Desaster made in Detroit


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Desaster made in Detroit

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23.01.06 13:31
HANDELSBLATT, Montag, 23. Januar 2006, 11:10 Uhr


Vor dem Ford-Sparpaket


Desaster made in Detroit


Von Jens Eckhardt und Josef Hofmann


Wohlstand war gestern. Heute versinkt die US-Autometropole in Depression. Der Rettungsplan, den Ford am heutigen Montag vorlegt, wird tausende Arbeiter mehr auf die Straße setzen. Das Porträt einer leidenden Stadt.



DETROIT. „Die Straßen in diesem Viertel am Fluss waren voller Schlaglöcher, die Rinnsteine erstickten in Unkraut und Müll. Die mächtigen Scheinwerfer erfassten Glasscherben auf dem Asphalt, außerdem Nägel, Metallstücke, alte Radkappen, Blechdosen, eine platt gefahrene Männerunterhose. Unter einer Überführung stand ein ausgeweidetes Auto ohne Reifen, mit zerborstener Windschutzscheibe, aller Chromzierrat war abgeschält, und auch der Motor fehlte.“ So beschreibt Jeffrey Eugenides in seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman „Middlesex“ das Detroit der 70er Jahre.

Lange muss man auch heute in Detroit nicht suchen, um solche Szenen zu entdecken. Gleich hinter dem neuen Stadion „Ford Field“, in dem Anfang Februar die beiden besten Football-Teams beim Super Bowl aufeinander treffen, dem wichtigsten Sportereignis in den USA, finden sich allerorten vernagelte Fenster und ausgebrannte Häuser.

Der Autoriese Ford hat der Stadt das Football-Finale mit der Teilfinanzierung des neuen Stadions erst ermöglicht. Wenn der Konzern heute sein neues Sanierungsprogramm inklusive massiven Stellenabbaus vorlegt, wird er allerdings der einst so prosperierenden Keimzelle der großen Autofabriken einen weiteren Tiefschlag versetzen. Leiden die Arbeiter bei Ford, General Motors und Chrysler, stöhnt auch Detroit. Eine Stadt, die sich von den Rassenunruhen der 60er-Jahre und der Flucht vieler Besserverdienender in die Vororte nie erholt hat und schon lange tief im Blues steckt.

Das können kleine Oasen mit Geschäften, Bars und Stadtleben um Renommier-Projekte wie das Ford Field, die Wayne State University, das Renaissance-Center mit der General-Motors-Zentrale und das Messezentrum Cobo Hall kaum kaschieren. Denn schon in Steinwurfnähe beginnt das Elend. Nur wenige Blocks von der Cobo Hall entfernt, wo sich regelmäßig zum Jahresanfang die großen Namen der weltweiten Automobil-Industrie auf der North American International Auto Show selbst inszenieren, sieht es aus wie nach dem Bürgerkrieg. „Nachts hält man hier an roten Ampeln nicht mehr an“, sagt Rob, ein Taxifahrer. Er zeigt auf baufällige und ausgebrannte Häuser in einer Einöde von planierten Grundstücken und auf Haufen von Bauschutt und Unrat: „Polizei gibt es hier nicht. Wenn sie jemand ruft, kommen die Beamten lieber erst zwei Stunden später, wenn die Gangster weg sind“, sagt der Taxifahrer.



Der 1973 in Detroit geborene Autor Paul Clemens beschreibt in seinem Buch „Made in Detroit“, wie er als Kind nachts von Schießereien geweckt wurde und als Jugendlicher einen Baseballschläger neben seinem Bett hatte, um gegen Einbrecher gewappnet zu sein. „Die Privilegien der Macht, die sich in den USA normalerweise mit Weißen verbinden“, schreibt Clemens, „gehören in Detroit den Schwarzen“. Mehr als vier Fünftel der Stadtbevölkerung sind heute farbig.

Den großen Autokonzernen General Motors, Ford und Chrysler, die in Detroit beheimatet sind, ging es lange besser als der Stadt. Noch in den 70er-Jahren beherrschten die „Big Three“ fast neun Zehntel des US-Automarktes – eine Zeit, in der Detroit bereits in Problemen versank. Brachte die erste Ölkrise Mitte der 70er-Jahre zunächst nur Beulen, setzte die zweite rund sieben Jahre später den großen Autobauern mächtig zu. Zum ersten Mal wendeten sich US-Autokäufer massenhaft den Importen vor allem aus Japan zu. Kurzen Erfolgsphasen mit klotzigen Gewinnen folgte prompt die nächste Krise. Schon 2003 schrieb die US-Wirtschaftsexpertin Micheline Maynard, dass die Big Three am Ende dieses Jahrzehnts nicht mehr in der jetzigen Form existieren werden. „Wer einmal auf ein Importmodell umgestiegen ist, kommt selten zu einem Detroiter Produkt zurück“.

