Kommentar:
Der falsche Krieg
Von Quentin Peel, London
Terrorismus lässt sich durch Geheimdienste und Polizei bekämpfen, nicht durch Armeen. Ursache des Terrors ist das Elend in Ländern wie Afghanistan. Hier muss die internationale Gemeinschaft ansetzen.
Der 11. September 2001 hatte zum Internationalen Tag des Friedens werden sollen. UN-Generalsekretär Kofi Annan appellierte an alle, "sich eine Welt vorzustellen, die sich von der bekannten deutlich unterscheidet". Es sollte ein Tag sein, an dem "wir uns die Verwandlung von Hass in Respekt, von Fanatismus in Verständnis und von Unkenntnis in Wissen ausmalen", sagte er. "Wagen wir es, uns eine Welt ohne Konflikte und Gewalt vorzustellen."
Stattdessen drohen die entsetzlichen Terroranschläge in New York und Washington den 11. September zu einem Tag zu machen, an dem die Welt in einen neuen Krieg stürzte. Es war ein Wutanfall aus der Vergangenheit. Der Anschlag galt Amerika - und war ein Anschlag auf unsere gesamte moderne Welt. Er könnte und sollte zum Katalysator werden für eine beispiellose internationale Koalition gegen Terrorismus und Extremismus. Gegen den Hass, den Fundamentalismus und das Unwissen, von denen Annan sprach. Ungeeignete Reaktionen drohen die Welt jedoch noch unerbittlicher zu spalten, und künftigen Terroristen den Boden zu bereiten.
Es ist eine schreckliche Verantwortung, vor der besonders Präsident George W. Bush und seine Regierung stehen. "Wir befinden uns im Krieg", sagt er. Aber wer ist der Feind und wie können wir ihn schlagen?
Das Problem der Kriegsrhetorik liegt darin, dass sie stark vereinfacht. Krieg bedeutet Sieg oder Niederlage. Krieg legt den Einsatz militärischer Mittel zur Bekämpfung eines Feindes nahe. Krieg bringt die vorübergehende Aufhebung rechtsstaatlicher Prinzipien mit sich. Aber ein Krieg gegen den Terrorismus ist anders.
Der Horror der letzten Woche hat die Welt dramatisch verändert und der einzigen Supermacht Amerika das Ausmaß ihrer Verwundbarkeit vor Augen geführt. Nicht geändert hat sich die Art der Bedrohung: Die Anschläge in Washington und New York folgen einem Muster, das auch den Bombenattentaten auf US-Botschaften in Beirut, Nairobi und Dar-es-Salaam zugrunde liegt, sowie allen Flugzeugentführungen in den 1970ern und 1980ern - und nicht zuletzt den Terroranschlägen der IRA.
Es sind kleine Gruppen, die ethnische Spannungen, religiöse Rivalitäten und viel zu oft einfach extreme Armut für ihre Zwecke nutzen. Sie stehen für Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Dies scheint kein staatlich geförderter Terrorismus zu sein. Er kommt ohne Unterstützung einer identifizierbaren Regierung aus, sogar nahezu ohne jede Basis. Es ist hochmobiler, fast virtueller Terrorismus. Seine Agenten leben in London, Hamburg, Florida, wo auch immer.
Die Suche nach staatlichen Unterstützern könnte sich deshalb als gefährlich bedeutungslos herausstellen. Der Wunsch nach einem klaren Ziel ist verständlich, könnte sich jedoch als schrecklich kontraproduktiv erweisen.
Zumindest will Bush keinen sofortigen Raketenschlag gegen schlecht ausgemachte Ziele führen, wie sein Vorgänger Bill Clinton es nach den Bombenanschlägen auf die Botschaften in Nairobi und Daressalam tat. "Das macht man nicht mit einem einzigen Militärschlag, egal wie dramatisch", erklärte Paul Wolfowitz, stellvertretender US-Verteidigungsminister vergangene Woche. Doch dann folgte eine beängstigende Bemerkung: "Es geht nicht nur darum, Leute zu fangen und zur Verantwortung zu ziehen, sondern darum, ihre Zufluchtsorte zu beseitigen, Staaten ein Ende zu setzen, die den Terrorismus fördern."
Noch hat niemand die Worte "Staaten ein Ende setzen" richtig erklärt. Vielleicht hat er es nicht ganz so gemeint. Wenn doch: Würde solch eine zerstörerische Aktion nicht nur Abertausende von potentiellen zukünftigen Terroristen zeugen?
