Hier ein interessanter Beitrag des Chefvolkswirtes der NORD/LB:
"Zwei Drittel auf dem Weg zur Lösung der Finanzkrise geschafft"
Interview mit Torsten Windeis
Ostfriesen-Zeitung
Datum: 18.07.2012
"Zwei Drittel auf dem Weg zur Lösung der Finanzkrise geschafft" interview Aber jeder Deutsche zahlt dafür, sagt Nord-LB-Chefvolkswirt Windeis * "An sich ist es ruhig in der Bevölkerung": Torsten Windeis, Chefvolkswirt der Nord-LB. bilder:doden Der Finanzexperte verweist darauf, dass die Deutschen von der riesigen Immobilienblase in den USA profitiert haben. Denn weil sich die Amerikaner wohlhabend fühlten, haben sie eingekauft. Zum Beispiel Autos aus Emden. VON HEINER SCHRÖDER EMDEN - Mindestens 50 Pro- zent, vielleicht schon zwei Drittel auf dem Weg aus der Finanzkrise sind geschafft. Das meinte in einem OZ-In-terview der Chefvolkswirt der Nord-LB, Torsten Windeis. Windeis war in Emden, um bei einer Podiumsdiskussion von Bündnis 90/Die Grünen zum Thema "Europa in der Krise - was ist zu tun?" mit-zudiskutieren. Vorher hatte er sich in einem OZ-Inter-view zur derzeitigen Finanzkrise geäußert. OZ: Die große Finanzkrise war 2008. Nimmt man dieses Jahr als Nullpunkt und sieht irgendwo das Ende der Finanzkrise - wie viel Prozent des Wegs zu dieser Lösung haben wir schon zurückgelegt? TORSTEN WINDELS: Mehr als 50 Prozent. Bei aller Unsicherheit. Vielleicht sogar zwei Drittel. OZ: Das ist sehr optimistisch. WINDELS: Es besteht natürlich immer die Gefahr, dass irgendetwas durchbrennt. Aber bisher haben die Staatsund Regierungschefs sehr einhellig am euro- päischen Gedanken festgehalten. Angesichts des Schlamassels wäre es populär, gerade von deutscher oder auch niederländischer Seite, einfach auszusteigen. Die Politiker müssen in dieser Krise auch erst lernen. Hinterher weiß man immer, was richtig gewesen wäre, da lässt sich vorher leicht meckern. Wenn man sich das Ganze von außen einmal betrachtet, kann man durchaus zu dem Urteil kommen: gar nicht so schlecht gelaufen.OZ: Wenn nicht einmal renommierte Wirtschaftswissenschaftler wissen, was Sache ist, und zu gegenteiligen Lösungskonzepten kommen, wie soll dann ein Politiker, gar nicht zu reden vom einfachen Sparkassenkunden, richtige Entscheidungen reffen? WIN DELS: Das Problem liegt darin, dass die Politik nicht weiß, wie der Kurs aussieht. Darum gibt es immer wieder diese Wendungen. Wir sind konfrontiert mit Fragen wie: Ist der Fiskalpakt, die Bankenunion der Stabilitätsmechanismus richtig? Diese Diskussionen sind natürlich ermüdend für alle. An sich ist es aber relativ ruhig in der Bevölkerung. Es gibt meines Erachtens ein Grundvertrauen in die Politik. Und man hat es aufgegeben, wirklich nachzuvollziehen, was da eigentlich passiert. Wir sehen bei unseren Kunden wohl eine diffuse Angst vor Währungsstörungen oder einer Inflation. OZ: Können Sie diese Angst nehmen? WIN DELS: Nein. Wenn die Europäische Zentralbank (EZB) 500 Milliarden Euro in den Markt pumpt, dann sind das Größenordnungen, bei denen man nicht sagen kann, dass es die Inflationsentwicklung nicht beeinflusst. Wir rechnen damit, dass das Inflati-onsziel der EZB von zwei Prozent eingehalten wird. Das ist keine echte Gefahr, aber wir wissen eben nicht, was langfristig passiert. Viele sehen die Gefahr einer Hyperinflation wie damals 1923 in der Weimarer Republik, und dann kommt die nächste Angst vor einer Wirtschaftskrise. Dazu kann man sagen: In einer Wirtschaftskrise sind Preiserhöhungen von Unternehmen schwer beim Kunden durchzusetzen. Somit ist die Wahrschein- lichkeit von steigender Inflation in Wachstums-schwachen Zeiten gering. OZ: Na ja, es gab in Deutschland auch schon mal eine Deflation, also eine echte Wirtschaftskrise mit sinkenden Preisen... WINDELS: ...Ja, das war 1929. Aber das historische Gedächtnis vermengt gerne beides, also Inflation 1923 und Wirtschaftskrise 1929. Wir Deutschen kommen eher von der Inflationsseite, während die Angelsachsen eher von der Wachstumsseite kommen. Das ist der große Dissens, den wir gerade bei der Suche nach der Lösung haben. Während Amerikaner, Briten, Chinesen oder Franzosen lieber Geld für Wirtschaftswachstum ausgeben wollen, setzen die Deutschen mehr aufs Sparen. OZ: Und was halten Sie für richtig? WINDELS: Den Mittelweg, wie so oft. Ist ein bisschen langweilig. Aber die Amerikaner müssen auch mal raus aus ihrer Überschuldung. Es ist eine Riesenblase in der Immobilienkrise entstanden, die irgendwann abgebaut werden muss. OZ: Und wie macht man so etwas? WINDELS: Durch geringe