Im Börsencrash auf Raten starb der Traum des Kleinanlegers. Der Traum, ein altes Menschheitsgesetz außer Kraft setzen zu können: Du musst arbeiten für dein Brot.
Plötzlich verschwanden 100 Milliarden Dollar. Sie lösten sich in Luft auf. Und der Kleinanleger fragt sich: Wie ist das möglich? Wenn die Kurse krachen und die Börsenmenschen am Ende des Tages, wenn das Schlachtfest vorüber ist, zusammenrechnen, ist die Welt wieder ein Stück ärmer. Wenn das Geld wenigstens woandershin gewandert wäre, denkt er sich. Aber es ist verschwunden.
Angefangen hatte er mit der Telekom-Aktie. Mit ihr kam die Hoffnung, ihr folgte die Gier und am Ende die Angst. Irgendwann hat er Sun Microsystems für 30 Dollar gekauft. Sie gehen hoch auf 90, wieder runter auf 80. Soll er nachkaufen? Oder Kasse machen? Die Anlageberater in seiner Bank haben viele Antworten parat, die jedoch nicht immer zueinander passen wollen. "Die Hausse nährt die Hausse" und "The trend is your friend" sprechen eindeutig dafür, die Gewinne laufen zu lassen. Andererseits: "An realisierten Gewinnen ist noch niemand gestorben." Und eine Börsenweisheit hat es ihm besonders angetan: "Nicht in ein fallendes Messer greifen." Stimmt auch wieder. Also verkauft er einen Teil für 82 Dollar.
Sun steigt weiter, bis auf über 100 Dollar. Hätte er nur nicht verkauft. Der Anleger ärgert sich. Jetzt noch mal nachkaufen, um weiter dabei zu sein? Sein Berater spricht von einer Candlestick-Formation und verteidigt sich: "Was sagen Sie, wenn Sun in einem Jahr bei 70 steht?"
Ein Jahr später steht Sun bei 17 Dollar und jetzt bei elf. Wie konnte das geschehen? In diesem Jahr ist der Traum des Kleinanlegers gestorben. Es war der Traum, ein altes Menschheitsgesetz außer Kraft setzen zu können. Dieses Gesetz heißt: Du musst arbeiten für dein Brot. Für die Dauer eines kleinen Zeitfensters, im Vergleich zur Zivilisationsgeschichte war es nicht mal ein kurzer Lichtblitz, galt dieses Gesetz nicht mehr.
Alles war plötzlich leicht, und wer nicht dabei war, ein armer Willy. Die Mühen im Job zählten für ihn nicht mehr. Freunde von ihm verdienten an der Börse mehr als im Büro - virtuell, ohne sich die Hände zu beschmutzen. Mochten andere Karriere machen und sich ihre Gehälter erhöhen - was war das gegen die Unabhängigkeit, die ihm die Nasdaq schenkte? Das Leben war CNBC und dessen biedere Deutschkopie N-tv. Auch er überlegte ernsthaft, welche Internet-Geschäftsidee noch möglich wäre. Auch er war in dieser "Alles ist möglich"-Stimmung mit First-Tuesday-Freuden. Fasziniert verfolgte er die blauen Laufbänder, auf denen im Fernsehen die Kurse immer weiter stiegen. Verkaufen? Geht nicht. Was hätte er mit dem Geld denn machen sollen? Die Party ging doch weiter.
Es sind die erfahreneren Anleger, die zuerst unruhig werden. Als sie merken, dass ihr Friseur dieselben Titel hält wie sie. Es fällt ihnen die Warnung vor der Hausfrauenhausse wieder ein, und sie erinnern ihren Freund daran, dass in der Zeitung stand, die meisten Staranalysten der Wall Street seien längst dazu übergegangen, Kasse zu machen.
Da ist es schon zu spät. Als die ersten Einbrüche kommen, kauft er noch beherzt nach. Gelegenheiten, die sicher so bald nicht wiederkommen, denkt er. Aber sie kommen wieder - und es wird immer günstiger. Irgendwann dämmert es dem mittlerweile in seinem Optimismus etwas angekratzten Kleinanleger, dass da etwas aus dem Ruder läuft. Er will jetzt Cash aufbauen. Nokia standen schon bei 65 Euro, waren dann runtergekracht auf unter 50. Bei 57 Euro möchte er seine Position reduzieren. Der Anlageberater schaut in seine Charts und meint, es sei noch Luft bis 65. Also warten. Der Kleinanleger wartet - bis heute. Nokia steht nun bei 15 Euro.
