Auf Wiedersehen, Homo oeconomicus: Lange glaubte die Wirtschaftswissenschaft, dass der Mensch sich rational verhält. Doch jetzt sehen die Forscher, wie wir wirklich entscheiden - und ziehen ihre Theorie in Zweifel
In der Wissenschaft dauern Revolutionen ein Leben lang. Vor fast einem halben Jahrhundert begann der deutsche Mathematiker und Ökonom Reinhard Selten, die Spieltheorie zu erforschen. Sie kann Situationen erhellen, in denen Menschen sich durch ihre Entscheidungen gegenseitig beeinflussen - Brettspiele genauso wie den Wettbewerb auf einzelnen Märkten. Selten war erfolgreich: Ohne seine Ideen könnten Wirtschaftswissenschaftler einige dieser kniffligen Probleme heute noch nicht verstehen.
Das reichte dem jungen Forscher aber nicht. Tatsächlich führte er ein Doppelleben. In seinem Büro entwickelte er weiter die eleganten Modelle - samt und sonders gehen sie vom rationalen Entscheider aus, der alle verfügbaren Informationen trefflich nutzt und auf diese Weise das Beste für sich herausholt. Doch immer öfter ging Reinhard Selten hinunter ins Labor und rüttelte am Fundament seiner Wissenschaft. Dort testete er, wie die Menschen sich wirklich verhalten. Studenten und andere Probanden spielten die Theorien durch und demonstrierten ein ums andere Mal, dass Menschen nicht so sind, wie Ökonomen sie über Jahrhunderte gern haben wollten. Anders als der Homo oeconomicus, jenes Extrembild des rationalen Menschen, konnten und wollten die Mitspieler ihren Eigennutz nicht maximieren. Teils schätzten sie die Situationen falsch ein und machten unbewusst Fehler; teils nahmen sie Verluste bewusst in Kauf, um andere zu Fairness und Zusammenarbeit zu erziehen - und das alles nicht bloß zufällig, sondern mit vorhersagbaren Wirkungen auf das Ergebnis des Mit- und Gegeneinanders. Fortan diente Selten die Theorie nicht mehr als eine akzeptable Vereinfachung der Wirklichkeit, sondern als Elle, an der sich die Abweichungen der Menschen vom Ideal messen lassen. Die Revolution hatte begonnen. Doch kaum jemand wollte sie wahrhaben. Selbst als Selten im Oktober 1994 als erster Deutscher den Nobelpreis für Ökonomie gewann, galt alle Aufmerksamkeit seinen Taten für die Spieltheorie. Im Trubel ging unter, dass dieser freundliche Mann längst zu den verwegensten und beharrlichsten Kritikern seiner Zunft gehörte.
Am Mittwoch vergangener Woche kam der Durchbruch. Zwei andere Pioniere der verhaltensorientierten Ökonomie erhielten den Nobelpreis: der aus Israel stammende Psychologe Daniel Kahneman und der amerikanische Experimental- forscher Vernon Smith. Es wurde höchste Zeit. In Labors und Befragungsräumen, Seminarzimmern und Lehrstuben nimmt längst eine ganze Forschergeneration das Menschenbild der Ökonomen auseinander.
"Seit drei, vier Jahren schießt die Entwicklung exponentiell in die Höhe. Heute werden Verhaltensökonomen überall gesucht", sagt der Züricher Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr, selbst ein Vorreiter der Revolution. Kein Wunder, erklären sie doch Phänomene, die ihre klassischen Kollegen nur als Verirrungen abtun konnten. So wird die besondere Furcht der Menschen belegt, ins Hintertreffen zu geraten. Sie ist ein Grund, warum Bankmanager auf Teufel komm raus riskante Kredite vergeben, wenn ein Konkurrent es vormacht. Im Abschwung, so wie jetzt, wird die Krise dann umso schwerer, weil alle Banken unter enormen Ausfällen leiden. Rationale Menschen hätten auch kaum New-Economy-Aktien gekauft, als ihr Kurs zehn mal höher war als ihre mögliche Ertragskraft. Anders sieht das bei Anlegern aus, die von der Angst gelenkt werden, den Zug zum Reichtum zu verpassen.
Selbst vermeintlich einfachen Ansprüchen an sein Verhalten mag der Mensch nicht genügen. Nur ein Beispiel: Angenommen ein Autokäufer zieht im direkten Vergleich den VW Golf einem Opel Astra vor; er findet den Opel im zweiten Vergleich jedoch besser als den Ford Focus. Dann müsste er schließlich im dritten Vergleich den VW besser finden als den Ford. Tut er vielfach aber nicht - und verletzt eine grundlegende Annahme der Ökonomie.
