FRANKFURT, 8. Juni. Wie gewaltige Wellen müssen Anlegern die Kursschwankungen der zurückliegenden Monate vorkommen. Die amerikanische Technologiebörse Nasdaq hat von August 2000 bis einschließlich März dieses Jahres zunächst mehr als 60 Prozent eingebüßt, seither aber wieder - gefüttert vom billigen Geld der Fed - von diesem Niveau aus mehr als 40 Prozent gewonnen.
Beim Neuen Markt war es in der gleichen Periode zunächst eine Flutwelle, die mehr als 70 Prozent der Kursgewinne mit sich riß. Seit Ende März hat jedoch selbst der Neue Markt für Investoren wieder Kursgewinne von gut 20 Prozent bereitgehalten.
Der Blick auf einzelne Aktien aus dem stark gebeutelten Technologiesektor bestätigt das Bild: Bei der Aktie von SAP steht einem Verlust von zunächst gut 55 Prozent ein darauffolgender Gewinn von fast 60 Prozent gegenüber.
Da scheint die Kunst des Wellenreitens gefragt zu sein. Doch die professionellen Marktbeobachter wissen selbst noch nicht so recht, welchen Reim sie sich auf die ausgeprägten Wellentäler machen sollen, denen sie ausgeliefert sind. Nicht wenige sehen in der jüngst verzeichneten Erholung einen Beweis dafür, daß bereits alle schlechten Nachrichten in den auf dem jetzigen Niveau noch immer drastisch korrigierten Bewertungen am Aktienmarkt enthalten seien.
Andere weisen darauf hin, daß in der Vergangenheit solche zwischenzeitlichen massiven Erholungen nur der Auftakt zu einer zweiten Korrekturphase waren. Dieser These zufolge ist die erste Kurskorrektur zunächst nur das Ablassen der Luft aus einer Spekulationsblase, während erst die zweite Korrektur auf der Berücksichtigung schwacher Fundamentaldaten beruhe, insbesondere schlechter Unternehmensgewinne.
Wie sieht es mit den Erwartungen für die Gewinne für das kommende Jahr aus? Nach Angaben des Investmentexperten Neil Williams von Goldman Sachs liegen die Konsensschätzungen der Analysten für das Wachstum der Gewinne im Jahr 2002 bei 14 Prozent weltweit. Am höchsten fallen die Erwartungen für den Technologiesektor aus (33 Prozent), gefolgt von zyklischen Konsumwerten (23 Prozent). Williams weist darauf hin, daß das niedrige Ausgangsniveau der in diesem Jahr drastisch gesunkenen Gewinne als Basiseffekt erwarten lasse, daß die für 2002 geschätzten Zuwächse auch erreicht werden könnten. "Wenn etwa die Gewinne in diesem Jahr im Technologiesektor den Schätzungen zufolge um 33 Prozent sinken und 2002 wieder um ein Drittel steigen, so liegt der Gewinn 2002 noch immer 11 Prozent unter dem Ergebnis des vergangenen Jahres", erklärt Williams.
Auch Credit Suisse First Boston (CSFB) sieht für den Technologiesektor das Schlimmste überstanden. Der Auftragseingang sei in den zurückliegenden neun Monaten bereits drastisch abgerutscht und habe ein Niveau erreicht, auf dem in der Vergangenheit meist ein Wendepunkt zu beobachten gewesen sei.
Zudem machten viele Marktteilnehmer den Fehler, zyklische Fluktuationen als strukturelle Probleme zu betrachten, wie es derzeit bei der Diskussion um die "Überinvestitionen" in der IT-Branche geschehe. Nach den bisherigen Erfahrungen dauere ein Rückgang bei den Auftragseingängen in diesem Sektor in der Regel 12 bis 15 Monate. Auch entwickle sich der Lagerbestand, wenn auch auf hohem Niveau, rückläufig.
CSFB erwartet, daß die Erholung in der Technologiebranche Anfang des kommenden Jahres einsetzt. Daß der seit zwei Jahrzehnten andauernde, stabile Trend bei den Investitionen in die Informationstechnologie zum Erliegen kommt, halten die Branchenexperten für unwahrscheinlich, selbst wenn die Erholung etwas länger auf sich warten lassen sollte. Dafür spielt die Branche in zu vielen Wirtschaftsbereichen heute eine Schlüsselrolle.
Der Ritt auf den Wellen der Informationstechnologiewerte bleibt für die Anleger dennoch eine schweißtreibende Angelegenheit. Daß selbst Aktien wie Intel und Oracle, die man als Zulieferer der Neuen Ökonomie noch für relativ unbescholten hielt, nicht ungeschoren bleiben müssen, haben viele auf ihren Depotauszügen schmerzlich erfahren. Aber auch bei Intel lag der Gewinn nach einem zuvor fürchterlichen Absturz seit März bei stolzen 50 Prozent. Wellenreiten will eben gelernt sein. Und doch bleibt es eine Kunst.