Was die Dämonisierung der afghanischen Taliban angeht, so sind sie zweifellos eine schreckliche Regierung in einem elenden und verarmten Land. Sie leben im Mittelalter. Doch ein Angriff zu Lande oder in der Luft wäre wahrscheinlich ein sinnloser Alibischlag. Ob Osama bin Laden nun für die Schreckenstaten der vergangenen Woche verantwortlich war oder nicht, es hat seit Alexander dem Großen keine wirklich erfolgreiche Invasion des Landes gegeben. Es hieße, das Unglück herauszufordern.
Auf kurze Sicht ist der Kampf gegen den Terrorismus vor allem eine Aufgabe der Sicherheits- und Geheimdienste. Wir sind in den letzten Jahren zu sehr durch die Möglichkeiten unserer neuen Techniken verführt worden. Wir haben gespart an guter, altmodischer, menschlicher Geheimdienstarbeit. Letzte Woche haben wir dafür bezahlt.
Raketenabwehr wird nicht helfen. Auch riesige Ausgaben für konventionelle Waffen nicht. Terroristen kämpfen nicht offen. Sie schleichen sich im Dunkeln an. Die einzige Möglichkeit, den Terrorismus langfristig zu bekämpfen, besteht im Kampf gegen seine Ursachen. Das bedeutet, gegen das Elend und die Verzweiflung in Ländern wie Afghanistan anzugehen. Das heißt, mit allen verfügbaren Mitteln versuchen, Frieden im Nahen Osten zu schaffen.
Das bedeutet, Israels Premierminister Ariel Sharon von seiner Politik des Auge-um-Auge abzuhalten, und Jassir Arafats Möglichkeiten zu stärken, die Selbstmordattentäter in seinem Lager zu kontrollieren. Das heißt auch, den Druck auf die arabischen Staaten in der Region zu erhöhen, damit sie echte Demokratie und Sozialpolitik einführen.
Man kann Terroristen nicht mit den traditionellen Mitteln des Krieges bekämpfen. Das bringt ihnen nur mehr Zulauf. Dieser Krieg muss vor allem mit den Mitteln des Friedens gewonnen werden: Indem Gesetz und Ordnung nicht ausgesetzt, sondern aufrecht erhalten werden. Indem man zeigt, dass Bürgerrechte es wert sind, bewahrt zu werden, selbst wenn das zu Opfern unter der Zivilbevölkerung führt. Wenn wir den falschen Krieg kämpfen, werden wir verlieren.
Von Quentin Peel, London
Terrorismus lässt sich durch Geheimdienste und Polizei bekämpfen, nicht durch Armeen. Ursache des Terrors ist das Elend in Ländern wie Afghanistan. Hier muss die internationale Gemeinschaft ansetzen.
Der 11. September 2001 hatte zum Internationalen Tag des Friedens werden sollen. UN-Generalsekretär Kofi Annan appellierte an alle, "sich eine Welt vorzustellen, die sich von der bekannten deutlich unterscheidet". Es sollte ein Tag sein, an dem "wir uns die Verwandlung von Hass in Respekt, von Fanatismus in Verständnis und von Unkenntnis in Wissen ausmalen", sagte er. "Wagen wir es, uns eine Welt ohne Konflikte und Gewalt vorzustellen."
Stattdessen drohen die entsetzlichen Terroranschläge in New York und Washington den 11. September zu einem Tag zu machen, an dem die Welt in einen neuen Krieg stürzte. Es war ein Wutanfall aus der Vergangenheit. Der Anschlag galt Amerika - und war ein Anschlag auf unsere gesamte moderne Welt. Er könnte und sollte zum Katalysator werden für eine beispiellose internationale Koalition gegen Terrorismus und Extremismus. Gegen den Hass, den Fundamentalismus und das Unwissen, von denen Annan sprach. Ungeeignete Reaktionen drohen die Welt jedoch noch unerbittlicher zu spalten, und künftigen Terroristen den Boden zu bereiten.
Es ist eine schreckliche Verantwortung, vor der besonders Präsident George W. Bush und seine Regierung stehen. "Wir befinden uns im Krieg", sagt er. Aber wer ist der Feind und wie können wir ihn schlagen?
Gefährliches Mißverständnis
Das Problem der Kriegsrhetorik liegt darin, dass sie stark vereinfacht. Krieg bedeutet Sieg oder Niederlage. Krieg legt den Einsatz militärischer Mittel zur Bekämpfung eines Feindes nahe. Krieg bringt die vorübergehende Aufhebung rechtsstaatlicher Prinzipien mit sich. Aber ein Krieg gegen den Terrorismus ist anders.
