Die Stars des Hightech- und InternetBooms arbeiten am Comeback. Cisco, Intel und EMC machen gute Geschäfte - trotz magerer Zeiten. Die Aktien sind wieder einen Blick wert. Andere (noch) nicht.
von Klaus Schachinger -Euro am Sonntag 03/03
Joe Tucci (54) formulierte Anfang Januar noch zurückhaltend: "Die starken Zahlen im vierten Quartal ermutigen uns." Der Chef des amerikanischen Datenspeicher-Riesen EMC hätte bei der Abgabe der Quartalsprognose auch lauter auftreten können. Denn EMC hat in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres die Wende geschafft.
Am kommenden Donnerstag gibt’s genaue Zahlen für das vierte Quartal 2002. Und so viel steht jetzt schon fest: Mindestens 1,47 Milliarden Dollar Umsatz und ein bis zwei US-Cent Gewinn - ohne Restrukturierungskosten - pro Aktie präsentiert Tucci den Analysten. Die hatten mit zwei US-Cent Verlust und nur 1,28 Milliarden Dollar Umsatz gerechnet. Das Comeback hat gedauert. Mehr als zwei Jahre standen das Unternehmen und seine Aktie unter Druck - wie die Papiere der gesamten ersten Liga der US-Hightech-Konzerne. Die Kurse von Cisco Systems, EMC, Intel oder Sun Microsystems haben seit den Hochs im Oktober 2000 mehr als 80 Prozent an Wert verloren. Anleger wendeten sich ab mit Grausen.
Jetzt aber warten Börsianer auf den Neustart der Tech-Aktien. Denn ein Teil der ehemaligen Superstars der Börse ist fit wie noch nie. Allerdings ist das Potenzial für eine echte Hightech-Rally derzeit noch begrenzt. Der Grund: Die Absatzmärkte der Tech-Giganten schwächeln. "Noch ist es zu früh, bei den Ausgaben für Computer-Technologie von einer Trendwende zu sprechen", urteilt Tony Progemore, Marktforscher der Enterprise Storage Group.
Denn auch 2003 werden die Kunden der Hightech-Konzerne - trotz harten Sparens in den vergangenen zwei Jahren - nur das kaufen, was unbedingt nötig ist. Das hat Goldman Sachs in seiner vierteljährlichen Umfrage unter IT-Managern herausgefunden. Mehr als die Hälfte der Befragten glaubt, dass die Ausgaben für IT-Equipment um höchstens fünf Prozent steigen werden. Und sie unterscheiden deutlich zwischen Technologien mit hoher und geringer Priorität.
Am dringendsten investieren wollen Firmen 2003 demnach in Sicherheits-Soft- und -Hardware für drahtlose Kommunikation sowie Datenspeicher. Zurückgestellt werden Ausgaben für Luxus-Technologien wie Internet-Telefonie oder Videokonferenz-Systeme. Aber die großen Tech-Anbieter haben dazugelernt. Und EMC könnte die Wende gerade noch rechtzeitig geschafft haben. Ende 2000 kontrollierte der Konzern aus Hopkinton, Massachusetts 70 Prozent des High-End-Marktes für Datenspeicher. Doch die ehemals reichen Abnehmer verschwanden von heute auf morgen oder sparten, was das Zeug hielt. 2001 fiel EMCs Bruttomarge um fast die Hälfte auf 32 Prozent. Der Konzern schrieb zum ersten Mal seit zehn Jahren rote Zahlen. Tucci riss das Steuer herum. Die Firma, die fast ausschließlich Hardware verkaufte, forcierte die Software-Entwicklung. Bis 2004 will EMC noch 50 Prozent des Umsatzes mit Hardware machen, 30 Prozent sollen mit Software, der Rest mit Dienstleistungen erwirtschaftet werden. Und - undenkbar bis dahin - die Edel-Hightech-Schmiede EMC ging eine Allianz mit Preisbrecher Dell ein.
"Wir tun genau das, was die Konkurrenz uns nicht zutraut", sagte Tucci damals. Es hat sich gelohnt: Denn Boden gutgemacht hat EMC vor allem mit dem Verkauf günstiger Speichersysteme, die in einer Vetriebsallianz mit Computerbauer Dell verkauft werden. Mit einem Preis von durchschnittlich 28 000 Dollar sind die Datenhirne deutlich billiger als EMCs Luxus-Reihe. Die Profi-Speichersysteme kosten locker bis zu einer Million Dollar. Anklang finden Tuccis erste Erfolge beim Umbau von EMC deshalb auch bei Analysten. "Die Ergebnisse sind beeindruckend - vor allem im schwachen Markt. EMC hat das Jahr als Löwe, nicht als Lamm beendet", lobt Bear- Stearns-Analyst Andrew Neff. Den Erfolg der Dell-Allianz für EMC hatte Neff im EURO-Interview bereits im September vergangenen Jahres vorausgesagt.