Wo immer die Verhaltensforscher ihre Neugier hinwenden, finden sie Widersprüche zur Theorie und säen Zweifel: Wenn die Menschen nun partout nicht so rational sind, wie die Ökonomie annahm - können sie dann wirklich von freien Märkten profitieren? Legen sie dann ihr Geld fürs Alter am besten selbst an, oder sollte der Staat auf sie aufpassen? Und umgekehrt: Muss der Staat wirklich immer neue Ökologie-Gesetze erlassen, wenn seine Bürger gar nicht so egoistisch sind wie angenommen und in einer Welt ohne tausend Vorschriften die Umwelt selbst schützen würden? Die Fragen sind offen, aber eines ist beschlossene Sache: Mit dem Menschenbild verändern die Ökonomen auch die Weltsicht ihres Faches.
Seit Adam Smith ist der rationale Entscheider die Grundlage wirtschaftlichen Denkens. Das allgemeine Credo, wenn es überhaupt zur Sprache kam, lautete so: Zwar hat der Mensch moralische Anwandlungen, zwar begeht er mitunter auch Entscheidungsfehler - aber dass einzelne Marktteilnehmer zufällig vom Ideal abweichen, ändert nichts am Marktergebnis. Selbst John Maynard Keynes hätte das unterschrieben, obwohl er doch mit der Konjunkturtheorie der Klassiker brach. Volkswirtschaften könnten in die Depression abdriften, wenn der Staat im Abschwung nicht mehr Geld ausgebe, behauptete der britische Ökonom in den dreißiger Jahren - weil jeder Bürger in der Wirtschaftskrise bereits für sich das Beste tut und Geld hortet, statt etwas zu kaufen.
Erst der spätere amerikanische Nobelpreisträger Herbert Simon hinterfragte ab 1950 die offenen und im Theoriegebäude versteckten Annahmen der Kollegen. Die Ökonomie erwartet vom Menschen, dass er nicht nur alle Handlungsalternativen überblickt, sondern auch weiß, welche Folgen mit welcher Wahrscheinlichkeit eintreten, wenn er eine Option wählt. Selbst wenn ihm hundert Alternativen offen stehen, kann er sie alle einordnen. Beobachtungen in Unternehmen und sein gesunder Menschenverstand sagten Simon aber etwas anderes. Er entwickelte ein Gegenkonzept. In Simons Welt der "begrenzten Rationalität" können sich die Menschen mit ihrer beschränkten Auffassungsgabe immer nur um einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit kümmern, und ihr Verstand kann bloß ein Bedürfnis auf einmal verarbeiten. Sie suchen sich ein paar vielversprechende Alternativen, wägen kurz ab und treffen ihre Wahl. Maximiert wird nichts. Simons Menschenmodell lässt zu, dass der Einzelne mit der Zeit höchst widersprüchliche Entscheidungen fällt.
Simons Kritik war visionär. Und sie war es auch, die den jungen Reinhard Selten ins Labor trieb. Dennoch bewegte sich die Ökonomie erst einmal in die entgegengesetzte Richtung. In immer feineren Modellen verlangten die Theoretiker immer neue Kunststücke von ihrem Homo oeconomicus. Die neoliberalen Ökonomen um Milton Friedman in Chicago verordneten ihm, dass er Investitionsentscheidungen trifft, die sein ganzes Leben umspannen.
Schließlich brachte Chicago-Boy Robert Lucas im Jahr 1979 die Theorie der rationalen Erwartungen ins Spiel. Das Postulat: Menschen entscheiden nicht bloß rational, sondern bilden auch ihre Erwartung über volkswirtschaftliche Größen wie Inflation ohne Fehl und Tadel. Um dem Modell zu genügen, müssten sie alle verfügbaren Informationen gemäß dem richtigen Modell der Volkswirtschaft verarbeiten und im Durchschnitt den richtigen Zukunftswert treffen - die Theorie war in sich bestechend und schob keynesianische Ansätze beiseite, doch der heroischen Annahme können im wirklichen Leben nicht einmal studierte Volkswirte entsprechen.
Die Rationalitätsbewegung erreichte ihren Höhepunkt. Für ihre Protagonisten hagelte es Nobelpreise. Theoretiker aus Chicago und geistesverwandten Orten wandten ihre eleganten Formelwerke auf politische Fragen und private Entscheidungen wie die Wahl des Heiratspartners an.
