Der Euro ist stärker als die Zocker
Richten die Griechen den Euro zugrunde? Auf den ersten Blick mag es so aussehen - doch tatsächlich ist es höchst zweifelhaft, ob hohe Staatsschulden eine Währung zerstören können. Die Spekulanten, die gegen die europäische Gemeinschaftswährung wetten, haben deshalb keine Chance. Das Wall Street Journal ist gemeinhin eine zuverlässige Quelle. Und so wollen wir gern glauben, was kürzlich im Zentralorgan der Investmentbanker zu lesen war: Irgendwo in einem Privathaus in Manhattan, sicher in einem ganz feinen, habe sich Anfang Februar eine Schar von Hedgefonds-Managern getroffen. Die Gentlemen hätten bei ihrem "Ideenaustausch" beschlossen, in einer konzertierten Aktion gegen den Euro zu spekulieren. Das Ziel: Die europäische Währung, geschwächt durch die Überschuldung Griechenlands und anderer Mittelmeerländer, solle in gemeinsamer Arbeit auf Parität zum Dollar gedrückt werden. Einen Dollar für einen Euro also, statt 1,36 Dollar wie gegenwärtig. Die Hetzjagd auf die europäische Gemeinschaftswährung ist in vollem Gange. Die Heerschar der Kritiker, die dem wagemutigen Großversuch namens Euro von Anfang an keine Chance eingeräumt haben, sieht sich bestätigt. Allen voran: Die Medien und sogenannten Fachleute aus den USA und Großbritannien. Auch in Deutschland wird munter getrommelt. "Machen die Griechen den Euro kaputt?" titelte "Bild" am vergangenen Dienstag. In der Unterzeile las man: "Kurs sinkt immer tiefer." Nur dumm, dass der Euro-Kurs gegenüber dem Dollar am Vortag fast gleich geblieben war. Die meisten Ökonomen sind sich einig, dass er mit den aktuellen 1,36 Dollar für einen Euro immer noch deutlich überbewertet ist. Gemessen an der Kaufkraft müsste der faire Kurs bei 1,15 bis 1,20 Dollar liegen. Amerikaner und Briten hoffen auf ein Ende des Euro. Aber Fakten interessieren in dem aktuellen Währungstheater schon lange nicht mehr. Der Euro soll kleingeredet und -geschrieben werden, und am besten, so die Sicht vor allem der Amerikaner und der Briten, ganz verschwinden.
Elf Jahre ist der Euro nun alt, viel mehr Lebensjahre schon, als ihm die Mehrzahl seiner Kritiker je eingeräumt haben. Er hat sich als überaus stabil erwiesen und in den vergangenen Jahren gegenüber Dollar und Pfund kräftig an Wert gewonnen; er hat bisher verhindert, dass Europa während der Jahrhundertfinanzkrise auch noch von Währungsturbulenzen erschüttert wurde; er hat in dieser Zeit den Europäern verlässliche Kalkulationsgrundlagen im grenzüberschreitenden Handel geliefert; er hat den Bürgern das lästige Geldwechseln erspart. Und nun sollen die Statistikmogeleien der Griechen und das tiefe Loch in ihrer öffentlichen Kasse das alles wieder zunichtemachen? Das Land der Hellenen mit seinen gerade mal elf Millionen Einwohnern als Totengräber dieses ehrgeizigen Projekts Euro? Es gilt bei all diesen Untergangsszenarien die Ruhe zu bewahren und sich an ein paar ökonomische Zusammenhänge zu erinnern. Vor allem an den Umstand, dass es entgegen der Volksweisheit - von Fachleuten wie Nicht-Fachleuten wie ein Naturgesetz verbreitet - keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Zustand der Staatsfinanzen und der Bonität einer Währung gibt. Staatsschulden führen nicht automatisch in die Inflation Die beiden US-Ökonomen Carmen Reinhard und Kenneth Rogoff haben kürzlich in einem Buch ("This Time is different") die Finanzkrisen der vergangenen 800 (!) Jahre untersucht. Sie kommen zu dem Ergebnis: Es gibt keinen ökonomischen Automatismus, wonach eine steigende Staatsschuld in die Inflation führt. Das öffentliche Budget ist zunächst einmal nichts anderes als das Rechenwerk der Institution Staat. So wie Bilanzen von Unternehmen oder Vereinen, nur mit dem