Als Meister der Anpassung erwies sich ein Internet-Prediger. Ausgerechnet Cisco-Chef John Chambers, der die weltweit vernetzte flache Hierarchie seines Konzerns lange Zeit als einzigartiges New-Economy-Modell verkaufte, musste erkennen, dass Wachstum in mageren Zeiten nur mit den klassischen Mitteln möglich ist. Als die Internet-Blase platzte, entließ Chambers fast 10000 Mitarbeiter und schrieb Lagerbestände im Rekordwert von 2,5 Milliarden US-Dollar ab.
Cisco erzielt heute eine Bruttomarge von 69 Prozent. Das ist die höchste Marge in der Geschichte des Unternehmens. Die Radikalkur hat Cisco im Tagesgeschäft fit gemacht wie noch nie. Chambers hat nicht nur die Kosten im Griff wie niemand sonst. Der konzern hat einen weiteren großen Vorteil: Im Gegensatz zu den schwer angeschlagenen Konkurrenten Nortel und Lucent sind Cisco aus der New-Economy-Euphorie üppige Barreserven geblieben, rund 21 Milliarden Dollar. Übertroffen wird das nur vom PC-Monoplisten Microsoft.
Geschickt nutzt Chambers die Finanzkraft, um Joint Ventures aufzubauen und neue Märkte zu besetzen - und wenn möglich zu dominieren. So wurde mit Partner IBM, von dem Cisco den größten Teil seiner Chips bezieht, eine Vetriebsallianz für Cisco-Weichen geschlossen, die den Datenverkehr in Speichersystemen regeln sollen.
Noch zukunftsträchtiger aber könnte der so genannte Wi-Fi Markt für Chambers werden. Wi-Fi, die englische Abkürzung für Wireless Fidelity, ist ein neuer Funkstandard, der wegen seiner Schnelligkeit in Unternehmen als Alternative zum drahtgebunden Datenverkehr gehandelt wird. Cisco ist es gelungen, bei seiner Stammkundschaft - Konzerne aus allen Branchen - der Hardware-Lieferant Nummer 1 für drahtlose Netzwerke zu werden. Bear-Stearns-Analyst Neff sagt dem neuen Standard eine große Zukunft voraus: "Das wird eine Killer-Applikation."
Auch Chip-Gigant Intel ist bereit für das Wi-Fi-Geschäft. Mit seiner XScale-Chip-Architektur für mobile Kommunikaton zum Beispiel hat sich Intel früh eine Alternative zum klassischen PC- und Server-Geschäft aufgebaut. In der Branche gilt der Konzern, der in seiner Geschichte schon einmal gezwungen war, sich neu zu erfinden, als Paradebeispiel für erfolgreichen Wandel. Beispiel Speicherchips: Als die japanische Konkurrenz während der 80er- Jahre die US-Halbleiterindustrie massiv unter Kostendruck setzte, erkannte Intel, dass die fetten Jahre im Speicherchip-Geschäft vorüber sind und beschränkte sich auf Mikroprozessoren. Ein schwierige, aber erfolgreiche Entscheidung, wie sich heute zeigt. Schwer mit radikalem Umdenken tut sich Server-König Sun Microsystems. Tapfer stemmt sich Sun-Chef Scott McNealy gegen den Trend zum Massenprodukt. "Nagel und Hammer sind Massenprodukte, aber niemals ein Computer", sagt McNealy. Sein Konzern leistet sich weiterhin den Luxus, Prozessoren, Betriebssystem und Anwendungsprogramme selbst zu entwickeln. "Wir haben mehr Geld als die meisten unserer Kunden", bekräftigt McNealy immer wieder. "Zum Überleben reicht das. Nicht beantwortet hat McNealy die Frage, wie Sun wachsen will", sagt Analyst Neff. Eine Kooperation mit Dell kommt für Microsoft-Gegner McNealy nicht in Frage. Gut möglich, dass Sun trotz Trendsetter-Produkten ähnlich wie Apple in eine Nische gedrängt wird.
Niemand weiß, wann der Neustart beginnt. Aber das Sun-Desaster in der vergangenen Woche machte deutlich warum mutige Erneuerer wie Joe Tucci die Favoriten der Wall Street sind.