DJ FOKUS: Deutsche Banken liebäugeln mit Privatkunden in..
12:00
Russland
Von Madeleine Nissen und William Launder
DOW JONES NEWSWIRES
FRANKFURT (Dow Jones)--Reiche Russen lassen deutsche Banker auf satte Margen
hoffen: Denn während im Land der Bausparverträge die Kunden bei neuen
Bankprodukten abwinken, ist der Privatkundenmarkt in Russland längst nicht
übersättigt. Die Versuchung für einen Einstieg ist trotz der
schweren Rezession in Russland gerade jetzt besonders hoch: Denn die vor nicht
allzu langer Zeit völlig überteuerten russischen Banken leiden in der
Krise besonders stark unter Kreditausfällen und sind inzwischen zu
Schnäppchenpreisen zu haben.
Das Land, das schon manchen ausländischen Investor mit seinem gewaltigen
Bürokratieapparat zum Verzweifeln gebracht hat, ist den deutschen
Instituten schon vertraut: Bereits seit Mitte der 1970er Jahre hat die
Commerzbank eine Repräsentanz, und auch die Deutsche Bank hat in den
vergangenen Jahren mit Erfolg ihr Investmentgeschäft dort aufgebaut.
Jürgen Fitschen, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, sieht trotz der
aktuellen Wirtschaftsdelle nach wie vor Potenzial in Russland. Aber ob und wann
sein Institut sich auch im Privatkundengeschäft ein Stück vom Kuchen
abschneiden will, wollte er am Montag auf einer Veranstaltung in Frankfurt
nicht verraten.
Auch die Commerzbank will sich nicht ganz in die Karten blicken lassen.
Konkrete Pläne für Investitionen in das Privatkundengeschäft in
Russland gibt es nicht, sagte ein Sprecher. Die Bank schaue sich aber in
Mittel- und Osteuropa strategische Optionen für die Zukunft an. Einen
Bericht im Handelsblatt, wonach die Commerzbank Finanzkreisen zufolge bereits
im nächsten Jahr in den russischen Privatkundenmarkt einsteigen will,
wollte er weder bestätigen noch dementieren.
Die gesunkenen Preise haben bereits Käufer aus dem Ausland angelockt:
Die britische Barclays plc hat im vergangenen Jahr die russische Expobank
für 745 Mio USD gekauft, und die französische Societe Generale SA hat
ihren Mehrheitsanteil an Rosbank in mehreren Schritten auf knapp 65 ausgebaut.
Die meisten russischen Banken sind wegen der Finanzkrise angeschlagen,
erklärt Analyst Tutku Bagriyanik von der BHF Bank. Daher sei es jetzt eine
günstige Gelegenheit, sich mit Hilfe einer schwächelnden Bank, die
bereits über die nötigen Lizenzen verfügt, im Lande zu
positionieren.
Während Platzhirsche wie die Sberbank und VTB Bank mit Hilfe des Staates
die Finanzkrise überlebt haben, suchen andere Institute verzweifelt nach
einem Geldgeber. Vor der Krise waren russische Banken überbewertet,
sagte Olaf Kayser von der Landesbank Baden-Württemberg. Doch nun sind die
Banken durch die Finanzkrise und die Kreditausfälle so geschwächt,
dass die Preise für die Institute gesunken sind.
Die Zeit sei daher denkbar günstig, sich jetzt mit Hilfe einer
Akquisition für bessere Zeiten in Russland zu positionieren. Russland ist
ein Wachstumsmarkt, der - wenn er den Ausweg aus der Finanzkrise geschafft hat
- durchaus Potenzial bietet, erklärte er.
Die Chancen liegen vor alle im Retail Banking: Denn während hierzulande
eine große Bankendichte die Margen im Privatkundengeschäft minimiert
hat, liegt der Markt in Russland noch regelrecht brach. Russische Banken sind
langsam, wenn es darum geht, Produkte wie Kreditkarten und Sparpläne
anzubieten, erklärte Michael Knoll, Head of M&A bei der
Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers in Russland. Und auch die in
Deutschland sehr gefragten Bausparpläne sind für Russen nahezu
unbekannt.