Während General Motors und Ford derzeit mit der vielleicht schwersten Krise ihrer Geschichte kämpfen, redet Bürgermeister Kwame Kilpatrick so, als stünde Detroit am Anfang eines goldenen Zeitalters. Der 35-jährige Zwei-Meter-Mann mit den schrankbreiten Schultern eines Schwergewichtsboxers beschwört die Wiedergeburt dieser „großen Stadt“.

Hinter dem Sohn einer Kongressabgeordneten, der den Beinamen „Hip-Hop-Bürgermeister“ und Diamant-Ohrstecker trägt, liegen vier von Skandalen gekennzeichnete Amtsjahre und eine nur knapp gewonnene Wiederwahl, deren Ergebnis die Bundespolizei FBI überprüft. Vor ihm liegen steigende Haushaltsdefizite, eine hohe Kriminalitätsrate und die ungebremste Abwanderung aus der Stadt, die Jahr für Jahr etwa 10 000 Einwohner verliert. 900 000 Menschen leben in der Motor City – nur noch halb so viele wie in den 50er-Jahren.



Kilpatrick hat in seiner ersten Amtszeit bereits mehrere hundert Polizisten und Feuerwehrleute entlassen und städtische Einrichtungen wie Museen und Gemeindezentren geschlossen, weil er im laufenden Jahr mit mehr als 100 Millionen Dollar Defizit rechnet. Auf der anderen Seite gönnt sich der begabte Volksredner eine 18-köpfige Leibwache, mietete auf Kosten der Stadt eine kirschrote Freizeitlimousine für seine Frau und gab nach Ermittlungen der „Detroit Free Press“ mehr als 200 000 Dollar an Steuergeldern für Besuche in Restaurants, Nachtclubs und für andere Vergnügungen aus. Nachdem er sich dafür im Wahlkampf entschuldigt hatte, vergaben ihm die Wähler.

Lang ist es her, dass Detroit der Stolz Amerikas war, ein Symbol für den Aufstieg zur Weltmacht. Anfang des 18. Jahrhunderts als Fort Pontchatrain d'etroit gegründet und nach dem damaligen französischen Marineminister benannt, wurde aus dem Zusatz „d'etroit“, was so viel wie Flussenge bedeutet, schließlich Detroit. An einem strategisch wichtigen Punkt an der Verbindung zwischen Lake Erie und Lake St. Claire entwickelte sich der Ort zu einem industriellen Zentrum, bekannt für Eisen, Stahl, Räder und Achsen, Leder, Chemie, Motoren, Eisenbahnen und Schiffe. Ransom E. Olds eröffnete 1897 die erste Autofabrik, Henry Ford folgte kurz darauf, schließlich die Dodge-Brüder und Louis Chevrolet. Sie begründeten den Ruf als Weltautostadt. Noch bis in die 60er-Jahre hinein gab es in Detroit Viertel, in denen wohlhabende Weiße wohnten. Schriftsteller Eugenides beschreibt „Prachtstraßen mit imposanten Häusern in eklektischen Stilen“, Häuser in Indian Village mit „großen Gärten, breiten Fußwegen, pittoresk oxidierenden Kuppeln, Negerstatuen auf dem Rasen, deren Tage gezählt waren, und Alarmanlagen, deren Beliebtheit gerade erst begann.“ Doch die großen sozialen Unterschiede entluden sich 1967 in gewalttätigen Rassenunruhen. Straßenzüge brannten, und die Nationalgarde kam, um die Schlacht zu beenden.

Teile des Indian Village sind heute ein geschütztes Kulturdenkmal. Es gibt sie dort noch, die hochherrschaftlichen Villen, aber viele von ihnen wirken ungepflegt und stehen zum Verkauf. Ein 400 Quadratmeter großes Landhaus mit Garten aus dem Jahr 1927 an der Seminole Street, gerade einen Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernt, komplett eingerichtet mit vielen Antiquitäten ist beispielsweise für 410 000 Dollar zu haben. In New York wäre eine solche Villa nicht für unter zwei Millionen Dollar zu haben.



