Börsenreform: Ein neuer Name - mehr nicht?


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Börsenreform: Ein neuer Name - mehr nicht?

 
14.10.02 21:08

Live hard, die young!

"Lebe hart, sterbe jung" - so hieß das Lebensmotto der Rock'n'Roll-Generation. Neuerdings passt der zynisch klingende Slogan auch auf den Neuen Markt, das Segment für junge Wachstumsunternehmen der Deutschen Börse. Erst 1997 geboren, wird der Neue Markt bereits fünf Jahre später zu Grabe getragen.

Sein Ende erklärt sich dabei weniger aus dem in der Börsengeschichte beispiellosen Kursverfall von 96 Prozent, sondern vor allem aus den zahlreichen Regelverstößen seiner agierenden Personen: Durch Skandale um verfehlte Prognosen, gefälschte Bilanzen, Insiderhandel, Kursbetrug und spektakuläre Pleiten hat die Marke, die sich einmal anschickte, ein neues Zeitalter der "New Economy" einzuleiten, längst einen irreparablen Imageschaden erlitten.

Nun soll auf den Trümmern geplatzter Illusionen mittels neuer Strukturen das Vertrauen der Anleger zurückgewonnen werden. Doch sind die Reformpläne der Deutschen Börse der große Wurf? Oder wird gar nur alter Wein in neue Schläuche gefüllt?

Spätes Lockmittel für desillusionierte Anleger

Mit dem "Prime Standard" und dem "Domestic Standard" soll es bis spätestens Ende 2003 zwei neue Börsensegmente mit unterschiedlichen Transparenzkriterien geben. Der Übergang vom alten in den neuen Neuen Markt, der nicht mehr so heißen darf, soll nach den vorliegenden Plänen von einem harten Qualitätscheck begleitet werden. Das Premiumsegment wird sich an international aufgestellte Unternehmen richten, die Zugang zu den weltweiten Kapitalmärkten erhalten wollen. Die in diesem Bereich an die Aktiengesellschaften gestellten Anforderungen sind allerdings nicht neu, da sie bereits am Neuen Markt und im Nebenwertesegment SMAX galten: Quartalsberichte, internationale Rechnungslegungsstandards nach IAS oder US-GAAP, ein Unternehmenskalender und mindestens eine Analystenkonferenz pro Jahr. Ad-hoc-Mitteilungen und regelmäßige Berichte bleiben obligatorisch und müssen zusätzlich in englischer Sprache verfasst werden.

Doch leider bleibt der "Prime Standard" auch hinter einigen Regeln des Neuen Marktes zurück. So sollen anders als dort in Zukunft auch Vorzugsaktien oder Papiere mit Stimmrechtsbeschränkungen anderer Art aufgenommen werden. Zudem wird bei Börsenneulingen nicht mehr auf eine Mindestkapitalisierung gepocht. Erleichtert wird eine Aufnahme in das neue Premiumsegment auch dadurch, dass nicht mehr alle Unternehmen prinzipiell zwei Betreuerbanken verpflichten müssen, um die Liquidität im elektronischen Xetra-Handel sicherzustellen. Bei sehr umsatzschwachen Titeln genügt künftig ein Betreuer.

Zielgruppe für den "Domestic Standard" sind Gesellschaften mit eher nationaler Ausrichtung, die lediglich gesetzliche Mindestanforderungen erfüllen. Anders als im "Prime Standard" müssen die Firmen Berichte nur halbjährlich veröffentlichen. Hier reicht es auch aus, wenn Bilanzen nach deutschem Handelsrecht erstellt werden. Dies kann sogar ein Vorteil sein. Denn die amerikanischen Vorschriften für die Rechnungslegung US-GAAP erwiesen sich zuletzt anfällig für Finanzmanipulationen.

In Zukunft werden sich Anleger auch mit einem neuen Indexsystem vertraut machen müssen. In einen Index werden dann nur Unternehmen aus dem höheren Premiumsegment aufgenommen. Die bisherigen Börsenbarometer werden dabei wie eine Pyramide aufgebaut. An der Spitze stehen die größten Unternehmen im DAX. Die Mitte teilen sich die mittelgroßen Gesellschaften und die Neuen Technologien aus den bisherigen Indizes MDAX und NEMAX. In der untersten Ebene rangieren die kleinen Firmen.

