Liebe Leserinnen und Leser,
die US-Boersen standen letzte Woche naturgemaess weiterhin stark
unter dem Einfluss der geopolitischen Entwicklung. Um das aktuel-
le Marktsentiment fuer unsere Leserinnen und Leser so intensiv
wie moeglich einzufangen, im folgenden eine kurze Chronik der
letzten eineinhalb Handelswochen:
Der Newsflow auf Unternehmens- und konjunktureller Ebene trat in
dieser Zeit nahezu vollstaendig in den Hintergrund. Zu Beginn der
vergangenen Woche gab der Irak zunaechst seine Zustimmung fuer
U2-Aufklaerungsfluege. Dies befluegelte die Wall Street kurzzei-
tig, so dass zunaechst der Eindruck entstehen konnte, der Markt
setze zu einer technischen Erholung an. Diese Erwartung ver-
fluechtigte sich zur Mitte der vergangenen Woche jedoch schnell.
Erneut dominierten massive Verluste den Markt, als am Dienstag
die neue Botschaft Bin Ladens (Experten haben an der Authentizi-
taet der Videoansprache wenig Zweifel), in der eine starke Soli-
daritaet mit dem Irak zur Geltung kommt, der Kriegsangst an den
Maerkten neue Nahrung verlieh.
Auch die Rede des FED-Chairman Greenspan vor dem Senat, in der
er mit Blick auf den moeglichen Irak-Krieg auf die erheblichen
konjunkturellen Risiken verwies, belastete. So sagte er sinnge-
maess, dass die Kriegsangst wie eine dunkle Wolke ueber der Oe-
konomie schwebt, Privatverbraucher schraenken ihren Konsum ein
und Unternehmen verschieben Neuinvestitionen, bis der Konflikt
beendet ist.
Am Mittwoch wurde die Wall Street nicht von Angst vor einem moeg-
lichen Irak-Krieg, sondern von der Angst vor terroristischen An-
schlaegen dominiert. Zum Ende der Hadsch bzw. des Opferfestes
war die Terrorgefahr vor dem Hintergrund der geopolitischen Kon-
fliktsituation, die von interessierten Gruppen hin und wieder
zum Glaubenskrieg hochstilisiert wird, natuerlich deutlich ange-
stiegen. Daneben belastet auch der erneut stark gestiegene Oel-
preis, der sich auf die Weltoekonomie wie eine Strafsteuer oder
Zinserhoehung auswirkt. Zur Mitte der vergangenen Woche kam in
den USA zudem das Geruecht auf, dass ein Krieg gegen den Irak
bereits am Samstag beginnen koenne.
Auch der Handelsverlauf der Wall Street vom Donnerstag letzter
Woche hatte es in sich. In der Spitze lag der DJIA an diesem Tag
mehr als 120 Punkte im Minus. Kurz vor Handelsschluss starteten
die US-Maerkte eine massive Rallye, ausgeloest durch das Ge-
ruecht, dass ein hohes Mitglied der irakischen Regierung ueber-
gelaufen sei - mit jeder Menge hoch brisanten, fuer die USA sehr
nuetzlichen Informationen. Dieser Vorfall dokumentiert ein-
druecklich, wie nervoes die Maerkte derzeit sind.
Mit der Vorlage des Zwischenberichts der UN-Waffeninspektoren am
Freitag hat sich die Furcht vor einem unmittelbar bevorstehenden
Krieg dann gluecklicherweise jedoch nicht bestaetigt.
Am Donnerstag nachboerslich legte der weltgroesste PC-Herstel-
ler- und Direktvermarkter DELL positive Zahlen vor und ueber-
raschte durch einen optimistischen Ausblick.
Auch das Gesamtjahr war von der Erreichung neuer Rekordmarken ge-
praegt, so steigerte Dell im Gesamtgeschaeftsjahr 02/03 den Um-
satz um 14%, was in Anbetracht der schwierigen wirtschaftlichen
Rahmenbedingungen bemerkenswert ist, der Ueberschuss wurde um 19%
gesteigert, das EPS fuers abgelaufene Gesamtjahr belaeuft sich
somit auf 0,80 $ (Vj. 0,65).
Nach den aeusserst zufriedenstellenden Zahlen des letzten Quar-
tals rechnet Dell auch im laufenden ersten Fiskalquartal des neu-
en Geschaeftsjahres 03/04 mit deutlichen Zuwaechsen in Umsatz
(+18% auf 9,5 MRD $) und Ertrag (EPS 0,23 $, +35%). Insbesondere
auch der deutliche Marktanteilzugewinn ueberzeugt: Weltweit konn-
te Dell den Marktanteil um 3%, in den USA gar um 5% steigern,
waehrend die Quartalsauslieferungen um 25% zulegten.
Bereits zum Jahresbeginn 2001 empfahlen wir DELL bei ca. 18 USD
als krisensicheres Tech-Investment zum Kauf. Vergleichen Sie den
Kursverlauf von Dell mit dem der NASDAQ oder anderen HighTech-
BlueChips. Was damals unsere positive Kurserwartung bei DELL, un-
geachtet des diffizilen Marktumfeldes, rechtfertigte, war unter
anderem der Umstand, dass DELL unangefochtener Kostenfuehrer ist.
