Deutschland am Tropf der Welt (d. h. i. w. USA)


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Deutschland am Tropf der Welt (d. h. i. w. USA)

 
09.10.02 16:01
Deutschland am Tropf der Welt   (aus DIE ZEIT)

Was immer Schröder macht: Die Unternehmer schauen auf Amerika. Dort entscheidet sich ihre Zukunft

Von C. Tenbrock und W. Uchatius


Nichts in Bernhard Schreiers Büro erinnert an den Rest der Welt. Kein Globus, keine Karte. Kein Hinweis auf den internationalen Handel und die Töchter in Übersee, mit denen seine Firma ihr Geld verdient. Kein Zeichen für die Krise, die aus dem Rest der Welt auf Schreiers Schreibtisch schwappt.

86 Prozent ihres Umsatzes macht die Heidelberger Druckmaschinen AG jenseits der deutschen Grenzen. 30 Prozent allein in Amerika. Das Geschäft im Ausland bestimme die Zahlen des Unternehmens, sagt Konzernchef Schreier. Seit Mitte vergangenen Jahres sind diese Zahlen schlecht, vor allem wenn sie aus Amerika kommen. "Die Lage dort ist katastrophal."

20 Kilometer Luftlinie von Schreiers Büro, in einem Konferenzraum in Ludwigshafen, macht sich Martin Brudermüller Sorgen. Der Leiter der strategischen Planung des Chemie- und Pharmariesen BASF breitet Grafiken und Tabellen aus, redet von der Gefahr einer zweiten Rezession in den USA und dem Einfluss amerikanischer Töchter auf das Konzernergebnis. Und von den Folgen eines Krieges im Irak. Vier Volkswirte des Unternehmens haben bereits gerechnet, das Szenario liegt in der Schublade. Schön ist es nicht. Wenn im Nahen Osten die Waffen sprechen, sagen sie, werde sich das weltweite Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr fast halbieren. Der Zuwachs der Chemieproduktion wird dann um mehr als 60 Prozent einbrechen. Und BASF weniger Umsatz machen.

Willkommen in der Realität. Die Bundestagswahl ist gelaufen. Jetzt zählt wieder die Wahrheit.

Sie lautet: Gerhard Schröder und seine Politik sind für die nächste Zukunft ziemlich unwichtig. Kann sein, der alte, neue Kanzler reformiert den Arbeitsmarkt. Vielleicht krempelt er das Gesundheitssystem um, womöglich geht er neue Wege in der Bildungspolitik. Aber ehe diese Maßnahmen wirken, werden Monate, vielleicht Jahre vergehen. Bis dahin wird die deutsche Wirtschaftsbilanz weniger in Deutschland geschrieben als draußen in der Welt.

Ein einziger Motor hält in diesen Wochen die schwächelnde deutsche Wirtschaft notdürftig am Laufen. Die Verbraucher sind im Käuferstreik, die Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück, der Staat muss sparen. Bleibt der Export. Reißt auch er ab, droht der Republik eine schlimmere Krise mit noch höherer Arbeitslosigkeit. Gewinnt er dagegen an Kraft, werden auch Verbraucher und Unternehmen neues Vertrauen schöpfen. Aufschwung oder Abschwung? Das hängt vom Ausland ab. "Vor allem von den USA", sagt Joachim Scheide, Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.

Die Vereinigten Staaten sind der Großeinkäufer des Globus. Zwischen New York und San Francisco leben fünf Prozent der Erdbevölkerung, aber die nehmen dem Rest der Welt 20 Prozent aller Exporte ab. Nur, wie lange noch? Schon die kurze Rezession des vergangenen Jahres hat die US-Wirtschaft geschwächt. Nach dem langen Börsensturz an der Wall Street droht jetzt ein erneuter Einbruch. Führt George Bush einen Krieg? Springt der Ölpreis nach oben? Vergeht den Amerikanern dann endgültig die Kauflust?

Für Deutschland hätte das schlimme Folgen. Fast jeder dritte Euro wird hierzulande mit Exporten verdient. Dazu kommt noch das, was die Auslandstöchter deutscher Firmen erwirtschaften. Der Arzneihersteller Schering macht fast 90 Prozent seines Umsatzes im Ausland, die Software-Schmiede SAP 80 Prozent, der Maschinenbauer Linde 75 Prozent. Sieben von zehn Continental-Reifen werden in Europa, Amerika oder Asien abgesetzt. Porsche und BMW verkaufen drei von vier Autos im Ausland.

