15.04.2002 14:06
Die Zeit ist reif: Zur Kasse bitte!
Aufstiegskampf erlebt heute Abend am Bruchweg vorläufigen Höhepunkt: FSV Mainz 05 gegen Arminia Bielefeld (20.15 Uhr)
In genau drei Wochen ist alles vorbei. 21 Tage bleiben dem FSV Mainz 05, die Entscheidung herbeizuführen: Entweder die größte Fußballfete aller Zeiten mit dem Aufstieg in die Bundesliga - oder der große kollektive Schockzustand einer ganzen Stadt. Heute Abend präsentiert der Spielplan vielleicht schon den Höhepunkt dieses Finales: Duell Zweiter gegen Dritter. Das Topspiel der Liga am ausverkauften Bruchweg (20.15 Uhr/live im DSF): Mainz 05 gegen Arminia Bielefeld.
MAINZ. Der Fußballchef hatte schon vor dem 0:0 im Frankfurter Waldstadion den Notplan erklärt, wie er sich den Aufstieg des FSV Mainz 05 vorstellte: "Wenn wir beide Heimspiele gewinnen, dann sind wir auf alle Fälle durch." Das erste dieser beiden Heimspiele, die Christian Heidel meinte, steht heute Abend auf dem Spielplan der Zweiten Fußball- Bundesliga: Die 05er empfangen am ausverkauften Bruchweg den großen Rivalen im Aufstiegskampf, Arminia Bielefeld. Das andere Heimspiel ist die Partie am 28. April gegen Greuther Fürth. Dazwischen liegt der Auftritt nächsten Sonntag beim MSV Duisburg. Den Abschluss bildet die Reise am 5. Mai zu Union Berlin. Dann spätestens ist entschieden, ob in Mainz zwischen Rosenmontag und Johannisnacht die größte Fußballfete aller Zeiten steigen wird. Oder ob die Region, die sich in ein intensives 05- Fieber gesteigert hat, in einen kollektiven Schockzustand verfällt.
Vier Spieltage vor Schluss haben Jürgen Klopp und seine Leute 59 Punkte auf dem Konto. Sie haben zwei der ärgsten Verfolger im eigenen Stadion vor der Flinte. Optimale Voraussetzungen also, um den Aufstieg klar zu machen. Zwei Siege noch, und die Sache ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geritzt.
Das große Plus des FSV in dieser Saison war sein konstanter Griff nach den Zahlen. Wie die Eichhörnchen sammelten die 05er in den bisherigen 30 Auftritten ihre Punkte, hievten sich damit folgerichtig auf diesen zweiten Platz. Jetzt tritt der Klub in eine neue, in die entscheidende Phase ein: Jetzt kommt der erste richtige Zahltag. Zur Kasse bitte! Die Zeit für die "big points" ist angebrochen. Es wäre fatal, würde Mainz 05 am Ende mit mehr als 60 Punkten nicht aufsteigen, weil das Team zwar eifrig sammelte, am Ende aber vergaß, die großen Punkte einzuheimsen, die aus den direkten Vergleichen.
Zur Erinnerung: Das 1:0 in der Hinrunde auf der Bielefelder Alm ist bislang der einzige Sieg gegen einen der Aufstiegskandidaten. In Fürth verloren. In Bochum verloren - zu Hause unentschieden. In Hannover verloren - zu Hause unentschieden. Es gab mehrfach Situationen im Laufe der Runde, in der man sich durch ein Resultat die Konkurrenz vom Leib halten konnte. Heute bietet sich die größte dieser Gelegenheiten. Zugreifen!
Es war vor dem Frankfurt- Spiel, als Klopp zum wiederholten Male erklärte, die Mannschaft werde alles abrufen, was sie habe, werde noch etwas drauf packen, niemand sei motivierter, niemand wolle den Sieg mehr als die 05er. Zu sehen war das nicht immer. Was auch nicht verwundert, denn Motivation und unbändiger Wille machen in dieser Phase der Saison halt nicht mehr den Unterschied alleine aus. Die Gegner sind ebenso motiviert. Kontrahenten wie Arminia Bielefeld sind, das hat die bisherige Saison gezeigt, genauso stark wie die 05er.
Heute Abend zählt die Cleverness. Und der punktuelle Fight, mit aller Leidenschaft geführt, der die Bielefelder Aktionen bereits im Ansatz erstickt, der die Basis für eigene Torgelegenheiten bildet. Jürgen Klopp mag sich der Anforderungen aus den schlimmsten Abstiegskämpfen erinnern. Diese Qualitäten kommen auch in einem solchen Spitzenspiel zum Tragen: den Gegner bekämpfen, keine Gelegenheit zum Zugriff bieten und kühlen Herzens das Resultat erarbeiten. Ein deutliches Signal geben. Die Zeiten, in denen die 05er angetreten sind, um dem Publikum etwas bieten zu wollen, sind vorbei. Die Situation bietet den fast 16 000 Menschen, die heute Abend am Bruchweg erscheinen, genug.
Wie waren die letzten Auftritte auf heimischem Rasen? Mainz 05 stürmte los wie verbrannt, versuchte furios in der ersten Viertelstunde alles zu regeln. Die Bemühungen fanden ein abruptes Ende, die Gegner durften phasenweise machen, was sie wollten. Viele Punkte blieben auf diese Weise liegen.
Insofern war der Auftritt in Frankfurt, obwohl die Mehrzahl der 05- Anhänger eher enttäuscht nach Hause fuhr, fast schon ein Fortschritt. Denn, obwohl die 05er nicht sonderlich gut spielten, erlaubten sie dem Gegner in der zweiten Halbzeit keine Torchance aus dem Spiel heraus. Vor allem keine dieser Gelegenheiten, in der die gegnerischen Stürmer frei durch die Mitte Richtung Dimo Wache laufen konnten.
Wohlgemerkt: Mainz 05 hat unter Klopps Regie erst ein einziges Mal daheim verloren. Eine legendäre Bilanz. Genauso ist das, was der junge Trainer mit seinem Team bisher erreicht hat, sensationell. Doch wer von den Anhängern fragt danach, wenn die 05er in die Geschichte eingehen sollten als erste Mannschaft, die mit 62 Punkten nicht aufgestiegen ist? Jörg Schneider
Noch gibt's wenige Stehplatztickets. Die Kasse Haupteingang öffnet bereits um 10 Uhr.
Mainzer Rhein-Zeitung vom 15.04.2002, Seite 27.