Osama Bin Laden und seine Verbündeten wollen ihre frühere Vormachtstellung in der Welt wieder herstellen. Warum hassen die Islamisten uns so sehr? Was veranlasst sie zu solchen Gräueln wie den Attentaten vom 11. September? Auf diese Fragen werden oft zwei Antworten gegeben: ihre Armut und unsere Politik. Armut nährt Verzweiflung, und unsere Politik demütigt die Menschen obendrein. Verzweiflung und Demütigung sind eine Brutstätte für Terrorismus. Wenn wir den Terrorismus bekämpfen wollen, müssen wir die Armut kämpfen und unsere Politik ändern.
Ihre Einfachheit macht diese These unglaubwürdig. Die Attentäter von New York und Washington waren alles andere als arm. Viele stammen aus dem reichen Erdöl-Land Saudi-Arabien. Andererseits kann die westliche Welt wenig machen, um ihre Feinde zu besänftigen - es sei denn, sie zieht sich aus der Region zurück oder am besser gleich ganz von diesem Globus. Osama Bin Laden und seine Verbündeten kämpfen gegen die "Präsenz der Kreuzritter" an heiligen islamischen Orten. Sie wollen die islamische Vormachtstellung in der Welt und damit ihr goldenes Zeitalter wieder herstellen. Ziel ist nicht der Friede mit Israel, sondern die Zerschlagung dieses Staates.
Demütigung und Wut als Nährboden der, wie Präsident Bush sie nennt, terroristischen Vereinigungen "mit weltweiter Reichweite" sind real. Sie sind jedoch nicht das Ergebnis aktueller Ereignisse sondern langfristiger Versäumnisse der Geschichte. Wir ernten jetzt die Früchte der Bitterkeit, die in den letzten drei Jahrhunderten zwischen dem dominanten Westen und der geschwächten islamischen Welt aufgekommen ist.
Konflikt mit traditionellen Werten
Macht und Wohlstand des Westens führten auch im gesamten Rest der Welt zu einer Veränderung oder gar Zerstörung der traditionellen Lebensmuster. Nirgendwo stellte der Glanz des Westens - den die USA verkörpert und für den Israel als demütigendes Zeichen steht - jedoch eine größere Herausforderung dar, als in der islamischen Welt. Und zwar aus zwei Gründen: Seit über tausend Jahren fühlt sich die islamische Welt dem Christentum überlegen. Man hielt sich für mächtiger, wirtschaftlich fortschrittlicher und intellektuell gebildeter. Zudem stehen die westlichen Konzepte Demokratie, Liberalismus, Gleichberechtigung der Geschlechter und Rechtsstaatlichkeit im Konflikt mit den traditionellen Werten des Islams.
Anatole Lieven, ein führender Mitarbeiter der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden, hat die Reaktion auf die westliche Herausforderung analysiert. Er kommt zu dem Schluss, dass mit Ausnahme einiger Golfstaaten mit hohem Erdölvorkommen und - bis zu einem gewissen Grad - der Türkei und Malaysias kein einziger muslimischer Staat den Sprung in die entwickelte Welt geschafft hat. In den islamischen Ländern lag das durchschnittliche Einkommen im vergangenen Jahr nur bei 3700 $, in den USA hingegen bei 34.260 $.
In der islamischen Welt mangelt es auch an politischer Freiheit: Eine Bewertung durch das Freedom House bescheinigte nur Bangladesch, Jordanien, Kuwait, Marokko und Türkei zumindest bis zu einem gewissen Grad politische Freiheit, der Rest der Länder wurde schlichtweg als "nicht frei" eingestuft. Als Länder mit stärkster politischen Repression wurden hingegen Afghanistan, Irak, Libyen, Saudi Arabien, Somalia und Sudan eingestuft.
Industrielle Revolution verpasst
Den Anschluss haben die wichtigsten islamischen Länder während der industriellen Revolution verpasst. Abgesehen von den politischen, sozialen und ideologischen Unterschieden fehlte es ihnen auch an Wasservorkommen, Kohle und Eisen. Der darauf folgende Imperialismus des Westens verhinderte eine eigenständige Entwicklung.
Alle bisherigen Aufholversuche haben fehlgeschlagen. Als Folge bekommt jetzt der Fundamentalismus stärkeren Zulauf.
Diese Forderung nach Rückkehr zur reinen Religion ist nicht neu. Jedoch wollen heute mehr Menschen diesen reinen Glauben als früher. Überall in den Entwicklungsländern reagieren die Menschen auf die Einmischung und den Wohlstand der westlichen Welt. Die Religion gibt dieser Reaktion jedoch eine andere Note. Die meisten Fundamentalisten sind jedoch alles andere als Terroristen. Im Gegenteil. Aber sie sehen einen Sinn in ihrem Tod - oder ihren Morden.
Schwierige Situation
Die westlichen Politiker sind in einer schwierigen Situation. Sie können versuchen, ihre Länder sicherer zu machen oder auch direkt gegen die terroristische Gefahr vorgehen. In jedem Fall sollten sie ihren Einfluss auf Israel geltend machen und auf einen für die Palästinenser akzeptablen Friedenvertrag drängen. Sie könnten zudem die politische und wirtschaftliche Liberalisierung bei ihren Geschäftspartnern fördern. Der Westen kann jedoch nicht der islamischen Welt Reichtum oder politische Stabilität bescheren. Er kann keine Brücke zwischen den Traditionen des Islams und den Anforderungen der modernen Welt schlagen. Ihm bleibt nur die Möglichkeit, das Beste aus der Welt und den Umständen zu machen - und weiterzuleben.