Die Versicherer wenden sich ab/ Der Riester Flop
Von Sabine Hoffmann
Mit den Finessen der Riester-Rente kennen sich nur Experten in Banken und Versicherungen aus - und die haben die staatlich geförderte Altersvorsorge teilweise schon abgeschrieben. Beinahe elf Monate nach ihrer Einführung ist das Projekt Zusatzrente ein Ladenhüter.
Renten-Fiasko: 2030 sind die Deutschen das älteste Volk der Welt
Berlin - Der Wüstenrot-Mann Volker Wlatschiko hat schnell gemerkt, dass die Riester-Rente ihn nicht ernähren wird. Stundelang studierte er das vertrackte Regelwerk der staatlich geförderten Altersvorsorge, erstellte Zahlenkolonnen und fragte Kunden: "Wissen Sie, dass der Staat Ihnen Geld schenkt?" 14 Kunden konnte der Vertreter bis zur Jahresmitte vom Vertragsabschluss überzeugen, dann stagnierte der Verkauf: "In den letzten Monaten läuft bei Riester nix mehr", resümiert Wlatschiko - und bekommt Zustimmung von Banken und Versicherungen.
Ladenhüter statt Bombengeschäft
Die Finanzbranche hoffte, mit der als Herzstück der rot-grünen Rentenreform gefeierten Riester-Rente ein Bombengeschäft zu machen - nun erweist sich der vermeintliche Gewinnbringer als Rohrkrepierer. Millionen wurden für Werbung, Verwaltung und Mitarbeiterschulung ausgegeben - aber die Kundschaft wollte nicht anbeißen: Von etwa 32 Millionen Berechtigten haben nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft seit Jahresbeginn erst rund 2,65 Millionen einen entsprechenden Vertrag unterzeichnet. Banken und Versicherungen haben die Hoffung auf einen staatlich geförderten Verkaufsschlager aufgegeben - und die Riester-Rente teilweise schon abgeschrieben.
So auch die Skandia Lebensversicherung: Als private Altersvorsorge bot das Unternehmen seinen Kunden eine fondsbasierte Police an. Das Riester-Produkt verkaufte sich aber so schlecht, dass der Vertrieb bereits Anfang Oktober eingestellt wurde.
Nicht viel besser ist die Stimmung bei der Allianz . Zur privaten Altersvorsorge bietet der Versicherungsriese zwei Produkte an. "Momentan rechnen wir mit nichts mehr", sagt Allianz-Leben-Sprecher Markus Schwarzer. Die Zahl der neuen Riester-Kunden sei auf eine Million geschätzt worden, so Schwarzer. Doch damit hat sich Deutschlands führende Assekuranz schwer verrechnet: Hatten zu Jahresbeginn bereits 360.000 Kunden einen entsprechenden Vertrag unterzeichnet, stieg ihre Zahl bis Ende Oktober nur schleppend auf 525.000.
Die schlechte Stimmung nutzte die Union aus. Mitte des Jahres rief die Partei zum Boykott der Riester-Rente auf und kündigte an, die private Altersvorsorge nach einem Wahlsieg komplett zu überarbeiten. Auch die Verbraucherzentralen rieten den Kunden, noch keine Riester-Verträge zu unterschreiben. Stattdessen sollten sie abwarten, bis sich das Chaos gelegt hat. Das mangelnde Nachfrage spiegelt sich auch in den Filialen der Allianz-Tochter Dresdner Bank wieder. Auf Plakaten und Texttafeln rechneten die Banker zu Jahresbeginn den Kunden vor, wie hoch die Zuschüsse des Staates zur privaten Altersvorsorge sind. Doch die Resonanz war ernüchternd. Kaum ein Kunde hätte sich daraufhin nach den Produkten erkundigt, berichtet eine Bank-Mitarbeiterin aus einer Münchner Zweigstelle. Im Jahresverlauf verschwanden auch die Plakate aus den Filialen.
Hauptproblem Verständnis
DPA
Geht mit seinem Namen in die Renten-Annalen ein: Walter Riester
Tatsächlich behalten auch knapp elf Monate nach der Einführung nur Experten den Durchblick bei den Finessen der privaten Altersvorsorge. Selbst Spezialisten der Stiftung Warentest scheiterten an dem komplizierten Regelwerk. Die Septemberausgabe der Zeitschrift "Finanztest" musste zurückgezogen werden, weil sich die Test-Experten bei einem Vergleich von "Riester"-Rentenversicherungen verrechnet hatten.
