Unternehmer oder Investor?
Wie nie zuvor haben der Bullenmarkt an der Börse und die Dominanz des finanzwirtschaftlichen Denkens die Sprache verseucht und das Verständnis für vernünftiges Wirtschaften irregeführt. Wer die gegenwärtige Wirtschaftslage verstehen und als Manager und Unternehmer erfolgreich sein will, muss sich eine neue Klarheit schaffen.
Wer die Vorgänge in der Wirtschaft verstehen will, vor allem das Abdriften und möglicherweise baldige Abstürzen der Konjunktur in eine Rezession oder Schlimmeres, muss zwei verschiedene Wirtschaften unterscheiden: die Realwirtschaft und die Finanzwirtschaft.
Bis vor vielleicht zehn Jahren haben sich beide parallel entwickelt. Die an den Finanzmärkten gehandelten Volumen hatten eine enge Korrelation zu den Volumen der Weltinvestitionen und des Welthandels. Heute sind die Finanzwirtschaft und die Realwirtschaft fast völlig entkoppelt. Sie haben kaum noch etwas gemeinsam. Jede hat ihre eigene Logik und folgt anderen Regeln und Gesetzmäßigkeiten.
Das hat nebst anderen Missverständnissen und Irrlehren auch zu einer unheilvollen Verwechslung von Unternehmern und Investoren geführt. Damit ist außerdem eine gefährliche Verfälschung der Grundideen über vernünftige Unternehmensführung entstanden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die modischen Irrtümer über den Weg der Corporate-Governance-Diskussion und eine darauf basierende Aktienrechtsreform juristisch zementiert werden und die Wirtschaft Deutschlands für Jahrzehnte auf einen Pfad der Fehlentwicklung gelenkt wird. Dabei haben die Großunternehmen, wie immer, eine besondere Bedeutung, sowohl auf der Signalebene als auch bezüglich der Fehlallokation von realwirtschaftlichen Ressourcen.
Gefährliche Verwechslung
Jeder Unternehmer ist ein Investor. Aber ist jeder Investor auch ein Unternehmer? Es wird so behauptet und verstanden. Aber es ist falsch.
Durch die Entwicklung an den Börsen und auf den Finanzmärkten wird eine wichtige Unterscheidung in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit zunehmend verwischt - der Unterschied zwischen dem Unternehmer-Aktionär und dem Investor-Aktionär. Eigentum an einem Unternehmen und Eigentum an Aktien wird zwar durch dasselbe Papier verbrieft, und juristisch mag es keine Unterschiede geben. Wirtschaftlich, gesellschaftlich und bezogen auf die Frage richtiger Unternehmensführung könnten die Unterschiede aber gar nicht größer sein. Die folgenden Überlegungen gelten sowohl für den Eigentümerunternehmer als auch für den unternehmerisch handelnden Manager.
Man glaubt, eine neue Form des Kapitalismus erfunden zu haben. Die einen beklagen sie; von anderen wird sie begrüßt. Wie auch immer man dazu stehen mag - bisher wurde erst die Hälfte der Wahrheit beachtet, und es war auch nur diese wichtig. Nun zwingt, wie ich seit langem vorausgesagt habe, die Börsenentwicklung dazu, dass man die zweite Hälfte zur Kenntnis nehmen muss. In Asien, vor allem in Japan, ist es schon seit langem so. Es ist die alte Erfahrung aller Großkapitalisten aller Epochen: "If you can't sell, you have to care...!"
Andere Ziele, andere Logik
Der Investor operiert auf Zeit; er ist an seinen Papieren interessiert, solange sie rentieren. Unternehmerische Tätigkeit ist aber vom Prinzip her auf Dauer angelegt.
Der Investor-Aktionär gibt bei Schwierigkeiten auf - he sells -, und wenn er klug ist, dann legt er seine Investments nachgerade so an, dass er sich möglichst schnell wieder von ihnen trennen kann, zum Beispiel dadurch, dass er sich nur in sehr liquiden Märkten engagiert, wo er auch große Volumen problemlos, das heißt ohne Auswirkung auf die Preisbildung verkaufen kann.
Der Unternehmer-Aktionär reagiert bei Schwierigkeiten aber ganz anders: Er kämpft - he cares. Aus welchen Gründen er das tut, mag zweitrangig sein; wichtig ist, dass er es tut.