Der Homo oeconomicus auf dem Gipfel - doch die Gegenbewegung nahm Tempo auf. Daniel Kahneman belegte gemeinsam mit seinem 1996 verstorbenen Kollegen Amos Tversky unentwegt neu, wie weit die herrschende Theorie von der Realität entfernt war. Der Mensch, den sie aus ihrer Forschung kannten, handelte so ganz anders als jenes Wesen aus den Büchern der Ökonomen. Seine Entscheidungen beruhen nicht auf komplizierten Rechnungen, sondern auf Daumenregeln. So misst er neuen Informationen eine besonders hohe Aufmerksamkeit zu - und bewertet sie regelmäßig über. Mit dieser menschlichen Gewohnheit erklärt die "Theorie der nervösen Frösche", warum etwa der Dollarkurs ungleich stärker schwankt als die wirtschaftlichen Aussichten in Europa und Amerika: Jede kleine Neuigkeit verursacht überdimensionale Ausschläge.
Ein anderes Beispiel: Meistens hält der Mensch solche Ereignisse für wahrscheinlich, die in seiner Vorstellungswelt eine große Rolle spielen - Arbeitslose zum Beispiel erwarten für das Land eine höhere Arbeitslosigkeit als andere Bürger. Und wer sich an der Börse verzockt hat, sieht für die Zukunft des Aktienmarktes besonders schwarz. Das ist alles verständlich, widerspricht aber dem Ideal.
Kahneman und Co. zeigten, wie sich der Mensch seine komplizierte Umwelt handhabbar macht - und darüber die Gesetze der Ökonomen in den Wind schlägt. Immerzu sucht er nach Ankern für sein Denken. Wenn der Laden um die Ecke einen Preisnachlass aufhebt, ärgert uns das weniger, als wenn er den regulären Preis erhöht. Warum? Weil wir uns einen Anhaltspunkt für die Bewertung diktieren lassen - in dem Fall den "regulären" Preis. Der Homo oeconomicus würde das nie tun.
Nur selten bewertet der reale Mensch seine Optionen nach objektiven Kriterien wie Produktionskosten oder Marktlage. Wichtiger ist ihm der Vergleich zu dem, was er bisher hatte oder als seinen Anspruch betrachtete - und zum Besitz anderer. Eine Gehaltserhöhung von fünf Prozent freut uns, bis wir hören müssen, dass der lächelnde Kollege im Nebenbüro gerade zehn Prozent mehr bekommen hat. Dem Homo oeconomicus wäre das egal.
Andere Ungläubige wiesen in Experimenten nach: Auch in Wirtschaftsdingen handelt der Mensch nicht rein egoistisch. Wenn ein Kaufhaus im Unwetter den Preis für Regenschirme erhöht, wie es dem Gesetz von Angebot und Nachfrage entspricht, finden das die meisten unfair. Um eine solche Firma zu bestrafen, nehmen sie längere Fahrtwege oder schlechtere Qualität in Kauf. Andere Konsumenten meiden Produkte eines Konzerns, der Rassen diskriminiert, obwohl sie sich selbst davon keinen Vorteil versprechen.
Nichts von all dem passt zum gängigen Modell. Vernon Smith, der sich nun mit Kahneman den Nobelpreis teilt, spielte im Labor durch, wie ganze Märkte kippen können, weil die Akteure den falschen Anreizen erliegen. In diese Kategorie fällt der "Fluch des Gewinners": Auktionen, bei denen das höchste Gebot gewinnt, enden regelmäßig im wirtschaftlichen Desaster. Einige Bieter schätzen den Ertrag richtig ein, andere zu niedrig und wieder andere zu hoch. Es gewinnt aber derjenige, der den Ertrag - eines versteigerten Bohrrechts oder einer Sendelizenz beispielsweise - überschätzt. Sein Verlust ist programmiert.
Mit der Flut an Widersprüchen kommt die Erkenntnis: Die Kritik am ökonomischen Menschenbild verschwindet nicht wieder. Die Verhaltensmuster sind so tief eingewoben, dass die Verbraucher, Anleger oder Manager ihnen nicht entkommen können - wenn sie es überhaupt wollen. Mag sein, erklärt Daniel Kahneman, dass sie aus einem Fehler lernen. Doch die nächste Situation sehe immer ein wenig anders aus als die vorherige, und schon weiche man wieder vom Gebot der Rationalität ab. Anleger hätten es von früheren Börsenkrächen wissen sollen: Die Aktienblase musste platzen. Und doch war alles irgendwie neu, das Internet und die New Economy, der inflationsfreie Aufschwung in Amerika und die Sicherheit verheißenden Investmentfonds.
