hatte Kicky schon kurz auf Englisch gebracht, hier ein detaillierter deutscher Text:
FTD
Reaktion auf massive Kritik
Kreditderivatemarkt vor dem Urknall
von Anousha Sakoui, Gillian Tett (London), Michael Mackenzie und Nicole Bullock (New York)
Undurchsichtig, extrem risikoreich und paradiesisch für Spekulanten und Banken - das ist das Bild des trillionenschweren Segments. Doch jetzt soll alles anders werden: Die Branche gibt sich neue Standards und räumt Investoren mehr Mitspracherechte ein.
(Links im Original)
Auf dem rund 28.000 Mrd. $ schweren Markt für Kreditausfallderivate bahnt sich eine radikale Reform an: Banken und Investmentfirmen geben sich feste Regeln für die Verrechnung und Abwicklung der Credit Default Swaps (CDS). Dazu wird auch ein neuer Ausschuss gebildet, der den Einfluss der Banken zugunsten ihrer Kunden etwas schmälert. In den vergangenen Tagen haben rund 2000 Banken und Vermögensverwalter ein entsprechendes Protokoll unterzeichnet - dem die Akteure aufgrund seiner Bedeutung für den Markt den Namen "Big Bang" (Urknall) gegeben haben.
CDS-Kontrakte sind eine Art Versicherung für Anleihen: Dabei übernimmt ein Marktteilnehmer, häufig eine Bank, den Part des Versicherers. Gegen eine Gebühr verpflichtet sich der Versicherer zu zahlen, wenn eine Anleihe ausfällt. Investoren, die den Schutz kaufen, müssen dann einen Bond der Pleitefirma liefern und erhalten dafür die Versicherungssumme. Der Versicherer hofft, noch über das Insolvenzverfahren etwas zu erhalten. Die Kontrakte werden außerbörslich gehandelt - und auch für gezielte Spekulationen auf die Bonität von Unternehmen genutzt.
Mit der Reform reagiert die Finanzbranche nun auf heftige Kritik an dem bislang kaum regulierten CDS-Markt, den viele Beobachter mittlerweile als Risiko für das gesamte System betrachten. Die Schritte sollen den Markt auf eine solidere Basis stellen und zeigen, dass das Risiko geringer ist, als Politiker glauben. Ereignisse wie der Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im vergangenen Herbst hatten gezeigt, wie anfällig der Markt für die Schocks ist, die entstehen, wenn ein wichtiger Akteur ausfällt.
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In den USA und in Europa ist bereits die Einrichtung zentraler Clearingstellen für die Kontrakte geplant. Sie sollen das Gegenparteirisiko absorbieren, indem sie als Käufer und Verkäufer für jeden Marktteilnehmer auftreten. Erst vergangene Woche forderten die 20 weltweit wichtigsten Industrie- und Schwellenländer auf ihrem Gipfeltreffen in London erneut mehr Transparenz und Standards für den Markt.
"Diese Reform schafft einen Rahmen. Das ist ein bedeutender Schritt", sagte Robert Pickel, Chef des Lobbyverbands International Swaps and Derivatives Association (ISDA). Investoren sollen künftig dank der neuen Regeln bereits vor dem Ausfall eines Unternehmens wissen, wie die betreffenden Kontrakte abgewickelt werden. Bislang wird dies ad hoc entschieden - obwohl die Beschlüsse die Höhe der Auszahlungen erheblich beeinflussen können.
Der neue Ausschuss, dem neben Banken wie Goldman Sachs und JP Morgan auch Investoren wie Pimco und Elliott Management Corp angehören werden, soll entscheiden, ob der Ausfall ein Kreditereignis ist, das dann die Verrechnung und Abwicklung des Kontrakts erfordert. Das ist nicht immer einwandfrei festzustellen, weil viele Finanzierungsstrukturen von Unternehmen komplex sind.
Der Ausschuss besteht aus fünfzehn Mitgliedern, zehn Banken und fünf Investoren. "Die Einbeziehung von Firmen auf der Käuferseite stärkt den Prozess", sagte Jason Quinn, Chef von Primus Guaranty, die auch vertreten sind.
Zudem sollen für die Kontrakte bestimmte Zinssätze festgelegt werden - zunächst nur in den USA, zu einem späteren Zeitpunkt möglicherweise auch in Europa. Zudem sind Investoren künftig ab dem Tag geschützt, an dem der Kontrakt geschrieben wird. Bislang greift der Schutz immer erst mit Verzögerung, was den Wert der Kontrakte verzerrt.
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"Der Big Bang wird die Verlagerung von Handelsgeschäften auf eine zentrale Clearingstelle erleichtern", sagte Brian Yelvington, Stratege beim Researchhaus Creditsights. "Der Markt sollte davon profitieren, dass die Risiken vergemeinschaftet werden, und dass es eine zentrale Stelle für Handelsdaten gibt."
["vergemeinschaftete Risiken" klingt für mich schon wieder verdächtig nach supranationaler Auffanggesellschaft für Derivate-Schrott. Die Risiken bleiben ohnehin bestehen, weil die CDS ja rechtskräftige Verträge sind, die man nicht einfach "ungeschehen" machen kann. - A.L.]
Einige Marktteilnehmer fürchten Startschwierigkeiten für die neuen Kontrakte, vor allem, weil Europa bei der Umsetzung der Reform hinter den USA hinterherhinkt. Banken wie Barclays haben ihre Kunden monatelang auf die Veränderungen vorbereitet. Unter Regulierern geht die Sorge um, die Überarbeitung gehe nicht weit genug.
Parallel zu den Änderungen an den Kontrakten treibt die Industrie andere Initiativen voran: Der US-Börsenbetreiber Intercontinental Exchange (ICE) betreibt gemeinsam mit einigen Wall-Street-Firmen eine Clearingstelle, die in ihren ersten vier Wochen 613 CDS-Transaktionen mit einem fiktiven Wert von 71 Mrd. $ abgewickelt hat.
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Außerdem hat allein der größte Abwickler Trioptima im ersten Quartal 5500 Mrd. $ an Kontrakten vom Markt genommen, die sich gegenseitig aufheben. Das passiert, wenn eine Bank eine andere gegen den Ausfall eines bestimmten Unternehmens versichert, sich aber zugleich bei einer anderen Bank genau dagegen selbst absichert. Dieser Abbau redundanter Geschäfte hat bereits dazu geführt, dass das Gesamtvolumen des Markts deutlich geschrumpft ist: Vor anderthalb Jahren war er noch mehr als doppelt so groß wie heute.
Dass eine umfassende Reform nicht schon früher durchgesetzt wurde, lag daran, dass die ISDA traditionell von den Banken dominiert wird, die ein Interesse an undurchsichtigen Verhältnissen haben - weil sie so höhere Margen und Gewinne erzielen können. Proteste der Käufer liefen bisher ins Leere. Nun erhalten die Investoren mehr Einfluss, etwa über den neuen Ausschuss.
www.ftd.de/boersen_maerkte/derivate/...dem-Urknall/498369.html