In den beiden Hauptsegmenten "Prime Standard" und "Domestic Standard" sollen auch die Aktien des SMAX-Index gehandelt werden. Interessant an dem neuen Indexsystem ist vor allem, dass es durchlässig ist. So können zum Beispiel DAX-Unternehmen in den NEMAX 50 absteigen oder im NEMAX enthaltene Aktiengesellschaften in den deutschen Blue-Chip-Index aufgenommen werden.

Harter Qualitätscheck soll neues Vertrauen schaffen

Mit dem Umbau nutzt die Börse den Spielraum, den ihr das Vierte Finanzmarktförderungsgesetz seit 1. Juli 2002 einräumt. Indem der Gesetzgeber auch den Neuen Markt auf öffentlich-rechtliche Füße gestellt hat, gibt er den Organisatoren mehr Rechte an die Hand. Künftig kann die Deutsche Börse als Veranstalter des deutschen Handelsplatzes zum Beispiel selber eine qualitative Prüfung von Börsenneulingen durchführen. Bislang obliegt diese Aufgabe den Investmentbanken, Emissionshäusern, Analysten und IPO-Beratern - und die haben in der Vergangenheit in vielen Fällen versagt. Bei Vorständen, die nicht melden, wenn sie Aktien ihrer Gesellschaft verkauft haben, kann die Börse in Zukunft kraft Gesetz härter durchgreifen. Regelverstöße gelten künftig als Ordnungswidrigkeit und werden von Amts wegen verfolgt. Das schafft auch für Privatanleger mehr Sicherheit.

Eine Reform war auch dringend nötig. Denn bei seiner Gründung im März 1997 musste die Deutsche Börse den Neuen Markt rechtlich jenseits der anerkannten öffentlich-rechtlichen Handelssegmente Amtlicher Markt und Geregelter Markt ansiedeln, weil das alte Gesetz keine Eigeninitiativen der Börsen zuließ. Während dies anfangs keine große Rolle spielte, erwies sich die privatrechtliche Behelfskonstruktion in der späteren Krise als großes Hindernis für Reformen und die Sanktionierung von Unternehmen. So verhinderte etwa eine Klagewelle von Firmen das Vorhaben, sämtliche Aktien, die dauerhaft unter einem Euro notieren, vom Markt auszuschließen.

Es ist allerdings nicht so recht nachvollziehbar, warum die Deutsche Börse den international bekannten Namen "Neuer Markt" gänzlich aufgeben will, zumal der neue Index für Technologieaktien erst einmal weiter als "NEMAX 50" laufen soll. Klar, das Image ist schwer ramponiert, und der Neue Markt hat sich längst den Namen "Skandalnudel" erworben. Aber durch die Abschaffung des Namens entsteht fälschlicherweise der Eindruck, dass eine der wichtigsten Errungenschaften der vergangenen Jahre ein jähes Ende findet.

Dabei können und sollen sich doch junge Technologieunternehmen auch weiterhin in Deutschland an der Börse Kapital beschaffen. Dies sieht Frank Elsner, Sprecher beim ehemaligen Neuen-Markt-Star und jetzigen Merchandising-Händler EM.TV, ähnlich, wenn er sagt: "Einerseits können wir die Auflösung verstehen. Andererseits hätte der Neue Markt eigentlich eine zweite Chance verdient." Zum Vergleich: Das amerikanische Gegenstück Nasdaq hat seine Existenzkrise in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ohne eine Namensänderung überwunden. Die Nasdaq ist nicht zuletzt deshalb heute die führende Technologiebörse der Welt, weil der Name für hohe Qualitätsstandards steht.

Aktionärsschützer
hatten sich von der Börsenreform mehr erhofft

Obwohl Volker Potthoff, Vorstand der Deutsche Börse AG, von "klaren Regeln für höchste Transparenz" spricht, sind die Reaktionen der Finanzexperten auf die Pläne der Deutschen Börse, die Aktien des Neuen Marktes künftig in den Segmenten "Prime Standard" und "Domestic Standard" aufgehen zu lassen, gemischt. Kritik kommt vor allem von den Aktionärsschützern. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) bezweifeln, dass durch die Neueinteilung das Vertrauen der Anleger und die Attraktivität des Kapitalmarktes für Investoren und Emittenten gestärkt werden.

