Platzt die Notenbankblase, weil grüne Klima-Steuern zu viel Inflation auslösen und eine Lohn-Preis-Spirale erzeugen, die die Notenbanken zwingt, sich von der Nullzinspolitik zu verabschieden?
Panik-Käufer blasen-teurer Immobilien erleben bei anziehenden Zinsen ebenfalls ihr "rotes Wunder" (# 258).
www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/...-4773-8e9e-2f3727c8e433
Eine Kolumne von Henrik Müller
Höhere Preise und strengere Regulierungen verteuern den Verbrauch traditioneller Energieträger. Die Auswirkungen auf die allgemeinen Lebenshaltungskosten könnten erheblich sein – insbesondere in Europa.
Im zurückliegenden Wahlkampf erklang regelmäßig ein beruhigender Grundton. Klar, der Klimawandel sei eine epochale Herausforderung, aber die notwendige Umstellung auf eine klimaneutrale Wirtschaftsweise werde letztlich kaum Einschränkungen für die Bürger bedeuten. Worauf wir verzichten müssten, wurden die Spitzenkandidaten immer wieder gefragt. Die Antwort lautete: eigentlich auf nichts.
Wenige Tage nach der Bundestagswahl hielt Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), eine bemerkenswerte Rede. Sie richtete den Blick in die weitere Zukunft. Unter anderem beschäftigte sie sich mit den Auswirkungen einer verschärften Klimapolitik auf die Inflation. Es sei sehr wohl möglich, dass höhere Energiekosten die allgemeine Preissteigerung in die Höhe trieben. Wenn der Ausstoß klimaschädlicher Gase mit immer höheren Abgaben belegt würde, wenn immer weitere Bereiche des Wirtschaftens davon betroffen seien und wenn zusätzlich EU-Klimazölle die Importe aus Ländern verteuerten, die abgasintensiver produzierten als die EU – dann »könnte all das inflationäre Auswirkungen haben«, sagte Lagarde.
Eigentlich logisch: Höhere Preise und striktere Regulierungen verteuern den Verbrauch traditioneller Energieträger. Es ist daher keineswegs abwegig anzunehmen, dass dadurch die Lebenshaltungskosten insgesamt steigen.
In der Summe kann dieser Effekt erheblich sein, insbesondere in Europa. Der Umbau in Richtung Klimaneutralität werde die Inflationsrate in den 2020er-Jahren um mehr als einen Prozentpunkt nach oben treiben, so eine Studie des Network for the Greening of the Financial System (NGFS), eines Arbeitskreises von Wissenschaftlern und Notenbankern. Das klingt wenig – aber es wäre annähernd eine Verdoppelung gegenüber den Raten, die wir aus den 2010er-Jahren gewohnt sind.
[Es ist ] höchst unsicher, wie genau der grüne Umbau der Volkswirtschaften vonstattengehen wird – welche Maßnahmen Regierungen und Parlamente konkret ergreifen, wie flexibel Bürger und Unternehmen auf die veränderten Bedingungen reagieren, ob es gelingt, die Kapitalmärkte anzuzapfen, sodass neue klimaschonende Technologien rasch auf den Markt kommen. Viele Unbekannte, große Risiken.
Dazu kommen drei weitere Faktoren, die im gleichen Zeitraum ebenfalls potenziell inflationstreibend wirken:
Erstens verknappt der demografische Wandel zusehends das Potenzial an Arbeitskräften, nicht nur in Europa. Dadurch haben Arbeitnehmer und Gewerkschaften mehr Verhandlungsmacht. Steigen die Lebenshaltungskosten, sollten sie rasch angemessene Lohnsteigerungen durchsetzen können.
Zweitens ist die Globalisierung auf dem Rückzug. Die ehedem nahezu grenzenlosen Märkte werden von neuen Handelsbeschränkungen durchzogen, die künftig auch klimapolitisch begründet werden. Dass die Unternehmen nun über Zulieferengpässe klagen, die zunehmend die Produktion lahmlegen, ist eine Folge dieser Entwicklung...
Drittens sind die öffentlichen und privaten Schulden extrem hoch. Das schränkt den Handlungsspielraum der Notenbanken ein: Entschiedene Zinserhöhungen können Finanzkrisen auslösen, weil mancher Schuldner an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gerät. Wie diese Faktoren mit dem Klimaumbau zusammenwirken, lässt sich schwer vorhersagen – noch mehr Unbekannte.
Man braucht kein Inflationshysteriker zu sein, um zu der Überlegung zu gelangen, dass die drei Faktoren zusammengenommen das inflationäre Potenzial der Klimawende zusätzlich erhöhen. Rasch steigende Energiekosten könnten eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen, die die Notenbanken womöglich nicht so einfach abbremsen können. Wegen der hohen Schulden könnten Lagarde und Co. in die Klemme geraten, sie müssten zwischen Preisstabilität und Finanzstabilität abwägen....