Vom Scheitern der Futurologie
Eine der modernen Methoden, um zukünftige Entwicklungen in Technik und Wissenschaft abzuschätzen, nennt sich „Delphi“-Verfahren. Der Name wurde augenzwinkernd gewählt, denn auch das sagenhafte Orakel von Delphi ermöglichte keineswegs den unverhüllten Blick auf kommende Geschehnisse, sondern verbarg seine Weissagungen hinter einem Schleier auszudeutender Allegorien.
Immerhin versucht das moderne „Delphi“ dem Irrtum des Einzelnen durch die „Weisheit“ der großen Zahl zu entgehen: Für das jüngste „Wissens-Delphi“ des Bundesforschungsministeriums wurde 500 Experten aus allen Disziplinen befragt, wie sich nach ihrer Einschätzung 80 unterschiedliche Wissensgebiete in den nächsten zwei Jahrzehnten entwickeln werden.
Diese Methode der Breitenstreuung macht Sinn, denn der Rückblick auf die Geschichte der Zukunftsprognosen zeigt, daß individuelle Expertenprognosen doch über Erwarten häufig neben den dann eintreffenden Entwicklungen lagen. So zum Beispiel die Expertise einer US-Bank im Jahre 1903 zu den Marktchancen jenes komischen Gefährts, das ein Henry Ford in Massen herzustellen gedachte: "Das Pferd wird immer bleiben, Automobile hingegen sind nur eine Modeerscheinung", prognostizierte die »Michigan Savings Bank« - und wurde von Motorboom überrollt.
Ähnlich wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren auch die 60er Jahre durch eine weit verbreitete Fortschritts- und Zukunftseuphorie gekennzeichnet, die sich auch wissenschaftliche Ausprägungen gab. So wie sich in der Gegenwart technische Großprojekte wie Atomenergie und Raumfahrt verwirklichen ließen, so wurde auch die Zukunft für berechenbar gehalten. Der Planungsgedanke faßte in Großindustrien und öffentlichen Institutionen allmählich Fuß.
„Zukunftsforscher“ wie der Amerikaner Herman Kahn suchten in dickleibigen Büchern („Ihr werdet es erleben“) einen Fahrplan der kommenden technischen und zivilisatorischen Entwicklung zu entwerfen. In Prognosen der 60er Jahre wurde die ständige Mondbasis für 1982 angekündigt, und für 1985 die erste bemannte Mars-Mission. "1990 gibt es Service-Roboter mit einem IQ von 150", meinten Technik-Optimisten von einst. Heute erobern gerade einmal fußballspielende Sony-Hunde die Haushalte. 1964 glaubten Wissenschaftler, daß im Jahr 2000 alle menschlichen Organe ersetzbar und drei Viertel aller Krebsarten heilbar seien. Für Spezialaufgaben würde man künstliche Menschen nach dem Baukastenprinzip zusammensetzen.
"1985 ist der Meeresgrund besiedelt. Wir bewirtschaften Unterwasserplantagen und Fisch-Kolonien", lautete eine weitere Prognosen der 60er, und: "1990 können wir das Wetter zuverlässig vorhersagen und sogar beeinflussen". Dem ist die Meteorologie mit ihren Supercomputern heute nicht viel näher gekommen, und auch die Klimaforscher, mit ihrem Blick auf die nächsten Jahrzehnte, müssen ebenfalls noch Unsicherheitsfaktoren einräumen. Megatrends wie die schnelle Verbreitung des Internet in den 90er Jahren wurden dagegen von keiner Studie in dieser Rasanz und ökonomischen Bedeutung vorausgesagt.
Zwei politische Großereignisse der 70er und 80er Jahre entzogen schließlich der jungen Disziplin der Futurologie die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit. Der Erdölpreisschock von 1973 , mit seinen Folgen für die Effizienzverbesserung in der Energietechnik, machte die kurz zuvor vorgelegten Berechnungen des „Club of Rome“ über die Grenzen des Wachstums zur Makulatur. Weder beim Erdöl noch bei anderen natürlichen Ressourcen trat die wissenschaftlich vorausberechnete Erschöpfung der Bodenschätze ein. Durch die Preisschraube nahm die Technik eine andere Entwicklung.
Noch grandioser versagten die wissenschaftlichen Zukunfts-Auguren bei der Entwicklung des Ost-West-Konflikts und der politschen Teilung der Welt. So sagte US-Zukunftsforscher Kahn voraus, daß die DDR noch vor Ende des Jahrhunderts im Nationaleinkommen den zweiten Platz in Europa hinter der Bundesrepublik Deutschland einnehmen werden. „Vor kurzem habe ich Kahns Buch wieder in die Hand genommen“, berichtete der polnische Zukunftsautor Stanislaw Lem im vorigen Jahr. „Sehr erheiternd. Es ist alles genau ganz anders geworden, als Kahn sich das vorgestellt hat. Die Kommunikation mit einer anderen Zivilisation im Weltall, die hat er in Betracht gezogen - aber den Zerfall der Sowjetunion niemals.“
Eine der modernen Methoden, um zukünftige Entwicklungen in Technik und Wissenschaft abzuschätzen, nennt sich „Delphi“-Verfahren. Der Name wurde augenzwinkernd gewählt, denn auch das sagenhafte Orakel von Delphi ermöglichte keineswegs den unverhüllten Blick auf kommende Geschehnisse, sondern verbarg seine Weissagungen hinter einem Schleier auszudeutender Allegorien.
