Brokat-Aktionäre in Panik
Titel verliert fast ein Viertel an Wert
Berlin - So ein Kursziel hat der Neue Markt noch nie gesehen: Das Bankhaus Metzler bekräftigte am Dienstag nicht nur seine Verkaufsempfehlung für die Brokat-Aktie, sondern senkte das Kursziel kurzerhand von sieben auf null Euro. Die Notmaßnahme des Unternehmens, ein Fünftel der Belegschaft zu streichen, komme "viel zu spät" und werde das Liquiditätsrisiko noch erhöhen, sagte Analyst Sven Kürten. Selbst wenn es zu einer Übernahme komme, sei der Wert aufgrund hoher Schulden so gering, dass das Kursziel von null Euro angemessen sei. "Damit wollen wir ein klares Zeichen setzen, dass wir Brokat für einen Pleitenkandidaten halten", sagte Uwe Müller-Kasporick, Stratege bei Metzler.
Die Botschaft kam an: Gerade Privatanleger warfen ihre Papiere gestern auf den Markt, die Aktie beschleunigte ihre Talfahrt mit einem Minus von 23,7 Prozent auf 4,35 Euro. "Das sind panikartige Verkäufe", sagte ein Händler. Das Vertrauen in die Aktie sei nach den schlechten Meldungen offensichtlich fast vollständig zerstört.
Das Unternehmen selbst wollte sich weder zu der Studie noch zum Kursverfall äußern. "Den Kurs haben nicht wir zu beurteilen, sondern der Markt", sagte Rainer Jung, Unternehmenssprecher von Brokat. Allerdings zeigte er sich über den Kursverfall verwundert, zumal die Wertberichtigungen schon länger bekannt seien "Wir werden unseren Aktionären in der nächsten Woche auf der Hauptversammlung darstellen, mit welcher Strategie wir in die Zukunft gehen."
Brokat hatte am Montag mitgeteilt, durch die Neubewertung einiger Töchter und Beteiligungen rund die Hälfte des Grundkapitals aufgebraucht zu haben. "Mit dieser Neubewertung in der Bilanz tragen wir den mittelfristig veränderten Marktbedingungen Rechnung," erklärte Michael Janßen, Finanzvorstand bei Brokat. Allein die Abschreibungen auf das 2000 akquirierte Unternehmen Fernbach Financial Software verursachte eine Abschreibung in Höhe von 10,3 Mio. Euro. Allerdings betonte Janßen, dass die Neubewertung "keinen Einfluss auf die Liquiditätssituation hat und somit unser operatives Tagesgeschäft nicht belastet." Gleichzeitig kündigte der Softwarehersteller an, 300 Stellen, davon 200 in den USA, streichen zu wollen.
Unter den Analysten mehren sich nun die Zweifel. Gleich mehrere Experten äußerten sich gestern kritisch: So hat das Bankhaus Sal. Oppenheim die Aktie von "Outperfomer" auf "Neutral" zurückgestuft. Besonders negativ sei der starke Stellenabbau in den USA. Dieser könne als Warnsignal für eine enttäuschende Geschäftsentwicklung in den USA gedeutet werden. "Wir glauben nicht mehr an einen Break-even im vierten Quartal", betonen die Analysten. Zwar ergebe sich auf Grund der Prognosen ein fairer Wert von 13 Euro für die Aktie, die Herunterstufung erfolge aber aufgrund des gestiegenen Risikoprofils.
Auch die Analysten der Berenberg Bank bekräftigen ihr Anlageurteil "Reduzieren". Sie erwarten, dass Brokat weitere Partner am Unternehmen beteiligen muss, um nicht in Liquiditätsprobleme zu geraten. Allerdings verfügt Brokat schon über namhafte Partner: Im Oktober erwarb Siemens im Rahmen einer strategischen Beteiligung drei Prozent an Brokat, Intel hält gut ein Prozent der Aktien. mik