Flash macht ernst
Macromedias Entwicklerkonferenz DevCon 2002 in Orlando
Die DevCon 2002 demonstrierte die Stärken und Schwächen von Macromedias
Produktstrategie.
Über 2200 Anwesende wimmelten durch die Hallen der DevCon 2002, Macromedias
jährlicher Entwicklerkonferenz, bei der Anwender und Produkt-Entwickler
Informationen austauschen und Präsentationen den Fans die Vision des
Unternehmens vermitteln. Die Keynote stand ganz im Zeichen der Rich Media
Applications - mit Macromedia-Produkten geschaffene multimediale Websites mit
Video- und Flash-Filmen, deren Inhalte ein ColdFusion-Server dynamisch aus
Datenbanken saugt.
CEO Rob Burgess freute sich über die Verkaufsentwicklung des im Sommer eingeführten Studio MX - der Verkaufsanteil des Produkts sei in wenigen Monaten
von Null auf 30 Prozent des Gesamtumsatzes des Unternehmens hochgeschnellt. Im
Applaus ging unter, welche Milchmädchenrechnung hier aufgestellt wurde - Studio
MX ist kein neues Produkt, sondern ein relativ günstiges Bundle aus dem
HTML-Editor Dreamweaver, dem Web-Grafikprogramm Fireworks, dem
Web-Animationsgenerator Flash, der Vektoranwendung Freehand und einer
Schnupperversion des Application Server ColdFusion.
Der Schwerpunkt lag auf Flash MX und ColdFusion MX, mit Betonung auf der
Zusammenarbeit zwischen dem Multimedia-Tool und ColdFusion. Mit der MX-Version führte
Macromedia ‘Flash Remoting’ ein, über das Flash-Filme dynamisch Inhalte vom
Server nachladen können, während sie laufen.
In den General Sessions propagierte die Macromedia-Spitze Flash als Alleskönner
für Werbung und Anwendungen. Insbesondere betonte man eine Allianz mit dem
Online-Werberiesen Doubleclick. Eine Gefahr, die langsam wachsende Akzeptanz von
Flash bei den Skeptikern gleich wieder mit blitzender Werbung zu ruinieren,
scheint Macromedia nicht zu sehen.
Während der General Session hob die Macromedia-Spitze zwei Websites
besonders hervor, die Usability-Experte Jakob Nielsen erst einen Tag zuvor
auseinander genommen hatte - den Autohersteller Mini und das Hotel Broadmoor.
Nielsens Schelte hinderte die Entwickler des Hotelreservierungssystems nicht
daran, ihr Design im Ausstellerraum zu bewerben.
ColdFusion-Guru Jeremy Allaire war aus familiären Gründen abwesend - den
Umstand wollte Macromedia für eine Demonstration der Webconferencing-Fähigkeiten
des Flash Player 6 nutzen. Dazu nutzt Flash normale Webcams und Mikrofone, wobei
die Umsetzung freilich den Flash Communication Server MX voraussetzt. Der
Versuch misslang spektakulär: Allaires Bild aktualisierte sich im Sekundentakt;
der quäkende Ton brach immer wieder ab.
Der Rest der DevCon war mit zahlreichen Vorträgen, aber auch ‘Hands-on’-Übungen
gefüllt. Das Spektrum reichte von relativ trivialen Bedienungstipps bis zu
SQL-Tutorials und Hinweisen zum Debugging von ColdFusion-Seiten. Einige der
besten Vorträge stammten von unabhängigen Entwicklern. So lief eine
Veranstaltung über die Einbindung fremder Web-Services in ColdFusion im
Wesentlichen auf eine Warnung hinaus: Die Entwicklung von Web-Services geht
scheinbar recht leicht von der Hand, wie auch die Einbindung anderer
Web-Services, die in ColdFusion entstanden sind. Die Integration fremder
Services sei hingegen ein Minenfeld.
Zu den Geheimtipps gehörte der Vortrag ‘What Would Wal-Mart Do’ - hier
ging es mitnichten um das Design der Walmart-Website, sondern um Flash-Usability.
In 60 Minuten erklärte Chris MacGregor mit großer Überzeugungskraft, welche
Vorteile eine in Flash geschriebene E-Commerce-Site gegenüber einer
HTML-Variante haben kann und welche Usability-Kriterien dabei zu berücksichtigen
sind.
Vom ersten Tag an liefen Macromedia-Mitarbeiter mit mysteriösen T-Shirts
durch die Hallen: ‘</hassle>’ (‘Mühe’) stand darauf. Neugierig
gewordene Besucher durften einen Blick auf Macromedias ‘next big thing’
werfen: Contribute. Hinter dem schlichten Namen steckt eine Art ‘Web-Editor für
Normalsterbliche’ - das Programm arbeitet mit der Layout-Engine von
Dreamweaver, bietet aber nur einen WYSIWYG-Modus und begrenzte Formatierungsmöglichkeiten.
