Rasterfahndung aus dem All
Die USA suchen mit allen verfügbaren Spionagesatelliten und High-Tech-Drohnen nach Osama bin Laden
Von Karl-Heinz Karisch
: Auf dem militärischen Startkomplex am Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida steigt am vergangenen Mittwochabend erneut eine Atlas-II-Rakete in den Weltraum. Wenig später ist ein neuer High-Tech-Spionagesatellit in der Umlaufbahn und nimmt Afghanistan ins Visier. "Dieser Start ist der Höhepunkt einer wahrhaft außergewöhnlichen Anstrengung unserer Behörde", sagt Stephen Wojcicki, Missions-Direktor des US-Geheimdienstes für den Einsatz von Spionagesatelliten, National Reconnaissance Office (NRO). Zwei weitere Himmels-Spione sind bereits Anfang September und Oktober in den Orbit geschickt worden.
Doch was alles dort oben kreist und die empfindlichen Sensoren nach Osama bin Laden und seiner Terrorgruppe ausstreckt, das ist streng geheim. Laut Informationen der Zeitschrift Aviation Week & Space Technology soll es sich bei dem Start vom Mittwoch um einen
Kommunikations- und Relais-Satelliten handeln, der den Kontakt zwischen den US-Einsatzkräften um Afghanistan und dem US-Verteidigungsministerium sowie dem Geheimdienst CIA herstellen soll.
Erstmals werden über Afghanistan neue Methoden der Informationsverarbeitung eingesetzt, bei der der Datenstrom durch "Netzwerk-zentrierte Kriegsführung" rascher aufbereitet und direkt für Angriffe genutzt werden soll. Beim Raketen-Start der NRO Anfang September soll hingegen ein militärischer Bruder des Hubble-Weltraumteleskops ins All transportiert worden sein. Diese Crystal oder KH-12 (Keyhole - Schlüsselloch) genannten Spione richten ihre optischen Teleskope auf die Erde. Üblicherweise umkreisen sie den Planeten auf niedrigen Umlaufbahnen zwischen Nord- und Südpol und können so innerhalb von 24 Stunden die gesamte Erde fotografieren. Die Angaben, wieviel KH-12-Satelliten im Orbit kreisen, schwanken zwischen vier und sieben.
Die jüngste Crystal-Generation ist offenbar in der Lage, noch kleinste Gegenstände von fünf Zentimetern Durchmesser zu erfassen ; bislang galten zehn Zentimeter als Grenze. Allerdings ist dies eine indirekte Schätzung, die darauf beruht, dass die US-Behörden vor kurzem die erlaubte Auflösungsgrenze für kommerzielle Beobachtungssatelliten von einem Meter auf 50 Zentimeter heruntergesetzt haben. Für Spionage-Satelliten nehmen Experten jeweils eine zehnfach bessere Auflösung an.
Die Leistung würde also gut ausreichen, um Osama bin Laden und seine Männer zu fotografieren - wenn man denn wüsste, wo sie sind. Entweder, so glauben Experten, bewegen sie sich in sehr kleinen Gruppen durch das unwegsame Gelände oder haben sich in kaum aus der Luft aufspürbaren Höhlen verschanzt, die seit langer Zeit vorbereitet worden sind.
Die KH-12-Crystal-Satelliten haben einen Durchmesser von 4,5 Meter, die Länge beträgt mit 15 Metern deutlich mehr als das zivile Gegenstück Hubble. Da die Himmelsspione manövrierfähig sein müssen, enthält der zusätzliche Raum sieben Tonnen Treibstoff. Durch einen schwenkbaren Spiegel vor dem Objektiv können weite Bereiche der Erde abgetastet werden. Die elektronischen Kameras arbeiten im optischen und nahen Infrarot-Bereich, um Wärmequellen aufzuspüren. Durch Restlichtverstärker sind auch nächtliche Aufnahmen bei Sternenlicht möglich. Alle Aufnahmen werden in Realzeit via Milstar-Relay-Satelliten zum Boden übertragen.
Blick durch die Wolken
Weitere kleinere Satelliten sowie drei Radarsatelliten der Lacrosse-Serie sind ebenfalls im Einsatz. Sie erkennen Gegenstände bis zu einem Meter durch Wolken und bei Nacht. Diese für ein Radargerät sehr gute Auflösung wird durch ein "Synthetische Apertur" genanntes Verfahren ermöglicht. Dabei verrechnet ein Computer die Flugbahn mit den von den Antennen gelieferten Daten zu einer sehr viel größeren Antenne. Die Lacrosse-Satelliten sollen rund 15 Tonnen wiegen und bestehen aus einer gewaltigen Radarantenne sowie den Solarpaddeln von 50 Meter Spannweite, die im Sonnenlicht 20 Kilowatt Leistung liefern.
