Analysten hatten falschen Riecher
Die meisten Analysten lagen mit ihren Prognosen im vergangenen Jahr falsch. Besonders miserabel sind die Ergebnisse bei deutschen Aktien.
Von Martin Reim
Die meisten Finanzmarkt-Beobachter hatten im vergangenen Jahr einen schlechten Riecher. Das hat die Auswertung von Prognosen für Aktien, Anleihen und den Euro ergeben, die Analysten für 2001 auf SZ-Anfrage abgegeben hatten. Lediglich knapp die Hälfte aller Tipps war in etwa zutreffend.
An der Umfrage hatten sich 35 Banken, Fondsgesellschaften, Vermögensverwalter und Versicherungen beteiligt. Angegeben wurden Prognosen für die Höchst-, Tiefst- und Schlusswerte von Dax, Nemax 50, zehnjährigen Bundesanleihen, Euro und Dow-Jones-Index; manche Teilnehmer wählten beim US-Aktienmarkt den Standard&Poor’s-500-Index als Basis.
Nicht einmal die Hälfte der Schätzungen stimmte
Gewertet wurde, ob die Tipps innerhalb einer Toleranzzone lagen, die von zehn Prozent unter bis zehn Prozent über den tatsächlich eingetretenen Werten reichte. Beispielsweise konnte angesichts eines Euro-Schlusskurses von 0,89 Dollar derjenige punkten, dessen Vorhersage sich zwischen 0,80 und 0,98 Dollar bewegte. Ergebnis: Von 367 abgegebenen Schätzungen waren lediglich 164 korrekt – das sind 45 Prozent.
Dieses Resultat ist wesentlich schlechter als jenes der Umfrage für 2000, als bei derselben Bewertungsart eine Trefferquote von 61 Prozent herausgekommen war. Die Quote für 1999 war mit 27 Prozent allerdings noch wesentlich niedriger gewesen.
Debakel am Neuen Markt
Im Jahr 2001 präsentierten sich die Analysten bei deutschen Aktien am schwächsten. Unter den 95 Dax-Schätzungen war nur eine einzige annähernd richtig – der Höchstwert-Tipp der Fondsgesellschaft Activest (7400 statt der tatsächlichen 6795 Punkte). Und beim Nemax 50, dem Auswahlindex des Neuen Marktes, war von den 67 Tipps sogar kein einziger korrekt. Grund für diese Fehlschläge: Die Beobachter hatten auf eine Hausse an den bundesdeutschen Börsen gesetzt.
Besonders weit vorgewagt hatte sich das Bankhaus Delbrück mit einem Jahresend-Tipp von 8500 Punkten und die Deutsche Bank, die einen Schlussstand im Bereich von 8200 bis 8700 Zählern erwartet hatte. Tatsächlich schloss das Kursbarometer bei 5160 Punkten – binnen zwölf Monaten ein Minus von etwa einem Fünftel.
Noch weiter klaffte die Schere zwischen Theorie und Praxis beim Neuen Markt auseinander. Dem Nemax 50 wurde im Schnitt ein Schlussstand von 4765 Zählern zugetraut, was ein Plus um mehr als die Hälfte bedeutet hätte. Heraus kam ein Absturz um fast zwei Drittel auf letztlich 1150 Punkte.
Mehr Richtige beim Euro
Nicht ganz so verheerend fiel die Bilanz beim amerikanischen Aktienmarkt aus. Immerhin ein Viertel aller Schätzungen waren in etwa richtig; die Baden-Württembergische Bank und die Sächsische Landesbank prognostizierten sogar sowohl Höchst-, Tiefst- als auch Schlusswerte korrekt. Generell krankten aber auch die Vorhersagen in diesem Bereich an zu großem Optimismus. So hatte UBS Warburg, Investment-Tochter des weltweit größten Vermögensverwalters UBS, einen Anstieg des S&P-500 auf 1715 Punkte erwartet – der tatsächliche Endwert lag um ein Drittel niedriger.
Relativ gute Resultate erzielten die Analysten beim Euro; hier waren mehr als zwei Drittel aller Tipps ungefähr zutreffend. Den Tiefstwert von 0,84 Dollar trafen sogar alle. Generell war jedoch auch hier die Zuversicht zu groß: Erwartet wurde ein Anstieg der Gemeinschaftswährung vom Ausgangsniveau (0,94 Dollar), heraus kam ein Absinken. Ablesbar ist die übertriebene Euro-Gläubigkeit am Durchschnitts-Tipp für den Schlussstand (1,00 Dollar), der um einiges über den tatsächlichen festgestellten 0,89 Dollar lag. Am weitesten vorbei zielte hier die US-Investmentbank Goldman Sachs, die die Gemeinschaftswährung zu Ende 2001 bei 1,12 Dollar sah.
