BÖRSEN: Willkommen in der Eiszeit

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BÖRSEN: Willkommen in der Eiszeit Happy End

BÖRSEN: Willkommen in der Eiszeit

 
#1
Die Aktienindizes durchschlagen eine wichtige Unterstützungsmarke nach der anderen, es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis der Dax unter 3000 Punkte rutscht. Eine baldige Erholung ist nicht in Sicht - eine Investmentbank prophezeit für Deutschland gar eine konjunkturelle Eiszeit.
 
Hamburg - Dreimal haben die Börsen seit ihrem Tiefststand im Juli 2002 zu einer Rallye angesetzt: Ende Juli, Mitte August und Anfang September versuchten Dow Jones (USA), Dax (Deutschland), Stoxx (Europa) und Footsie (Großbritannien), nach den Tiefständen Mitte Juli wieder nachhaltig auf die Beine zu kommen. Der dritte Versuch gilt spätestens seit dem weltweiten Kurssturz vom Mittwoch als endgültig gescheitert.
Am schlimmsten traf es nach den gestrigen Gewinnwarnungen von JP Morgan Chase  und Oracle  den Finanz- und den Technologiesektor. Banken und Versicherungstitel in Europa gaben weiter nach, obwohl sie in den vergangenen Monaten bereits reichlich geblutet haben: Der Dow Jones Stoxx Index für den europäischen Bankensektor hat seit Anfang Juli mehr als 15 Prozent verloren, der Stoxx-Versicherungsindex hat im gleichen Zeitraum 40 Prozent seines Wertes eingebüßt.

Viele Marktbeobachter glauben, dass es nun erst einmal weiter nach unten geht, weil sowohl der Stoxx 50 als auch der Dax psychologisch wichtige Marken von 2500 respektive 3200 Punkten nach unten durchschlagen haben. Tom Hobson, Chartechniker bei Merrill Lynch  , hält etwa beim Dax Punktestände von unter 2900 Zählern in den kommenden Wochen für möglich. Der Markt werde erst in drei bis sechs Monaten seinen Boden finden. "Wir sehen jetzt den Anfang vom Ende", so Hobson gegenüber den Fernsehsender CNBC. Danach werde es wieder aufwärts gehen. Allerdings haben das die Börsenstrategen der großen Investmentbanken auch schon vor sechs Monaten gesagt. Und sechs Monate davor. Und so weiter, seit Anfang 2000.

Es wird frostig in Deutschland

An der Konjunkturfront wird es immer düsterer. Deutschland steuert nach Einschätzung der Pariser Großbank Société Générale (SG) in eine Rezession, die lange andauern wird. Die deutsche Wirtschaftsleistung könne voraussichtlich bis zum Jahr 2010 jährlich nur noch um höchstens 1,5 Prozent wachsen, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie der SG-Volkswirte. In diesem Jahr werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der Bundesrepublik nur um 0,2 Prozent zulegen, nächstes Jahr nur um 1,2 Prozent.

Deutschlands Wirtschaft liege derzeit völlig am Boden, sagte SG-Chefvolkswirtin Véronique Riches-Flores. Die deutsche Inlandsnachfrage sinke in diesem Jahr so stark wie "seit der Rezession von 1982" nicht mehr, so Riches-Flores. Der Rückgang übertreffe auch den der Rezession 1993.

Riche-Flores steht mit ihrer Einschätzung nicht allein. Ganz im Gegenteil: Auch das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gehen inzwischen davon aus, dass eine wirtschaftliche Belebung frühestens im Sommer kommenden Jahres zu erwarten ist. Auch die Politik warnt: Der Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Caio Koch-Weser sagte am Mittwoch auf dem Weltwirtschaftsforum in Salzburg, die Prognosen der Bundesregierung zum Wirtschaftswachstum müssten auf Grund der "enormen Unsicherheit" bei einem Schlag gegen Saddam Hussein eventuell gesenkt werden.

Im Westen nichts Gutes

Auch aus den USA dürften im Wochenverlauf kaum gute Nachrichten kommen. In den kommenden Tagen geben die Investmentbanken Bear Stearns und Morgan Stanley  ihre Quartalszahlen bekannt. Erfreulich dürften die nicht sein, denn die Haupteinnahmequellen der Wall-Street-Institute haben sich praktisch in Luft aufgelöst. Seit Anfang August gab es in den USA lediglich einen kleineren Börsengang; auch nennenswerte Unternehmensfusionen - zweiter großer Provisionsbringer der Street - hat es seit längerem nicht mehr gegeben.

Nach den überraschend schlechten Zahlen zur US-Industrieproduktion am Dienstag sind die Anleger auch bezüglich der weiteren diese Woche anstehenden volkswirtschaftlichen Daten nervös. Neben den Arbeitslosenzahlen zittern Börsianer vor allem wegen des Philadelphia Fed Index, der als einer der wichtigsten Frühindikatoren für die amerikanische Wirtschaft gilt. Sollte der "Philly" unterhalb der ohnehin bereits bescheidenen Erwartungen des Marktes liegen, könnte es einen weiteren kräftigen Kursrutsch in New York geben.

Saddam war's


Weil keiner so genau weiß, wohin der äußerst volatile Markt sich als nächstes bewegt, muss der irakische Dikatator Saddam Hussein immer öfter als Erklärung für die Kurskapriolen herhalten. Fiel der Markt in den vergangenen Tagen, führten Kommentatoren gerne die andauernde Furcht der Börse vor einem Militärschlag der USA gegen den Irak an. Drehte der Markt für einige Stunden ins Plus, wurde dies mit einer sinkenden Kriegsgefahr begründet.

Dabei sind viele Marktstrategen inzwischen der Ansicht, dass ein Krieg gegen den Irak ausgemachte Sache ist. Die Möglichkeit einer friedlichen Lösung des Konflikts kommt in ihren Szenarios gar nicht mehr vor. Die Frage ist vielmehr, ob der Krieg ein langer oder ein kurzer wird und wie die Auswirkungen auf die Wirtschaft sein werden. Während des Golfkriegs verdoppelte sich beispielsweise der Ölpreis, das Vertrauen der US-Konsumenten in die Wirtschaft halbierte sich hingegen.
 
Morgan Stanleys Stratege Robert Pelosky rechnet im Fall eines lang anhaltenden Konflikts damit, dass der Ölpreis stark ansteigt. In der Folge werde die Konjunktur leiden, die Aktien fallen und die Preise für Anleihen steigen. Im Falle einer schnellen militärischen Lösung sieht Pelosky hingegen positive Impulse für die Wirtschaft: Der Ölpreis werde sinken, das Konsumentenvertrauen steigen. Am Aktienmarkt sei in diesem Szenario eine größere Rallye zu erwarten.

Langfristig macht Pelosky den Anlegern allerdings keine Hoffnung auf eine Rückkehr zu zweistelligen Renditen. In den kommenden drei Jahren müssten sich Anleger mit mageren Gewinnen zufrieden geben. Pelosky: "Dies ist keine Schlechtwetterfront, die sich wieder auflösen wird, sondern ein globaler Klimawechsel."  


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