Das Aufsichtsratdilemma


Thema
abonnieren
Beitrag: 1
Zugriffe: 295 / Heute: 3
Nassie:

Das Aufsichtsratdilemma

 
04.05.03 12:26
Geldsegen für die Kontrolleure
Von Winand von Petersdorff

04. Mai 2003 Hatte jemand gemeldet, die Deutschland AG sei tot? Das war voreilig, wie das jüngste Beispiel lehrt. Da tritt der Vorstandsvorsitzende des weltgrößten Rückversicherers Münchener Rück, Hans-Jürgen Schinzler, vorzeitig ab. Dem Unternehmen geht es schlecht. Schinzler ist verantwortlich für die Misere. Und - wird Vorsitzender des Aufsichtsrats. Schlimmer noch: Nicht die Hauptversammlung bestellt ihn, sondern Ende des Jahres ein Gericht. Die Kleinanleger werden nicht gefragt. Und lernen, wenn sie es noch nicht wußten: Die Allianz der Großaktionäre läßt die Ihren nicht fallen.

Schinzler setzt eine deutsche Tradition fort. Henning Schulte-Noelle wurde vom Allianz-Chefsessel an die Spitze des Aufsichtsrats gehievt, obwohl die Riesenflops Dresdner Bank und Fireman's Fund sein Curriculum Vitae trüben. Albrecht Schmidt darf, ebenfalls dank Gerichtsbeschluß, den Aufsichtsratsvorsitzenden der Hypo-Vereinsbank geben. Daß sein Haus unter seiner Ägide ein Rekordvolumen an faulen Firmenkrediten aufgetürmt hatte - vergeben und vergessen. Selbst wohlmeinende Manager sprechen angesichts dessen von "Skandal".

Eine Mode: Unternehmenslenker werden zu Kontrolleuren

In 16 der 30 Dax-Unternehmen sitzen die alten Unternehmenslenker den Kontrollgremien vor. "Das wird Mode", konstatiert der deutsche Corporate-Governance-Papst Theodor Baums inzwischen kritisch. Vor allem seit die Banken sich von ihren Industriebeteiligungen zurückziehen. Der Frankfurter Rechtsprofessor warnt vor einem Automatismus, mit dem der Ruhestand des Chefs mit einem AR-Mandat versüßt wird. Verbote will er aber nicht. Noch nicht.

Denn es gibt es einen guten Grund, Vorstände in die Aufsichtsräte zu schicken. Die alten Kämpen kennen das Unternehmen und wissen, wo die Leichen im Keller liegen. Sie werden es aber nicht verraten, weil man ihnen daran die Schuld geben könnte, entgegnen die Kritiker. Daß ehemalige Vorstände ihr Unternehmen später mit kritischer Distanz auch zu eigenen Fehlern kontrollierten, verlange von ihnen "Übermenschliches", spöttelt Wirtschaftsprofessor Manuel Theisen: "Das führt zu einer Bewußtseinsspaltung. Und das ist ein medizinisches Problem."

Auffällig ist, daß der Drang in den Aufsichtsrat in eine Zeit fällt, in der dessen Vergütungen zum Teil drastisch angehoben werden. Fast bei jeden Großkonzern steht in dieser Hauptversammlungssaison das Thema "Mehr Geld für unsere Aufsichtsräte" auf der Agenda. Das überrascht. Weder galt die Arbeit der Aufseher der Deutschland AG zuletzt als besonders ruhmreich, daß sie eine Prämie verdiente. Noch wirken die Unternehmen so kraftstrotzend, daß für sie zusätzliche finanzielle Lasten leicht zu schultern wären. Und es geht nicht um Kleingeld.

Die Volkswagen AG, schleppend ins erste Quartel gestartet, gibt ihrem Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piech 2003 rund 100000 Euro zusätzlich für seine Dienste als Oberkontrolleur: 300000 Euro statt 200000 Euro. Nicht schlecht in schlechten Zeiten.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der Daimler-Chrysler AG, Hilmar Kopper, verbucht einen Aufschlag von gut 100 Prozent auf 225000 Euro. RWE-Chefaufseher Friedel Neuber darf ebenso auf ein kräftiges Plus hoffen wie der Aufsichtsratschef der Deutschen BörseAG, Rolf-Ernst Breuer.

"Angemessener Geldsegen" für Aufsichtsräte?

Die Vergütungsaufschläge vor allem für die Chefaufseher werden unisono damit begründet, daß so der deutsche Corporate-Governance-Kodex - ein Katalog der Grundsätze für gute Unternehmensführung - umgesetzt werde. Dort heißt es: Die Vergütung der Aufsichtsräte trägt der Verantwortung, dem Tätigkeitsumfang und der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens Rechnung und berücksichtigt die Mehrbelastung des Vorsitzenden und die Arbeit in Ausschüssen. Das bedeutet konkret: mehr Geld für mehr Arbeit und Verantwortung. Gefordert wird aber auch fachliche Eignung und Unabhängigkeit der Kandidaten. "Die Zeiten, in denen Vorstände ihre Bekannten in den Aufsichtsrat hieven, müssen vorbei sein", fordert Michael Kramarsch, Vergütungsexperte der Frankfurter Beratungsfirma Towers Perrin.

Den jüngsten Geldsegen für die Aufsichtsratsvorsitzenden findet der Berater angemessen: "Keiner schießt übers Ziel hinaus." Kollege Willi Schoppen, Partner bei Spencer Stuart, rechnet so: Ein Topmanagement-Berater hat einen Tagessatz von 3000 bis 5000 Euro. 50 Arbeitstage beschäftigt sich ein Aufsichtsratsvorsitzender, der seine Aufgabe ernst nimmt, mit seiner AG. Ergibt im Höchstfall 250000 Euro. Da liegt kaum einer drüber. Doch Spötter sagen inzwischen: "Wenn etwas herausspringt, haben Corporate-Governance-Vorschriften besonders gute Chancen, umgesetzt zu werden."

Die Forderung der Vergütungsprofis, die Leiter zwar üppig, aber die normalen Mitglieder nur normal zu bedenken, verhallt ungehört. "Ordentliche Mitglieder verdienen sehr ordentlich", merkt Kramarsch. Sogar überdurchschnittlich im internationalen Vergleich, hat Spencer Stuart ermittelt. Gleichzeitig haben die Aufsichtsräte eine Größe, die effektives Arbeiten fast unmöglich macht: 20 Mitglieder, davon 10 aus dem Arbeitnehmerlager. Doch vor allem die Gewerkschaften blockieren eine Schrumpfung. So bleibt vieles beim alten in Deutschlands Aufsichtsräten. Nur teurer wird es.

Antworten
Auf neue Beiträge prüfen
Es gibt keine neuen Beiträge.


Börsen-Forum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--