Noch immer sei die Riester-Rente schwer durchschaubar, weil sie an eine Vielzahl von gesetzlichen Vorlagen geknüpft sei, sagt Thomas Dammbier von der Stiftung Warentest. Das fängt bei der Zertifizierung an. Denn der Staat fördert nur bestimmte Kapitalanlagen. Elf Kriterien müssen die Verträge erfüllen - vom Schriftsatz in deutscher Sprache bis zur Informationspflicht des Bürgers über die Entwicklung seiner jährlich gezahlten Beiträge.
Hohe Kosten für Bürokratie
Rund 3600 Produkten von Banken, Versicherungen und Investmentfonds drückte das Bundesaufsichtsamt für Versicherungswesen (BAV) in Bonn bislang den Riester-Stempel auf. Den Kunden hilft das bei der Kaufentscheidung jedoch nichts, ein Kostenvergleich der einzelnen Angebote ist kaum möglich. Wer Riester-Fonds, Riester-Immobilien und Riester-Sparpläne korrekt miteinander vergleichen will, müsste die Steuersätze der kommenden 30 Jahre kennen.
Zudem versickert ein erheblicher Teil der Beitragsgelder in der Bürokratie. Um die Riester-Policen anzupassen, müssen Einkommen und Familienstand jedes Jahr kontrolliert werden - und das schlägt erheblich zu Buche. Nach einer Studie von Finanztest zwacken die Anbieter bis zu 15 Prozent der eingezahlten Gelder für Verwaltung und Provision ab. Das Analyseinstitut Morgen&Morgen und das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) gehen sogar von 20 Prozent aus.
Vater Staat schenkt 38 Euro
Die Rendite verkümmert durch die hohen Verwaltungskosten. Nach einer McKinsey-Studie liegt die Rendite unter der traditioneller Lebensversicherungsprodukte. Zudem ist der staatliche Zuschuss bis zum Jahr 2008 in vier Stufen aufgestockt - und in den ersten Jahren nur kümmerlich. 38 Euro Zulage kann ein Erwachsener im ersten Jahr kassieren, von 2008 an sind es jährlich 154 Euro.
Für Wüstenrot-Mann Wlatschiko ist und bleibt die Riester-Rente ein Verlustgeschäft. Er kassiert 25 Euro Provision - für eineinhalb Stunden Beratung.
Von Sabine Hoffmann
Mit den Finessen der Riester-Rente kennen sich nur Experten in Banken und Versicherungen aus - und die haben die staatlich geförderte Altersvorsorge teilweise schon abgeschrieben. Beinahe elf Monate nach ihrer Einführung ist das Projekt Zusatzrente ein Ladenhüter.
Renten-Fiasko: 2030 sind die Deutschen das älteste Volk der Welt
Berlin - Der Wüstenrot-Mann Volker Wlatschiko hat schnell gemerkt, dass die Riester-Rente ihn nicht ernähren wird. Stundelang studierte er das vertrackte Regelwerk der staatlich geförderten Altersvorsorge, erstellte Zahlenkolonnen und fragte Kunden: "Wissen Sie, dass der Staat Ihnen Geld schenkt?" 14 Kunden konnte der Vertreter bis zur Jahresmitte vom Vertragsabschluss überzeugen, dann stagnierte der Verkauf: "In den letzten Monaten läuft bei Riester nix mehr", resümiert Wlatschiko - und bekommt Zustimmung von Banken und Versicherungen.
Ladenhüter statt Bombengeschäft
Die Finanzbranche hoffte, mit der als Herzstück der rot-grünen Rentenreform gefeierten Riester-Rente ein Bombengeschäft zu machen - nun erweist sich der vermeintliche Gewinnbringer als Rohrkrepierer. Millionen wurden für Werbung, Verwaltung und Mitarbeiterschulung ausgegeben - aber die Kundschaft wollte nicht anbeißen: Von etwa 32 Millionen Berechtigten haben nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft seit Jahresbeginn erst rund 2,65 Millionen einen entsprechenden Vertrag unterzeichnet. Banken und Versicherungen haben die Hoffung auf einen staatlich geförderten Verkaufsschlager aufgegeben - und die Riester-Rente teilweise schon abgeschrieben.
So auch die Skandia Lebensversicherung: Als private Altersvorsorge bot das Unternehmen seinen Kunden eine fondsbasierte Police an. Das Riester-Produkt verkaufte sich aber so schlecht, dass der Vertrieb bereits Anfang Oktober eingestellt wurde.
