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Börsianer trauen der Dax-Rallye nicht

 
29.10.01 14:13
Börsianer trauen der Dax-Rallye nicht  

Die hohe Liquidität treibt den Index an. Experten: Der Kursanstieg geht aber viel zu schnell. Ein Rückschlag ist jederzeit möglich

 
Investoren sitzt das Geld locker: Die Börse im Liquiditätsrausch
Montage: DWO
Von Annette C. Müller
www.welt.de

Berlin - Europa steht am Rande einer Rezession, doch an der Börse ist von dieser Gefahr nur wenig zu spüren. Im Gegenteil: Bei den großen Investoren sitzt das Geld ziemlich locker. Der Markt wird von viel Liquidität angetrieben. Fondsmanager springen aus Angst, die Rallye zu verpassen, noch schnell auf den fahrenden Börsenzug auf. "Dieser Herdentrieb lässt die Kurse steigen", schildert Reinhard Vennekold, Portfoliomanager bei der Hypo-Vereinsbank.
Der Dax kletterte auch in der in der vergangenen Woche um fast sieben Prozent nach oben und überschritt die 4800-Punkte-Marke. Seit den Tiefständen vom 21. September hat der Index über 35 Prozent Gewinn eingefahren. Die schlechten US-Wirtschaftsdaten vom vergangenen Donnerstag - der Auftragseingang für langlebige Güter war im September um 8,5 Prozent eingebrochen - stoppten nur kurz den Aufwärtstrend des Börsenbarometers.

Analysten und Händlern geht diese Rallye jedoch viel zu schnell. "Der Markt sollte erst einmal verschnaufen und auf die fundamentalen Daten achten", gibt Vennekold zu bedenken. Denn fundamental habe sich in der Wirtschaft trotz steigender Kurse nichts geändert. Die Gewinnaussichten seien weiterhin schlecht. Das Wirtschaftswachstum schwäche sich spürbar ab, und Anzeichen für eine Besserung seien vorerst nicht zu erkennen. "Auch das Damoklesschwert des politisch-militärischen Konfliktes schwebt weiterhin über den Märkten", sagt Robert Halver, Stratege beim Bankhaus Delbrück.

Rückschläge sind jederzeit denkbar. Doch davon wollen Anleger momentan nicht allzu viel wissen. Sie setzen nach Händlerangaben darauf, dass sich die Konjunktur im kommenden Jahr stärker als erwartet erholen wird. "Am Markt herrscht das Prinzip Hoffnung. Doch wir sind nicht im Bullen-, sondern in einem Bärenmarkt, der Rallye fährt", warnt Richard Zellmann, Leiter der Anlagestrategie bei Helaba Trust.

In die neue Handelswoche gehen die Experten mit gemischten Gefühlen. Sie trauen dem Dax angesichts der hohen Liquidität am Markt zwar einen Stand von 5000 Punkten zu. Doch rechnen sie eher damit, dass der Index eine Seitwärtsbewegung einschlägt. Denn in dieser Woche stehen in den USA wichtige Termine auf der Agenda, die keinen Grund zum Optimismus geben dürften. Börsianer erwarten eine deutliche Abschwächung des US-Einkaufsmanager-Index, der am Donnerstag veröffentlicht wird. Am Freitag folgen die US-Arbeitsmarktdaten. "Die Arbeitslosenquote wird von zuletzt 4,9 Prozent in den kommenden Monaten noch auf sechs Prozent steigen", schätzt Zellmann.

Keinen großen Kursdruck erwarten die Börsianer von den Ergebnissen zum dritten Quartal. In dieser Woche legen Deutsche Telekom, VW, Deutsche Bank, Metro und Continental die Zahlen auf den Tisch. Die Investoren haben bereits im Vorfeld ihre Erwartungen stark nach unten geschraubt. "Die Märkte wissen, dass das dritte und vierte Quartal sehr schlecht ausfallen, das ist eingepreist", so Halver. Analysten prognostizieren für die Deutsche Telekom, die am Mittwoch zum Rapport antritt, weiterhin Verluste. Vor allem wegen der unprofitablen Geschäfte der US-Mobilfunktochter Voicestream rechnen sie im dritten Quartal mit einem Konzernverlust von 42 Mio. Euro.

Trotz schlechter Zahlen greifen Investoren aber wieder zu High-Tech-Werten. "Seit den Tiefständen im September haben sie am stärksten zugelegt, einige Flaggschiffe sind durchaus wieder interessant", meint Halver. Auch Zellmann sieht im Technologie-Sektor wieder Chancen. Doch rät er Investoren auch, auf Grundstoffe, Chemie, Medien und Industrie zu setzen: "Wenn die Märkte sich anhaltend erholen, profitieren davon zuerst die zyklischen Sektoren."
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