie ein Bolide und der Energie-Markt eine unbarmherzige Rennstrecke: "Es ist viel schwieriger, die Spur zu halten, wenn man mit mehr als 300 Stundenkilometern unterwegs ist. Streift man ein Hindernis", so McNair, "fliegt man aus der Spur."
Quelle: Die Welt