Gerade im Umgang mit Geld lauern so viele Gedankenfallen, dass ein eigener Forschungszweig namens Behavioral Finance das Verhalten auf den Finanzmärkten untersucht. Vorhersagbar verkaufen Anleger ihre Aktien zu spät, wenn der Kurs schnell fällt. Systematisch schätzen sie ihre eigene Prognosefähigkeit zu hoch ein und reden Abweichungen im Nachhinein schön, was die Experten als "Das wussten wir schon immer"-Effekt bezeichnen.
Wie sich der Einzelne verhält, schlägt sich oft im Marktergebnis nieder - und hebelt spätestens dann die klassische Theorie aus. Denn "die Rationalen rechnen mit den Irrationalen", erklärt Ernst Fehr. Sie treiben im Boom die Preise weiter hoch und versuchen, kurz vor der Horde auszusteigen. In der Baisse geht das Spiel genau umgekehrt. Das Auf und Ab der Finanzmärkte - und somit auch der Konjunktur - lässt sich besser erklären, wenn man die Wahrnehmung und Wünsche der Menschen für bare Münze nimmt, statt sie wegzudefinieren. Aber lässt es sich auch durch Bewusstseinswandel oder clevere Staatseingriffe verändern?
Die Revolutionäre stehen am Anfang. Das alte Menschenmodell haben sie demontiert, vom neuen halten sie aber nur Einzelteile in Händen. Daniel Kahneman findet immer neue Differenzierungen in unserem Verhalten. Zum Beispiel unterscheidet er zwischen dem Nutzen, den wir vor einem Kauf erwarten, beim Konsum erleben und später erinnern. Vielfach sind die drei Phasen alles andere als identisch. Und der Verbraucher trifft eine Wahl, die ihn später ärgert.
Als er begann, hoffte Reinhard Selten noch, das Entscheidungsverhalten lasse sich in ein paar Prinzipien zusammenfassen. Heute, viele Experimente später, meint er, dass uns Hunderte von Regeln unter all den verschiedenen Umständen leiten. Seine These: "Entscheidungen werden nicht gemacht, sie quellen auf." Rationales Abwägen ist demnach nur einer von mehreren Beratern. Manchmal schlägt dieser Berater eine Entscheidung vor, manchmal weist er lediglich auf die Vor- und Nachteile verschiedener Alternativen hin. Die Entscheidung selbst fällt dann unterbewusst - manchmal gibt die Ratio den Ausschlag, aber manchmal eben nicht, auch wenn wir unsere Wahl später als rational beschreiben.
Anders als der Homo oeconomicus ist der Homo sapiens schwer zu fassen. Die Ökonomen streiten darüber, wie weit die Revolution geht. Nicht weit, meint Joe Stiglitz, Nobelpreisträger von 2001: "Die Verhaltensökonomie reißt ein paar bleibende Löcher. Nur wenige Irrationalitäten sind wirklich von Bedeutung, der Rest ist unwichtig." Der New Yorker Professor glaubt, dass die Menschen auch in ihrem wirtschaftlichen Verhalten dazulernen, und wenn künftig ein neues Modell die Ökonomie verändere, so sagt er, dann eines über das Lernen.
Auf alle Fälle verlieren die Ökonomen das eine Modell, welches sie bedenkenlos auf alle Fragen anwenden können. Wie Naturwissenschaftler wollten sie im vergangenen Jahrhundert allgemeine Gesetze aufstellen, doch während der Newtonsche Apfel immer wieder vom Baum zur Erde fällt, ändern sich die Stimmungen der Menschen. Deshalb rücken die Verhaltensforscher die Ökonomie jetzt wieder ein Stück in Richtung Geisteswissenschaften: Für verschiedenste Situationen muss die alte Weisheit neu überprüft werden. Die dismal science, die trostlose Wissenschaft, wie die Angelsachsen sie getauft haben, wird offener, überraschender - und vielleicht für normale Menschen zugänglicher.
Rückt sie deswegen ideologisch nach links und liefert dem Staat neue Gründe einzugreifen? Vergangenes Jahr druckte die liberal-konservative Neue Zürcher Zeitung eine Serie über Verhaltensökonomie. Mit Ungeduld und Willensschwäche würden sich Verbraucher und Sparer selbst schaden, stand da unter anderem. Die Beiträge weckten manchen Zweifel an freien Märkten. Am Ende wurde es dem verantwortlichen Redakteur zu bunt, und er schrieb, die Beobachtung von unvernünftigem Verhalten könne "dazu verführen, die Menschen zu ihrem ,Glück' zwingen zu wollen".
Aber so einfach ist die Revolution gar nicht einzuordnen. "Die Verhaltensökonomie begründet nicht die Forderung nach mehr Staat", sagt Joe Stiglitz. "Wenn die Regierung lernen kann - warum dann nicht die Menschen selbst?" So gesehen, ist die Revolution der Ökonomen auch eine Herausforderung an alle Laien.
