In seiner Show macht Harald Schmidt Studenten regelmäßig nieder: "Die Uni, die kennt Ihr doch, das ist das Haus neben der Mensa!" Die ironischen Kommentare des Entertainers sind gefürchtet - und populär. Von seinen Beschimpfungen lassen sich 36 Germanistik-Studenten in Hamburg jedoch nicht einschüchtern: Sie nehmen am ersten Harald-Schmidt-Seminar teil, das von einer deutschen Universität angeboten wird.
Harald Schmidt - Die bissigen Sprüche aus seiner Show
"Satirisches Reden in den Neunzigern"
Der offizielle Titel des neuen Seminars ist "Satirisches Reden in den Medien der 90er Jahre. Bewegungen von der Neuen Frankfurter Schule zur Stand-up-Comedy". Dozent Kay Sokolowsky will unter anderem belegen, dass der derzeit beliebteste deutsche Entertainer von Satirikern wie Robert Gernhardt und Eckhard Henscheid beeinflusst wurde. Dieses Forschungsziel hat er zusammen mit Professorin Bettina Clausen in seiner Freizeit entwickelt; im Hauptberuf ist er Redakteur bei einer TV-Zeitschrift.
Der wichtigste Satiriker der Gegenwart
Motiv des 39-Jährigen für die Lehrveranstaltung: Idealismus und große Bewunderung für Harald Schmidt: "Er ist der im Moment bedeutendste deutsche Satiriker." Das sieht Bettina Clausen genauso: "Wir haben im Moment im deutschen Fernsehen keine präzisere Reaktion auf unsere Befindlichkeit als die Harald Schmidt Show." Die Sendung gibt es inzwischen seit sieben Jahren, und Harald Schmidt (45) hat damit vom Grimme- bis zum Deutschen Fernsehpreis alle wichtigen TV- Auszeichnungen abgeräumt.
Nicht nur Fans im Seminar
Bei so viel Lorbeeren war es nicht überraschend, dass zum Start Ende Oktober fast 60 Studenten das Hamburger Seminar belegt hatten. Erst als einige der Interessenten merkten, dass nicht nur Videos geguckt werden, wurde es ein bisschen ruhiger. Die übrig gebliebenen Teilnehmer haben erst einmal Stichworte gesammelt, die ihnen zu Schmidt einfallen: "Großartiger Improvisator", "zynisch", "politisch inkorrekt" oder "gnadenlos" zum Beispiel. Eines ist klar: Das Seminar ist keine reine Fanveranstaltung. Die 21-jährige Meike van Bebbar zum Beispiel war schon häufig stinksauer über "Dirty Harry" und seine nach ihrer Überzeugung frauenfeindlichen Bemerkungen. Inzwischen findet sie ihn ganz in Ordnung. Immerhin könne man von ihm gutes Formulieren lernen. Der Braunschweiger Hans-Christian Mennenga hat Respekt vor ihm: "Schmidt hat eine kraftvolle Sprache. Mich beeindruckt auch seine Kreativleistung, aktuelle Themen so schnell witzig aufzubereiten."
Schmidt gucken ist Pflicht
Selbst ein erklärter Schmidt-Gegner wie der Soziologiestudent Michael Peters muss zugeben: "Man kommt nicht so leicht an ihm vorbei, er ist schon ziemlich populär. Aber ich mag ihn nicht. Und seine Show ansehen zu müssen, empfinde ich wirklich als nervig." Das muss er aber, denn Nachtarbeit ist Pflicht für das Seminar: Die Sendung soll dienstags bis freitags ab 23 Uhr gesehen werden, sonst können die "Schmidt"-Forscher nicht zu Themen wie "Die komischen Mittel und dramatischen Formen der Schmidt-Show" oder "Satirisches Reden bei Harald Schmidt" mitreden. Am liebsten wäre allen natürlich, wenn das Forschungsobjekt selbst mal zu Besuch kommt und Fragen beantwortet. Kay Sokolowsky hat es seinen Studenten überlassen, Kontakt zu Schmidt herzustellen. Aber: "Ich fände es auch schon super, wenn Harald Schmidt in seiner Show einen Witz über unser Seminar macht." Dabei ist allerdings nicht auszuschließen, dass auch dieses Mal die Studenten nicht sonderlich gut dabei wegkommen.