Wie viel Potenzial der Markt hat, zeigt eine Studie von Raiffeisen Research.
Danach lagen die Spareinlagen in Russland im Jahr 2008 bei 14 des
Bruttoinlandsprodukts (BIP). Deutlich höher liegt die Quote mit 26 im
Nachbarland Polen, und in der Eurozone machen die Spareinlagen sogar 58 des
BIP aus. Auch bei den Krediten an private Haushalte hinkt Russland hinterher.
Hier liegt der prozentuale Anteil gemessen am BIP bei knapp 10, in Polen
dagegen schon bei 29 und in der Eurozone bei 53.
Beide Zahlen, sowohl bei den Spareinlagen als auch bei den Krediten, zeigen
das Potenzial im russischen Privatkundenmarkt; insbesondere in den Regionen
außerhalb der großen Städte Moskau und St. Petersburg, sagte
Analyst Walter Demel von Raiffeisen Research.
In zehn Jahren, so erwarten Experten, wird auch Russland das Niveau von
weiter entwickelten osteuropäischen Ländern wie Polen erreichen.
Für das Land spricht vor allem die Nähe zu Westeuropa und die
Größe des Marktes. Auch wenn die Bevölkerung schrumpft, leben
mehr als 100 Millionen Verbraucher diesseits des Urals, sagte Stratege Ralf
Zimmermann von Sal. Oppenheim. Daher ist der Markt trotz der
überproportionalen Risiken für viele Banken viel versprechend,
erklärte er.
Doch die Risiken sind sehr hoch. Russland ist der kranke Mann in Osteuropa,
sagte Stratege Zimmermann. Während sich die wirtschaftliche Lage in den
anderen osteuropäischen Ländern stabilisiere, hinke Russland dieser
Entwicklung hinterher. Die realen Einzelhandelsumsätze verringern sich
mit Rekordgeschwindigkeit, während sie in anderen Ländern wie in
Polen wieder nach oben weisen. Die Reallöhne fallen ebenso wie ein Stein;
die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist schwierig, sagte er.
Auch im Vergleich zu den anderen schnell wachsenden Wirtschaften Brasilien,
Indien und China sei Russland das schwächste Glied in der BRIC-Kette. Ein
Engagement in Russland ist daher mit einem hohen wirtschaftlichen Risiko
verbunden, sagte Zimmermann. Hinzu kommen die politischen Risiken, die
mindestens so hoch seien wie in den anderen BRIC-Ländern.
Neben dem instabilen politischen und wirtschaftlichen Klima ist der gewaltige
Bürokratieapparat eine große Hürde. Die Summe, die Banken
für Bürokratie ausgeben, ist im Vergleich zum Westen doppelt so
hoch, sagte M&A-Experte Knoll. Einige ausländischen Banken, die bereits
Anteile an russischen Banken halten, seien an den Risiken gescheitert und
wollten sogar wieder aussteigen Es gibt klare Zeichen, dass mindestens zwei
größere europäische Finanzinstitute wieder aus dem russischen
Markt aussteigen wollen, um Kapital freizusetzen, sagte Knoll. Namen oder
Details wollte er auch auf Nachfrage nicht nennen.
Ein gutes Beispiel, wie man trotz der Schwierigkeiten in Russland erfolgreich
sein kann, sieht er im Investmentgeschäft der Deutschen Bank in Russland.
Die größte deutsche Bank habe sehr starke Beziehungen zu der
Regierung aufgebaut, erklärte Knoll. Dies sei eine unabdingbare
Voraussetzung, wenn man in Russland Geschäfte machen wolle. Wenn man in
den russischen Markt hinein will, braucht man eine Bank als Partner, die
bereits über ein starkes Netzwerk verfügt - und das nicht nur in
Moskau oder St. Petersburg.
Webseiten: www.db.com
www.commerzbank.de
www.ri.co.at
www.unicreditgroup.eu
-Von Madeleine Nissen und William Launder, Dow Jones Newswires;
+49 (0)69 - 29725 115, madeleine.nissen@dowjones.com
(Geoffrey Smith hat zu diesem Artikel beigetragen.)
DJG/maw/kgb
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October 28, 2009 07:00 ET (11:00 GMT)
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