Zeit
In der Wissenschaft dauern Revolutionen ein Leben lang. Vor fast einem halben Jahrhundert begann der deutsche Mathematiker und Ökonom Reinhard Selten, die Spieltheorie zu erforschen. Sie kann Situationen erhellen, in denen Menschen sich durch ihre Entscheidungen gegenseitig beeinflussen - Brettspiele genauso wie den Wettbewerb auf einzelnen Märkten. Selten war erfolgreich: Ohne seine Ideen könnten Wirtschaftswissenschaftler einige dieser kniffligen Probleme heute noch nicht verstehen.
Das reichte dem jungen Forscher aber nicht. Tatsächlich führte er ein Doppelleben. In seinem Büro entwickelte er weiter die eleganten Modelle - samt und sonders gehen sie vom rationalen Entscheider aus, der alle verfügbaren Informationen trefflich nutzt und auf diese Weise das Beste für sich herausholt. Doch immer öfter ging Reinhard Selten hinunter ins Labor und rüttelte am Fundament seiner Wissenschaft. Dort testete er, wie die Menschen sich wirklich verhalten. Studenten und andere Probanden spielten die Theorien durch und demonstrierten ein ums andere Mal, dass Menschen nicht so sind, wie Ökonomen sie über Jahrhunderte gern haben wollten. Anders als der Homo oeconomicus, jenes Extrembild des rationalen Menschen, konnten und wollten die Mitspieler ihren Eigennutz nicht maximieren. Teils schätzten sie die Situationen falsch ein und machten unbewusst Fehler; teils nahmen sie Verluste bewusst in Kauf, um andere zu Fairness und Zusammenarbeit zu erziehen - und das alles nicht bloß zufällig, sondern mit vorhersagbaren Wirkungen auf das Ergebnis des Mit- und Gegeneinanders. Fortan diente Selten die Theorie nicht mehr als eine akzeptable Vereinfachung der Wirklichkeit, sondern als Elle, an der sich die Abweichungen der Menschen vom Ideal messen lassen. Die Revolution hatte begonnen. Doch kaum jemand wollte sie wahrhaben. Selbst als Selten im Oktober 1994 als erster Deutscher den Nobelpreis für Ökonomie gewann, galt alle Aufmerksamkeit seinen Taten für die Spieltheorie. Im Trubel ging unter, dass dieser freundliche Mann längst zu den verwegensten und beharrlichsten Kritikern seiner Zunft gehörte.
Am Mittwoch vergangener Woche kam der Durchbruch. Zwei andere Pioniere der verhaltensorientierten Ökonomie erhielten den Nobelpreis: der aus Israel stammende Psychologe Daniel Kahneman und der amerikanische Experimental- forscher Vernon Smith. Es wurde höchste Zeit. In Labors und Befragungsräumen, Seminarzimmern und Lehrstuben nimmt längst eine ganze Forschergeneration das Menschenbild der Ökonomen auseinander.
"Seit drei, vier Jahren schießt die Entwicklung exponentiell in die Höhe. Heute werden Verhaltensökonomen überall gesucht", sagt der Züricher Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr, selbst ein Vorreiter der Revolution. Kein Wunder, erklären sie doch Phänomene, die ihre klassischen Kollegen nur als Verirrungen abtun konnten. So wird die besondere Furcht der Menschen belegt, ins Hintertreffen zu geraten. Sie ist ein Grund, warum Bankmanager auf Teufel komm raus riskante Kredite vergeben, wenn ein Konkurrent es vormacht. Im Abschwung, so wie jetzt, wird die Krise dann umso schwerer, weil alle Banken unter enormen Ausfällen leiden. Rationale Menschen hätten auch kaum New-Economy-Aktien gekauft, als ihr Kurs zehn mal höher war als ihre mögliche Ertragskraft. Anders sieht das bei Anlegern aus, die von der Angst gelenkt werden, den Zug zum Reichtum zu verpassen.
Selbst vermeintlich einfachen Ansprüchen an sein Verhalten mag der Mensch nicht genügen. Nur ein Beispiel: Angenommen ein Autokäufer zieht im direkten Vergleich den VW Golf einem Opel Astra vor; er findet den Opel im zweiten Vergleich jedoch besser als den Ford Focus. Dann müsste er schließlich im dritten Vergleich den VW besser finden als den Ford. Tut er vielfach aber nicht - und verletzt eine grundlegende Annahme der Ökonomie.