Unterschied, dass die Einnahmen nicht aus Markterlösen oder Mitgliedsbeiträgen stammen, sondern aus Steuern und Gebühren. Unabhängig von der öffentlichen Einnahme-Ausgaben-Rechnung wird das Geldwesen gemanagt - jedenfalls so lange, wie die Notenbank nicht nach den Anweisungen der Regierenden handeln muss, wie es bei der Europäischen Zentralbank (EZB) der Fall ist. Verbunden sind die beiden Sphären Staat und Notenbank nur dann, wenn die Notenbanker die sogenannte "Offenmarktpolitik" betreiben. Sie kaufen in diesem Fall von den Geschäftsbanken Wertpapiere an, auch und gerade Staatsanleihen; dies geschieht unter der Bedingung, dass die Geldinstitute die Papiere zu einem bestimmten Termin, etwa zwei Wochen später, wieder zurücknehmen. Mit diesen "Wertpapierpensionsgeschäften" will die Notenbank allerdings nicht den Staat beim Schuldenmachen unterstützen. Es geht ihr allein darum, mit diesem Instrument die Geschäftsbanken und damit die Volkswirtschaft mit angemessener Liquidität zu versorgen. Allein die Zentralbank entscheidet, wie viele Wertpapiere übernommen werden und zu welchen Konditionen. Eine Notenbank wie die EZB, die auf Preisstabilität verpflichtet ist und unabhängig agiert, wird diese Geschäfte immer so steuern, dass sie nicht inflationär wirken. Die EZB steht in der Tradition der unabhängigen Bundesbank Eine andere Verbindung zwischen dem Staatsbudget und dem Geldwesen entsteht über das allgemeine Zinsniveau. Wenn sich das Gemeinwesen übermäßig viel Geld auf den Kapitalmärkten leihen muss, steigen nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage die Preise, sprich: die Zinsen. Sie tun das auch für jene Kredite, die Privatleute oder Unternehmen aufnehmen. Das kann dann die Wirtschaft nachhaltig lähmen. Solange also die umlaufende Geldmenge gleich bleibt, wofür die Notenbank mit ihren Instrumenten sorgen muss, entsteht durch den zusätzlichen Kreditbedarf des Staats keine Teuerung. Die Währung bleibt stabil. Wenn sie dennoch an Ansehen einbüßt und gegenüber anderen Währungen an Wert verliert, dann hat das nichts mit rein rechnerischen, quantitativen Fakten zu tun. Sondern mit einer qualitativen, wenngleich nicht unwichtigen Größe: dem Vertrauen. Die Finanzmarktakteure schließen von der unsoliden Wirtschaft der Regierenden auf die Güte der Währung und strafen diese mit Verkäufen ab, was den Wechselkurs sinken und den Außenwert der Währung schrumpfen lässt. Die Schuldenpolitik eines Staats kann eine Währung grundsätzlich nur dann zerrütten, wenn sich die Regierung, wie bis Kriegsende geschehen, das fehlende Geld nicht auf den Finanzmärkten besorgt, sondern bei der eigenen Notebank pumpt. Just dies aber darf die EZB nicht. Sie steht hier voll in der Tradition der streng unabhängigen Deutschen Bundesbank. Die wahren Währungssünder sind die Angelsachsen selbst. Es ist schon komisch, dass just jene Angelsachsen, die sich derzeit an den Turbulenzen in der Euro-Zone weiden, diese schlimmsten aller Währungssünden mit großer Selbstverständlichkeit begehen. Die Notenbanken der USA und Großbritanniens hatten im vergangenen Jahr keine Hemmungen, en masse Staatsanleihen ihrer Regierungen dauerhaft aufzukaufen. In den USA waren das 2009 sagenhafte fünf Billionen Dollar, weitere Billionen sind für 2010 eingeplant. Diese Regierungen taten und tun also das, was man gemeinhin mit dem Terminus "Finanzierung durch die Druckerpresse" umschreibt. Nichts dergleichen betreibt die EZB. Selbst wenn Berlin und andere europäische Regierungen Griechenland bei der Rückzahlung seiner Schulden Beistand gewähren würden - es wäre eine Hilfe durch die jeweiligen Regierungen, keine Geldvermehrung durch die Notenbank mit der Gefahr der Inflationierung. Natürlich ist der Euro ein Großexperiment