"Im Inland wird nicht mehr investiert"

Die Branche mit den meisten Beschäftigten Deutschlands, der Maschinen- und Anlagenbau, ist mit einem Auslandsanteil von rund 70 Prozent auch die exportstärkste. Weil die Nachfrage zu Hause schwächelt, wächst die Abhängigkeit vom Rest der Welt weiter. "Im Inland wird nicht mehr investiert", klagte Dieter Klingelnberg, Präsident des Industrieverbands VDMA schon Ende Juli. "Die Branche lebt immer stärker vom Export."

Wenn sie das kann. An der Heidelberger Kurfürsten-Anlage, im Hauptquartier des weltgrößten Herstellers von Druckmaschinen, rechnet Bernhard Schreier vor: 30 Prozent Umsatzminus im Bilanzjahr 2001/2002 allein in den USA. Weil auf dem wichtigsten Auslandsmarkt nach Schreiers Worten "kein Licht am Ende des Tunnels erkennbar ist", musste er vor drei Wochen mit einer Umsatzwarnung vor die Finanz-Analysten treten. Seit Mai hat sich der Börsenkurs halbiert.

Schreiers Absatz in den USA hängt zur Hälfte an der Werbung in Zeitungen und Zeitschriften. Seit Ende des US-Booms im Jahr 2000 schalten die Firmen immer weniger Anzeigen, geben immer weniger Reklamebroschüren in Auftrag. Deshalb haben die rund 24 000 US-Druckereien, die auf den Heidelberger Kundenlisten stehen, weniger zu tun und schaffen weniger Maschinen an. Der Umsatz fällt - wie bei vielen deutschen Exporteuren.

Na und? Das kann die deutsche, die europäische Wirtschaft verkraften! So dachten die meisten Experten noch vor kurzem. Selbst der Präsident der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, zeigte sich im März 2001 überzeugt, ein Einbruch der US-Ökonomie hätte auf die hiesige Wirtschaft "keine nennenswerten Auswirkungen".

Er irrte. Als die amerikanische Wirtschaft im Frühjahr 2001 in die Rezession rutschte, wurde Deutschland mitgerissen. Die Weltwirtschaft ist stärker vernetzt als angenommen, die Übertragungswege sind vielfältig: Handel, Investitionen, Stimmungen. Zwar gehen die meisten deutschen Ausfuhren nach Europa, nur rund zehn Prozent nach Amerika. Aber "letztlich leiden auch deutsche Lieferungen in alle übrigen Exportregionen", sagt Gustav Horn, Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die schwache US-Nachfrage bekommen auch französische, italienische oder britische Exporteure zu spüren. Und die schrauben dann ihre Aufträge an deutsche Firmen zurück. So verbreitet sich ein amerikanisches Virus über den Globus.

Globalisierung macht anfällig

Zum Beispiel bei BASF. Die Deutschen liefern Kunststoffe an chinesische Hersteller, die 80 Prozent des Weltmarktes für Computer-Mäuse beherrschen. Kaufen amerikanische Verbraucher weniger PCs, macht sich das auch in Ludwigshafen bemerkbar. Und weil er mit seinen Vorprodukten in fast jeder Branche vertreten ist, spürt der Konzern auch bei anderen Produkten einen Nachfragerückgang sofort. "Werden weniger Autos gekauft, setzen wir weniger Vorprodukte für Lacke, weniger Kunststoff für Scheinwerferfassungen und weniger Polyurethan für Sitze und Lenkräder ab", sagt BASF-Stratege Brudermüller. "Und würden die Amerikaner plötzlich weniger Häuser bauen, gingen auch unsere Bauchemie-Verkäufe zurück."