Experten halten die Möglichkeiten der milliardenteuren High-Tech-Spione im Orbit allerdings für eher begrenzt. Da ein Gebiet nur alle 24 Stunden überflogen werden kann, sind rasche militärische Bewegungen wie kurzzeitiges Herausfahren von Flugabwehr-Geschützen aus Verstecken nicht zu erfassen.
Die US-Militärs setzten deshalb bereits im Kosovo-Krieg mehr auf unbemannte Kleinstflieger (UAV)Obwohl schon damals darüber spekuliert worden war, ob der neue Wunderflieger "Global Hawk" (Falke) zum Einsatz kommen würde, wird das erst jetzt laut Jane's Defence Weekly in Afghanistan der Fall sein. Der zwar noch in der Testphase befindliche unbemannte Falke sei bereits jetzt ein Luftfahrtgeschichte schreibender Aufklärer, heißt es, der unter anderem im April non-stop von Kalifornien über den Pazifik nach Australien geflogen ist.
Global Hawk kann autonom navigieren und erreicht mit dem Düsentriebwerk und seiner Flügel-Spannweite von 34 Meter Höhen von 20 Kilometer; die Reichweite beträgt 25 000 Kilometer. Laut Hersteller Nortrop Grumman (San Diego) kann der Falke 42 Stunden in der Luft bleiben. So sei es möglich, "jeden Punkt der Erde zu erreichen, bei jeder Witterung zu schauen und Aufklärungsflüge Tag und Nacht zu dirigieren". Ausgestattet ist er mit extrem leistungsfähigen optisch-elektronischen und Infrarot-Sensoren sowie einem SAR-Radar. Innerhalb nur eines Tages ist eine Fläche von 75 000 Quadratkilometern abfliegbar, wobei die Bildauflösung ein Meter wäre. Es sind bei Tiefflug aber auch sehr viel schärfere Aufnahmen möglich. Der Global Hawk soll sich in den bisherigen Tests als ungewöhnlich zuverlässig und robust gegen Fehler gezeigt haben.
Wichtigster Aufklärer bleibt aber der ebenfalls unbemannte Predator (Raubtier). Am 22. September verlor das Pentagon den Kontakt zu einem dieser mit sechs Millionen Mark relativ preisgünstigen Aufklärer im Norden Afghanistans. Diese Roboter-Flugzeuge, die teilweise autonom, ansonsten aber per Joystick vom Boden aus geflogen werden, haben den großen Vorteil, dass bei einem Abschuss keine Piloten in Gefangenschaft geraten können. Die Qualität der Aufnahmen hingegen ist durch die geringe Flughöhe oftmals sehr viel besser als bei hochfliegenden bemannten Aufklärern. "Die Augenfarbe einer Person kann man auf den gelieferten Aufnahmen nicht erkennen, aber die Haarfarbe schon", beschreibt ein US-Air-Force-Spezialist die Möglichkeiten des Predator. Er kann 24 Stunden in der Luft "herumbummeln"; die Spitzengeschwindigkeit beträgt 200 Stundenkilometer, die maximale Flughöhe 8000 Kilometer.
Bewährt hat sich der Aufklärer in Irak und in Kosovo. Ausgerüstet ist er mit ähnlicher, allerdings weniger leistungsfähiger Technik wie der Global Hawk. Die US-Marine hat daneben noch den kleineren unbemannten Aufklärer "Pioneer" im Einsatz, der als zuverlässig gilt und über Radar und Infrarot-Sensoren verfügt.
Als bemannte Aufklärer fliegen die legendäre U-2, die SR-71 "Blackbird" und der hochmoderne RC-135V Rivet Joint, der die gewonnenen Daten direkt an Bord verarbeiten und zurück zum Boden zu den Truppen senden kann. Außerdem sind die Awacs-Radaraufklärer im Einsatz.
Krieg ohne Menschen ?
Die Aufklärung ohne Verluste an Piloten hat das US-Militär animiert, auch die Entwicklung von unbemannten Kampfflugzeugen voranzutreiben. Sie sollen ihre Ziele eines Tages automatisch erkunden und direkt beschießen können. Noch in diesem Jahr sind Tests mit der X-45A geplant, einem unbemannten Jäger, der 1,5 Tonnen Waffen mit sich führen kann. Erste Einsätze sollen ab 2010 möglich werden. Für die Entwicklung dieser Projekte sollen innerhalb der kommenden zehn Jahre 30 Milliarden Mark ausgegeben werden.Vor allem die opto-elektronischen Erkennungssysteme sollen erheblich verbessert werden, damit künftig nicht mehr teure Waffen auf Attrappen abgefeuert werden, wie sie die Serben im Kosovo-Krieg der Nato erfolgreich vorgesetzt hatten.
