US-Präsident George W. Bush hat seine Feinde bereits genau im Visier. Die von ihm veröffentlichte Liste mit 27 terroristischen Führern und Organisationen, die ein Vergeltungsschlag treffen könnte, liest sich wie ein "Who is Who" des islamistischen Extremismus.
Zwar soll den darauf aufgeführten Verdächtigen vorerst nur der Geldhahn zugedreht werden. Doch gleichzeitig ist diese "Schwarze Liste" auch ein erster Hinweis darauf, welche Ziele die von Bush angekündigte "Kampagne gegen den Terrorismus" haben könnte.
Ein erster Blick auf die Liste zeigt, dass die US-Regierung vor allem mutmaßliche Mitglieder des weit verzweigten Netzwerkes von Osama Bin Laden ins Visier genommen hat. Dazu gehört die in Pakistan und Kaschmir aktive Harakat ul-Mujahidin, die enge Verbindungen zu den Entführern des seit 1995 verschollenen Erfurter Studenten Dirk Hasert haben soll. Auf der Liste findet sich auch die Islamische Bewegung Usbekistans, die 1996 gegründet wurde und nach US-Angaben mehrere Tausend militante Anhänger haben soll. Sie entführte in den vergangenen drei Jahren ebenfalls mehrere Ausländer, darunter vier amerikanische Bergsteiger.
Wie am Dienstag aus Sicherheitskreisen in Manila bekannt wurde, soll auch die philippinische Abu Sayyaf-Gruppe, die im vergangenen Jahr mit der Entführung von Ausländern 17,5 Millionen US-Dollar Lösegeld erpresst hatte, finanzielle Unterstützung vom saudischen Terrorführer Osama Bin Laden erhalten haben.
Dass die Amerikaner es auch auf den ägyptischen "Terror-Doktor" Eiman el Zawahiri und seinen Landsmann Mohammed Atef abgesehen haben, ist keine Überraschung. Zawahiri, der von Afghanistan aus eine Splittergruppe des ägyptischen "Dschihad" leitet, ist in Ägypten bereits zum Tode verurteilt worden und gilt als rechte Hand des mutmaßlichen Terroristenführers Bin Ladens. Atef soll an den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam beteiligt gewesen sein.
USA ins Visier nehmen
Auffällig ist, dass die Amerikaner auf ihrer Liste weder die palästinensischen Terrororganisationen Hamas und Dschihad noch die schiitische Hisbollah aufführen, deren Hass sich erster Linie gegen die Besatzungsmacht Israel und erst an zweiter Stelle gegen Israels Schutzmacht USA richtet. Andere arabische Islamisten-Gruppen wie die Libysche Islamische Kampfgruppe oder die algerische GIA wollen die USA dagegen ins Visier nehmen. Dabei richten sich auch die gewaltsamen Aktionen dieser Gruppen nicht gegen US-Bürger, sondern gegen das Regime im eigenen Land.
Ein militärisches Eingreifen der USA in Libyen, wo Staatschef Muammar el Gaddafi selbst mit eiserner Faust gegen die Islamische Kampfgruppe vorgeht, die ihn als "Gottlosen" beschimpft, scheint aber ebenso wenig denkbar wie eine US-Intervention in Algerien.
Andere Bewegungen, gegen die Bush demnächst vorgehen will, haben nach Ansicht von Islamismus-Experten in den vergangenen Jahren ohnehin erheblich an Bedeutung eingebüßt. Das gilt für die im Libanon operierende Asbat al-Ansar ebenso wie für den "Dschihad", der nach den Verhaftungswellen Mitte der 90er Jahre in Ägypten kaum noch Schlagkraft besitzt.
Aus dem Jemen waren nach der Veröffentlichung der US-Liste skeptische Töne zu hören. Ein Sprecher des Außenministeriums in Sanaa erklärte am Dienstag, die darauf genannte jemenitische "Islamische Armee Aden-Abjan" sei seit der Hinrichtung ihres Anführers Zin el Abdin Abu Bakr 1999 nicht mehr im Jemen aktiv. Die Anhänger der Gruppe, die einst aus arabischen Veteranen des Afghanistan-Krieges rekrutiert worden waren, seien entweder ausgewiesen oder ins Gefängnis gesteckt worden.
Damit bleibt die Frage, wen der "Zorn Amerikas" nach den Terroranschlägen von New York und Washington nun treffen wird, immer noch unbeantwortet. Denn dass sich die angekündigte große amerikanische "Kampagne" gegen den Terrorismus auf Osama Bin Laden und die Führer des Taliban-Regimes beschränken wird, halten Beobachter für unwahrscheinlich.