Heute bei Swissquote gefunden: FOKUS 1-Unterschiedliche Sichtweisen zu Inflation und Zinsen in der EZB-Spitze
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Lane: Keine grundsätzliche Änderung der Lohndynamik
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Schnabel: Lohn-Preis-Spirale muss verhindert werden
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Lane sieht weniger Argumente für Jumbo-Schritt
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Schnabel: Kaum Spielraum für kleinere Zinsschritte
(Neu: Äußerungen zum Zinspfad, Volkswirt, Hintergrund)
Frankfurt, 25. Nov (Reuters)
Im obersten Führungszirkel der Europäischen Zentralbank (EZB) herrschen unterschiedliche Sichtweisen zur Inflationsdynamik und den daraus folgenden geldpolitischen
Schritten. EZB-Chefökonom Philip Lane riet zwar, die
Lohnentwicklung im Euro-Raum als voraussichtlich wichtigem
Inflationstreiber in den nächsten Jahren im Auge zu behalten.
Eine grundsätzliche Änderung der Lohndynamik sei aber nicht zu
sehen, schrieb er in einem auf der EZB-Webseite veröffentlichten
Blogbeitrag. Dagegen hatte seine Direktoriumskollegin Schnabel
in einer Rede in London am Donnerstag davor gewarnt, sich bei
dem Thema zurückzulehnen. Aktuell sei das Lohnwachstum bereits
recht schnell. Die EZB müsse eine Lohn-Preis-Spirale bereits im
Vorfeld verhindern. Sie könne nicht warten, bis diese bereits
eingetreten sei und dann erst reagieren.
Schon am Montag hatte EZB-Chefvolkswirt Lane in einem
Interview erläutert, es gebe immer weniger Argumente für einen
erneuten sehr großen Zinsschritt um 0,75 Prozentpunkte im
Dezember. Die Plattform dafür sei nicht mehr vorhanden. Je mehr
die EZB bereits getan habe, desto weniger müsse sie noch
unternehmen. Ganz anders dagegen argumentierte Schnabel:
Vorliegende Daten deuteten darauf hin, dass der Spielraum für
eine Verlangsamung der Zinserhöhungen begrenzt bleibe, sagte sie
in London. Die Hartnäckigkeit der Inflation dürfe keinesfalls
unterschätzt werden. Geldpolitik müsse datenabhängig bleiben
Damit tritt wenige Wochen vor der letzten Zinssitzung des
Jahres die unterschiedlichen Einschätzungen der Währungshüter
offen zu Tage. Die EZB hatte nach ihrer Oktober-Sitzung für das
Treffen am 15. Dezember weitere Zinsanhebungen in Aussicht
gestellt EZB-Beobachter rechnen inzwischen damit, dass die
Diskussionen über den weiteren geldpolitischen Weg auf der
kommenden Zinssitzung viel heftiger ausfallen werden als noch
zuletzt. "Während die Entscheidung vom Oktober sehr unumstritten
war und von einer großen Mehrheit getragen wurde, deuten die
jüngsten Äußerungen von EZB-Vertretern darauf hin, dass die
Diskussion auf der Dezember-Sitzung sehr viel hitziger und
kontroverser sein wird", schreibt etwa Carsten Brzeski,
Chefvolkswirt der ING.
Die EZB hatte im Juli im Kampf gegen die anhaltend hohe
Inflation die Zinswende eingeleitet. Inzwischen hat sie in drei
aufeinanderfolgenden Sitzungen die Schlüsselsätze um insgesamt
2,00 Prozentpunkte angehoben, wobei sie im September und Oktober
Jumbo-Zinserhöhungen um jeweils 0,75 Prozentpunkte beschloss.
Der Einlagensatz, der aktuell maßgebliche Zinssatz and den
Finanzmärkten, liegt damit inzwischen bei 1,5 Prozent. Zuletzt
war die Inflation im Euro-Raum auf 10,6 Prozent hochgeschossen.
Das ist mehr als fünfmal so viel wie das von den Währungshütern
angesteuerte Ziel von zwei Prozent.
(Bericht von Frank Siebelt, redigiert von Hans Seidenstücker
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