Die Stunde der Statistiker
Die US-Wirtschaft ist nicht so produktiv wie bislang angenommen / Kein Grund für einen Crash
Wenn diesen Dienstag das US- Arbeitsministerium neue Zahlen zur Produktivität der US-Wirtschaft vorlegt, schaut die internationale Finanzgemeinde gebannt nach Washington. Angesichts der Unsicherheit darüber, ob sich die USA auf dem Weg in eine Rezession befinden, hat jeder neue Konjunkturindikator das Zeug, die Börse in Turbulenzen zu stürzen. Wegen einer vermeintlichen Crash-Prognose des Analysten Albert Edwards dürften die Produktivitätszahlen jedoch besonders aufmerksam registriert werden. Der Chef-Stratege der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein hatte einem Zeitungsbericht zufolge prognostiziert, die Zahl könne einen Crash – also einen Absturz der Börse um über 20 Prozent an einem Tag – auslösen.
Tatsächlich sieht Edwards in einer Studie nur „wachsende Risiken für einen Crash“. Was bleibt, ist jedoch die Vermutung des Experten, die Produktivitätszahlen könnten für die Börsianer einige unangenehme Wahrheiten bergen: Die amerikanische Wirtschaft ist nicht so produktiv wie lange Zeit angenommen, das Wachstumspotenzial der weltgrößten Volkswirtschaft ist folglich lange Zeit überschätzt worden.
Eine Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters zufolge dürfte die Produktivität der US-Wirtschaft im zweiten Quartal um 1,6 Prozent gestiegen sein. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres war die Größe noch um 6,1 Prozent gestiegen. Dass die Kennzahl offenbar drastisch zurückgegangen ist, liegt jedoch in erster Linie an einer neuen Berechnungsmethode der US-Statistiker für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – die zentrale Wirtschaftsgröße. Fällt das BIP geringer aus, schrumpft automatisch auch die daraus abgeleitete Produktivität, also die Wirtschaftsleistung bezogen auf die eingesetzte Arbeitszeit. Das US-Handelsministerium ermittelte das BIP für das zweite Quartal erstmals mit dem neuen Ansatz, und kam auf ein Wachstum von 0,7 Prozent. Die Statistiker rechneten auch bei den Wachstumszahlen der Vergangenheit nach und kamen zu dem Schluss, dass die Wirtschaftsleistung im Jahr 2000 nicht etwa um fünf, sondern lediglich um 4,1 Prozent gewachsen ist.
Schlüsselgröße Software
Der große Unterschied erklärt sich offenbar zu einem großen Teil dadurch, dass die Software-Investitionen der Unternehmen in der neuen Berechnung deutlich niedriger angesetzt werden als bislang. Die Höhe dieser Investitionen ist besonders schwer zu ermitteln, weil neben der gekauften Software in großem Umfang in den Unternehmen Software entwickelt wird. Außerdem stellt sich die Frage, ob Reparaturen an der Software als Vorleistungen angesehen werden, die nicht ins BIP eingehen, oder als Investitionen. Die Deutsche Bundesbank wies in ihrem Monatsbericht für Mai darauf hin, dass in den vergangenen Jahren das Verhältnis von Software- Investitionen zu Hardware-Investitionen – etwa Computerkäufen – in den USA weitaus stärker gestiegen sei als etwa in Europa. Die Bundesbanker halten es nicht für plausibel, dass die Amerikaner pro PC soviel mehr Software einsetzen als etwa die Deutschen. Sie sehen den Grund dafür zumindest teilweise in unterschiedlichen statistischen Verfahren.
Offenbar schätzen die US-Statistiker nun Wachstum und Produktivität vorsichtiger ein. Damit erhält die in den 90er Jahre geborene Vorstellung einen Dämpfer, die High-Tech-Revolution erhöhe das Produktivitätsniveau und ermögliche dauerhaft ein höheres inflationsfreies Wachstum. An der Börse hat sich diese Erkenntnis jedoch nach Ansicht von Ulrich Beckmann, Volkswirt bei der DB Research, bereits durchgesetzt. Tatsächlich hatte die Börse bereits auf die neu berechneten Wachstumszahlen für das zweite Quartal am Tag der Veröffentlichung am 27. Juli kaum reagiert.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
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V2000