Ein Grund für das Sonderangebot in Detroit: Nur ein paar hundert Meter nördlich der Seminole Street mündet die Großbürgerlichkeit schon wieder in Tristesse – ausgeschlachtete Autowracks am Straßenrand, ausgebrannte Mauern, schwarze Löcher statt Fensterscheiben und im Vorgarten Müll und Schutt: „Es ist hier viel besser geworden“, sagt Taxifahrer Rob. „Sie haben überall am Straßenrand das hohe Gras gemäht. Dort versteckten sich früher Gangster, die jeden angriffen, bei dem was zu holen war.“

Noch bessere Verstecke gibt es aber bis heute genug. Ganze Viertel sind unbewohnt, ein Teil der pittoresken, traditionellen Hochhäuser aus der Blütezeit steht seit Jahren weitgehend leer. „Städtische Prärie“ nennen das die Einwohner, denen das Schicksal ihrer Stadt weitgehend gleichgültig zu sein scheint. Die überwiegend dunkelhäutige Bevölkerung hat andere Probleme. Armut und Arbeitslosigkeit sind hoch, vor allem die Frustration der Jugendlichen ist riesig. Sie entlud sich jahrelang am Vorabend von Halloween Ende Oktober, der „Angel’s Night“. Während in anderen Städten Kinder an Türen klopften und um Süßigkeiten baten, tobte in Detroit die „Devil’s Night“, in der Jugendliche leer stehende Häuser und Autos in Brand steckten. Nachdem allein 2004 mehr als 140 Häuser in diesen Tagen Opfer der Flammen wurden, erließ der Stadtrat im vergangenen Jahr für Jugendliche bis 17 Jahre eine Ausgangssperre an Halloween und ein Verbot für die Abgabe von Benzin in Kanistern.

Nichts sagt über den Zustand der Stadt mehr aus, als das, womit sie wirbt. So brüstet sich das städtische Touristikamt damit, dass die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, in Detroit mittlerweile unter dem Staatsdurchschnitt liegt. Mit rund einem Mord je Tag rangiert Detroit aber noch immer unter den zehn US-Städten mit den höchsten Kriminalitätsraten. Auch die Jubelmeldung, dass man den Titel „Fat City“, also Stadt mit den dicksten Menschen, nach Jahren an Chicago abgegeben hat, wird schon als Zeichen einer neuen Prosperität gefeiert. Und auf der Automesse empfing die Stadt jüngst ihre ausländischen Besucher mit dem Slogan „Detroit, the City where Champions are made“. Doch beim Super Bowl, dem Football-Finale der Profi-Liga, gilt wie in der Autobranche: Detroit ist nur der Schauplatz, die Sieger kommen von auswärts.





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Ford verdient mit Autos kein Geld

 
23.01.06 15:55
HANDELSBLATT, Montag, 23. Januar 2006, 13:40 Uhr



Ford verdient mit Autos kein Geld



Auch dem Konkurrenten General Motors geht es nicht besser. Nach einem rabenschwarzen Jahr mit einem Absatzrückgang von vier Prozent in den USA und Milliardenverlusten trat der weltgrößte Autobauer im vergangenen Herbst auf die Kostenbremse und kündigte den Abbau von 30 000 Arbeitsplätzen und die Schließung von zwölf Werken bis 2008 an.



Was GM bereits eingeleitet hat, steht Ford nun bevor: ein drastischer Sanierungskurs, dem vermutlich Tausende von Stellen zum Opfer fallen. Derzeit hat Ford in Nordamerika 35 000 fest angestellte Beschäftigte und 87 000 Stundenlohnempfänger.

Ford hat im vergangenen Jahr in den USA 2,9 Mill. Autos verkauft und erreichte damit nur noch einen Marktanteil von 17,4 Prozent. 2004 waren es noch 18,3 Prozent und 1990 sogar 24 Prozent.

Es sind vor allem die asiatischen Hersteller, die Ford und GM das Leben immer schwerer machen. Aber auch die deutschen Autobauer konnten - bis auf Volkswagen - auf dem wichtigsten Automarkt der Welt im vergangenen Jahr teilweise deutlich zulegen.