Der Horror der letzten Woche hat die Welt dramatisch verändert und der einzigen Supermacht Amerika das Ausmaß ihrer Verwundbarkeit vor Augen geführt. Nicht geändert hat sich die Art der Bedrohung: Die Anschläge in Washington und New York folgen einem Muster, das auch den Bombenattentaten auf US-Botschaften in Beirut, Nairobi und Dar-es-Salaam zugrunde liegt, sowie allen Flugzeugentführungen in den 1970ern und 1980ern - und nicht zuletzt den Terroranschlägen der IRA.
Es sind kleine Gruppen, die ethnische Spannungen, religiöse Rivalitäten und viel zu oft einfach extreme Armut für ihre Zwecke nutzen. Sie stehen für Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Dies scheint kein staatlich geförderter Terrorismus zu sein. Er kommt ohne Unterstützung einer identifizierbaren Regierung aus, sogar nahezu ohne jede Basis. Es ist hochmobiler, fast virtueller Terrorismus. Seine Agenten leben in London, Hamburg, Florida, wo auch immer.
Die Suche nach staatlichen Unterstützern könnte sich deshalb als gefährlich bedeutungslos herausstellen. Der Wunsch nach einem klaren Ziel ist verständlich, könnte sich jedoch als schrecklich kontraproduktiv erweisen.
Zumindest will Bush keinen sofortigen Raketenschlag gegen schlecht ausgemachte Ziele führen, wie sein Vorgänger Bill Clinton es nach den Bombenanschlägen auf die Botschaften in Nairobi und Daressalam tat. "Das macht man nicht mit einem einzigen Militärschlag, egal wie dramatisch", erklärte Paul Wolfowitz, stellvertretender US-Verteidigungsminister vergangene Woche. Doch dann folgte eine beängstigende Bemerkung: "Es geht nicht nur darum, Leute zu fangen und zur Verantwortung zu ziehen, sondern darum, ihre Zufluchtsorte zu beseitigen, Staaten ein Ende zu setzen, die den Terrorismus fördern."
Noch hat niemand die Worte "Staaten ein Ende setzen" richtig erklärt. Vielleicht hat er es nicht ganz so gemeint. Wenn doch: Würde solch eine zerstörerische Aktion nicht nur Abertausende von potentiellen zukünftigen Terroristen zeugen?
Kampf gegen die Ursachen
Was die Dämonisierung der afghanischen Taliban angeht, so sind sie zweifellos eine schreckliche Regierung in einem elenden und verarmten Land. Sie leben im Mittelalter. Doch ein Angriff zu Lande oder in der Luft wäre wahrscheinlich ein sinnloser Alibischlag. Ob Osama bin Laden nun für die Schreckenstaten der vergangenen Woche verantwortlich war oder nicht, es hat seit Alexander dem Großen keine wirklich erfolgreiche Invasion des Landes gegeben. Es hieße, das Unglück herauszufordern.
Auf kurze Sicht ist der Kampf gegen den Terrorismus vor allem eine Aufgabe der Sicherheits- und Geheimdienste. Wir sind in den letzten Jahren zu sehr durch die Möglichkeiten unserer neuen Techniken verführt worden. Wir haben gespart an guter, altmodischer, menschlicher Geheimdienstarbeit. Letzte Woche haben wir dafür bezahlt.
Raketenabwehr wird nicht helfen. Auch riesige Ausgaben für konventionelle Waffen nicht. Terroristen kämpfen nicht offen. Sie schleichen sich im Dunkeln an. Die einzige Möglichkeit, den Terrorismus langfristig zu bekämpfen, besteht im Kampf gegen seine Ursachen. Das bedeutet, gegen das Elend und die Verzweiflung in Ländern wie Afghanistan anzugehen. Das heißt, mit allen verfügbaren Mitteln versuchen, Frieden im Nahen Osten zu schaffen.
Das bedeutet, Israels Premierminister Ariel Sharon von seiner Politik des Auge-um-Auge abzuhalten, und Jassir Arafats Möglichkeiten zu stärken, die Selbstmordattentäter in seinem Lager zu kontrollieren. Das heißt auch, den Druck auf die arabischen Staaten in der Region zu erhöhen, damit sie echte Demokratie und Sozialpolitik einführen.
Man kann Terroristen nicht mit den traditionellen Mitteln des Krieges bekämpfen. Das bringt ihnen nur mehr Zulauf. Dieser Krieg muss vor allem mit den Mitteln des Friedens gewonnen werden: Indem Gesetz und Ordnung nicht ausgesetzt, sondern aufrecht erhalten werden. Indem man zeigt, dass Bürgerrechte es wert sind, bewahrt zu werden, selbst wenn das zu Opfern unter der Zivilbevölkerung führt. Wenn wir den falschen Krieg kämpfen, werden wir verlieren.