Ach ja, Telekom hat er auch noch. Die hatte er zum Jahresende clever verkauft, um steuerwirksam Verluste zu realisieren. Freuden des kleinen Mannes. Im neuen Jahr allerdings gab es keine Gewinne zum Gegenrechnen. Im Januar hat er Telekom gleich zurückgekauft, fast zum selben Kurs (der ihm im Vorjahr schon 50 Prozent Verlust gebracht hatte). Kaufkurs: 33 Euro - gestern fiel die T-Aktie unter 15. Superempfehlung von seinem Berater. Immer wieder denkt er, jetzt sind die Kurse so tief, da kann man nicht mehr verkaufen. Das sitzen wir aus. Die Kurse fallen weiter.
Sein Traum ist gestorben. Und ihm helfen auch keine Geschichten mehr, wie die Kostolany-Gags vom drei Jahre schlafenden Aktienverkäufer, der aufwacht, und alles ist toll. Seine Euphorie ist lange weg. Er ärgert sich nicht einmal mehr. Er ist depressiv geworden, fast apathisch schaut er dem Sturzflug zu, als gehe er ihn nichts mehr an. N-tv kann er nicht mehr ertragen, so wenig wie die Moderatoren. Jetzt erst fällt ihm auf, dass die meisten ihrer Profi-Gesprächspartner Milchgesichter sind, die in ihrem Leben nichts erlebt haben, schon gar keine große Krise. Sie wissen nicht, wovon sie reden.
Die Prognosen der meisten Banken in diesem Jahr, für Euro, Dax und Dow - erbärmlich. Und mittendrin im Sturm sitzt der Kleinanleger und schaut zu, wie sein kurzer Reichtum verbrennt. Und ihm wird klar, dass er ganz allein ist. Dass nur die Bank mit seinem Unglück noch Geld verdient. Und die Analysten das sagen, was ihren Häusern nutzt. Und dass es eigentlich keinen Sinn macht, überhaupt einzelne Aktien zu kaufen. Nur, wenn man sich einbildet, besser zu sein als der Markt. Das schaffen aber selbst 90 Prozent der Fondsverwalter nicht, die für ihre traurige Performance viel Geld nehmen, von den Privatkundenabteilungen der großen Banken ganz zu schweigen. Die Berater haben selbst keine Ahnung, sonst wären sie wahrscheinlich keine Berater, sondern reich. Und deshalb, so dräut es ihm, ist das Ganze ein großes Theater, in dem er, der Kleinanleger, den Narren gibt.
Gruß Kostolmoney
Plötzlich verschwanden 100 Milliarden Dollar. Sie lösten sich in Luft auf. Und der Kleinanleger fragt sich: Wie ist das möglich? Wenn die Kurse krachen und die Börsenmenschen am Ende des Tages, wenn das Schlachtfest vorüber ist, zusammenrechnen, ist die Welt wieder ein Stück ärmer. Wenn das Geld wenigstens woandershin gewandert wäre, denkt er sich. Aber es ist verschwunden.
Angefangen hatte er mit der Telekom-Aktie. Mit ihr kam die Hoffnung, ihr folgte die Gier und am Ende die Angst. Irgendwann hat er Sun Microsystems für 30 Dollar gekauft. Sie gehen hoch auf 90, wieder runter auf 80. Soll er nachkaufen? Oder Kasse machen? Die Anlageberater in seiner Bank haben viele Antworten parat, die jedoch nicht immer zueinander passen wollen. "Die Hausse nährt die Hausse" und "The trend is your friend" sprechen eindeutig dafür, die Gewinne laufen zu lassen. Andererseits: "An realisierten Gewinnen ist noch niemand gestorben." Und eine Börsenweisheit hat es ihm besonders angetan: "Nicht in ein fallendes Messer greifen." Stimmt auch wieder. Also verkauft er einen Teil für 82 Dollar.
Sun steigt weiter, bis auf über 100 Dollar. Hätte er nur nicht verkauft. Der Anleger ärgert sich. Jetzt noch mal nachkaufen, um weiter dabei zu sein? Sein Berater spricht von einer Candlestick-Formation und verteidigt sich: "Was sagen Sie, wenn Sun in einem Jahr bei 70 steht?"
Ein Jahr später steht Sun bei 17 Dollar und jetzt bei elf. Wie konnte das geschehen? In diesem Jahr ist der Traum des Kleinanlegers gestorben. Es war der Traum, ein altes Menschheitsgesetz außer Kraft setzen zu können. Dieses Gesetz heißt: Du musst arbeiten für dein Brot. Für die Dauer eines kleinen Zeitfensters, im Vergleich zur Zivilisationsgeschichte war es nicht mal ein kurzer Lichtblitz, galt dieses Gesetz nicht mehr.