MARTIN T. ROTH
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.06.2001, Nr. 132 / Seite 25
Beim Neuen Markt war es in der gleichen Periode zunächst eine Flutwelle, die mehr als 70 Prozent der Kursgewinne mit sich riß. Seit Ende März hat jedoch selbst der Neue Markt für Investoren wieder Kursgewinne von gut 20 Prozent bereitgehalten.
Der Blick auf einzelne Aktien aus dem stark gebeutelten Technologiesektor bestätigt das Bild: Bei der Aktie von SAP steht einem Verlust von zunächst gut 55 Prozent ein darauffolgender Gewinn von fast 60 Prozent gegenüber.
Da scheint die Kunst des Wellenreitens gefragt zu sein. Doch die professionellen Marktbeobachter wissen selbst noch nicht so recht, welchen Reim sie sich auf die ausgeprägten Wellentäler machen sollen, denen sie ausgeliefert sind. Nicht wenige sehen in der jüngst verzeichneten Erholung einen Beweis dafür, daß bereits alle schlechten Nachrichten in den auf dem jetzigen Niveau noch immer drastisch korrigierten Bewertungen am Aktienmarkt enthalten seien.
Andere weisen darauf hin, daß in der Vergangenheit solche zwischenzeitlichen massiven Erholungen nur der Auftakt zu einer zweiten Korrekturphase waren. Dieser These zufolge ist die erste Kurskorrektur zunächst nur das Ablassen der Luft aus einer Spekulationsblase, während erst die zweite Korrektur auf der Berücksichtigung schwacher Fundamentaldaten beruhe, insbesondere schlechter Unternehmensgewinne.
Wie sieht es mit den Erwartungen für die Gewinne für das kommende Jahr aus? Nach Angaben des Investmentexperten Neil Williams von Goldman Sachs liegen die Konsensschätzungen der Analysten für das Wachstum der Gewinne im Jahr 2002 bei 14 Prozent weltweit. Am höchsten fallen die Erwartungen für den Technologiesektor aus (33 Prozent), gefolgt von zyklischen Konsumwerten (23 Prozent). Williams weist darauf hin, daß das niedrige Ausgangsniveau der in diesem Jahr drastisch gesunkenen Gewinne als Basiseffekt erwarten lasse, daß die für 2002 geschätzten Zuwächse auch erreicht werden könnten. "Wenn etwa die Gewinne in diesem Jahr im Technologiesektor den Schätzungen zufolge um 33 Prozent sinken und 2002 wieder um ein Drittel steigen, so liegt der Gewinn 2002 noch immer 11 Prozent unter dem Ergebnis des vergangenen Jahres", erklärt Williams.
Auch Credit Suisse First Boston (CSFB) sieht für den Technologiesektor das Schlimmste überstanden. Der Auftragseingang sei in den zurückliegenden neun Monaten bereits drastisch abgerutscht und habe ein Niveau erreicht, auf dem in der Vergangenheit meist ein Wendepunkt zu beobachten gewesen sei.
Zudem machten viele Marktteilnehmer den Fehler, zyklische Fluktuationen als strukturelle Probleme zu betrachten, wie es derzeit bei der Diskussion um die "Überinvestitionen" in der IT-Branche geschehe. Nach den bisherigen Erfahrungen dauere ein Rückgang bei den Auftragseingängen in diesem Sektor in der Regel 12 bis 15 Monate. Auch entwickle sich der Lagerbestand, wenn auch auf hohem Niveau, rückläufig.
CSFB erwartet, daß die Erholung in der Technologiebranche Anfang des kommenden Jahres einsetzt. Daß der seit zwei Jahrzehnten andauernde, stabile Trend bei den Investitionen in die Informationstechnologie zum Erliegen kommt, halten die Branchenexperten für unwahrscheinlich, selbst wenn die Erholung etwas länger auf sich warten lassen sollte. Dafür spielt die Branche in zu vielen Wirtschaftsbereichen heute eine Schlüsselrolle.
Der Ritt auf den Wellen der Informationstechnologiewerte bleibt für die Anleger dennoch eine schweißtreibende Angelegenheit. Daß selbst Aktien wie Intel und Oracle, die man als Zulieferer der Neuen Ökonomie noch für relativ unbescholten hielt, nicht ungeschoren bleiben müssen, haben viele auf ihren Depotauszügen schmerzlich erfahren. Aber auch bei Intel lag der Gewinn nach einem zuvor fürchterlichen Absturz seit März bei stolzen 50 Prozent. Wellenreiten will eben gelernt sein. Und doch bleibt es eine Kunst.
MARTIN T. ROTH
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.06.2001, Nr. 132 / Seite 25