Um den verspielten Glauben an die Zuverlässigkeit des Marktes tatsächlich zurückzugewinnen, müssten neben der Frankfurter Wertpapierbörse auch wieder alle anderen Marktteilnehmer "saubere Arbeit" machen, meint Markus Straub von der SdK. Die Anlegerschutzverbände bemängeln, dass das Reformvorhaben keinen wesentlichen Fortschritt für den Schutz von Investoren darstellt. Sie fordern vielmehr schärfere Gesetze zur Regelung von Schadenersatzansprüchen geprellter Anleger. Bei der gegenwärtigen Rechtslage können Anleger kaum auf eine finanzielle Entschädigung für Kursverluste hoffen, selbst wenn sie von den Vorständen ihres Unternehmens angelogen wurden. Grund: Die bestehenden Gesetze schützen nur den Kapitalmarkt, nicht aber die Aktionäre.

Auch die Wertpapiermakler favorisieren ganz andere Instrumente, um Anleger auch langfristig wieder an die Börse zu binden: Zum Beispiel einen Ausbau der Emittentenhaftung. "So lange die Banken Firmen an die Börse bringen, denen sie normalerweise noch nicht einmal einen Kredit geben würden, wird sich nichts Wesentliches ändern," befürchtet Herbert Schuster, Börsenmakler an der Bayerischen Börse in München. Zudem könnten jederzeit wieder neue Technologieblasen platzen. Denn gerieten die Skandale erst einmal in Vergessenheit, überwiege wieder die Gier und alles gehe von vorne los.

Hohe Kosten
erschweren die Aufnahme in die "Top-Liga"

DSW-Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker hält die Neuordnung in zwei Börsensegmente dagegen grundsätzlich für sinnvoll. Auch an anderen europäischen Börsen sei eine solche Zweiteilung üblich. Von der Börsenreform würden vor allem Qualitätsfirmen profitieren, die derzeit am Neue Markt gehandelt werden, meint er. Hocker weist allerdings auf die Gefahr hin, dass der Domestic-Bereich "zu einem Sammelsurium von vernachlässigten deutschen Nebenwerten" werden könnte. Seine Warnung ist berechtigt, denn für die kleineren Werte am Neuen Markt würde es in der neuen Konstellation noch schwieriger, von Anlegern beachtet zu werden.

Auf einen anderen Aspekt macht dagegen der Erlanger Wirtschaftsprofessor Wolfgang Gerke aufmerksam. Er regt an, dass unerfahrene Börsenneulinge zunächst einmal die Aufnahme im Segment mit den einfacheren Bedingungen beantragen könnten. Ohnehin kann sich SdK-Chef Klaus Schneider vorstellen, dass die breite Masse der Unternehmen das Premiumsegment schon wegen der hohen Kosten für die Transparenz gar nicht erst anstrebt. Denn immerhin werden die finanziellen Aufwendungen mit bis zu einer Million Euro jährlich veranschlagt. Zudem befürchtet der Aktionärsschützer, dass die geplante Radikalkur viele Firmen nicht von einer schlechten Informationspolitik abhalten wird. Gerke kann dagegen der Abschaffung des Neuen Marktes überwiegend positive Aspekte abgewinnen. Er bezeichnet die Entscheidung der Deutschen Börse als einen "relativ konsequenten und notwendigen Schritt", da der Neue Markt von Banken und Analysten zu sehr als Segment mit niedrigen Risiken angepriesen worden sei.

Die Trauer über das Ende des ehemaligen Wachstumssegments hält sich auch bei vielen Unternehmen in Grenzen. Der Neue Markt sei bei Anlegern "verbrannt" gewesen, meint zum Beispiel Andreas Eckert, Gründer und Vorstandschef des Berliner Medizintechnikunternehmens Eckert & Ziegler. Gerade Branchen wie die Biotechnologie bräuchten schnell Geld, um ihre Ideen zu verwirklichen. Das gebe es aber nur, wenn wieder Vertrauen besteht. Da der Neue Markt vor allem an gescheiterten Geschäftsmodellen zugrunde gegangen sei, könne die Vertrauenskrise auch nur durch Unternehmen überwunden werden, die mit ihrem Konzept die Anleger überzeugten, meint EM-TV-Sprecher Frank Elsner und bestätigt damit die Einschätzung vieler anderer am Neuen Markt gelisteten Firmen.