Alles war plötzlich leicht, und wer nicht dabei war, ein armer Willy. Die Mühen im Job zählten für ihn nicht mehr. Freunde von ihm verdienten an der Börse mehr als im Büro - virtuell, ohne sich die Hände zu beschmutzen. Mochten andere Karriere machen und sich ihre Gehälter erhöhen - was war das gegen die Unabhängigkeit, die ihm die Nasdaq schenkte? Das Leben war CNBC und dessen biedere Deutschkopie N-tv. Auch er überlegte ernsthaft, welche Internet-Geschäftsidee noch möglich wäre. Auch er war in dieser "Alles ist möglich"-Stimmung mit First-Tuesday-Freuden. Fasziniert verfolgte er die blauen Laufbänder, auf denen im Fernsehen die Kurse immer weiter stiegen. Verkaufen? Geht nicht. Was hätte er mit dem Geld denn machen sollen? Die Party ging doch weiter.
Es sind die erfahreneren Anleger, die zuerst unruhig werden. Als sie merken, dass ihr Friseur dieselben Titel hält wie sie. Es fällt ihnen die Warnung vor der Hausfrauenhausse wieder ein, und sie erinnern ihren Freund daran, dass in der Zeitung stand, die meisten Staranalysten der Wall Street seien längst dazu übergegangen, Kasse zu machen.
Da ist es schon zu spät. Als die ersten Einbrüche kommen, kauft er noch beherzt nach. Gelegenheiten, die sicher so bald nicht wiederkommen, denkt er. Aber sie kommen wieder - und es wird immer günstiger. Irgendwann dämmert es dem mittlerweile in seinem Optimismus etwas angekratzten Kleinanleger, dass da etwas aus dem Ruder läuft. Er will jetzt Cash aufbauen. Nokia standen schon bei 65 Euro, waren dann runtergekracht auf unter 50. Bei 57 Euro möchte er seine Position reduzieren. Der Anlageberater schaut in seine Charts und meint, es sei noch Luft bis 65. Also warten. Der Kleinanleger wartet - bis heute. Nokia steht nun bei 15 Euro.
Ach ja, Telekom hat er auch noch. Die hatte er zum Jahresende clever verkauft, um steuerwirksam Verluste zu realisieren. Freuden des kleinen Mannes. Im neuen Jahr allerdings gab es keine Gewinne zum Gegenrechnen. Im Januar hat er Telekom gleich zurückgekauft, fast zum selben Kurs (der ihm im Vorjahr schon 50 Prozent Verlust gebracht hatte). Kaufkurs: 33 Euro - gestern fiel die T-Aktie unter 15. Superempfehlung von seinem Berater. Immer wieder denkt er, jetzt sind die Kurse so tief, da kann man nicht mehr verkaufen. Das sitzen wir aus. Die Kurse fallen weiter.
Sein Traum ist gestorben. Und ihm helfen auch keine Geschichten mehr, wie die Kostolany-Gags vom drei Jahre schlafenden Aktienverkäufer, der aufwacht, und alles ist toll. Seine Euphorie ist lange weg. Er ärgert sich nicht einmal mehr. Er ist depressiv geworden, fast apathisch schaut er dem Sturzflug zu, als gehe er ihn nichts mehr an. N-tv kann er nicht mehr ertragen, so wenig wie die Moderatoren. Jetzt erst fällt ihm auf, dass die meisten ihrer Profi-Gesprächspartner Milchgesichter sind, die in ihrem Leben nichts erlebt haben, schon gar keine große Krise. Sie wissen nicht, wovon sie reden.
Die Prognosen der meisten Banken in diesem Jahr, für Euro, Dax und Dow - erbärmlich. Und mittendrin im Sturm sitzt der Kleinanleger und schaut zu, wie sein kurzer Reichtum verbrennt. Und ihm wird klar, dass er ganz allein ist. Dass nur die Bank mit seinem Unglück noch Geld verdient. Und die Analysten das sagen, was ihren Häusern nutzt. Und dass es eigentlich keinen Sinn macht, überhaupt einzelne Aktien zu kaufen. Nur, wenn man sich einbildet, besser zu sein als der Markt. Das schaffen aber selbst 90 Prozent der Fondsverwalter nicht, die für ihre traurige Performance viel Geld nehmen, von den Privatkundenabteilungen der großen Banken ganz zu schweigen. Die Berater haben selbst keine Ahnung, sonst wären sie wahrscheinlich keine Berater, sondern reich. Und deshalb, so dräut es ihm, ist das Ganze ein großes Theater, in dem er, der Kleinanleger, den Narren gibt.
Gruß Kostolmoney