Während Ford seine Kapazitäten in seinen nordamerikanischen Werken nach Einschätzung von Branchenexperten nur zu 79 Prozent auslasten konnte (minus sieben Prozentpunkte), steht Konkurrent Toyota, der Ford inzwischen auch als Nummer zwei in der Liste der größten Autobauer der Welt abgelöst hat, unter Volldampf.

Nicht nur der Absatzrückgang, auch die wachsenden Kosten für die Krankenversicherung der Mitarbeiter macht der Ford-Führung zunehmend Kopfzerbrechen. Um die Überkapazitäten anzupassen, wird der Konzern nicht an einer Schließung von Werken herumkommen. Der Spielraum ist aber eingeschränkt, da die Autoarbeitergewerkschaft UAW bei einigen der von Ford angestrebten Veränderungen Mitspracherecht hat. „Wir sehen es natürlich nicht gerne, wenn Jobs verschwinden“, betonte UAW-Präsiddnt Ron Gettelfinger in der vergangenen Woche. „Wir hoffen, dass wir am Ende einige der Entscheidungen revidieren können.“


HANDELSBLATT, Montag, 23. Januar 2006, 13:40 Uhr



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Detroits Innenstadt verfällt

 
11.06.06 11:07

HANDELSBLATT, Sonntag, 11. Juni 2006, 09:06 Uhr

Drohender UntergangDesaster made in Detroit 2607882
Detroits Innenstadt verfällt Desaster made in Detroit 2607882
Von Anette KieferDesaster made in Detroit 2607882

Die amerikanische Automobilmetropole im US-Staat Michigan kämpft gegen den Untergang. „Aus keiner anderen US-Großstadt ziehen zurzeit so viele Leute fort wie aus Detroit“, meldet das Online-Lexikon Wikipedia.

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HOUSTON. „Arbeitskräfte gesucht“, warb Anfang des Jahres 2000 eine Anzeige der US-Zeitarbeitsfirma Advantage Staffing. Im Kleingedruckten stand: „Keine Bewerber aus der Detroiter Innenstadt“. So desolat ist die Situation in der elftgrößten Stadt der USA, dass selbst Arbeitgeber aus den angrenzenden Vororten nichts mit ihr zu tun haben wollen – auch heute noch. Im Advantage-Staffing-Fall machten erst Proteste von Angestellten und eine einstweilige Verfügung des staatlichen Gleichstellungsbeauftragten der diskriminierenden Praxis ein Ende.

Nicht nur bei Unternehmern gilt die Stadt als verrufenes Pflaster: Auch anderswo im Land assoziieren die Menschen mit Detroit Obdachlose, drogensüchtige Verbrecher, Bandenkriege und alleinerziehenden Sozialhilfeempfängerinnen. Daran kommt selbst das Imageproblem des deutschen Ruhrgebiets zu seinen schlimmsten Zeiten nicht heran. Der Unterschied: Den durch Kohle und Stahl geprägten Städten im Ruhrgebiet gelingt der Strukturwandel besser als der Automobilmetropole im Norden der USA.

„Aus keiner anderen US-Großstadt ziehen zurzeit so viele Leute fort wie aus Detroit“, meldet das Online-Lexikon Wikipedia. Mit 900 000 Einwohnern hat die Stadt im Bundesstaat Michigan in wenigen Jahrzehnten etwa die Hälfte der Bevölkerung verloren. Zwar verlieren auch Ruhrgebietsstädte Teile ihrer Bevölkerung, doch das Ausmaß ist überhaupt nicht mit dem Einwohnerschwund von Detroit vergleichbar.

Die Gründe für die Stadtflucht sind vielfältig, aber mit an vorderster Stelle steht die unglaublich hässliche und vielerorts kaputte Innenstadt. Während der Rassenunruhen von 1967 gingen unzählige Gebäude in Flammen auf – und viele davon stehen bis heute als verkokelte und teilweise eingestürzte Trümmer in den Stadtvierteln. „Alles was früher mal solide aussah, verwandelt sich in Rauch und Schutt“, berichtete die Tageszeitung Detroit News erst vor wenigen Wochen.

