Horrorszenario prognostiziert langanhaltende Bärenmärkte. Der Dax steht vor einer schwerer Woche. Die EZB ist im Zugzwang
Börsianer müssen sich warm anziehen
Wieder einmal macht die Dresdner Bank mit einer spektakulären Studie auf sich aufmerksam. Während der Großteil der Strategen mit einer kräftigen Erholung der Börsen spätestens zum Ende des Jahres rechnet, stehen die Börsen nach Ansicht der Dresdner-Investmentbanker vor einer längerfristigen Eiszeit. "Die Erwartungen über zukünftige Renditen basieren noch auf den positiven Erfahrungen aus dem Bullenmarkt Ende der 90er-Jahre", schreibt James Montier. Doch die Zeiten hätten sich radikal geändert. "Anleger müssen wählen: Entweder fallen die Aktienkurse jetzt, oder aber es gibt auf Jahre hinaus nur mickrige Renditen an der Börse."
Montier räumt schonungslos mit dem jüngsten Bullenmarkt auf. Von 1995 bis Anfang 2000 seien 80 Prozent der Kursgewinne auf eine Ausweitung der Bewertungen zurückzuführen gewesen. Dividenden hätten so gut wie keine Rolle mehr gespielt. Dieser Prozess werde sich jetzt umkehren. "Historisch gesehen stammen 52 Prozent der Aktiengewinne aus gezahlten Dividenden, ein weiterer großer Teil aus Dividendenerhöhungen und nur ein Bruchteil aus Bewertungsausweitungen", so Montier. Würden diese Maßstäbe auf die heutigen Börsen übertragen, hätte dies gravierende Auswirkungen.
Montiers Berechnungen bergen Sprengkraft. Da nach dem Bullenmarkt der 90er-Jahre nicht mehr mit Bewertungsausweitungen zu rechnen sei, müssten sich die Investoren in den kommenden Jahren nur noch mit den gegenwärtig Mini-Dividenden oder Ausschüttungserhöhungen von rund fünf Prozent bescheiden. Um aber wieder das langfristige Renditeniveau von acht bis zehn Prozent zu erzielen, müssten die Kurse entweder um über ein Drittel einbrechen oder aber es gebe auf Jahre hinaus schlechte Zeiten für Aktienanleger.
Börsianer müssen sich warm anziehen, denn die Prognosen der Dresdner-Bank-Tochter Dresdner Kleinwort Wasserstein sind durchaus ernst zu nehmen. Bereits seit dem letzten Jahr liegen die Strategen um ihren Chef Albert Edwards auf der richtigen Seite. Zwar trat der von Edwards für den 7. August diesen Jahres prognostizierte Crash nicht auf den Tag genau ein. Doch die Kurse rutschten seither weiter kräftig ab. Dax, Neuer Markt und die US-Technologiebörse Nasdaq stehen heute 20 Prozent niedriger, der Dow Jones Index hat seit den Kassandra-Rufen des Dresdner-Chefstrategen knapp 15 Prozent seines Wertes eingebüßt.
Und so könnte die neue Horrorstudie von Dresdner Kleinwort Wasserstein bereits am Montag auch in Frankfurt für Furore sorgen. Denn insgesamt blicken die Marktteilnehmern mit Skepsis in die Börsenwoche. Zwar mache die zunehmende Diskrepanz zwischen verbesserter Marktstimmung und unverändert eher schlechten Fundamentaldaten eine Prognose für die nächsten Tage schwierig, konstatiert die DZ Bank. So sei es einerseits durchaus üblich, dass die Börse mögliche positive Entwicklungstendenzen frühzeitig vorwegnehme, was zumindest tendenziell eine positive Kursprognose rechtfertigen würde. Wahrscheinlicher sei allerdings, dass derzeit ein Enttäuschungspotenzial aufgebaut werde, das sich schon bald in einer neuen deutlichen Kurskorrektur entladen könnte.
Auf die starke Verunsicherung der Anleger verweist die Commerzbank. Die Orientierungslosigkeit vieler Marktteilnehmer halte weiter an. Jede Bekanntgabe von Unternehmenszahlen führe zu überproportionalen Ausschlägen nach oben oder unten. Auch die weltpolitische Situation trage zu einer latenten Verunsicherung der Märkte bei.
Doch zu einem stärkeren Kurseinbruch dürfte es beim Dax nur kommen, wenn die Europäische Zentralbank am Donnerstag nicht wie von den meisten Experten erwartet, die Leitzinsen senken sollte. "Generell ist der Markt durch die nach wie vor hohe Liquidität nach unten einigermaßen abgesichert. Absturzgefahr auf 4250 Punkte droht nur, wenn die EZB bei den Zinsen untätig bleibt", sagt Oliver Maurer, Händler bei M.M. Warburg. Andererseits habe der Dax aber auch nach oben nur begrenztes Potenzial. "Nur wenn Terroranführer Bin Laden in Afghanistan gefasst wird, kann der Dax 300 Punkte nach oben schießen."
Die Marktbeobachter rechnen in dieser Woche mit Dax-Ständen zwischen 4400 und 4600 Punkten. Einiges dürfte auch von neuen Unternehmensnachrichten abhängen. So legen Daimler-Chrysler und die Hypo-Vereinsbank Quartalszahlen vor. In den USA ist Compaq, der Telekommunikationsausrüster Lucent Technologies, der Internet-Buchhändler Amazon und der Kopiergerätehersteller Xerox an der Reihe.
Dazu kommen wichtige Konjunkturindikatoren wie das Beige Book der Fed am Mittwoch und das Verbrauchervertrauen am Freitag. Sollten beide Indikatoren schlecht ausfallen, könnte Dresdner-Stratege Montier schon in dieser Woche mit seiner Prophezeiung recht bekommen. "Willkommen in der Eiszeit."