Die Nicht-Rezession


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sir charles:

Die Nicht-Rezession

 
04.12.01 13:33
Die Nicht-Rezession

Wieso soll ausgerechnet die Volkswirtschaft, die in einer Rezession steckt, jene, in der niemand eine solche sieht, aus dem Sumpf ziehen?


Die Erholung der Weltwirtschaft könne nur von den USA ausgehen, sagen die Wirtschaftsforscher. Das klingt etwas merkwürdig: Haben doch die Amerikaner in der Vorwoche nach zwei negativen Quartalen offiziell die Rezession ausgerufen, während die Frage nach dem "R-Wort" bei europäischen Wirtschaftspolitikern (zumindest bei deutschen und österreichischen) reflexartig die Antwort "ich sehe keine" auslöst.


Wieso soll ausgerechnet die Volkswirtschaft, die in einer Rezession steckt, jene, in der niemand eine solche sieht, aus dem Sumpf ziehen? Vielleicht liegt es an der Art, wie man an die Dinge herangeht?

Ein direkter Vergleich überzeugt: Am Beginn jeder Behandlung steht, das ist auch hierzulande oft geschrieben worden, die Diagnose. Eine Binsenweisheit, die die Amerikaner beherzigen: Ja, wir stecken eindeutig in einer Rezession, heißt es. Eine dumme Geschichte. Krempeln wir also die Ärmel hoch und versuchen wir, das Werkel wieder in Gang zu bringen. Klartext statt Herumeierei mit gerade politisch passenden R-Definitionen, wie sie hierzulande leider passiert.


Dann kommt die Behandlung. Die ist derzeit beiderseits des Atlantiks noch ein bißchen hilflos. Denn daß man etwa den privaten Konsum, an dem alles hängt, mit Slogans wie "Kaufen ist jetzt patriotische Pflicht" nachhaltig stimulieren kann, glauben wahrscheinlich nicht einmal die Amerikaner selbst. Und die Subventionen, die da und dort an notleidende US-Branchen verteilt werden, sind im Prinzip ebensowenig stimulierend wie die hiesige Methode, längst geplante Bauinvestitionen als neues Konjunkturpaket zu verkaufen.



Aber die US-Bürger bekommen bei all den Aktivitäten ihrer Wirtschaftspolitiker und Notenbanker den Eindruck vermittelt, hier seien Leute am Werk, die massiv an der Behebung eines erkannten Problems arbeiten. Das schafft eindeutig mehr Vertrauen als der Versuch hiesiger Wirtschaftspolitiker, Rezession auf den Index verbotener Wörter zu setzen.


Vor allem aber positioniert sich die US-Wirtschaftspolitik für das Ende der Flaute: Ein relativ großer Teil des Stimulierungspakets, das derzeit die Politik in Washington beschäftigt, besteht aus Steuersenkungen. Und daß niedrige Steuern im Verein mit flexiblen Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsregeln jeden Aufschwung stark beschleunigen können, steht mittlerweile wohl außer Streit.


Wenn die Konjunkturrakete 2003 oder gar schon 2002 zündet, dann werden die Amerikaner den Europäern also wieder ordentlich davonziehen. Denn die bisher wichtigste europäische Konjunkturlokomotive, Deutschland, hat ihr Steuerreform-Pulver im heurigen Abschwung vorzeitig verschossen und zeigt keinerlei Ambitionen, ihr wirtschaftsfeindliches regulatorisches Korsett zu lockern.

Das gilt ganz nebenbei auch für Österreich: Hier versucht man, auf die Flaute altbacken fast ausschließlich mit Investitionsprogrammen für die ohnehin überdimensionierte Bauwirtschaft zu reagieren. Von den seit Jahren überfälligen Deregulierungen des Arbeitsmarktes und des Unternehmensrechts (Gewerbeordnung) hat man dagegen schon länger nichts mehr gehört.


Auch von steuerlicher Seite wird kein Impuls kommen. Im Gegenteil: Mitten in einer Zeit, die uns die höchste Steuerquote aller Zeiten beschert, läßt der Finanzminister in seinem Ministerium ernsthaft überlegen, wie man eine wahltaktische Einkommensteuersenkung durch die Erhöhung und/
oder Erfindung anderer Steuern kompensieren könnte.


Sehr vertrauensbildend! Es bleibt also wirklich nichts anderes übrig, als mit den Wirtschaftsforschern zu hoffen, daß uns die rezessionsgeplagten Amerikaner aus unserer Nicht-Rezession holen. Irgendwann sollte man aber auch selbst zu einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik finden.



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