Gerlingkonzern lag völlig daneben
Ein glänzendes Ergebnis gab es bei den Renten (gefragt war nach der Rendite zehn Jahre laufender Bundesanleihen): Vier von fünf Schätzungen lagen innerhalb der Toleranzzonen. Ein Anhaltspunkt für die Qualität der Prognosen ist, dass der tatsächliche Schlusswert von 4,94 Prozent fast identisch mit der Durchschnittsschätzung (4,92 Prozent) war. Und beim Höchstwert-Tipp war lediglich einer von 29 Tipps gänzlich falsch (er stammte vom Versicherungskonzern Gerling).
Wenn das Gesamtergebnis nach Tippgebern aufgeschlüsselt wird, gibt es einen klaren Sieger: Credit Suisse First Boston, die Investment-Tochter der Schweizer Großbank Credit Suisse. Die dortigen Analysten erzielten eine Trefferquote von 75 Prozent und hatten beispielsweise sämtliche Tipps für Anleihen und den Euro richtig. Auf den weiteren Plätzen folgen die US-Investmentbank JP Morgan Chase (63 Prozent) sowie die deutschen Institute HSBC Trinkaus&Burkhardt, Merck Finck und Deutsche Bank mit jeweils 50 Prozent.
Etwas geschmälert wird der Erfolg der Fünf dadurch, dass sie nur wenige Aktientipps abgegeben hatten – damit war es leichter, ein gutes Ergebnis zu erzielen. Unter jenen Teilnehmern, die bei allen Sparten mitgemacht hatten, rangieren mit einer Trefferquote von jeweils 47 Prozent ganz vorne: Baden-Württembergische Bank, Bankhaus Reuschel, DGZ DekaBank (Fondsgesellschaft der Sparkassen) Fürst Fugger Privatbank, GZ-Bank und Sächsische Landesbank.
Zwei Totalversager
Ähnlich wie bei den fünf Siegern, nur in anderer Richtung, verhält es sich bei den beiden größten Versagern, dem Deutschen Investment-Trust (Fondstochter der Dresdner Bank) und der Westdeutschen Landesbank. Sie hatten ihre Tipps ausschließlich zu Aktien abgegeben und trafen komplett daneben.
Äußerst schwache Resultate erzielten jedoch auch einige Teilnehmer, die alle Bereiche abgedeckt hatten – allen voran die Vermögensverwaltung Fiduka und die Bayerische Landesbank mit jeweils nur 20 Prozent Richtigen, oder das Bankhaus Delbrück mit einer Trefferquote von lediglich 27 Prozent. Dass auch große Namen nicht vor Misserfolgen schützen, zeigt das Beispiel Goldman Sachs: Die weltbekannte Investmenthaus lag gerade mal bei einem Viertel seiner Schätzungen richtig.
dpa
Die meisten Analysten lagen mit ihren Prognosen im vergangenen Jahr falsch. Besonders miserabel sind die Ergebnisse bei deutschen Aktien.
Von Martin Reim
Die meisten Finanzmarkt-Beobachter hatten im vergangenen Jahr einen schlechten Riecher. Das hat die Auswertung von Prognosen für Aktien, Anleihen und den Euro ergeben, die Analysten für 2001 auf SZ-Anfrage abgegeben hatten. Lediglich knapp die Hälfte aller Tipps war in etwa zutreffend.
An der Umfrage hatten sich 35 Banken, Fondsgesellschaften, Vermögensverwalter und Versicherungen beteiligt. Angegeben wurden Prognosen für die Höchst-, Tiefst- und Schlusswerte von Dax, Nemax 50, zehnjährigen Bundesanleihen, Euro und Dow-Jones-Index; manche Teilnehmer wählten beim US-Aktienmarkt den Standard&Poor’s-500-Index als Basis.
Nicht einmal die Hälfte der Schätzungen stimmte
Gewertet wurde, ob die Tipps innerhalb einer Toleranzzone lagen, die von zehn Prozent unter bis zehn Prozent über den tatsächlich eingetretenen Werten reichte. Beispielsweise konnte angesichts eines Euro-Schlusskurses von 0,89 Dollar derjenige punkten, dessen Vorhersage sich zwischen 0,80 und 0,98 Dollar bewegte. Ergebnis: Von 367 abgegebenen Schätzungen waren lediglich 164 korrekt – das sind 45 Prozent.
Dieses Resultat ist wesentlich schlechter als jenes der Umfrage für 2000, als bei derselben Bewertungsart eine Trefferquote von 61 Prozent herausgekommen war. Die Quote für 1999 war mit 27 Prozent allerdings noch wesentlich niedriger gewesen.
Debakel am Neuen Markt
Im Jahr 2001 präsentierten sich die Analysten bei deutschen Aktien am schwächsten. Unter den 95 Dax-Schätzungen war nur eine einzige annähernd richtig – der Höchstwert-Tipp der Fondsgesellschaft Activest (7400 statt der tatsächlichen 6795 Punkte). Und beim Nemax 50, dem Auswahlindex des Neuen Marktes, war von den 67 Tipps sogar kein einziger korrekt. Grund für diese Fehlschläge: Die Beobachter hatten auf eine Hausse an den bundesdeutschen Börsen gesetzt.
