Für die meisten Privatanleger sind sie Teufelszeug – Bankaktien. Schließlich tragen Banken einen Großteil der Schuld an der Finanzkrise. Und vor nicht allzu langer Zeit haben die Häuser noch selbst vom Kauf von Bankaktien abgeraten. Die Bilanzen wenig transparent, die Geschäftsmodelle nicht immer verständlich, hieß es noch vor gut einem Jahr von Analysten und Fondsmanagern. Der Anteil von Bankaktien in Fonds wurde drastisch heruntergefahren, vor dem Aktienkauf gewarnt.
Aber etwas scheint sich verändert zu haben, denn seit dem vergangenen Herbst haben Bankaktien so stark zugelegt wie kaum ein anderer Sektor. Der Branchenindex im Stoxx 600 legte in den vergangenen zwölf Monaten um 25 Prozent zu, während der gesamte Auswahlindex nur um 15 Prozent stieg.
Und auch in einzelnen Märkten haben Bankaktien überproportional zum Gesamtmarkt gewonnen. Während der Dax in den vergangenen zwölf Monaten um 27 Prozent stieg, legten Papiere der Deutschen Bank 32 Prozent zu. Der italienische Mib stieg binnen Jahresfrist um 22 Prozent, die Aktien der Unicredit um fast 50 Prozent. In Paris gewann der Cac40 in den vergangenen zwölf Monaten 26 Prozent, die Papiere der Credit Agricole indes mehr als 90 Prozent. In den USA verbesserten sich Anteilscheine von J.P. Morgan binnen Jahresfrist um 40 Prozent, während der Dow Jones lediglich um 14 Prozent zulegte.
Institute wie die Commerzbank oder etwa griechische Banken gelten als Ausreißer. Ihre jeweilige Aktienperformance ergibt sich aus unternehmens- und länderspezifischen Gründen. So kämpft etwa die Commerzbank nach wie vor mit den Konsequenzen aus der Übernahme der Dresdner Bank, wegen der die Commerzbank mit öffentlichen Geldern unterstützt werden musste. Die Aktienperformance der griechischen Banken ist indes durch den Schuldenschnitt verzerrt, bei dem private Gläubiger auf einen Teil ihrer Anleihe-Forderungen verzichten mussten.
Morgan Stanley und Citigroup sind optimistisch
Zuletzt haben sich mit Morgan Stanley und Citigroup gleich zwei Großbanken zu den Aktien der Branche geäußert. Die Citigroup rät in einer Studie zum Einstieg in europäische Bankaktien. „Seit 2007 ist der Bankensektor mit einem Minus von rund 60 Prozent im Vergleich zum Gesamtmarkt am schlechtesten gelaufen. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der Anleger die Branche positiver sehen sollten", so die Analysten. Lediglich von italienischen Finanzwerten raten die Experten ab, weil das politische Risiko in dem Land zu unberechenbar sei.
Morgan Stanley hob den gesamten Sektor auf „Kaufen" von „Verkaufen". Von „besten Gewinnchancen, weil der Sektor einen Mix aus einer attraktiven Bewertung und einer steigenden Eigenkapitalrentabilität bietet" ist die Rede. Auf längere Sicht hätten Banken das Potenzial, sich wieder zu den dividendenstärksten Aktien zu entwickeln.
Nun ist es wenig verwunderlich, dass Analysten, die bei Banken angestellt sind, zu Bankaktien raten, wenn Dow Jones und Dax von einem Hoch zum nächsten eilen. Dieter Hein, Bankexperte beim unabhängigen Analysehaus Fairresearch, würde nicht so weit gehen. Allein: Die Rally ist offensichtlich. Hein glaubt, dass die Rede von Mario Draghi, dem Präsident der Europäischen Zentralbank, im Herbst 2012 der Auslöser war.
„Draghi hat klar gemacht, dass die EZB notfalls unlimitiert Staatsanleihen kaufen wird. Das hat viel Verunsicherung aus dem Markt genommen. Vor allem gegenüber Banken, die stark von Anleihen abhängig sind", meint Hein. Denn: Wenn ein Staat bankrott ist, dann dürften auch die dortigen Banken pleite sein. Jetzt werde der Sektor als „weniger ‚toxisch' angesehen", wie Oliver Flade, Bankanalyst beim Fondsanbieter Allianz Global Investors, sagt.