Wo immer die Verhaltensforscher ihre Neugier hinwenden, finden sie Widersprüche zur Theorie und säen Zweifel: Wenn die Menschen nun partout nicht so rational sind, wie die Ökonomie annahm - können sie dann wirklich von freien Märkten profitieren? Legen sie dann ihr Geld fürs Alter am besten selbst an, oder sollte der Staat auf sie aufpassen? Und umgekehrt: Muss der Staat wirklich immer neue Ökologie-Gesetze erlassen, wenn seine Bürger gar nicht so egoistisch sind wie angenommen und in einer Welt ohne tausend Vorschriften die Umwelt selbst schützen würden? Die Fragen sind offen, aber eines ist beschlossene Sache: Mit dem Menschenbild verändern die Ökonomen auch die Weltsicht ihres Faches.
Seit Adam Smith ist der rationale Entscheider die Grundlage wirtschaftlichen Denkens. Das allgemeine Credo, wenn es überhaupt zur Sprache kam, lautete so: Zwar hat der Mensch moralische Anwandlungen, zwar begeht er mitunter auch Entscheidungsfehler - aber dass einzelne Marktteilnehmer zufällig vom Ideal abweichen, ändert nichts am Marktergebnis. Selbst John Maynard Keynes hätte das unterschrieben, obwohl er doch mit der Konjunkturtheorie der Klassiker brach. Volkswirtschaften könnten in die Depression abdriften, wenn der Staat im Abschwung nicht mehr Geld ausgebe, behauptete der britische Ökonom in den dreißiger Jahren - weil jeder Bürger in der Wirtschaftskrise bereits für sich das Beste tut und Geld hortet, statt etwas zu kaufen.
Erst der spätere amerikanische Nobelpreisträger Herbert Simon hinterfragte ab 1950 die offenen und im Theoriegebäude versteckten Annahmen der Kollegen. Die Ökonomie erwartet vom Menschen, dass er nicht nur alle Handlungsalternativen überblickt, sondern auch weiß, welche Folgen mit welcher Wahrscheinlichkeit eintreten, wenn er eine Option wählt. Selbst wenn ihm hundert Alternativen offen stehen, kann er sie alle einordnen. Beobachtungen in Unternehmen und sein gesunder Menschenverstand sagten Simon aber etwas anderes. Er entwickelte ein Gegenkonzept. In Simons Welt der "begrenzten Rationalität" können sich die Menschen mit ihrer beschränkten Auffassungsgabe immer nur um einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit kümmern, und ihr Verstand kann bloß ein Bedürfnis auf einmal verarbeiten. Sie suchen sich ein paar vielversprechende Alternativen, wägen kurz ab und treffen ihre Wahl. Maximiert wird nichts. Simons Menschenmodell lässt zu, dass der Einzelne mit der Zeit höchst widersprüchliche Entscheidungen fällt.
Simons Kritik war visionär. Und sie war es auch, die den jungen Reinhard Selten ins Labor trieb. Dennoch bewegte sich die Ökonomie erst einmal in die entgegengesetzte Richtung. In immer feineren Modellen verlangten die Theoretiker immer neue Kunststücke von ihrem Homo oeconomicus. Die neoliberalen Ökonomen um Milton Friedman in Chicago verordneten ihm, dass er Investitionsentscheidungen trifft, die sein ganzes Leben umspannen.
Schließlich brachte Chicago-Boy Robert Lucas im Jahr 1979 die Theorie der rationalen Erwartungen ins Spiel. Das Postulat: Menschen entscheiden nicht bloß rational, sondern bilden auch ihre Erwartung über volkswirtschaftliche Größen wie Inflation ohne Fehl und Tadel. Um dem Modell zu genügen, müssten sie alle verfügbaren Informationen gemäß dem richtigen Modell der Volkswirtschaft verarbeiten und im Durchschnitt den richtigen Zukunftswert treffen - die Theorie war in sich bestechend und schob keynesianische Ansätze beiseite, doch der heroischen Annahme können im wirklichen Leben nicht einmal studierte Volkswirte entsprechen.
Die Rationalitätsbewegung erreichte ihren Höhepunkt. Für ihre Protagonisten hagelte es Nobelpreise. Theoretiker aus Chicago und geistesverwandten Orten wandten ihre eleganten Formelwerke auf politische Fragen und private Entscheidungen wie die Wahl des Heiratspartners an.
