Ach du dickes Ei
Für Programmierer sind versteckte virtuelle Ostereier oft der einzige Weg, um ihr kreatives Werk zu signieren. „EasterEggs“ können aber auch explosiv sein.

Mindestens ebenso kreativ wie die „Eier-Köpfe“ der Leipziger Künstlerin Bärbel Bernt kommen die „EasterEggs“ in der virtuellen Welt daher.
Bunte Ostereier werden am kommenden Wochenende überall versteckt: im Osternest, im Vorgarten oder hinter der Couch. Doch es gibt auch ganz andere Ostereier, virtuelle, die sich das ganze Jahr über verbergen, schwer aufzuspüren in Software, auf CD- und DVD-Medien sowie in elektronischen Geräten. Es handelt sich um versteckte Gags, Zusatzfunktionen oder Bonus-Materialien, die von den Entwicklern tief im Programmcode verborgen werden und nur durch eine ihnen bekannte Tastenabfolge oder Kombination von Mausklicks aktiviert werden können.
Für Programmierer, die im Gegensatz zu Buchautoren, Schauspielern oder Musikern meist keine namentliche Erwähnung finden, sind „EasterEggs“ der einzige Weg, um ihr kreatives Werk zu signieren. In den meisten Fällen beschränken sich EasterEggs auf Namenslisten oder Fotos der an der Programmierung beteiligten Personen. Manche verstecken jedoch gleich ein komplettes Programm: derartige virtuelle Flipperautomaten (im Textprogramm „Word 97“), Flugsimulatoren (in der Tabellenkalkulation „Excel 97“) oder Autorennen („Excel 2000“) werden aber selten gespielt, weil die Anwender weder deren Existenz in den Programmen noch die Tastaturcodes kennen, um die Spiele auf den Bildschirm zu holen.
Die Entdeckung der virtuellen Ostereier bereitet nicht nur Freude. So konnten 1995 gewiefte Besitzer des Ur-Organizers Apple Newton die eingebaute Uhr auf die Ortszeit von „Area 51“ einstellen, jener geheimen US-Militärbasis, die auf keiner Landkarte eingezeichnet war und auf der sich angeblich Außerirdische aufhalten sollen.
Auch die CIA sucht nach Nestern
Im Terminkalender erschien daraufhin ein Icon, das einen Außerirdischen („Alien“) darstellen sollte. Erst als der Apple Newton schon ausgeliefert war, fand ein Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA den Gag, der vom Hersteller Apple sofort mit einer Korrektur-Software („Patch“) entfernt werden musste.
Das half aber nur wenig: Binnen kurzer Zeit hatte die Programmierergemeinde bereits einen Gegen-Patch in Umlauf gebracht, der die „Aliens“ auf dem Newton wieder aufleben ließ.
Auch der Online-Anbieter AOL und die Suchmaschine Google mussten die Scherze ihrer Programmierer wieder entfernen: Suchbegriffe wie „crappy software“ (beschissene Software) oder „more evil than satan himself“ (böser als der Teufel) zeigten stets die Homepage von Microsoft als ersten Eintrag auf der Trefferliste an.
„EasterEggs entspringen einfach dem menschlichen Spieltrieb“, erläutert Andy Müller-Maguhn vom Chaos Computer Club (CCC). Besorgniserregender sei eher die erwachsene Variante, wenn sich unberechtigte Dritte, wie im US-Film „Wargames“ gezeigt, über eine Hintertür in der Software den vollen Zugriff auf geschützte Daten verschaffen. Besonders gefährdet seien Spiele, weil deren Entwickler zum Programmieren und Testen einen „Gott-Modus“ verwenden, der ihre Spielfiguren unverwundbar macht. Dieser „Gott-Modus“ kann durchaus in falsche Hände geraten, weil ihn die Programmierer nicht aus dem fertigen Spiel entfernen, sondern nur durch ein Passwort sichern – ein durchaus explosives Osterei.
Programmierer bauen als Selbstschutz gerne auch Hintertüren in Anwendungs-Software ein. Nach Eingabe des Passworts erhalten sie dann die volle Kontrolle über das Programm. „Das kann bei einer unehrenhafter Entlassung ein recht nützliches Pfand sein“, scherzt Müller-Maguhn. Ob eine Hintertür in den eingesetzten Programmen implementiert ist, bleibt dem Anwender verborgen. „Wer sicher gehen will, sollte sich für Open-Source-Software entscheiden, denn da ist der Programmcode ersichtlich.“
EasterEggs verstecken sich jedoch nicht nur in Software. Auch DVD-Videofilme oder Musik-CDs enthalten manchmal versteckte Bonus-Aufnahmen, die weder im Inhaltsverzeichnis angegeben werden noch eine eigene Titelnummer haben, sodass sie nicht gezielt angewählt werden können.
Erst einige Minuten nach dem letzten Lied der CD ertönt dann überraschendes Zusatzmaterial, wie zum Beispiel ein musikunterlegtes Gedicht von Robbie Williams. Vielleicht singt im nächsten Windows ja Bill Gates mit einem Linux-Pinguin im Duett.
Quelle: Süddeutsche Zeitung