Zu den beiden Bildern/Aussagen in # 769:
Lockart konnte am 21. März ja noch nicht wissen, wie gut im April die Arbeitsmarktdaten ausfallen würden. ;-)Dieser höchst ironische Satz bedarf einer umfassenden Erklärung:
Die US-Stellenzahl ist am 1. April 2016 vergleichsweise gut ausgefallen (215.000 neue Stellen bei 205.000 Konsenerwartung). Da sich auch sonstige Konjunkturdaten (ISM, PMI) leicht verbessert haben, müsste die Fed eigentlich bei ihrer nächsten Sitzung nochmals die Zinsen erhöhen. Der Markt hat dies aber recht zügig eingepreist: Der SP-500 ist in der Zeitspanne vom 1. April (Veröffentlichung der Stellenzahlen) bis Mitte April (Lockharts 2. Erklärung) von 2070 auf 2040 Punkte gefallen.
Also "musste" Lockart am 14. April "dringend etwas tun". Denn die Fed hat es sich ja seit 2009 zu ihrer Hauptaufgabe gemacht, die Aktienmärkte auf Teufel komm heraus selbst vor kleineren Kurskorrekturen zu schützen. Also steuerte Lockart am 14. April "dovish" dagegen, indem er "überraschend" erklärte, er würde nunmehr einer Zinserhöhung bei der nächsten Sitzung NICHT mehr zustimmen. (Der Markt glaubt infolge dieser "Überraschung", Lockart wisse vielleicht etwas, was noch nicht allgemein bekannt ist.)
Das ist Kasperle-Theater vom Feinsten. Ein gezieltes Spiel mit möglichst unkalkulierbaren Fed-"Reaktionen". Ein "baffle with bullshit". Denn eigentlich geht es um nichts, weil zwischen 0,25 und 0,5 % Zinsen kaum ein realwirtschaftlicher Unterschied besteht. Marktpsychologisch hingegen macht die kleine Spanne einen großen Unterschied, eben weil klar wird, dass die Ära der Gratisknete sich ihrem Ende zuneigt.
Das ganze "Geeier" dient vor allem dazu, den Märkten die scheinbar ungebrochene Allmacht der Fed zu demonstrieren. Eigentlich hat die Fed in der Nullzins-Ära - also seit Ende 2008 - ihr Pulver weitgehend verschossen: Sie kann seitdem nur noch mit QE "drohen". Dennoch versucht sie weiterhin, sich als Magierin der Märkte aufzuspielen. Dies geschieht nicht zuletzt dadurch, dass die Märkte auf jedes Raunen jeder Fed-Randfigur wie Lockart mit deutlichen Kursbewegungen reagieren. So bleibt die vermeintlich nach wie vor vorhandene "Allmacht" der Fed im kollektiven Gedächtnis hängen.
Seit dem QE-Ende spielt die Fed auf zwei Klaviaturen.
1. Einerseits versucht sie, mit langsamen Zinserhöhungen eine "Rückkehr zur Normalität" zu suggerieren. Dies käme ihr schon deshalb gelegen, weil sie bei Zinsen deutlich über Null "in beide Richtungen" aktiv werden könnte. Aktuell treibt die Märkte ja nur die Sorge, ob es weitere Zinserhöhungen gibt. Bei Leitzinsen von sagen wir 1 % hingegen müsste sich der Markt auch wieder vor Zinssenkungen "fürchten"; der gute alte "Greenspan-Put" wäre reinstalliert.
2. Andererseits hängt der Markt an Nullzinsen wie der Junkie an der Nadel. Aus gutem Grund: Die seit 2009 aufgetürmte zusätzliche Schuldenlast (privat und staatlich) würde bei einer Rückkehr zum Zinsniveau der Vor-Lehman-Zeit zu schwersten Verwerfungen führen. Der Staat müsste einen erheblichen Anteil seiner Steuereinnahmen für den Schuldendienst/Zinszahlungen einsetzen - er ist aber eh schon stark überschuldet. Im Privatsektor würden die Junkbonds, mit denen sich viele Firmen windig finanziert haben, im Kurs einbrechen, weil es vom Staat nun sichere Zinsen als Konkurrenz gäbe. D.h. der ZIRP-Anlagenotstand wäre teils beseitigt und Anleger würden wieder stärker einen möglichen Ausfall der Junkbonds einzupreisen beginnen. Die resultierenden Kursverluste der Junkbonds wirkten doppelt destabilisierend, weil die Firmen die Bonds dann z. B. nach Endfälligkeit nicht mehr so renditegünstig rollen könnten. Damit kämen auch die zunehmenden Verschuldungs-Schieflagen bei den Firmen (siehe Chart "net debt / EBITA" in # 752) zum Tragen.
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Die Witzfigur-Attitüde hat daher einen sehr differenzierten und in gewisser Weise perfiden psychologischen Hintergrund. Die Fed gibt sich als unkalkulierbare Diva, um weiterhin ihre (faktisch schrumpfende) Allmacht zu demonstrieren.
Man könnte Lockhart daher gut und gern auch als gewieften Schachspieler bezeichnen. Dumm ist er sicherlich nicht.