Etwa 40 000 Wohnhäuser im Stadtgebiet stehen seit Langem leer. Die früheren Besitzer sind oft nicht aufzufinden; viele haben seit Jahren keine Steuern und Abgaben mehr gezahlt. Doch die Stadt unternimmt nur halbherzige Räumungs- und Abrissversuche. Für die Moral der Det-roiter sind die Ruinen fast ebenso gefährlich wie für die Kinder der Nachbarschaft, die in den Überresten herumklettern. Hinzu kommen die enormen wirtschaftlichen Probleme. Der Bundesstaat Michigan hat die höchster Arbeitslosenquote der Vereinigten Staaten, und als wichtigster Standort der nationalen Autoindustrie ist Detroit abhängiger vom Wohlergehen einer einzigen Branche als jede andere US-Stadt. Solange die Autos von Ford, General Motors und Chrysler weggingen wie warme Semmeln, war das kein Problem; doch diese Zeiten sind lange vorbei.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die gemeinnützige Ford-Stiftung hält sich bei Finanzspritzen für Projekte in Detroit auffallend zurück.

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Tausende Stellenstreichungen später greift die Stadt zu immer verzweifelteren Maßnahmen, um die Großindustrie bei der Stange zu halten, und planiert auch schon mal ganze Stadt-viertel für neue Fabrikanlagen. Dem Zusammengehörigkeitsgefühl und der Moral in den Stadtvierteln hilft das nicht eben.

Und sogar die gemeinnützige Ford-Stiftung, die 1936 vom Sohn des Ford-Firmengründers Henry Ford ins Leben gerufen wurde, hält sich bei Finanzspritzen für Projekte in Detroit auffallend zurück. „Zwischen 1998 und 2002 hat ganz Michigan jährlich nur etwa 2,5 Mill. Dollar von der Ford-Stiftung bekommen“, schreibt der Lokaljournalist Daniel Howes. „Das hat selbst den Justizminister des Bundessstaats auf den Plan gerufen, der jetzt gegen die Stiftung ermittelt.“

Hoffnungsvolle Initiativen gibt es zwar, aber sie lassen sich an einer Hand abzählen. Anfang des neuen Jahrtausends verlegte der Computerkonzern Compuware seinen Stamm-sitz bewusst in die Detroiter Innenstadt und brachte Tausende Arbeitsplätze mit. Seitdem zeigen sich in dieser Ecke der Stadt, die davor zu Detroits heruntergekommenen Schandflecken zählte, zaghaft kleine Inseln urbanen Lebens: Cafés können sich halten, einige Supermärkte, manchmal gibt es ein Straßenfest.

Etwa zur gleichen Zeit verabschiedete der Landtag von Michigan ein Innenstadt-Ansiedlungsgesetz, das verlassene Häuser unter bestimmten Bedingungen in Staatseigentum um-wandelt. Im nächsten Schritt können Familien das Recht beanspruchen, fünf Jahre lang gegen eine geringe Miete in den beschlagnahmten Häusern zu wohnen, um sie zu renovieren. Wenn die Gebäude nach fünf Jahren in ordnungsgemäßem Zustand sind, dürfen die Bewohner sie für den symbolischen Preis von einem Dollar kaufen.

Doch das scheinbar attraktive Ansiedlungsprogramm findet in der Realität so gut wie keine Anwendung. „Die Lokalpolitiker kommen einfach nicht aus dem Quark“, kritisieren Beobachter: Die jahrzehntelange Vernachlässigung habe die Stadtväter misstrauisch und engstirnig gemacht.

„Ein Mitglied im Stadtrat hat mir damals erzählt, dass sie lieber die totale Kontrolle über einen Vorgang behalten wollen als eine vielversprechende Initiative von außen zu genehmigen, bei der sie dann nicht mitreden können“, sagt der Uniprofessor und Politikwissenschaftler Jeff Reno, der damals das Gesetz mit entwickelte. „Das ist unglaublich frustrierend, weil die Stadt neue Leute mit kreativen Ideen so bitter nötig hat. Und dann werden solche Pioniere von den Stadtvätern selbst sabotiert. Ich habe als gebürtiger Detroiter zwar die Hoffnung für meine Heimat noch nicht aufgegeben – aber bis die Stadt wieder lebenswert wird, muss ein kleines Wunder geschehen.“

Desaster made in Detroit 2607882
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Detroiter Tragödie

 
06.09.06 07:22
HANDELSBLATT, Mittwoch, 6. September 2006, 05:09 Uhr
Automobilindustrie

Detroiter Tragödie

Vomn Stefan Menzel

General Motors kürzt seine Produktionspläne für den Rest des Jahres drastisch. Der Ford-Chef spricht sogar vom Ende des „klassischen Geschäftsmodells“.