Der eine kämpft, weil er gar nicht verkaufen kann. Für den anderen ist sein Unternehmen mehr und etwas anderes als nur eine Money-Machine - es ist sein Lebenswerk und oft das von Generationen. Ein Dritter kämpft vielleicht, weil er nie mehr in die Abhängigkeit eines Arbeitsverhältnisses geraten will. Wie auch immer - er kämpft.
Fixiert auf Gewinnmaximierung
Der Investor ist an einer Ressource interessiert - an Geld -, und diese maximiert er. Die unternehmerische Aufgabe ist aber auf mehrere Ressourcen gerichtet, sie ist so definiert, nämlich als die Kombination von Ressourcen, und diese muss balanciert werden - möglichst kreativ, möglichst neu, möglichst produktiv. Der Investor versteht zwar alles von einer Ressource, nämlich von Geld, aber wenig bis gar nichts von der realen Wirtschaft.
Der Investor-Aktionär ist - zurecht - nur am finanzwirtschaftlichen Ertrag interessiert. Etwas anderes braucht ihn gar nicht zu beschäftigen - außer als Indikator, welche Papiere er kaufen soll. Dem Unternehmer-Aktionär ist der Finanzertrag zwar auch nicht gleichgültig; er muss aber zwangsläufig an der Leistung und Leistungsfähigkeit des Gesamtunternehmens interessiert sein, auch wenn ihm das nicht immer passt und nicht immer leicht fällt. Er hat gar keine andere Wahl.
Der Investor maximiert den Gewinn, auf anderes braucht er nicht zu achten. Unternehmer und Unternehmen müssen ihre Marktstellung maximieren, denn dies ist die Voraussetzung für den finanziellen Erfolg.
Kämpfer in schwierigen Lagen
Der Investor orientiert sich am Shareholder-Value; für den Unternehmer gibt es nur eine Richtgröße, den Customer-Value. Versagt er hier, wird er, wie täglich gesehen werden kann, schnell keine Shareholder mehr haben. Während der Investor in den Reuters-Bildschirm schaut, weil dort alles zu finden ist, was er braucht, muss der Unternehmer auf den Markt und seine Kunden schauen.
Für den Investor ist die Börse unabdingbar. Wenn es sie nicht gäbe, könnte er seine Investorenziele nicht verfolgen und schon gar nicht erreichen. Er müsste zum Unternehmer mutieren. Der Unternehmer aber braucht - im Prinzip - keine Börse. Unternehmer und Unternehmen gibt es auch ohne Börsen - so wichtig diese in vielerlei Hinsicht sind. Es gab Unternehmer, lange bevor es Börsen gab, ja lange, bevor es Banken gab, und es gab sie auch dann, wenn Börsen und Banken zusammenbrachen und temporär geschlossen wurden.
Der Investor, insbesondere jener des Shareholder-Value-Typs, tritt nur in Bullmarkets auf. Der Unternehmer ist ein wirtschaftlicher Allwetter-Typ, und das richtig und gut geführte Unternehmen muss sich gerade in schwierigen Wirtschaftslagen bewähren. Der Investortyp hat während des Bullmarket beteuert, Werte zu schaffen und ist so zur Leitfigur der missverstandenen Wirtschaft geworden. In einem Bearmarket passiert aber das Gegenteil: Er vernichtet wirtschaftliche Werte aktiv, weil er nur auf der Shortseite des Marktes seine Performance erzielen kann. Je tiefer die Aktienkurse fallen, umso besser rentieren Puts und Shortsales. In Japan ist das seit zehn Jahren so. Gerade dann aber, bei tiefen Preisen, werden realwirtschaftlich orientierte Unternehmer und Unternehmen aktiv und beginnen wieder, Werte zu schaffen, indem sie kaufen.
Zwingendes Umlernen
Jede Zeit hat ihre Helden, und jeder muss selbst entscheiden, ob er auch dazugehören will. Die Helden der letzten Jahre waren die Investor-Aktionäre. Was den asiatischen Ländern schon seit langem Not tut, sind aber möglichst viele Unternehmer - wirtschaftliche Allwetter-Kapitäne, die kämpfen, wenn man kämpfen muss, und sich nicht mit einem Federstrich von ihren Investments trennen, wenn es Schwierigkeiten gibt.
Mit den kollabierenden Börsen hat die realwirtschaftliche Logik nun auch die anderen Wirtschaftsräume eingeholt. Es war unvermeidlich, weil es auf Dauer keine andere Logik geben kann. Wer erfolgreich als Unternehmer und Manager sein will, muss sie zügig akzeptieren und umlernen.