Fondsgesellschaften müssen ihre Prospekte anpassen

Götz Albert, Analyst beim unabhängigen Investmenthaus Independent Research, sieht sich durch den Beschluss der Deutschen Börse in seiner Einschätzung bestätigt, dass die Börse mittelfristig dahin kommen wird, ein integriertes System für Small Caps und Mid Caps zu etablieren. Einen solchen Schritt hält er aus Sicht der Investoren für sinnvoll, da sich die Bewertungsrelationen von Titeln "klassischer" Unternehmen und High-Tech-Werten inzwischen angeglichen hätten. Im Hause Goldman Sachs in Frankfurt ist man dagegen der Ansicht, dass sich durch die Börsenreform für Investoren wenig ändert. Zum einen hätte sie keinen positiven Einfluss auf die künftige Aktienkursentwicklung, und zum anderen werde sich die Zahl der Firmen, die einen Börsengang anstreben, nicht erhöhen.

Die großen Fondsgesellschaften sehen zunächst keinen Grund für Veränderungen in ihrer Strategie. Vertreter wie DIT oder Union Investment wollen erst nach der Entscheidung des Frankfurter Börsenrates am 16. Oktober über die Reform eventuelle Namensänderungen der Fonds und eine mögliche Prospektanpassung prüfen. Aktionärsschützer Hocker fordert in diesem Zusammenhang lange Übergangsfristen, um den Investmentfonds die Umstellung auf die neuen Segmente zu erleichtern. Die Deutsche Bank-Tochter DWS meint, die Börse werde durch die Neuordnung nun übersichtlicher.

Außerdem seien die Anforderungen im "Prime Standard" so hoch, dass die dort notierten Werte auch für ausländische Anleger sehr attraktiv würden. Karl Fickel, Partner der Fondsgesellschaft Lupus Alpha, weist darauf hin, dass es künftig bei der neuen Unterteilung vorwiegend von der Branche abhänge, wo ein Unternehmen platziert wird. Das nehme die Motivation, Zahlen schön zu schreiben und komme daher der Idee des Neuen Marktes viel näher - "egal, wie das Kind künftig heißt". Kritiker halten dem allerdings entgegen, dass um die Zuordnung der Unternehmen in die bis zu 20 Branchenkategorien heftig gestritten werden könnte. Denn wann ist zum Beispiel ein Maschinenbauer ein Hochtechnologieunternehmen und damit ein Kandidat für den NEMAX? Und wann erfüllt er lediglich die Kriterien eines "normalen" Unternehmens, so dass er dem MDAX zugeordnet werden muss?

Mehr Transparenz -
Elementare Risiken bleiben bestehen

Trotz einer ambivalenten Haltung der Finanzexperten gegenüber den Plänen der Deutschen Börse muss abschließend hervorgehoben werden, dass sich die geplante Neuordnung nahtlos in die breite Diskussion um eine bessere Unternehmensführung - auch "Corporate Governance" genannt - und über die Rolle der Analysten und Banker einfügt. All diesen Reformbemühungen ist eine einfache, aber wichtige Erkenntnis gemeinsam: Wie überall laufen auch in der Wirtschaft die Dinge nicht von allein in die gewünschte Richtung. Deshalb muss es ein strenges Regelwerk geben. Und die wichtigste Forderung muss lauten: Je mehr Transparenz, desto besser.

Zu großer Euphorie besteht dennoch kein Anlass. Denn selbst hohe formale Standards können Anleger nicht vor großen Firmenpleiten, gestreuten Falschinformationen oder massiven Kurseinbrüchen schützen. Deshalb sollte die Deutsche Börse vor der endgültigen Umsetzung des neuen Regelwerks auch noch einmal den Namen "Prime Standard" kritisch prüfen. In Sprachlexika wird "prime" mit "auserlesener Qualität" und "prime of perfection" sogar mit "Gipfel der Vollendung" übersetzt. Wetten, dass künftig nicht alle im Premiumsegment enthaltenen Firmen dieses Gütesiegel auch tatsächlich verdienen werden?
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