Nach 15 Jahren Verhandlungen soll China an diesem Samstag in die Welthandelsorganisation (WTO) aufgenommen werden. Ministerpräsident Zhu Rongji spricht von einem Drahtseilakt. "Wir müssen die Balance halten", sagt er.
"Auf der einen Seite müssen wir unser Land weiter öffnen", sagt Zhu. "Nur der Wettbewerb kann unsere Wirtschaft am Leben erhalten. Auf der anderen Seite darf der Öffnungsprozess nicht zu schnell laufen." Sonst drohe ganzen Branchen wie der Landwirtschaft, den Banken und Versicherungen der Zusammenbruch.
MARKT MIT 1,3 MILLIARDEN MENSCHEN
Einen Tag nach dem Beschluss der WTO-Ministerrunde werden am Sonntag Vertreter der WTO und Chinas die Beitrittspapiere unterzeichnen. Innerhalb eines Monats ratifiziert dann der Volkskongress den WTO-Beitritt. Die Hoffnungen im Ausland auf eine weitere Öffnung des Marktes mit fast 1,3 Milliarden Menschen sind groß, auch wenn potenzielle Käufer auf absehbare Zeit nur in Ballungszentren und reicheren Küstenregionen zu finden sind.
Wunder erwarten die westlichen Unternehmen in China allerdings vom WTO-Beitritt nicht. "China wird seinen eigenen Weg gehen", sagte eine Unternehmerin, die seit zwei Jahrzehnten in China arbeitet. In die gleiche Kerbe haut der Vertreter eines großen Autoherstellers: "Es ist nicht so, als wenn der WTO-Beitritt auf einen Schlag alles revolutionär verändern wird." Die Veränderungen in Chinas Wirtschaft werden nicht leicht - trotz der Entschlossenheit der Regierung, die Verpflichtungen einzuhalten, meint auch der Vorsitzende der Deutschen Handelskammer in Peking, Jürgen Wuttke.
FAHRPLAN FÜR ZOLLSENKUNGEN
Der Fahrplan steht aber fest. Zölle und Einfuhrbeschränkungen werden generell sinken. Für Autos sollen die Importabgaben beispielsweise von 80 bis 100 Prozent auf 25 Prozent bis 2006 fallen. Ausländische Unternehmen können in einem Jahr 25 Prozent Anteile an Chinas Telekommunikationsfirmen übernehmen und 49 Prozent nach drei Jahren.
In zwei Jahren dürfen ausländische Banken mit chinesischer Währung und chinesischen Geschäftskunden handeln, in fünf Jahren auch mit Privatkunden. Beschränkungen für den Vertrieb von Waren werden innerhalb von drei Jahren aufgehoben.
TEXTILINDUSTRIE AUF SONNENSEITE
Einer der wenigen klaren Gewinner auf chinesischer Seite ist die Textilindustrie, die von 2005 an ohne die bisher üblichen Quoten exportieren darf. Handelsbarrieren auf dem Weltmärkten für Chinas Lederwaren und Nahrungsmittel werden auch fallen. In China selbst wird der neue Wettbewerb kapitalintensive Bereiche unter Druck setzen, arbeitsintensive aber wegen niedriger Löhne und niedriger Sozialleistungen begünstigen.
Auch die deutsche Wirtschaft in China glaubt nicht, dass die Öffnung reibungslos von statten gehen wird. 75 Prozent der deutschen Unternehmen beklagen heute schon Handelsbarrieren, die mit Zöllen nichts zu tun haben. Nur 44 Prozent glauben, dass WTO diese verringern würden; das ergab eine Umfrage der Handelskammer. Beklagt werden Importquoten, restriktive Lizenzen, lokaler Protektionismus und ein Mangel an rechtlicher Transparenz. Handelsbarrieren seien regional unterschiedlich und in unterentwickelten Gebieten deutlicher aufgeprägt. Trotz allem wollen 70 Prozent der deutschen Unternehmen ihre Geschäfte in China in den nächsten Jahren weiter ausbauen.