Dass aber die hochgerüstete Militär-Maschinerie in einem Land wie Afghanistan, das zudem auf einen sehr harten Winter zusteuert, nur wenig ausrichten kann, das haben die vergangenen Tage deutlich gezeigt. Hier müssen völlig neue Strategien entwickelt werden, von denen wohl schon heute feststeht, dass sie weniger auf High-Tech denn auf langfristige menschliche Zusammenarbeit setzen müssen.
Nadel im Heuhaufen
Die militärisch-technischen Erkenntnismöglichkeiten sind beeindruckend groß und genau. Ob aber die Verarbeitung der Faktenfülle tatsächlich zur Überlegenheit der Information über die andere Seite führt, ist fraglich. "Unser gewaltiges Aufklärungssystem kann einen solchen Heuhaufen von Daten erzeugen, dass es wirklich schwierig wird, darin die eine Nadel zu finden, mit der ein Ziel im richtigen Zeitrahmen festgemacht wird", zitierte der pensionierte Oberstleutnant Timothy L. Thomas einen anderen erstrangigen US-Fachmann im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg und kommentierte, die Nato-Angabe über eine Trefferquote von 99,6 Prozent sei "schwer zu ergründen". Das war auf einen Krieg gegen einen territorial definierten Gegner bezogen, auf bekannte Waffensysteme und die Strukturen einer staatlichen Ordnung mit recht genau bekanntem Wehrsystem. Die Angabe, vor dem Kosovo-Krieg seien schon 100 000 Zivilisten Opfer der Repression geworden, bezweifelte er rundweg, "10 000 scheint heute der Wahrheit näher zu kommen, wäre aber die Nato für 10 000 Menschen in den Krieg gezogen?" So schrieb er im wissenschaftlichen Journal des US War College, Parameters, Frühjahrsheft 2000.
Der von US-Präsident George W. Bush so genannte antiterroristische Krieg ist - weitaus mehr als der in Kosovo - ein asymmetrischer Krieg: auf der einen Seite eine militärische Supermacht und ihre Verbündeten; auf der anderen ein Gegner mit fließenden Organisationsformen, der sich an die (geschriebenen, ungeschriebenen und aus Erfahrungen stammenden) Regeln des Krieges zwischen Staaten schon deshalb nicht hält, weil er an Staaten nicht gebunden ist. Die Weltraum- und Awacs-Spione können Lager, Waffen, Transportmittel und angeblich sogar deren Nummernschilder erkennen; sie finden "den" Terroristen nicht in einer Volksmenge.
"Die totale Informationsüberlegenheit hat es der Nato nicht ermöglicht, das Gravitationszentrum der an den Mordtaten beteiligten serbischen Streitkräfte, der Polizei und der Paramilitärs aufzufinden" (Timothy L. Thomas). Die Personen des Netzwerks, aus dem Al Qaeda anscheinend besteht, sind aus dem Orbit nicht zu sehen. Um mögliche Biowaffen-Angriffe oder gar Attacken im computergebundenen Internet vorbeugend aufzuspüren, sind diese Mittel schlechterdings ungeeignet. Sogar die Frage, ob ein solcher Angriff stattgefunden hat, kann erst - tastend - beantwortet werden, wenn es Symptome gibt. Der "Heuhaufen" von Verdachtsmomenten ist nur schwer zu analysieren - je größer er ist, desto schwerer.
Die militärische Aufklärung reagiert also. Die Sammlung politischer Informationen kann deren Inhaber in den Stand setzen zu agieren, nämlich Krisenprävention zu betreiben, bevor Krisen akut werden, bevor terroristische Gruppen sich organisieren und handeln. Auch hier stellt sich das Heuhaufen-Problem: Dass eine "Nadel" darin steckt, muss als Möglichkeit begriffen werden; das setzt die Bereitschaft und die Fähigkeit der politischen Instanzen voraus, Krisen nicht nur sich anbahnen zu sehen, sondern ihnen rechtzeitig entgegenzuwirken, also über den Vier- oder Fünf-Jahres-Rhythmus der Machtfrage (Wahltermine) hinaus kontinuierlich und beharrlich zu wirken.
Das ist eine Aufgabe erstens der Diplomatie und zweitens derjenigen, denen sie zuarbeitet. Versagt einer von beiden Faktoren, so droht immer die nur mehr militärische Antwort mit vorhersehbar ungewissem Ausgang. KARL GROBE
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