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Die amerikanischen Autohersteller, darüber herrscht inzwischen Einigkeit, stecken in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Die Not ist groß: In den vergangenen 15 Jahren fiel der Anteil der „Big 3“ aus Detroit auf dem heimischen Automarkt von 75 auf 50 Prozent. Für diese dramatische Entwicklung gibt es einen ganz entscheidenden Grund: Es sind die asiatischen Hersteller, allen voran die Japaner um Toyota, Honda und Nissan, die die Schrumpfkur der amerikanischen Platzhirsche auslösen. Mit einer langsam, aber stetig voran getriebenen Wachstumsstrategie haben sie General Motors & Co. in die Enge getrieben.

Die Asiaten denken dabei nicht in Quartalen oder Jahren, sondern gleich in Jahrzehnten. Schritt für Schritt haben sie ihre Basis in Nordamerika ausgebaut. Ganz wesentlich ist dabei ihre Produktionsstrategie: Um die Akzeptanz bei potenziellen amerikanischen Kunden zu stärken, hat einige asiatische Firmen regelmäßig neue Werke in den USA eröffnet. Wer auch Jobs anbietet, kann Sympathiepunkte für sein Unternehmen buchen. Und damit erhöht sich eben die Chance, dass dessen Produkte auch gekauft werden. Die Zahlen sprechen für sich: In den letzten 15 Jahren haben die Japaner ihren Marktanteil in den USA auf fast 40 Prozent verdoppelt.

Noch ein anderer wichtiger Punkt kam hinzu: Der US-Automarkt ist in den vergangenen Jahren kaum noch gewachsen. Da die Asiaten immer neue Produktionskapazitäten ins Land brachten, musste es am Ende Verlierer geben. Und das waren GM, Ford und Chrysler, die behäbigen amerikanischen Riesen, die nicht rechtzeitig auf die Attacken der neuen Konkurrenz reagiert haben. Doch Toyota, Honda und Nissan geben sich mit dem Erfolg auf dem amerikanischen Markt nicht zufrieden. Sie halten Ausschau nach der nächsten Expansionsmöglichkeit. Und die langfristig angelegte und sehr erfolgreiche Strategie aus Nordamerika liefert eine Blaupause – für Europa.

Die aktuellen Bedingungen auf dem Alten Kontinent sind auf den ersten Blick durchaus mit der Situation in den USA vergleichbar. Der europäische Automarkt hat seine stärksten Wachstumsphasen schon lange hinter. Etablierte Anbieter wie VW aus Deutschland, Peugeot aus Frankreich und Fiat aus Italien kämpfen verzweifelt gegen die Wachstumsschwäche auf ihren Heimatmärkten an. Hohe Löhne, eine vergleichsweise niedrige Produktivität und die geringe Flexibilität der Belegschaften setzen ihnen zu.

Die Asiaten haben diese Schwächen der Europäer erkannt. Wie in den USA entstehen der Reihe nach neue Werke mit hoher Produktivität. Toyota hat Fabriken in Frankreich, Tschechien und Polen in Betrieb genommen, der koreanische Konkurrent Hyundai plant ein Werk in der Slowakei.

Den Asiaten hilft auch der Euro: Die europäische Gemeinschaftswährung sorgt zumindest in Ansätzen für einen einheitlichen Wirtschaftsraum und macht Europa den USA damit ein wenig ähnlicher. Die Kalkulation wird für die Automobilhersteller aus Asien jedenfalls deutliches einfacher.

Aber noch gibt es einen großen Unterschied zwischen den USA und Europa: Während die „Big 3“ aus Detroit die neue Konkurrenz aus Asien über Jahre hinweg nicht richtig ernst genommen haben, können die europäischen Hersteller jetzt noch auf die neue Herausforderung aus Japan und Korea reagieren.

Das heißt an erster Stelle, das eigene Haus in Ordnung zu bringen. Volkswagen und andere müssen ihre Produktivität deutlich steigern, wenn sie mit einem Konkurrenten wie dem Toyota-Konzern mithalten wollen. Die Japaner sind der Weltmeister in Sachen Effizienz, sie sind der wahre Maßstab für die Europäer in der Produktionstechnik. Mit reinem Kostendenken ist es allerdings nicht getan. Die etablierten westeuropäischen Hersteller müssen sich neue und bislang weniger genutzte Absatzmöglichkeiten erschließen. Osteuropa liegt vor der Haustür, gerade Russland entwickelt sich immer besser. Die europäischen Hersteller benötigen unbedingt eigene Werke.

