Rev Shark, der gestern (von mir gepostet) geschrieben hatte, dass ein Change of Character" vorliegen könnte, kann man kaum als Bulle oder Bär einstufen. Er ist vielmehr ein reiner Chartist. Seine Beschreibung des Anlegerverhaltens (bei dem er zuweilen einen Change of character vermutet, z. B. Ende Jan. - zutreffend - , und jetzt) widerspiegelt die Psychologie der Anleger. Nach einem knapp 10 % Verlust ab dem Top im SP-500 sinkt z. b. die Dip-Buy-Mentalität spürbar. (Gestern wurde vermutlich zum Marktschluss von den BigBoyz ein großes "Buy"-Programm angeworfen, um eine Kaskadisierung des Downmoves zu vermeiden. Sinn des Programm-Einsatzes ist, zu "suggerieren", dass es noch reale Dip-Buyer gäbe, und diese letztendlich "reinzulocken").
Grund ist, dass Dip-Buyer oft brutale Trendfolger sind. Solange es aufwärts geht und sich der Markt von High zu High hangelt, ist es relativ risikoarm, die Rücksetzer zu kaufen. Denn kaum jemand ist mit seinen Käufen unter Wasser, und der Anstieg "suggeriert" weiteren Anstieg. Hat der Markt jedoch, wie jetzt, deutlich nach unten gedreht (China ist heute morgen nahe den Tiefs vom letzten Spätsommer angelangt), dann gibt es viele Leute, die den Dip gekauft hatten und mit diesen Positionen nun im MInus sind. Der "Change of character" besteht darin, dass diese Leute - zumal der Downtrend bereits eine Weile anhält und sich sogar verstärkt (der 1000-Punkte Sturz im DOW hat sicherlich Einigen schlaflose Nächte bereitet...) - zunehmend den Wunsch haben, ihre Verluste mit möglichst geringem Gesamtschaden "loszuwerden". Sie lauern daher nun auf Erholungen, um in diese hinein ihre Unter-Wasser-Posis zu verkaufen. Bären nutzen das aus und shorten die Erholungen weg, so dass sich der Druck auf die Posi-Ausdünner weiter erhöht.
Das ist genau der psychologische Hintergrund, auf dem die Chartechnik basiert. Allerdings wurden im letzten Jahr die Regeln häufig verletzt. Anstiege bei dünnem Volumen, wie wir sie seit März 2009 die meiste Zeit sahen (meist über Nacht), sind aus Anlegersicht nicht vertrauenswürdig, weil die "Überzeugungskraft" fehlt. Sprich: Hier haben nicht reale Investoren Aktien gekauft, die sie für unterbewertet hielten, sondern die HFT-Maschinen der Großzocker haben mittels Futures den Markt gehoben, um Eigenhandelsgewinne zu erzeugen. Letzteres wiederum ist nur durch die Geldflutungen der Zentralbanken in dem Umfang möglich gewesen. Im Endeffekt erhält man eine liquiditätsgetriebene "Fake"-Rallye.
Die rein liquiditätsbedingten, aber wegen mangelnder Teilnahme echter Buyer "irrationalen" Anstiege können gleichwohl Momentum lostreten - worauf die Zockerbanken ja auch gesetzt hatten. Dabei entsteht jedoch eine relativ "ungeliebte Rallye" (die teils sogar "gehasst" wird) mit wenig Teilnahme wirklicher Investoren. Die Hoffnung der Zockerbanken besteht darin, dass (Klein-)Anleger irgendwann von den Anstiegen "überzeugt" sein werden und diese Käufe dann nachholen. Bei der Gelegenheit würden sie ihnen, den Zockerbanken, die dann überteuerten Posis abnehmen, was ein bequemer Exit für sie wäre. Dies funktioniert aber nur, wenn die Großzocker das Momentum unablässig am Köcheln halten. Gibt es fundamentale Querelen wie jetzt in Euroland, wird das zunehmend schwieriger.
Außerdem ist die "Schere" zwischen Main Street und Wall Street für jeden Ami leicht erkennbar. Sie bekommen kaum Jobs und verlieren reihenweise ihre Häuser. Die Wirtschaft wächst nur langsam, und auch dies nur wegen unhaltbarer, da die Verschuldung hochtreibender Staatsprogramme. Das ist eigentlich kein Umfeld, um in Aktien zu investieren.
FAZIT: Sharks Credo ist: "Don't fight the trend." Das hat er in den Bullenphasen des Marktes, trotz "unglaubwürdiger" V-Erholungen aus dem Maschinen-Handel, auch auf der Long-Seite empfohlen. Es ist normalerweise einfach nicht lukrativ, gegen einen intakten Uptrend anzushorten, weil kein Verkaufsdruck besteht und Dip-Buyer sogar laufend belohnt werden. Hat der Markt jedoch erst mal gedreht - und das könnte jetzt der Fall gewesen sein - gilt das Umgekehrte: Don't fight the trend ist dann gleichbedeutend mit "avoid bottom-fishing".
Unten "zur Demonstration" der angeschlagene Chart eines bisherigen Hedgefonds-Momentumlieblings: Green Mountain Coffee Roasters (GMCR). Die Aktie hat ein KGV von 100 und wurde rein charttechnisch von Momentumzockern (darunter viele Hedgefonds) "ballistisch" hochgekauft. Nach dem Einbruch am 6.5. gab es eine leichte technische Erholung, die aber abverkauft wurde.
Was bleibt, ist ein typischer "Finger-weg"-Chart für die Longs (wegen "overhead resistance). Für Shorts hingegen zeigen sich Einstiegssignale.
CHART von GMCR:
Zu dem Absurditäten des "Momentum-Investings" zählt, dass man GMCR von Feb. bis April 2010 im Kursbereich zwischen 85 und 100 Dollar "relativ gefahrlos" kaufen konnte, weil der Uptrend hielt und Tausende "Geier" long waren. Aktuell hingegen ist die Aktie trotz "relativ niedriger" Kurse um 70 Dollar ein Short, weil das Momentum gebrochen ist und ein Abverkauf bei riesigem Volumen erfolgte, der viele alte Halter "unter Wasser" gebracht hat und psychologisch die Dip-Buy-Mentalität unterläuft (= Change of character).
GCMR ist damit zu einer typischen Falle für Kleinanleger geworden. Sie sahen das starke Momentum und denken nun, da die Aktie ab dem Top 30 % korrigiert hat, dass sie nun "billig" sei. Das ist sie aber frühestens bei 25 Dollar, wenn der "Kirchturm-Chart", den die Momentumritter lostraten, wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen ist. Wer jetzt bei 70 Dollar "das Schnäppchen" kauft, macht 60 % Verlust - und dies vermutlich sogar in wenigen Monaten. (Bären, die GCMR jetzt shorten, machen entsprechende Gewinne, aber Shorten ist immer riskant und kein leicht verdientes Geld). (Verkleinert auf 80%)