Wachstumsraten, Arbeitslosigkeit, Unternehmenskonkurse, aber auch durch niedrige Zinsen. Derzeit sind die Zinsen so niedrig, dass man keinen Inflationsausgleich mehr bekommt. Jeder Deutsche zahlt einen Teil seiner Ersparnisse drauf, um diese Blase abzubauen. Und das ist der richtige Weg. Wir wühlen uns da langsam durch. Dazu sehe ich keine Alternative. OZ: Haben wir richtig verstanden: Der Steuerzahler, Sparer, der einfache Bankkunde - sie alle zahlen jetzt schon für die Krise? WINDELS: Ja. Die Krise kommt ursprünglich aus den USA. Sie schwappte nach Europa und Deutschland, weil die USA ihre Refinanzierung globalisiert haben. Deutsche, britische, schweizer Banken haben diese Refinanzierungspapiere gekauft. Spanien übrigens nicht, hat aber leider eine eigene Immobilienblase gefüttert. Wir haben übrigens von dieser Blasenbildung in den USA profitiert, weil sich die Amerikaner mit ihren Immobilien reich fühlten und anfingen, zum Beispiel deutsche Autos auf Kredit zu kaufen. Und dann entwickelte sich beispielsweise auch der Auto-umschlag im Emder Hafen gut, und das Emder VW-Werk war gut ausgelastet. Jetzt zahlen wir ein Stück der Zeche mit. Jetzt zu sagen, die Amerikaner müssen selber zahlen, wie wir das bei den Griechen gerne tun, ist einerseits richtig, andererseits zu kurz gedacht. Durch die globale Vernetzung hängen eben alle mit allen zusammen. OZ: Noch mal zusammenge-fasst: Wenn man den Leuten sagt, sie müssen ein bisschen abgeben, sie merken es kaum, dann bekommen wir die Finanzkrise in den Griff? WINDELS: Sie haben wenig Wahl. Jeder versucht, die Kosten der Krise von sich zu halten. Die breite Verteilung ist sicher der bessere Weg -verglichen mit der Krise 1929 und ihrer Massenarbeitslosigkeit. OZ: Stichwort Griechenland: Soll das Land raus aus dem Euro oder drinbleiben? WINDELS: Das ist für die Eurozone unwichtig worden. Wichtig ist, was für die Griechen besser ist. Da ist aber beides schrecklich. Aus dem Euro rauszugehen, heißt: Die Drachme wird abgewertet, die Auslandsschulden explodieren, durch die Abwertung haben die Griechen weniger Kaufkraft. Auf der Schuldenseite ist das nicht haltbar. Die Griechen würden in einen zweiten Konkurs gehen. Und dann kriegen sie kein Geld mehr. Ich glaube, die Griechen kriegen das besser hin, wenn sie im Euro bleiben. Aber sie müssen einen steinharten Weg gehen. Griechenland hat ein korruptes System. Es braucht eine Generation, um das zu reformieren. OZ: Und Italien? WINDELS: Italien ist eine der reichsten Industrienationen der Welt. Dass die Märkte Italien auf Konkurs stufen, spricht dafür, dass die Märkte völlig panisch sind und nicht mehr nach Vernunft handeln. OZ: Und darum muss es Euro-Bondsgeben? WINDELS: Ja, weil ich fürchte, dass man mit keinem anderen Instrument die Lage retten kann. OZ: Für den Laien: Was sind Euro-Bonds eigentlich? WINDELS: Die europäischen Staaten refinanzieren gemeinsam die Staatsschulden aller Länder der Europäischen Union und haften auch dafür. Es sind schlicht Staatsanleihen. Schuldtitel, mit denen der Staat vom Sparer Geld aufnimmt, um seine Ausgaben oder Alt-Schulden zu bezahlen. Wir wünschen uns die Euro-Bonds nicht. Aber die Märkte funktionieren nicht mehr. Heute dominiert die Verlustvermeidung vor der Gewinnerzielung. Darum kaufen Anleger deutsche Staatsanleihen, obwohl sie null Zinsen bekommen. Das ist aber eigentlich schlecht für eine Wirtschaft. Darum brauchen wir eine Garantie für Staatsanleihen. Das sind die Euro-Bonds. OZ: Was soll jetzt eigentlich der normale Sparer mit seinem Geld machen? WINDELS: Streuen. Wir sind durchaus optimistisch für Aktien. Das sind Realwerte, hinter denen eine Produktion steht. Denen kann eine Inflation nicht so viel ausmachen. Deutsche Unternehmensanleihen sind eine weitere Möglichkeit, auch Sparbriefe, nicht so sehr Bundes-schatzbriefe, diesind doch etwas zu teuer. OZ: Und wenn man ein bisschen investiert? In Windenergie oder Solardächer? WINDELS: Ja, die Realinvestitionen, auch wenn zum Beispiel Privatleute ihre Häuser sanieren, sind spannend. Die Energiewende ist sehr interessant, Bürgerwindparks, Energiegenossenschaften, Biogasanlagen sind da Stichworte. Die Globalisierung erscheint einem befremdlich, weil man es nicht durchschaut, darum investieren viele heute in das, was man vor Ort für nachhaltig hält. "Wir wühlen uns da langsam durch. Dazu sehe ich keine Alternative" "Das Problem liegt darin, dass die Politik nicht weiß, was richtig ist" "Euro-Bonds muss es geben, weil ich fürchte, dass man mit keinem anderen Instrument die Lage retten kann"