Besonders weit vorgewagt hatte sich das Bankhaus Delbrück mit einem Jahresend-Tipp von 8500 Punkten und die Deutsche Bank, die einen Schlussstand im Bereich von 8200 bis 8700 Zählern erwartet hatte. Tatsächlich schloss das Kursbarometer bei 5160 Punkten – binnen zwölf Monaten ein Minus von etwa einem Fünftel.
Noch weiter klaffte die Schere zwischen Theorie und Praxis beim Neuen Markt auseinander. Dem Nemax 50 wurde im Schnitt ein Schlussstand von 4765 Zählern zugetraut, was ein Plus um mehr als die Hälfte bedeutet hätte. Heraus kam ein Absturz um fast zwei Drittel auf letztlich 1150 Punkte.
Mehr Richtige beim Euro
Nicht ganz so verheerend fiel die Bilanz beim amerikanischen Aktienmarkt aus. Immerhin ein Viertel aller Schätzungen waren in etwa richtig; die Baden-Württembergische Bank und die Sächsische Landesbank prognostizierten sogar sowohl Höchst-, Tiefst- als auch Schlusswerte korrekt. Generell krankten aber auch die Vorhersagen in diesem Bereich an zu großem Optimismus. So hatte UBS Warburg, Investment-Tochter des weltweit größten Vermögensverwalters UBS, einen Anstieg des S&P-500 auf 1715 Punkte erwartet – der tatsächliche Endwert lag um ein Drittel niedriger.
Relativ gute Resultate erzielten die Analysten beim Euro; hier waren mehr als zwei Drittel aller Tipps ungefähr zutreffend. Den Tiefstwert von 0,84 Dollar trafen sogar alle. Generell war jedoch auch hier die Zuversicht zu groß: Erwartet wurde ein Anstieg der Gemeinschaftswährung vom Ausgangsniveau (0,94 Dollar), heraus kam ein Absinken. Ablesbar ist die übertriebene Euro-Gläubigkeit am Durchschnitts-Tipp für den Schlussstand (1,00 Dollar), der um einiges über den tatsächlichen festgestellten 0,89 Dollar lag. Am weitesten vorbei zielte hier die US-Investmentbank Goldman Sachs, die die Gemeinschaftswährung zu Ende 2001 bei 1,12 Dollar sah.
Gerlingkonzern lag völlig daneben
Ein glänzendes Ergebnis gab es bei den Renten (gefragt war nach der Rendite zehn Jahre laufender Bundesanleihen): Vier von fünf Schätzungen lagen innerhalb der Toleranzzonen. Ein Anhaltspunkt für die Qualität der Prognosen ist, dass der tatsächliche Schlusswert von 4,94 Prozent fast identisch mit der Durchschnittsschätzung (4,92 Prozent) war. Und beim Höchstwert-Tipp war lediglich einer von 29 Tipps gänzlich falsch (er stammte vom Versicherungskonzern Gerling).
Wenn das Gesamtergebnis nach Tippgebern aufgeschlüsselt wird, gibt es einen klaren Sieger: Credit Suisse First Boston, die Investment-Tochter der Schweizer Großbank Credit Suisse. Die dortigen Analysten erzielten eine Trefferquote von 75 Prozent und hatten beispielsweise sämtliche Tipps für Anleihen und den Euro richtig. Auf den weiteren Plätzen folgen die US-Investmentbank JP Morgan Chase (63 Prozent) sowie die deutschen Institute HSBC Trinkaus&Burkhardt, Merck Finck und Deutsche Bank mit jeweils 50 Prozent.
Etwas geschmälert wird der Erfolg der Fünf dadurch, dass sie nur wenige Aktientipps abgegeben hatten – damit war es leichter, ein gutes Ergebnis zu erzielen. Unter jenen Teilnehmern, die bei allen Sparten mitgemacht hatten, rangieren mit einer Trefferquote von jeweils 47 Prozent ganz vorne: Baden-Württembergische Bank, Bankhaus Reuschel, DGZ DekaBank (Fondsgesellschaft der Sparkassen) Fürst Fugger Privatbank, GZ-Bank und Sächsische Landesbank.
Zwei Totalversager
Ähnlich wie bei den fünf Siegern, nur in anderer Richtung, verhält es sich bei den beiden größten Versagern, dem Deutschen Investment-Trust (Fondstochter der Dresdner Bank) und der Westdeutschen Landesbank. Sie hatten ihre Tipps ausschließlich zu Aktien abgegeben und trafen komplett daneben.
Äußerst schwache Resultate erzielten jedoch auch einige Teilnehmer, die alle Bereiche abgedeckt hatten – allen voran die Vermögensverwaltung Fiduka und die Bayerische Landesbank mit jeweils nur 20 Prozent Richtigen, oder das Bankhaus Delbrück mit einer Trefferquote von lediglich 27 Prozent. Dass auch große Namen nicht vor Misserfolgen schützen, zeigt das Beispiel Goldman Sachs: Die weltbekannte Investmenthaus lag gerade mal bei einem Viertel seiner Schätzungen richtig.
dpa