Nicht viel besser ist die Stimmung bei der Allianz . Zur privaten Altersvorsorge bietet der Versicherungsriese zwei Produkte an. "Momentan rechnen wir mit nichts mehr", sagt Allianz-Leben-Sprecher Markus Schwarzer. Die Zahl der neuen Riester-Kunden sei auf eine Million geschätzt worden, so Schwarzer. Doch damit hat sich Deutschlands führende Assekuranz schwer verrechnet: Hatten zu Jahresbeginn bereits 360.000 Kunden einen entsprechenden Vertrag unterzeichnet, stieg ihre Zahl bis Ende Oktober nur schleppend auf 525.000.
Die schlechte Stimmung nutzte die Union aus. Mitte des Jahres rief die Partei zum Boykott der Riester-Rente auf und kündigte an, die private Altersvorsorge nach einem Wahlsieg komplett zu überarbeiten. Auch die Verbraucherzentralen rieten den Kunden, noch keine Riester-Verträge zu unterschreiben. Stattdessen sollten sie abwarten, bis sich das Chaos gelegt hat. Das mangelnde Nachfrage spiegelt sich auch in den Filialen der Allianz-Tochter Dresdner Bank wieder. Auf Plakaten und Texttafeln rechneten die Banker zu Jahresbeginn den Kunden vor, wie hoch die Zuschüsse des Staates zur privaten Altersvorsorge sind. Doch die Resonanz war ernüchternd. Kaum ein Kunde hätte sich daraufhin nach den Produkten erkundigt, berichtet eine Bank-Mitarbeiterin aus einer Münchner Zweigstelle. Im Jahresverlauf verschwanden auch die Plakate aus den Filialen.
Hauptproblem Verständnis
DPA
Geht mit seinem Namen in die Renten-Annalen ein: Walter Riester
Tatsächlich behalten auch knapp elf Monate nach der Einführung nur Experten den Durchblick bei den Finessen der privaten Altersvorsorge. Selbst Spezialisten der Stiftung Warentest scheiterten an dem komplizierten Regelwerk. Die Septemberausgabe der Zeitschrift "Finanztest" musste zurückgezogen werden, weil sich die Test-Experten bei einem Vergleich von "Riester"-Rentenversicherungen verrechnet hatten.
Noch immer sei die Riester-Rente schwer durchschaubar, weil sie an eine Vielzahl von gesetzlichen Vorlagen geknüpft sei, sagt Thomas Dammbier von der Stiftung Warentest. Das fängt bei der Zertifizierung an. Denn der Staat fördert nur bestimmte Kapitalanlagen. Elf Kriterien müssen die Verträge erfüllen - vom Schriftsatz in deutscher Sprache bis zur Informationspflicht des Bürgers über die Entwicklung seiner jährlich gezahlten Beiträge.
Hohe Kosten für Bürokratie
Rund 3600 Produkten von Banken, Versicherungen und Investmentfonds drückte das Bundesaufsichtsamt für Versicherungswesen (BAV) in Bonn bislang den Riester-Stempel auf. Den Kunden hilft das bei der Kaufentscheidung jedoch nichts, ein Kostenvergleich der einzelnen Angebote ist kaum möglich. Wer Riester-Fonds, Riester-Immobilien und Riester-Sparpläne korrekt miteinander vergleichen will, müsste die Steuersätze der kommenden 30 Jahre kennen.
Zudem versickert ein erheblicher Teil der Beitragsgelder in der Bürokratie. Um die Riester-Policen anzupassen, müssen Einkommen und Familienstand jedes Jahr kontrolliert werden - und das schlägt erheblich zu Buche. Nach einer Studie von Finanztest zwacken die Anbieter bis zu 15 Prozent der eingezahlten Gelder für Verwaltung und Provision ab. Das Analyseinstitut Morgen&Morgen und das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) gehen sogar von 20 Prozent aus.
Vater Staat schenkt 38 Euro
Die Rendite verkümmert durch die hohen Verwaltungskosten. Nach einer McKinsey-Studie liegt die Rendite unter der traditioneller Lebensversicherungsprodukte. Zudem ist der staatliche Zuschuss bis zum Jahr 2008 in vier Stufen aufgestockt - und in den ersten Jahren nur kümmerlich. 38 Euro Zulage kann ein Erwachsener im ersten Jahr kassieren, von 2008 an sind es jährlich 154 Euro.
Für Wüstenrot-Mann Wlatschiko ist und bleibt die Riester-Rente ein Verlustgeschäft. Er kassiert 25 Euro Provision - für eineinhalb Stunden Beratung.