Fredmund Malik
© manager-magazin.de 2001
Wie nie zuvor haben der Bullenmarkt an der Börse und die Dominanz des finanzwirtschaftlichen Denkens die Sprache verseucht und das Verständnis für vernünftiges Wirtschaften irregeführt. Wer die gegenwärtige Wirtschaftslage verstehen und als Manager und Unternehmer erfolgreich sein will, muss sich eine neue Klarheit schaffen.
Wer die Vorgänge in der Wirtschaft verstehen will, vor allem das Abdriften und möglicherweise baldige Abstürzen der Konjunktur in eine Rezession oder Schlimmeres, muss zwei verschiedene Wirtschaften unterscheiden: die Realwirtschaft und die Finanzwirtschaft.
Bis vor vielleicht zehn Jahren haben sich beide parallel entwickelt. Die an den Finanzmärkten gehandelten Volumen hatten eine enge Korrelation zu den Volumen der Weltinvestitionen und des Welthandels. Heute sind die Finanzwirtschaft und die Realwirtschaft fast völlig entkoppelt. Sie haben kaum noch etwas gemeinsam. Jede hat ihre eigene Logik und folgt anderen Regeln und Gesetzmäßigkeiten.
Das hat nebst anderen Missverständnissen und Irrlehren auch zu einer unheilvollen Verwechslung von Unternehmern und Investoren geführt. Damit ist außerdem eine gefährliche Verfälschung der Grundideen über vernünftige Unternehmensführung entstanden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die modischen Irrtümer über den Weg der Corporate-Governance-Diskussion und eine darauf basierende Aktienrechtsreform juristisch zementiert werden und die Wirtschaft Deutschlands für Jahrzehnte auf einen Pfad der Fehlentwicklung gelenkt wird. Dabei haben die Großunternehmen, wie immer, eine besondere Bedeutung, sowohl auf der Signalebene als auch bezüglich der Fehlallokation von realwirtschaftlichen Ressourcen.
Gefährliche Verwechslung
Jeder Unternehmer ist ein Investor. Aber ist jeder Investor auch ein Unternehmer? Es wird so behauptet und verstanden. Aber es ist falsch.
Durch die Entwicklung an den Börsen und auf den Finanzmärkten wird eine wichtige Unterscheidung in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit zunehmend verwischt - der Unterschied zwischen dem Unternehmer-Aktionär und dem Investor-Aktionär. Eigentum an einem Unternehmen und Eigentum an Aktien wird zwar durch dasselbe Papier verbrieft, und juristisch mag es keine Unterschiede geben. Wirtschaftlich, gesellschaftlich und bezogen auf die Frage richtiger Unternehmensführung könnten die Unterschiede aber gar nicht größer sein. Die folgenden Überlegungen gelten sowohl für den Eigentümerunternehmer als auch für den unternehmerisch handelnden Manager.
Man glaubt, eine neue Form des Kapitalismus erfunden zu haben. Die einen beklagen sie; von anderen wird sie begrüßt. Wie auch immer man dazu stehen mag - bisher wurde erst die Hälfte der Wahrheit beachtet, und es war auch nur diese wichtig. Nun zwingt, wie ich seit langem vorausgesagt habe, die Börsenentwicklung dazu, dass man die zweite Hälfte zur Kenntnis nehmen muss. In Asien, vor allem in Japan, ist es schon seit langem so. Es ist die alte Erfahrung aller Großkapitalisten aller Epochen: "If you can't sell, you have to care...!"
Andere Ziele, andere Logik
Der Investor operiert auf Zeit; er ist an seinen Papieren interessiert, solange sie rentieren. Unternehmerische Tätigkeit ist aber vom Prinzip her auf Dauer angelegt.
Der Investor-Aktionär gibt bei Schwierigkeiten auf - he sells -, und wenn er klug ist, dann legt er seine Investments nachgerade so an, dass er sich möglichst schnell wieder von ihnen trennen kann, zum Beispiel dadurch, dass er sich nur in sehr liquiden Märkten engagiert, wo er auch große Volumen problemlos, das heißt ohne Auswirkung auf die Preisbildung verkaufen kann.
Der Unternehmer-Aktionär reagiert bei Schwierigkeiten aber ganz anders: Er kämpft - he cares. Aus welchen Gründen er das tut, mag zweitrangig sein; wichtig ist, dass er es tut.