Der Homo oeconomicus auf dem Gipfel - doch die Gegenbewegung nahm Tempo auf. Daniel Kahneman belegte gemeinsam mit seinem 1996 verstorbenen Kollegen Amos Tversky unentwegt neu, wie weit die herrschende Theorie von der Realität entfernt war. Der Mensch, den sie aus ihrer Forschung kannten, handelte so ganz anders als jenes Wesen aus den Büchern der Ökonomen. Seine Entscheidungen beruhen nicht auf komplizierten Rechnungen, sondern auf Daumenregeln. So misst er neuen Informationen eine besonders hohe Aufmerksamkeit zu - und bewertet sie regelmäßig über. Mit dieser menschlichen Gewohnheit erklärt die "Theorie der nervösen Frösche", warum etwa der Dollarkurs ungleich stärker schwankt als die wirtschaftlichen Aussichten in Europa und Amerika: Jede kleine Neuigkeit verursacht überdimensionale Ausschläge.
Ein anderes Beispiel: Meistens hält der Mensch solche Ereignisse für wahrscheinlich, die in seiner Vorstellungswelt eine große Rolle spielen - Arbeitslose zum Beispiel erwarten für das Land eine höhere Arbeitslosigkeit als andere Bürger. Und wer sich an der Börse verzockt hat, sieht für die Zukunft des Aktienmarktes besonders schwarz. Das ist alles verständlich, widerspricht aber dem Ideal.
Kahneman und Co. zeigten, wie sich der Mensch seine komplizierte Umwelt handhabbar macht - und darüber die Gesetze der Ökonomen in den Wind schlägt. Immerzu sucht er nach Ankern für sein Denken. Wenn der Laden um die Ecke einen Preisnachlass aufhebt, ärgert uns das weniger, als wenn er den regulären Preis erhöht. Warum? Weil wir uns einen Anhaltspunkt für die Bewertung diktieren lassen - in dem Fall den "regulären" Preis. Der Homo oeconomicus würde das nie tun.
Nur selten bewertet der reale Mensch seine Optionen nach objektiven Kriterien wie Produktionskosten oder Marktlage. Wichtiger ist ihm der Vergleich zu dem, was er bisher hatte oder als seinen Anspruch betrachtete - und zum Besitz anderer. Eine Gehaltserhöhung von fünf Prozent freut uns, bis wir hören müssen, dass der lächelnde Kollege im Nebenbüro gerade zehn Prozent mehr bekommen hat. Dem Homo oeconomicus wäre das egal.
Andere Ungläubige wiesen in Experimenten nach: Auch in Wirtschaftsdingen handelt der Mensch nicht rein egoistisch. Wenn ein Kaufhaus im Unwetter den Preis für Regenschirme erhöht, wie es dem Gesetz von Angebot und Nachfrage entspricht, finden das die meisten unfair. Um eine solche Firma zu bestrafen, nehmen sie längere Fahrtwege oder schlechtere Qualität in Kauf. Andere Konsumenten meiden Produkte eines Konzerns, der Rassen diskriminiert, obwohl sie sich selbst davon keinen Vorteil versprechen.
Nichts von all dem passt zum gängigen Modell. Vernon Smith, der sich nun mit Kahneman den Nobelpreis teilt, spielte im Labor durch, wie ganze Märkte kippen können, weil die Akteure den falschen Anreizen erliegen. In diese Kategorie fällt der "Fluch des Gewinners": Auktionen, bei denen das höchste Gebot gewinnt, enden regelmäßig im wirtschaftlichen Desaster. Einige Bieter schätzen den Ertrag richtig ein, andere zu niedrig und wieder andere zu hoch. Es gewinnt aber derjenige, der den Ertrag - eines versteigerten Bohrrechts oder einer Sendelizenz beispielsweise - überschätzt. Sein Verlust ist programmiert.
Mit der Flut an Widersprüchen kommt die Erkenntnis: Die Kritik am ökonomischen Menschenbild verschwindet nicht wieder. Die Verhaltensmuster sind so tief eingewoben, dass die Verbraucher, Anleger oder Manager ihnen nicht entkommen können - wenn sie es überhaupt wollen. Mag sein, erklärt Daniel Kahneman, dass sie aus einem Fehler lernen. Doch die nächste Situation sehe immer ein wenig anders aus als die vorherige, und schon weiche man wieder vom Gebot der Rationalität ab. Anleger hätten es von früheren Börsenkrächen wissen sollen: Die Aktienblase musste platzen. Und doch war alles irgendwie neu, das Internet und die New Economy, der inflationsfreie Aufschwung in Amerika und die Sicherheit verheißenden Investmentfonds.
Gerade im Umgang mit Geld lauern so viele Gedankenfallen, dass ein eigener Forschungszweig namens Behavioral Finance das Verhalten auf den Finanzmärkten untersucht. Vorhersagbar verkaufen Anleger ihre Aktien zu spät, wenn der Kurs schnell fällt. Systematisch schätzen sie ihre eigene Prognosefähigkeit zu hoch ein und reden Abweichungen im Nachhinein schön, was die Experten als "Das wussten wir schon immer"-Effekt bezeichnen.
