Die neue Volksaktie


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Die neue Volksaktie

 
28.03.04 12:28
Neue Aktie fürs Volk
Kolumne
von Detlef Gürtler

Es ist mal wieder so weit. Nur noch drei Monate, dann soll eine neue Volks-Aktie unsere Depots erobern. Wie zuvor schon die Staatsschwestern Post und die Telekom ist nun die Postbank dran. Früher war ihr Sparbuch die American-Express-Karte des kleinen Mannes, heute soll sie zur Aktie für jedermann werden. Aber wie macht man eine Volksaktie im Jahr Vier nach dem Neuen-Markt-Debakel?


Die Mutter Deutsche Post hatte im Jubeljahr 2000 noch alles so gemacht wie die flinken pinken Kollegen von der Telekom fünf Jahre vorher. Sie war genauso gelb wie die anderen rosa, ihr Manfred Krug hieß Thomas Gottschalk, und auch die Story klang ziemlich ähnlich: Vater Staat gibt von seinem überreichen Vorrat an Aktien ein paar ab, damit nicht nur er, sondern auch wir Volk endlich reich werden können. Nur P-Aktie durften sich die Postler nicht nennen, den Namen hatte sich nämlich die T-Aktie schon Jahre vorher reservieren lassen, damit die Post wenigstens eine eigene Idee haben musste.


Jetzt noch mal die gleiche Nummer - nur diesmal in blau und mit Günther Jauch? Das wäre altmodisch: Vor neun Jahren hat die Telekom uns beigebracht, dass es unser Konto nicht nur füllen kann, wenn Löhne und Renten steigen, sondern auch wenn Aktienkurse das gleiche tun. Inzwischen steigen die Löhne nicht mehr, und die Renten schon gar nicht, und die Aktien haben unsere Konten genauso geleert, wie sie sie vorher gefüllt hatten. Der Belgier kann sogar in Zeiten wie diesen seine Telekom an die Börse bringen, in Deutschland schafft das nicht mal ein Halbleiter-Konzern. Da müssen sich die Postbänker schon was Neues einfallen lassen, um Volksaktienstatus zu erreichen. Zum Beispiel sollte der Kandidat gar nicht erst anfangen, irgendetwas mit Reichwerden zu versprechen. Wenn die da oben vom Reichwerden reden, wissen die da unten, dass ihr Sparbuch bedroht ist, sagte so ähnlich schon Bertolt Brecht. Und selbst wenn die Postbank es wirklich, wirklich ernst damit meinen sollte, dass sie nicht sich, sondern ihre Aktionäre bereichern möchte - wir könnten es einfach nicht glauben. Noch nicht. Wir brauchen erst ein paar Dutzend Firmen, denen wir misstrauen müssen, obwohl sie es gar nicht verdient haben, bevor wir wieder Vertrauen in die Versprechungen von Börsenkandidaten fassen, was dann natürlich sofort wieder von einem charismatischen Halunken ausgenutzt wird.


Schon volksaktiengeeigneter wäre es, wenn man mit diesem Papier auf keinen Fall arm werden kann. Anleger könnten deshalb bei Abnahme von mindestens zehn Stück eine Verlust-Versicherung mit ins Depot bekommen, die das Kursrutsch-Risiko in den ersten 1000 Tagen auf maximal 37 Prozent begrenzt - oder wahlweise eine Rückzahlung der Aktien zum Ausgabepreis nach zwölf Jahren garantiert. Die moderne Derivate-Technik kriegt das bestimmt hin.


Aber am besten wäre es natürlich, wenn man mit der Volksaktie nicht nur für sich, sondern auch für andere etwas Gutes tun könnte. Und da kann die alte Postsparkasse natürlich mit Pfunden wuchern: Wer Postbank-Aktien kauft, sichert die Pensionen der Postbeamten, verringert die Staatsverschuldung, bekennt sich zur Reformfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft! So muss in Deutschland ein Börsengang aussehen, dann klappt es auch mit der Überzeichnung.

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