Kennst Du schon dieses Buch - verfasst von einem absoluten Fortunafan und echt gut geschrieben?
"Tor! Tor! Tor!
Sachbuch: Spiel, Krieg oder Religion: Helmut Schümann verfolgt das
Fußballfieber
Von Alexander Remler
Das Runde muss ins Eckige: Szene aus dem Spiel Bayern
München gegen Hansa Rostock.
Foto: imago/Camera 4
Alles fing an mit einem warmen Frühlingsnachmittag, irgendwann Anfang der Sechziger. Das genaue Datum ist
Helmut Schümann inzwischen entfallen. Aber es hat eigentlich auch nie eine Rolle gespielt. Ganz im Gegenteil: Der
Grund, warum er zwar immer noch weiß, dass es an diesem Tag nach der Schule besonders warm war, aber
nicht, in welchem Jahr es sich abspielte - das ist schon der Beginn der Geschichte. Einer Geschichte seiner
Leidenschaft, die auf dem betonierten Parkplatz gleich gegenüber der elterlichen Wohnung entfacht wurde und bis
heute anhält.
Damals hat Helmut Schümann seinen ersten Kopfballtreffer erzielt. Was für ein berauschendes Gefühl! Unhaltbar
köpfte er die Flanke eines Nachbarjungen in das aus Mülltonnen aufgebaute Tor. Und zwar so präzise, dass er
dem dämlich grinsenden Torwart aus dem anderen Viertel, der zuvor noch einige Hundertprozentige vereitelt hatte,
keine Chance ließ. Was für ein Tor! So kam Helmut Schümann zum Fußball.
Warum er seiner Leidenschaft trotz aller Niederlagen und Enttäuschungen, die unweigerlich folgen sollten, treu
geblieben ist, das erzählt der Sportjournalist in seinem schönen Buch «Das Runde muss ins Eckige», einer
Chronologie des deutschen Fußballs. In Kapiteln wie «Mehr Fußball wagen» oder «Wir müssen wieder arroganter
werden» schlägt er zudem den Bogen ins Gesellschaftliche, wenn sich Bundeskanzler Kohl etwa die deutsche
Nationalmannschaft nach der Vize-Weltmeisterschaft 1986 kräftig zur Brust nahm.
Fußball und Literatur, das ist meist kein gelungenes Zusammenspiel. In Buchhandlungen erweisen sich
Sportbücher, sofern kein großes Turnier ansteht, oft als Kassengift. Und, mal ehrlich, wer erinnert sich an einen
wirklich gelungenen Fußballroman? Na ja, mit einer Ausnahme vielleicht - Nick Hornbys «Fußballfieber». Aber
sonst?
Vom Fußball zu schreiben ist schwierig. Weil jeder Fan ein potenzieller Bundestrainer ist und alles besser weiß.
Jeder Fan ist dazu auch ein Erzähler - von verpassten Siegchancen und von Flanken, die statt im Tor auf der
Tribüne landeten. Wenn man dann noch die Kommentare von Trainern, Spielern, Journalisten hinzunimmt, dann ist
klar, warum es einem Schreiber schwer fällt, gegen das Dröhnen der Fußballoper anzuschreiben. Helmut
Schümann trifft aus diesem Grund eine gute Entscheidung: Er klammert sich möglichst eng an die Fußballreportage.
Erinnert an gemeinsam gefeierte Siege genauso wie an erlittene Niederlagen. Ganz im Sinne des
Rhetorik-Professors Walter Jens, der einmal geschrieben hat: «Derle Ahlers, Otto Rowedder, Herbert Panse, Kalli
Mohr und Hanno Maack . . . wenn ich den letzten Goethe-Vers vergessen habe, werde ich den Eimsbütteler Sturm
noch aufzählen können.»
In diesem Sinne erzählt auch Helmut Schümann von Aufstellungen, an die man zwar schon lange nicht mehr
gedacht hat, die aber sofort wieder präsent sind, sobald man daran erinnert wird. Dazu von vergangenen
Meisterschaften und Abstiegen. Und von der ewigen Feindschaft in den siebziger Jahren zwischen den
Anhängern von Borussia Mönchengladbach um Günter Netzer, dem Achtundsechziger unter den Fußballern, und
den kalten Kapitalisten vom FC Bayern um Franz Beckenbauer, über dessen Eleganz sich damals die
Netzer-Stones-Fraktion mokierte: «Der schwitzt ja nicht einmal, wenn er Fußball spielt.»
Schon ergibt sich die Frage, was Fußball eigentlich ausmacht. Ist es nur ein Spiel? Da können alle wahren Fans
nur lachen! Ein Krieg? Schon eher. Vielleicht eine Religion? Aber klar doch. Der bekennende
Arsenal-London-Anbeter Nick Hornby, der in Großbritannien für die Literatur bedeutet, was Alan Shearer für den
Fußball ist, formuliert es in «Fußballfieber» so: «Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen
verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit
zu verschwenden, die damit verbunden sind.»
Eins ist auch klar: Entgegen anders lautender Meldungen ist der Grundzustand des Fußballfans die Enttäuschung.
Fast immer. Unberechtigte Elfmeter, Gegentore in der Nachspielzeit, individuelle Fehler bei Standardsituationen -
wer könnte von dieser Liste der Folterinstrumente kein Lied singen? Klar, dass das auch und insbesondere für
einen «armen Tropf, der, sagen wir, sein Herz an Fortuna Düsseldorf verloren hat» gilt, wie Günter Netzer in
seinem Vorwort zu dem Buch mit einem süffisanten Seitenblick auf den Rheinländer Helmut Schümann bemerkt.
Man merkt es vielleicht schon: «Das Runde muss ins Eckige» ist vor allem ein Buch für jene, die 90 Minuten im
Stadion auf Hundertachtzig durchzittern und für die auch das Leben außerhalb des Fußballfeldes eine Welt als
Wille und Aufstellung ist. Doch Helmut Schümann hat einen Trost: «Wer Fußballfan ist, kann kein durch und durch
langweiliger Mensch sein. Umgekehrt schon eher.» Für Fußballfans, die lesen können, ist es eine Art
Europa-Pokal-Finale unter der Leselampe.
Helmut Schümann: «Das Runde muss ins Eckige. Eine Geschichte der Bundesliga». Vorwort von Günter Netzer.
Alexander Fest Verlag, Berlin, 224 S., 36 DM."
Vielleicht kannst Du es ja in irgendeiner Bibliothek auftreiben.
Gruß Hans-Udo