Wie sich der Einzelne verhält, schlägt sich oft im Marktergebnis nieder - und hebelt spätestens dann die klassische Theorie aus. Denn "die Rationalen rechnen mit den Irrationalen", erklärt Ernst Fehr. Sie treiben im Boom die Preise weiter hoch und versuchen, kurz vor der Horde auszusteigen. In der Baisse geht das Spiel genau umgekehrt. Das Auf und Ab der Finanzmärkte - und somit auch der Konjunktur - lässt sich besser erklären, wenn man die Wahrnehmung und Wünsche der Menschen für bare Münze nimmt, statt sie wegzudefinieren. Aber lässt es sich auch durch Bewusstseinswandel oder clevere Staatseingriffe verändern?
Die Revolutionäre stehen am Anfang. Das alte Menschenmodell haben sie demontiert, vom neuen halten sie aber nur Einzelteile in Händen. Daniel Kahneman findet immer neue Differenzierungen in unserem Verhalten. Zum Beispiel unterscheidet er zwischen dem Nutzen, den wir vor einem Kauf erwarten, beim Konsum erleben und später erinnern. Vielfach sind die drei Phasen alles andere als identisch. Und der Verbraucher trifft eine Wahl, die ihn später ärgert.
Als er begann, hoffte Reinhard Selten noch, das Entscheidungsverhalten lasse sich in ein paar Prinzipien zusammenfassen. Heute, viele Experimente später, meint er, dass uns Hunderte von Regeln unter all den verschiedenen Umständen leiten. Seine These: "Entscheidungen werden nicht gemacht, sie quellen auf." Rationales Abwägen ist demnach nur einer von mehreren Beratern. Manchmal schlägt dieser Berater eine Entscheidung vor, manchmal weist er lediglich auf die Vor- und Nachteile verschiedener Alternativen hin. Die Entscheidung selbst fällt dann unterbewusst - manchmal gibt die Ratio den Ausschlag, aber manchmal eben nicht, auch wenn wir unsere Wahl später als rational beschreiben.
Anders als der Homo oeconomicus ist der Homo sapiens schwer zu fassen. Die Ökonomen streiten darüber, wie weit die Revolution geht. Nicht weit, meint Joe Stiglitz, Nobelpreisträger von 2001: "Die Verhaltensökonomie reißt ein paar bleibende Löcher. Nur wenige Irrationalitäten sind wirklich von Bedeutung, der Rest ist unwichtig." Der New Yorker Professor glaubt, dass die Menschen auch in ihrem wirtschaftlichen Verhalten dazulernen, und wenn künftig ein neues Modell die Ökonomie verändere, so sagt er, dann eines über das Lernen.
Auf alle Fälle verlieren die Ökonomen das eine Modell, welches sie bedenkenlos auf alle Fragen anwenden können. Wie Naturwissenschaftler wollten sie im vergangenen Jahrhundert allgemeine Gesetze aufstellen, doch während der Newtonsche Apfel immer wieder vom Baum zur Erde fällt, ändern sich die Stimmungen der Menschen. Deshalb rücken die Verhaltensforscher die Ökonomie jetzt wieder ein Stück in Richtung Geisteswissenschaften: Für verschiedenste Situationen muss die alte Weisheit neu überprüft werden. Die dismal science, die trostlose Wissenschaft, wie die Angelsachsen sie getauft haben, wird offener, überraschender - und vielleicht für normale Menschen zugänglicher.
Rückt sie deswegen ideologisch nach links und liefert dem Staat neue Gründe einzugreifen? Vergangenes Jahr druckte die liberal-konservative Neue Zürcher Zeitung eine Serie über Verhaltensökonomie. Mit Ungeduld und Willensschwäche würden sich Verbraucher und Sparer selbst schaden, stand da unter anderem. Die Beiträge weckten manchen Zweifel an freien Märkten. Am Ende wurde es dem verantwortlichen Redakteur zu bunt, und er schrieb, die Beobachtung von unvernünftigem Verhalten könne "dazu verführen, die Menschen zu ihrem ,Glück' zwingen zu wollen".
Aber so einfach ist die Revolution gar nicht einzuordnen. "Die Verhaltensökonomie begründet nicht die Forderung nach mehr Staat", sagt Joe Stiglitz. "Wenn die Regierung lernen kann - warum dann nicht die Menschen selbst?" So gesehen, ist die Revolution der Ökonomen auch eine Herausforderung an alle Laien.
Zeit