Der eine kämpft, weil er gar nicht verkaufen kann. Für den anderen ist sein Unternehmen mehr und etwas anderes als nur eine Money-Machine - es ist sein Lebenswerk und oft das von Generationen. Ein Dritter kämpft vielleicht, weil er nie mehr in die Abhängigkeit eines Arbeitsverhältnisses geraten will. Wie auch immer - er kämpft.
Fixiert auf Gewinnmaximierung
Der Investor ist an einer Ressource interessiert - an Geld -, und diese maximiert er. Die unternehmerische Aufgabe ist aber auf mehrere Ressourcen gerichtet, sie ist so definiert, nämlich als die Kombination von Ressourcen, und diese muss balanciert werden - möglichst kreativ, möglichst neu, möglichst produktiv. Der Investor versteht zwar alles von einer Ressource, nämlich von Geld, aber wenig bis gar nichts von der realen Wirtschaft.
Der Investor-Aktionär ist - zurecht - nur am finanzwirtschaftlichen Ertrag interessiert. Etwas anderes braucht ihn gar nicht zu beschäftigen - außer als Indikator, welche Papiere er kaufen soll. Dem Unternehmer-Aktionär ist der Finanzertrag zwar auch nicht gleichgültig; er muss aber zwangsläufig an der Leistung und Leistungsfähigkeit des Gesamtunternehmens interessiert sein, auch wenn ihm das nicht immer passt und nicht immer leicht fällt. Er hat gar keine andere Wahl.
Der Investor maximiert den Gewinn, auf anderes braucht er nicht zu achten. Unternehmer und Unternehmen müssen ihre Marktstellung maximieren, denn dies ist die Voraussetzung für den finanziellen Erfolg.
Kämpfer in schwierigen Lagen
Der Investor orientiert sich am Shareholder-Value; für den Unternehmer gibt es nur eine Richtgröße, den Customer-Value. Versagt er hier, wird er, wie täglich gesehen werden kann, schnell keine Shareholder mehr haben. Während der Investor in den Reuters-Bildschirm schaut, weil dort alles zu finden ist, was er braucht, muss der Unternehmer auf den Markt und seine Kunden schauen.
Für den Investor ist die Börse unabdingbar. Wenn es sie nicht gäbe, könnte er seine Investorenziele nicht verfolgen und schon gar nicht erreichen. Er müsste zum Unternehmer mutieren. Der Unternehmer aber braucht - im Prinzip - keine Börse. Unternehmer und Unternehmen gibt es auch ohne Börsen - so wichtig diese in vielerlei Hinsicht sind. Es gab Unternehmer, lange bevor es Börsen gab, ja lange, bevor es Banken gab, und es gab sie auch dann, wenn Börsen und Banken zusammenbrachen und temporär geschlossen wurden.
Der Investor, insbesondere jener des Shareholder-Value-Typs, tritt nur in Bullmarkets auf. Der Unternehmer ist ein wirtschaftlicher Allwetter-Typ, und das richtig und gut geführte Unternehmen muss sich gerade in schwierigen Wirtschaftslagen bewähren. Der Investortyp hat während des Bullmarket beteuert, Werte zu schaffen und ist so zur Leitfigur der missverstandenen Wirtschaft geworden. In einem Bearmarket passiert aber das Gegenteil: Er vernichtet wirtschaftliche Werte aktiv, weil er nur auf der Shortseite des Marktes seine Performance erzielen kann. Je tiefer die Aktienkurse fallen, umso besser rentieren Puts und Shortsales. In Japan ist das seit zehn Jahren so. Gerade dann aber, bei tiefen Preisen, werden realwirtschaftlich orientierte Unternehmer und Unternehmen aktiv und beginnen wieder, Werte zu schaffen, indem sie kaufen.
Zwingendes Umlernen
Jede Zeit hat ihre Helden, und jeder muss selbst entscheiden, ob er auch dazugehören will. Die Helden der letzten Jahre waren die Investor-Aktionäre. Was den asiatischen Ländern schon seit langem Not tut, sind aber möglichst viele Unternehmer - wirtschaftliche Allwetter-Kapitäne, die kämpfen, wenn man kämpfen muss, und sich nicht mit einem Federstrich von ihren Investments trennen, wenn es Schwierigkeiten gibt.
Mit den kollabierenden Börsen hat die realwirtschaftliche Logik nun auch die anderen Wirtschaftsräume eingeholt. Es war unvermeidlich, weil es auf Dauer keine andere Logik geben kann. Wer erfolgreich als Unternehmer und Manager sein will, muss sie zügig akzeptieren und umlernen.
Fredmund Malik
© manager-magazin.de 2001