mit historischer Dimension. Nie zuvor haben sich so viele souveräne Länder zu einem Währungsverbund zusammengeschlossen. Das birgt zweifelsfrei Risiken, die vorher schwer abzuschätzen sind. Auch das Risiko des Scheiterns und Auseinanderbrechens. Die größte Gefahr liegt zweifelsfrei darin, dass sich die einzelnen Wirtschaftsräume zu weit auseinanderentwickeln. Wenn in einzelnen Ländern die Löhne deutlich stärker steigen als in anderen, dann schwindet die Wettbewerbsfähigkeit der Hochlohnregionen auf den internationalen Märkten. Sie können nun ja nicht mehr wie früher, als sie über eine eigene Währung verfügten, durch Abwertung ihre Exporte ankurbeln und geraten zunehmend in wirtschaftliche Nöte, wenn sie sich nicht anpassen. "Wir müssen aufpassen, dass die Divergenzen nicht immer breiter werden", warnt zu Recht der Luxemburger Premier Jean-Claude Juncker, der Vorsitzende der Euro-Finanzgruppe. Auch in Deutschland gibt es Unterschiede - ohne Gefahr für die Währung Allerdings besteht auch angesichts der wirtschaftlichen Unterschiede kein Anlass für Horrorszenarien, sofern die Abstände nicht zu groß werden. Ein Währungsgebiet wird niemals in allen Regionen die gleichen wirtschaftlichen Leistungsdaten aufweisen. Auch innerhalb Deutschlands, dem Geltungsbereich der seligen Mark, bestanden und bestehen große Unterschiede - ohne dass man ein Ende der gemeinsamen nationalen Währung befürchten musste. In Hessen lag im vergangenen Jahr das Bruttoinlandsprodukt pro Person bei 36.382 Euro, im ärmsten Land, Mecklenburg-Vorpommern, waren es nur 21.439 Euro. Bei den Schulden der öffentlichen Haushalte je Einwohner kam Bayern, der am wenigsten verschuldete Flächenstaat, auf 2881 Euro, Sachsen Anhalt, der größte Schuldensünder, auf 9875. Der Stadtstaat Bremen brachte es gar auf 23.084 Euro. Beim Start des Euro vor zehn Jahren waren die Unterschiede ähnlich groß, und keiner hatte deswegen Zweifel an der Tauglichkeit und Sicherheit der Mark. Das alles ist sicher kein Grund für die Europäer, sich mit ihrer Währung in Sicherheit zu wiegen. Die Attacke der Finanzmärkte - so wenig sie ökonomisch begründet erscheint - müssen die Europäer ernst nehmen. Alle, nicht nur die Griechen, müssen schnellstmöglich die Verschuldungsgrenzen von Maastricht einhalten. Die Hellenen müssen wissen, dass sie auch ohne Rausschmissklausel im Euro-Vertrag aus der Währungsunion vertrieben werden können: Wer so massiv wie sie, auf fast schon kriminelle Weise, gegen bestehende Verträge verstößt, der hat jeden Rechtsschutz verspielt. Der Euro wird die Prüfung bestehen Zu dieser grausamen Strafe wird es nicht kommen. Weil die Erschütterungen für die EU allzu heftig wären; und weil die Griechen keine Einzeltäter sind, weil auch die großen Meinungsführer der EU, Deutschland und Frankreich, notorische Schuldensünder sind. Das grandiose Projekt der gemeinsamen europäischen Währung wird diese Prüfung dennoch bestehen. Der Euro, nach dem Dollar die zweitwichtigste Währung der Welt, wird wegen Griechenland oder Italien oder Spanien nicht zur Weichwährung, weil es eben den viel beklagten Automatismus "Staatsschulden = Inflation" nicht gibt. Da mögen sich Hedgefonds-Manager noch so häufig zu irgendwelchen Verabredungen treffen. Voraussetzung ist die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank. Und dass sie frei ist von Regierungsinterventionen, weit mehr als die amerikanische Federal Reserve, daran bestehen nicht die geringsten Zweifel. Da schützt sie nicht zuletzt der Umstand, dass sie, paradoxerweise, eine Währung vieler Nationen ist, nicht eines einzelnen Staats: Jeder Regierende, der diese Unabhängigkeit angreift, würde auf den energischen Widerstand von anderen Mitgliedern des Verbunds stoßen.