„Banken waren traditionell immer dividendenstarke Aktien"
Daneben dürfte auch die Aussicht auf Dividenden Anleger locken. Morgan Stanley schätzt die durchschnittliche Dividendenrendite für das Jahr 2013 auf 4,4 Prozent. „Banken waren traditionell immer dividendenstarke Aktien", meint Stefan Brugger, der beim Fondsanbieter Union Investment den Bereich Finanzaktien leitet. „Allerdings wurden die US-Banken in der Krise von der Aufsicht dazu gezwungen, die Dividende auf Null zu stellen."
Nun ließen die Banken langsam von der Nullauszahlungspolitik ab. Schließlich hätten viele von ihnen die nach der Bankenregulierung Basel III geforderten Kapitalquoten erreicht und dürften daher wieder Überschüsse ausschütten. „Die US-Bankenaufsicht erlaubt allerdings aktuell nur, maximal 30 Prozent des Gewinns an die Aktionäre auszuschütten. Es ist also fraglich, ob Niveaus von 40 oder 50 Prozent wie zu Vorkrisenzeiten wieder erreicht werden", so Brugger.
Gerade die Regulierungsfolgen zählen viele Experten zu den Fortschritten des Sektors. Dennoch bleibt Skepsis. „Ich erkenne dort eine graduelle Verbesserung, aber keine fundamentale", sagt Dieter Hein. Die realen Eigenkapitalquoten würden sich von den ausgewiesenen deutlich unterscheiden. So gelten etwa Staatsanleihen trotz des griechischen Schuldenschnitts als sichere Anlagen.
Kapitaldecke der Banken ist noch viel zu niedrig
Wenn jedoch 10 Prozent Eigenkapital auf riskante Vermögenswerte gehalten werden müssen, wie es nach Basel III verlangt wird, und Risikoanlagen nur gut 20 Prozent aller Vermögenswerte ausmachen, dann liegt die reale Eigenkapitalquote bezogen auf die Bilanzsumme bei 2 Prozent. Bei Industrieunternehmen sind es dagegen 20 bis 40 Prozent. Erst mit so einem Level kann man Hein zufolge einen Verfall von 10 Prozent der Vermögenswerte abfedern. „Insgesamt sind die Regulierungsmaßnahmen noch nicht ausreichend, um Banken sicher zu machen. Vor allem, solange die europäischen Länder durch die Krise weiter wackeln."
Selbst in einem verbesserten wirtschaftlichen Umfeld, mit besserer Stimmung an den Börsen und der Aussicht auf Dividenden bleibt ein Problem: Banken sind von der Politik abhängig. „Es stehen viele Themen im Raum, die kurzfristig nicht positiv sein können", sagt Analyst Flade. Die politische Situation in Italien ist unklar und in Deutschland steht die sehr wichtige Bundestagswahl an. Ihr Ausgang dürfte etwa Einfluss auf eine mögliche Bankenunion haben und diese wiederum starken Einfluss auf die Banken.
„Investoren haben im Vorfeld von Ereignissen wie Wahlen noch keine klare Meinung und wollen noch keine großen Positionen in die eine oder andere Richtung eingehen. Daher dürften die Kurse erst mal weniger volatil sein", so Flade. Die Investoren sind derzeit also gefangen zwischen den Risiken auf der einen Seite und der Attraktivität des Sektors und seinen Fortschritten in Sachen Schuldenabbau auf der anderen Seite.
Quelle:
Wall Street Journal, 13.05.13
Mehr zu den europäischen Banken
Das Überraschungs-Comeback von Europas Banken
Europas langer Weg zu neuen Krediten
Commerzbank ist zurück in den roten Zahlen
Die riskante Wette der Deutschen Bank
Italiens Banken hängen am Tropf der EZB
Euro-Krise bestimmt Geschäft von Frankreichs Banken
Deutschland macht Weg für Bankenunion frei