Die amerikanischen Hersteller hatten ferner nicht daran gedacht, in umweltschonende und verbrauchsarme Antriebstechniken zu investieren. Insbesondere die deutschen Unternehmen haben auf diesem Feld durchaus einiges zu bieten, gerade was den Diesel-Antrieb betrifft. Wenn die Europäer dieses Know-how nutzen und ausbauen, können sie die Herausforderung aus Asien bewältigen. Eine Tragödie wie in Detroit muss sich in Europa jedenfalls nicht wiederholen. Zumindest nicht so schnell.

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Überkapazitäten und Neuwagenhalden in Detroit

 
17.09.06 16:14
HANDELSBLATT, Sonntag, 17. September 2006, 13:59 Uhr
Krise der Autobauer

Überkapazitäten und Neuwagenhalden in Detroit


Die Milliardenverluste von Ford, General Motors (GM) und Chrysler auf dem US-Markt sind zu einem großen Teil hausgemacht und selbst verschuldet. Die drei großen Automobilbauer kämpfen mit gigantischen Überkapazitäten und riesigen Neuwagenhalden. Diese stehen rasch schrumpfenden US-Marktanteilen gegenüber. Viel zu spät sind sie zur Einsicht gekommen, dass die benzinfressenden großen Pickups und Geländewagen angesichts verdoppelter Treibstoffpreise bei den Amerikanern nicht mehr gut ankommen.


HB NEW YORK. Das ganze Ausmaß der Krise wurde offensichtlich in den jüngsten Ankündigungen von Ford und Daimler-Chrysler. Zugleich kämpfen GM, Ford und Chrysler mit einer immer erfolgreicheren Konkurrenz japanischer, südkoreanischer und europäischer Anbieter. Toyota, Honda, Nissan und die koreanische Hyundai mit ihren qualitativ hochwertigen und rasch dem sich wandelnden Käufergeschmack angepassten Modellen nehmen Detroit immer mehr Kunden ab. Ford und GM hatten auch auf die Luxuswagenoffensive aus Europa mit BMW, Mercedes-Benz, Audi und Porsche kaum etwas entgegenzusetzen. Ford verliert sogar mit der Luxusmarke Jaguar Milliarden.

An der Börse ist Toyota dank seiner zum erheblichen Teil in den USA verbuchten Milliardengewinne längst die unumstrittene Nummer eins. Toyota wird inzwischen an der Börse mit rund 192 Mrd. Dollar bewertet. GM bringt es gerade mal auf 18 Mrd. Dollar, Ford auf 15 Mrd. Dollar, während DaimlerChrysler auf 50,5 Mrd. Dollar kommt.

Der US-Marktanteil von GM, Ford und Chrysler war von über 80 Prozent in den achtziger Jahren in den ersten acht Monaten 2006 bei einem Gesamtabsatz von 6,2 Mill. Autos auf nur noch 54 Prozent eingebrochen. Die Japaner haben im Januar-August-Zeitraum hier 3,9 Mill. Autos verkauft (34,5 Prozent US-Marktanteil). Die europäischen Anbieter brachten es auf rund 760 000 Autos (6,7 Prozent) und die Koreaner auf 520 000 Stück (4,6 Prozent). Bald treten auch chinesische Anbieter im US-Markt an.

Toyota hat mit einem US-Marktanteil von 15,0 Prozent Chrysler (13) bereits vom dritten Platz verdrängt und wird auch Ford (17) in diesem oder im kommenden Jahr überholen. Toyota, der Schrecken Detroits, wird dann noch stärker zum Branchenführer GM (25) aufschließen.

Chrysler und Ford machten bisher rund zwei Drittel ihres US- Geschäfts mit Pickups, Geländewagen und Minivans. Bei GM ist der Anteil etwas geringer. Die Japaner holen aber auch bei den bisherigen Detroit-Gewinnträgern, den Geländewagen und Pickups, mit einer beispiellosen Modellinitiative ständig stärker auf.

