DJ: BLICKPUNKT/Rohstoff-Crash ist Börsenmechanik wie im "Flash Crash"
Relativ gelassen nehmen Händler den Einbruch einiger Commodity-Preise hin -
zumindest jene Händler, die nicht im Commodity-Bereich aktiv sind. "Das ist
reine Börsenmechanik, die da abläuft", sagt ein Aktien-Futures-Händler. Aktuell
spiele sich hier dieselbe Kettenreaktion ab, die bereits für den "Flash Crash"
vor einem Jahr an den US-Aktienbörsen gesorgt hatten. Durch
Computer-Handelssysteme würden vermeintlich rationale Entscheidungen einzelner
Marktteilnehmer zu einer Verkaufswelle aufgebauscht.
Auslöser der aktuellen Verkaufwelle dürften die erhöhten Anforderungen für
Sicherheitsleistungen an der Chicagoer Warenbörse CME sein. Sie hatte allein in
der abgelaufenen Woche die Margin-Anforderungen dreimal erhöht. "Da die Margin
wiederum den maximalen Hebel des Portfolios bestimmt, führen Margin-Erhöhungen
automatisch zu einer Senkung des Portfolio-Volumens", so ein Händler: "Das ist
eigentlich identisch zur aktuellen Eigenkapital-Diskussion bei Banken".
Wenn ein Terminkontrakt mit beispielsweise 20% seines Handelswertes durch
Eigenkapital unterlegt werden müsse, könne ein Händler sein vorhandenes
Eigenkapital auf 5 Kontrakte verteilen. Sein Kapital wäre damit um das
Fünffache gehebelt.
"In der Realität sind die Anforderungen aber viel geringer", so der Händler.
Die Margin teile sich oft in eine verpflichtende Initial Margin der Börse und
eventuell eine verhandelbare Maintenance Margin des Brokers auf. Zudem gebe es
Verfahren wie das sogenannte "Risk-based margining", das die gegenseitige
Verrechnung von Sicherheitsleistungen gestatte. "Per Saldo dürften große
Spieler keine 3% Margin zahlen", vermutet der Händler. Dies bedeutet einen
Hebel in Höhe des 33-fachen Eigenkapitals.
Die enorme Höhe der Hebel erzwinge ein striktes Risiko-Management. Zum
Beispiel Stop-Loss-Orders und Diversifikation auf verschiedene Märkte.
"Diversifikation war aber nicht mehr möglich, da alle Märkte in die gleiche
Richtung gelaufen sind", meint der Händler. Das gleiche Problem habe sich in
der Finanzkrise 2007 gezeigt: "Diversifikation setzt voraus, dass die Anlagen
nicht korreliert sind". Durch die Rally der Rohstoff-Märkte sei die Korrelation
diverser Rohstoffe aber derart hoch geworden, dass nur noch der reine Abverkauf
das Risiko des eigenen Portfolios reduziere.
Hier aber gerieten die Märkte in die übliche "Todesspirale". "Wenn alle die
gleichen Positionen in dünnen Märkten wie Silber haben, führt der gleichzeitige
Ausstieg zu hohen Verlusten". Dadurch ziehe die rechnerische Volatilität des
Rohstoffs an, die Risiko-Kontroll-Programme der Trader stufe ihn damit
automatisch als "riskanter" ein und verlangten den Abbau von Positionen.
Die Verkaufswelle würde sich damit fortsetzen und gegebenenfalls verstärken,
falls wichtige Stop-Loss-Marken anderer Marktteilnehmer in dem Rohstoff
verletzt werden. Zur Ruhe komme der Markt erst dann, wenn alle Positionen
verkauft seien. "Per Saldo ist das eine ziemlich dumme Sache, weil sie
zwangsläufig, berechenbar und vorhersehbar ist, wie eine Resonanz-Katastrophe
in der Physik", sagt der Händler. Börsen und Aufsichtsbehörden könnten
derartiges leicht verhindern durch höhere Margins, Positionslimite,
Entschleunigung des Computerhandels und andere Maßnahmen. Dies sei aber wohl
aus wirtschaftlichen Gründen nicht erwünscht.
-Von Michael Otto Denzin, Dow Jones Newswires; +49 (0)69-29725 218;
michael.denzin@dowjones.com
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May 06, 2011 05:00 ET (09:00 GMT)
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