In Contribute gibt ein Web-Entwickler bestimmte Bereiche der Site für ausgewählte
Mitarbeiter zur Bearbeitung frei - so kann beispielsweise die Pressestelle bei
einer bereits im Web stehenden Meldung nachträglich die Preise korrigieren,
ohne den Webmaster zu bemühen. Macromedias neue Wunderwaffe importiert
Word-Dokumente und Excel-Tabellen, entfernt daraus automatisch die proprietären
Microsoft-Tags und passt die Formatierung an die Standard-Vorgaben der Website
an.
Web-Beiträge
Dreamweaver bietet schon länger Vorlagendokumente, in denen nur bestimmte
Bereiche editierbar sind. Auch Contribute unterstützt dieses Konzept - so kann
ein Abteilungsleiter schnell und unkompliziert ein paar neue Intra- oder
Internet-Seiten im gewohnten Stil hinzufügen. Contribute bietet eine einfach
einzurichtende Rechteverwaltung für Seiten und Bereiche. Bei den Seiten selbst
sind Vorlagen hingegen der einzige Weg, Layout-Bereiche vor der Bearbeitung
durch Unbefugte zu schützen. Rechte, Freigaben und Versionen werden über
spezielle Verzeichnisse auf dem Server, aber ohne zusätzliche Add-ons umgesetzt
- grundsätzlich genügt ein FTP-Zugang.
Der Pferdefuß: In der ersten Version unterstützt Contribute noch keine
dynamischen Inhalte und bietet auch keinen direkten Zugriff auf Flash-Filme. So
passt das Produkt nicht besonders gut zur allgemeinen Strategie des Herstellers,
die ja ansonsten auf ‘Rich Content’ und dynamisch generierte Seiten zielt.
Doch zum Kampfpreis von 120 Euro pro Arbeitsplatz und mit einer durchdachten
Benutzerführung könnte Contribute den Markt der Content-Management-Systeme gut
aufrollen. Die Windows-Version soll Mitte Dezember erscheinen; die Mac-Version
Anfang 2003. Die Verzögerung erklärt Macromedia damit, dass Contribute einen
integrierten Browser benötigt - unter Windows ist dies der Internet Explorer,
unter Mac OS wird es Opera sein. (ghi)
ASP.NET versus Cold Fusion MX
Das Thema ASP.NET führt zu hitzigen Diskussionen unter Web-Entwicklern.
Obwohl sich .NET eher schleppend verbreitet, weckt Microsofts Technologie
starkes Interesse und polarisiert. Auch die diesjährige Macromedia-Konferenz
DevCon in Orlando hat ASP.NET nicht verschont. Microsoft zählte zu den
Hauptsponsoren und durfte ASP.NET zum Dank während eines Mittagessens
vorstellen.
Macromedias Position zum Thema ASP.NET ist etwas diffus. Zum einen hebt der
Hersteller die Unterstützung von ASP.NET in Dreamweaver MX hervor, zum anderen
gilt es natürlich, den hauseigenen Cold Fusion MX Server an den Mann
beziehungsweise die Frau zu bringen.
Bestes Beispiel: Unter großem Staunen des Publikums wurde in der Keynote
gezeigt, wie einfach ein Web Service in Dreamweaver MX eingebaut und
‘konsumiert’ (verwendet) werden kann: einfach den Link zur
Beschreibungsdatei im WSDL-Format eingeben und OK klicken. Dumm nur, dass
Microsoft-Vertreter genau dasselbe ‘neue Feature’ seit einem guten Jahr
immer wieder vorführen, freilich unter Verwendung von ASP.NET und Visual
Studio.NET.
Hier steckt Macromedia in der Zwickmühle: Eine kräftige Opposition gegen
Microsoft wagt kaum einer, die Unterstützung von ASP.NET ist also ein Muss. Auf
der anderen Seite torpediert dies wiederum Cold Fusion. Beide Technologien
arbeiten serverorientiert und locken mit der bequemen Integration von Web
Services. Microsoft verteilt ASP.NET derzeit als kostenloses Zusatzprodukt zum
eigenen IIS-Webserver und unterstützt verständlicherweise nur Windows. Der
Cold Fusion MX Server läuft zusätzlich unter Linux und Unix, schlägt aber
auch mit mindestens 960 Euro zu Buche (Updates gibt es ab 660 Euro).
Tritt man einen Schritt zurück, nehmen sich beide Verfahren nicht viel. Das
Problem liegt eher in der Positionierung gegenüber Microsoft. Immerhin ist das
Flash-Plug-in die einzige mit Windows ausgelieferte Third-Party-Komponente. Wie
klug es ist, ASP.NET zu umarmen und dadurch dem Cold Fusion MX Server eine quasi
‘hauseigene’ Konkurrenz zu schaffen, wird sich in den kommenden Monaten
zeigen. (Christian Wenz/ghi)
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