Aufschwung!, versprach Edmund Stoiber. Weniger Arbeitslose!, prophezeite Gerhard Schröder. Aber Deutschland kann nicht boomen, wenn Amerika in einen neuen Abschwung rutscht. Allein im vergangenen Jahrzehnt haben hiesige Unternehmen - vom Mittelständler bis zum Großkonzern - rund 165 Milliarden Euro in Fusionen, Firmenkäufe und den Ausbau der Lieferbeziehungen in Amerika gesteckt. Das hat einerseits ihre Position auf dem US-Markt gestärkt. Aber andererseits wurden sie anfälliger für jede Krise, die aus den Vereinigten Staaten kommt. Geht es der Tochter in Amerika schlecht, leidet auch die Mutter.

Und umgekehrt. 2000 amerikanische Firmen haben sich in der Bundesrepublik niedergelassen und 800 000 Arbeitsplätze geschaffen. Allerdings mit fallender Tendenz: Wenn zu Hause die Wirtschaft schwächelt, sparen auch amerikanische Unternehmen am liebsten in der Fremde. Die Folgen sind zum Beispiel in Mainz zu besichtigen. Dort betreibt die deutsche Niederlassung des Computerherstellers IBM eine Festplattenfabrik. Allerdings nicht mehr lange. Im fernen Armonk nahe New York beschloss IBM-Chef Samuel Palmisano das Ende des Mainzer Werks. 1600 Jobs sind verloren. Mindestens, denn in Mainz und Umgebung leben Dutzende von Handwerkern und Mittelständlern von den Aufträgen aus der IBM-Fabrik. So erwischt der Abschwung in Amerika auch den Malermeister in Nierstein, die Reinigungsfirma in Ingelheim. Und zerstöre weitere 500 bis 1000 Arbeitsplätze, schätzt IBM-Betriebsrat Klaus Trautmann.

Noch vor kurzem profitierten die Bundesbürger vom amerikanischen Aufschwung. Angetrieben vom starken Export, wuchs im Jahr 2000 auch die deutsche Wirtschaft kräftig, die Arbeitslosigkeit sank um mehr als ein Zehntel auf 3,7 Millionen. Wäre damals schon Bundestagswahl gewesen, Gerhard Schröder hätte sich vermutlich jede Kritik an den USA verkniffen und stattdessen ein lautes "Danke!" über den Atlantik gerufen. Und nicht nur er. Angesteckt von der Internet-Euphorie an der Wall Street, schossen die deutschen Börsenkurse in die Höhe. Offiziell war es der Neue Markt, der reihenweise Millionäre machte, aber eigentlich war es Amerika - und das, was der Wirtschafts-Sachverständigenrat als unerwartet schnelle Verbreitung von Stimmungen bezeichnet. Die Deutschen bekamen die schöne Seite der Globalisierung zu spüren.

Die Kehrseite können sie in diesen Wochen täglich per Internet erleben. Um 15.30 Uhr deutscher Zeit öffnen an der Wall Street die Börsen. Dann formen sich auf dem Bildschirm langsam zwei schwarze Striche, krümmen sich, werden zur Kurve, fallen oder steigen. Neue Konjunktur- und Unternehmensdaten machen die Runde, die Börsenindizes Dow Jones und Nasdaq Composite gewinnen oder verlieren an Wert. Zuletzt fielen die US-Kurse fast täglich, und damit war auch das Urteil über Dax und Neuen Markt gesprochen. "Ganz Europa läuft hinter den USA her", sagt Hans-Jörg Schreiweis, Leiter Equity Sales bei der DZ-Bank in Frankfurt. Conrad Mattern, Chefvolkswirt der HypoVereinsbank-Tochter Activest und Autor des Handbook of Investment Research, hat die Bedeutung von Wirtschaftsdaten auf die Finanzmärkte untersucht. Die einflussreichsten Kennziffern sind samt und sonders US-Zahlen. An allen Börsen der Welt.

Nicht anders als die Aktionäre verhalten sich viele Firmenchefs. Das Münchner ifo-Institut für Wirtschaftsforschung erfragt jeden Monat die Geschäftserwartungen hiesiger Unternehmen. Der so gebildete ifo-Index gilt als wichtigstes Stimmungsbarometer der Wirtschaft. Wovon hängt sein Stand ab? Vom Einkaufsverhalten deutscher Verbraucher? Von der Politik des Kanzlers? Nur bedingt. DIW-Ökonom Gustav Horn hat in einer noch unveröffentlichten Studie nachgewiesen, dass der ifo-Index dem Composite Leading Indicator hinterherläuft, der das Konjunkturklima in den USA misst. Offenbar geht es deutschen Unternehmern nicht anders als deutschen Teenagern auf der Suche nach neuen Turnschuhen. Amerika gibt den Geschmack vor. Und die Stimmung.