Die Automobilarbeitergewerkschaft UAW setzte in Detroit jahrzehntelang immer höhere Konzessionen durch und sogar die Weiterbezahlung von Arbeitern wenn für sie keine Arbeit vorhanden ist. Das Heer von Rentnern der drei Autoriesen aus den guten alten Zeiten muss von einer ständig schrumpfenden Zahl von Mitarbeitern unterstützt werden. Hiervon sind die japanischen und europäischen Anbieter mit ihren zahlreichen US-Autofabriken nicht belastet. Sie beschäftigen jüngere Arbeiter, sind überwiegende im Süden der USA angesiedelt und haben keine Gewerkschaftspräsenz. "Nur in Detroit werden Leute bezahlt, um nicht zu arbeiten. Nur in Detroit werden zu viele Pkw und Trucks gebaut und mit Verlusten verkauft, um die Werke in Gang zu halten", kommentierte die "Detroit News" am Samstag.

Nun wollen die drei Autogiganten mit drastischen Restrukturierungen, weiteren Kostensenkungen und mit einer neuen Modelloffensive den Umschwung schaffen. GM und Ford wollen mehr als zwei Dutzend Werke schließen und insgesamt rund fast 80 000 Mitarbeiter nach Hause schicken. Chrysler hat noch nicht genau präzisiert, welche Aktionen das Unternehmen zur Begrenzung der enormen Überproduktion und zur Eingrenzung der jüngsten Milliardenverluste plant.


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Ford und General Motors führten Fusionsgespräche

 
18.09.06 10:36
Dearborn (aktiencheck.de AG) - Senior-Manager der beiden größten US-Automobilkonzerne General Motors Corp. (GM) (ISIN US3704421052 / WKN 850000 ) und Ford Motor Co. (ISIN US3453708600 / WKN 502391 ) haben Presseangaben zufolge bereits Gespräche über eine Fusion oder eine Allianz geführt.Wie die Branchenzeitung "Automotive News" am Montag berichtet, ist derzeit nicht absehbar, ob die Gespräche zu einem Ergebnis führen. Momentan würden die beiden Unternehmen jedoch nicht mehr verhandeln. Es bestehe eine geringe Chance, dass aus den Zusammentreffen ein Ergebnis erzielt wird, so die Zeitung unter Berufung auf eine einzelne Quelle.Der angeschlagene Automobilkonzern Ford gab am Freitag bekannt, dass er seine jährlichen Kosten bis Ende 2008 um 5 Mrd. Dollar senken und ein Drittel seiner fest angestellten Belegschaft abbauen wird.Die Aktie von Ford Motor schloss am Freitag an der NYSE bei 8,02 Dollar, die von General Motors bei 31,66 Dollar. (18.09.2006/ac/n/a) Quelle: Finanzen.net / Aktiencheck.de AG© Aktiencheck.de AG
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Anti Lemming:

Viel zu späte Einsichten

 
18.09.06 11:07
P. 5: "Viel zu spät sind sie zur Einsicht gekommen, dass die benzinfressenden großen Pickups und Geländewagen angesichts verdoppelter Treibstoffpreise bei den Amerikanern nicht mehr gut ankommen.

Dann sind die ja wie die Analysten. Die merken auch immer erst an ihren nassen Füßen, dass das Schiff, auf dem sie stehen, gesunken ist. ;-))

Entlassene Automonteure finden in Detroit übrigens zuweilen auch neue Jobs: in der überbordenen "Health Care"-Industrie - dem einzigen Sektor, in dem seit 2001 ÜBERHAUPT nennenswert neue Jobs in USA entstanden sind:

http://www.ariva.de/board/245194?pnr=2792553#jump2792553


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OnceHush:

GM Downswing?

 
18.09.06 12:17

Um mal in der Wasser-Metapher zu bleiben: Ich frage mich, wie sehr es wohl die Überlebenschancen erhöht, wenn man 2 Ertrinkende Rücken an Rücken zusammenbindet. Aus 2 schlechten Unternehmen wird durch Fusion nicht automatisch ein Besseres. Manchmal reicht - wie bei Daimler-Chrysler - schon ein schwacher Partner, um den (vormals) Starken ins Straucheln zu bringen.

Ob durch eine solche Verbindung weitere Skaleneffekte und nachhaltige Kostensynergien zu erzielen sind (die man sich offensichtlich erhofft), darf man aufgrund der schon bestehenden Größe und Volumina bezweifeln.

GM hat seit der mehrfach getesteten Marke um $19 seit April etwa 75% gewonnen. Am letzten Freitag wurde der zuletzt sehr steile Uptrend gebrochen. Für eine Spekulation auf einen Downswing böte sich ABN12V als relativ konservativer Schein (Hebel<2,4 und Abstand KO>26%) an (derzeit 1,06 Brief).

OnceHush!

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Desaster made in Detroit 57296
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