Immerhin versucht das moderne „Delphi“ dem Irrtum des Einzelnen durch die „Weisheit“ der großen Zahl zu entgehen: Für das jüngste „Wissens-Delphi“ des Bundesforschungsministeriums wurde 500 Experten aus allen Disziplinen befragt, wie sich nach ihrer Einschätzung 80 unterschiedliche Wissensgebiete in den nächsten zwei Jahrzehnten entwickeln werden.
Diese Methode der Breitenstreuung macht Sinn, denn der Rückblick auf die Geschichte der Zukunftsprognosen zeigt, daß individuelle Expertenprognosen doch über Erwarten häufig neben den dann eintreffenden Entwicklungen lagen. So zum Beispiel die Expertise einer US-Bank im Jahre 1903 zu den Marktchancen jenes komischen Gefährts, das ein Henry Ford in Massen herzustellen gedachte: "Das Pferd wird immer bleiben, Automobile hingegen sind nur eine Modeerscheinung", prognostizierte die »Michigan Savings Bank« - und wurde von Motorboom überrollt.
Ähnlich wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren auch die 60er Jahre durch eine weit verbreitete Fortschritts- und Zukunftseuphorie gekennzeichnet, die sich auch wissenschaftliche Ausprägungen gab. So wie sich in der Gegenwart technische Großprojekte wie Atomenergie und Raumfahrt verwirklichen ließen, so wurde auch die Zukunft für berechenbar gehalten. Der Planungsgedanke faßte in Großindustrien und öffentlichen Institutionen allmählich Fuß.
„Zukunftsforscher“ wie der Amerikaner Herman Kahn suchten in dickleibigen Büchern („Ihr werdet es erleben“) einen Fahrplan der kommenden technischen und zivilisatorischen Entwicklung zu entwerfen. In Prognosen der 60er Jahre wurde die ständige Mondbasis für 1982 angekündigt, und für 1985 die erste bemannte Mars-Mission. "1990 gibt es Service-Roboter mit einem IQ von 150", meinten Technik-Optimisten von einst. Heute erobern gerade einmal fußballspielende Sony-Hunde die Haushalte. 1964 glaubten Wissenschaftler, daß im Jahr 2000 alle menschlichen Organe ersetzbar und drei Viertel aller Krebsarten heilbar seien. Für Spezialaufgaben würde man künstliche Menschen nach dem Baukastenprinzip zusammensetzen.
"1985 ist der Meeresgrund besiedelt. Wir bewirtschaften Unterwasserplantagen und Fisch-Kolonien", lautete eine weitere Prognosen der 60er, und: "1990 können wir das Wetter zuverlässig vorhersagen und sogar beeinflussen". Dem ist die Meteorologie mit ihren Supercomputern heute nicht viel näher gekommen, und auch die Klimaforscher, mit ihrem Blick auf die nächsten Jahrzehnte, müssen ebenfalls noch Unsicherheitsfaktoren einräumen. Megatrends wie die schnelle Verbreitung des Internet in den 90er Jahren wurden dagegen von keiner Studie in dieser Rasanz und ökonomischen Bedeutung vorausgesagt.
Zwei politische Großereignisse der 70er und 80er Jahre entzogen schließlich der jungen Disziplin der Futurologie die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit. Der Erdölpreisschock von 1973 , mit seinen Folgen für die Effizienzverbesserung in der Energietechnik, machte die kurz zuvor vorgelegten Berechnungen des „Club of Rome“ über die Grenzen des Wachstums zur Makulatur. Weder beim Erdöl noch bei anderen natürlichen Ressourcen trat die wissenschaftlich vorausberechnete Erschöpfung der Bodenschätze ein. Durch die Preisschraube nahm die Technik eine andere Entwicklung.
Noch grandioser versagten die wissenschaftlichen Zukunfts-Auguren bei der Entwicklung des Ost-West-Konflikts und der politschen Teilung der Welt. So sagte US-Zukunftsforscher Kahn voraus, daß die DDR noch vor Ende des Jahrhunderts im Nationaleinkommen den zweiten Platz in Europa hinter der Bundesrepublik Deutschland einnehmen werden. „Vor kurzem habe ich Kahns Buch wieder in die Hand genommen“, berichtete der polnische Zukunftsautor Stanislaw Lem im vorigen Jahr. „Sehr erheiternd. Es ist alles genau ganz anders geworden, als Kahn sich das vorgestellt hat. Die Kommunikation mit einer anderen Zivilisation im Weltall, die hat er in Betracht gezogen - aber den Zerfall der Sowjetunion niemals.“