Weil sie nicht nur um die Chancen, sondern auch um die Gefahren wissen, versuchen deutsche Exporteure mit aller Kraft, sich der Dominanz Amerikas zu entziehen. Für die Heidelberger Druckmaschinen AG beispielsweise ist China laut Vorstandschef Schreier "der am schnellsten wachsende Markt". 30 Prozent mehr als erwartet werde seine Firma dieses Jahr in Asien insgesamt absetzen, sagt Schreier; das Minus im US-Geschäft kann er auf diese Weise teilweise kompensieren. Anderen Unternehmen hilft ihre breite Produktpalette oder die Spezialisierung auf Nischen: BASF macht auf dem US-Markt weiterhin gute Geschäfte im vergleichsweise konjunkturresistenten Pharma- und Pflanzenschutzbereich, Scherings Umsatz in den USA stieg im ersten Halbjahr um 20 Prozent, weil der deutsche Medikamentenhersteller mit hoch spezialisierten Produkten aufwarten kann.

Aber insgesamt kann sich die deutsche Wirtschaft vor der Welt nicht schützen: Fast alle Konjunkturforscher haben ihre Prognose für das bundesdeutsche Wachstum in diesem und im nächsten Jahr nach unten korrigiert, vor allem weil das Auslandsgeschäft nachlässt. "Eine der letzten Stützen der Konjunktur gerät in Gefahr", so Andreas Scheuerle, Volkswirt bei der Deka-Bank.

Gefahr droht damit auch auf dem Arbeitsmarkt. In den USA hängt nur jeder zehnte Job von der Ausfuhr ab, in Japan jeder siebte, in Deutschland aber ist es jeder dritte. Welche Folgen eine schwache Weltkonjunktur in den nächsten Monaten für das ganze Land haben könnte, zeigt schon jetzt das Beispiel München.

Groß und breit, fünf Stockwerke hoch und aus Backstein gemauert, steht mitten in der bayerischen Landeshauptstadt das Arbeitsamt. Dort zu arbeiten hat in den vergangenen Jahren viel Spaß gemacht. In keiner deutschen Großstadt war die Arbeitslosigkeit niedriger, gab es mehr offene Stellen. "Ich kann es selbst kaum glauben", sagte Erich Blume, der Direktor des Arbeitsamtes, im Frühjahr 2001. 18 Monate später hat sich die Lage verkehrt. "Plötzlich suchen Leute einen Job, von denen wir immer dachten, sie könnten gar nicht arbeitslos werden", sagt Blume heute.

Jobverluste in München

Gestern profitierte München vom amerikanischen Konjunkturwunder, das größte Technologiezentrum der Republik wurde zum Standort von Unternehmen aus der ganzen Welt. Heute hat sich die bayerische Metropole mehr als andere Regionen über die Blutbahnen der Weltwirtschaft mit der amerikanischen Krankheit infiziert. IT-Unternehmen und Exportfirmen sparen, schließen und entlassen. Die Arbeitslosigkeit ist innerhalb eines Jahres um 30 Prozent gestiegen - stärker als in jeder anderen Großstadt. "Dieser Einbruch ist schlimmer als alles, was sich seit dem Zweiten Weltkrieg getan hat", sagt Blume, der Mitte 60 ist - und seit Jahrzehnten Angestellter der Bundesanstalt für Arbeit. Die Zahl der Arbeitslosen, schätzt er, werde weiter steigen. "Egal, was die Politik jetzt macht, erst muss die Lawine ausrollen."

Nicht nur in München, in ganz Deutschland. Zum Jahresende dürften 4,2 Millionen Bundesbürger ohne Arbeit sein, prognostiziert das DIW. Kommt es zum Krieg im Irak, springt der Ölpreis nach oben, bricht der US-Konsum ein, wird die Zahl 2003 noch höher liegen. Trotz Wahlsieg - Gerhard Schröders Leidensdruck steigt.

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