Die positive Dell-Meldung vom Donnerstag nachboerslich legte wohl
bereits den Grundstein zur der Rallye, welche die Maerkte am
Freitag erfasste, nachdem ein Irak-Krieg mit der Vorlage des Zwi-
schenberichts der UN-Waffeninspektoren zumindest bis zum 28. Feb-
ruar vom Tisch ist.
So konnten die Aktienmaerkte am letzten Freitag im Anschluss an
die Praesentation des Irak-Zwischenberichts von UN-Chefinspekteur
Hans Blix vor dem UN-Sicherheitsrat eine ordentliche Kursrallye
starten. Blix's Worten zufolge koennte der Irak in kurzer Zeit
entwaffnet werden, zumindest wenn Bagdad aktiv mit den Inspekto-
ren zusammenarbeite. Bislang hat die UN-Kontrollmission im Irak
noch keine Massenvernichtungswaffen gefunden.
Daraufhin hat sich im Sicherheitsrat eine solide Mehrheit gebil-
det, die sich fuer eine Verlaengerung der Waffeninspektionen aus-
spricht. Am 28. Februar/ 1. Maerz wird Hans Blix den naechsten
Irak-Waffenbericht praesentieren, bis dahin zumindest scheint ein
Krieg vom Tisch. Uebers Wochenende hat auch die Europaeische
Union endlich eine einheitliche Linie gefunden, nunmehr wird
Krieg auch von der deutschen Bundesregierung, bislang die groess-
ten Gegner eines Militaerschlags, nicht mehr ausgeschlossen. Den
Wortlaut dieser einheitlichen Haltung zum Irakkonflik haette man
allerdings auch schon vor vielen Wochen haben koennen: "Krieg als
letztes Mittel nicht ausgeschlossen", stattdessen wurde in dieser
Zeit viel Porzellan zerschlagen.
Insgesamt sollte die Kursrallye vom letzten Freitag und Dienstag
(am Montag blieben die US-Boersen aufgrund des Presidents day
Feiertages geschlossen) nicht ueberbewertet werden, da ein Krieg
noch lange nicht vom Tisch ist. Vor der Rede ist nach der Rede.
Ungeachtet der vehementen Aufwaertsreaktion der Boersen auf diese
vermeintliche Entspannungstendenz auf geopolitischer Ebene gehen
wir also (noch) nicht von einer nachhaltigen Entspannung aus. Wir
sehen zunaechst vielmehr lediglich eine Verlaengerung der Unsich-
erheit - denn wir befuerchten weiterhin, dass die USA Saddam Hus-
sein notfalls auch im Alleingang durch die prowestliche irakische
Opposition ersetzen werden.
Technisch als positiv kann allerdings betrachtet werden, dass die
Freitagsgewinne nicht gleich am Dienstag wieder abgegeben werden
mussten, sondern noch ausgebaut werden konnten. Dies vermittelt
zumindest ganz kurzfristig die Hoffnung, dass es sich bei dem ak-
tuellen Erholungsversuch nicht zwangslaeufig um eine Bullenfalle
handeln muss.
Auf geopolitischer Ebene rueckt der 1. Maerz zunehmend in den
Blickpunkt. So will US-Praesident Bush der Diplomatie noch zwei
Wochen Zeit geben. In der Zwischenzeit soll eine neue UN-Resolu-
tion verabschiedet werden. Am ersten Maerz wird UN-Chefwaffenin-
spektor Blix dem UN-Sicherheitsrat seinen Dreimonatsbericht vor-
legen, ein Termin mit hoechster Bedeutung und Kursrelevanz an den
Maerkten. Es ist nicht auszuschliessen, dass die Boersen im Vor-
feld dieses Termins nochmals kurzfristig zur Schwaeche neigen.
Sichern Sie Gewinne daher restriktiv ab und beherzigen Sie bei
spekulativen Neupositionierungen eine enge Stopp-Technik.
Kurzfristig kann sich die am Freitag eingeleitete Erholungsbewe-
gung jedoch durchaus noch etwas fortsetzen, die Maerkte sind ex-
trem ueberverkauft, ein kurzes Kriegsszenario ist bereits einge-
preist und auch die technische Lage hat sich bei den meisten
Core-Indizes mit Bruch des kurzfristigen Abwaertstrends deutlich
aufgehellt. Nach dem deutlichen Schub vom Montag und Dienstag
ist zunaechst eine Konsolidierung wahrscheinlich.
Wir gehen davon aus, dass der DAX ohne Kriegsszenario rund 30%
hoeher, der DJIA rund 20% und die NASDAQ rund 25% hoeher notie-
ren wuerde. Die aktuelle Lage bietet kaltschaeuzigen Langfrist-
inspektoren also auch Chancen. Diese nutzen die niedrigen Kurse
um Positionen in fundamental attraktiv bewerteten, gut positio-
nierten Top-BlueChips (bspw. Procter & Gamble, Johnson & John-
son, CitiGroup, Microsoft, IBM, 3M etc.) auf- oder auszubauen.
Boersenphasen wie diese sind bei strategischer Ausrichtung klare
Kaufphasen und eignen sich vornehmlich auch zur disziplinierten
Durchfuehrung von langfristig ausgerichteten Aktien-Kauf/Anspar-
plaenen.